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Thursday 25 March 2010

"Sexueller Missbrauch": Justizministerin fordert Entschädigungen auch "in den Fällen, in denen die rechtliche Verjährung eingetreten ist"

>>> Petition „Verjährungsfrist für sexuellen Missbrauch im Zivilrecht aufheben“

Ein weiterer "Blick über den eigenen Tellerrand hinaus":

Wie immer, wenn ein Thema die Schlagzeilen beherrscht, versuchen sich auch die PolitikerInnen eine Scheibe abzuschneiden. So auch in der gegenwärtigen Debatte um sexualisierte Gewalt gegen Kinder. Wieviel von den schönen Absichtsbekundungen dann auch verwirklicht wird, bleibt abzuwarten.

Traurig genug, dass am lautstark geforderten "runden Tisch der Bundesregierung" nach wie vor nicht klar ist, ob dort auch die Betroffenen nur schon angehört werden. (Zum "runden Tisch" vgl. weiter die heutige Pressemitteilung der Deutschen Kinderhilfe e.V.)

Trotzdem ist's fürs erste erfreulich, dass z.B. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) und SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles sich immerhin schon mal verbal-öffentlich für die Opfer sexualisierter Gewalt einsetzen. So z.B. am 9.3. in der Süddeutschen Zeitung:

[...] Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) forderte die katholische Kirche auf, die Aufklärung von Missbrauchsfällen konsequenter anzugehen als bisher. "Es braucht ein klares Signal an die Opfer, wie zum Beispiel das Gespräch über freiwillige Wiedergutmachungen in den Fällen, in denen die rechtliche Verjährung eingetreten ist."

Dies wäre "ein Stück Gerechtigkeit, auch wenn sich das erlittene Unrecht materiell nicht aufwiegen lässt", sagte Leutheusser-Schnarrenberger [...]. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass nur Fälle zugegeben werden, die sich nicht länger bestreiten lassen, fügte die Ministerin hinzu.

Auch SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, eine praktizierende Katholikin, appelliert an ihre Kirche, Opfer zu entschädigen, richtet ihren Appell aber auch an Träger weltlicher Einrichtungen wie etwa die Odenwaldschule, wo es ebenfalls Missbrauchsfälle gab. "Überall dort, wo systematischer Missbrauch über längere Zeit vertuscht wurde, muss Aufklärung geschaffen werden, damit sich das nicht wiederholt." Eine symbolische Entschädigung "wäre ein angemessenes Angebot an die Opfer von damals", sagte sie [...].

Prompt wurde dies auch auf Spiegel Online aufgegriffen, wobei auch weitergehende Forderungen nach Verlängerung/Aufhebung der Verjährung formuliert wurden (wie Norbert Denef diese seit Jahren zunächst erfolglos im Bundestag und nun vor dem Europäischen Menschengerichtshof fordert >>> Petition):

"Entschädigungsansprüche verjähren zu schnell"

Vermehrt wurden in FDP und Union Stimmen laut, die eine Verlängerung der zivilrechtlichen Verjährungsfristen fordern. Für eine entsprechende Änderung sprachen sich Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger sowie der FDP-Politiker Max Stadler aus. Stadler sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung", die regelmäßige Verjährungsfrist von drei Jahren für Ansprüche auf Schmerzensgeld und Schadenersatz sei deutlich zu kurz. Der FDP-Rechtsexperte Hartfrid Wolff will die Verjährungsfrist für Ersatzansprüche daher auf 30 Jahre anheben. Unionsfraktionsvize Günter Krings sprach sich ebenfalls für längere zivilrechtliche Fristen bei Missbrauch aus. "Entschädigungsansprüche der Opfer laufen heute in der Regel ins Leere, weil sie zu schnell verjähren", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Viele Betroffene fänden erst nach Jahren oder Jahrzehnten die Kraft, sich zu offenbaren. "Eine Verzehnfachung der Verjährungsfrist auf 30 Jahre würde in den allermeisten Fällen Abhilfe schaffen."

Dito auch im Stern:

Vor allem Mitglieder der christlichen Parteien fordern zudem schärfere Gesetze, um künftig auch in jahrzehnte-alten Missbrauchsfällen die Täter bestrafen zu können. [...] Der FDP-Rechtsexperte Hartfrid Wolff will die Verjährungsfrist für Ersatzansprüche daher auf 30 Jahre anheben.

[...] Viele Opfer seien erst nach vielen Jahren in der Lage, sich mit ihrem Leid auseinanderzusetzen, sagte CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe. CSU-Chef Horst Seehofer und seine Justizministerin Beate Merk sprachen sich wie Wolff für eine längere Verjährungsfrist von mindestens 30 Jahren aus. Bislang liegt die Frist bei 10 Jahren, in besonders schweren Fällen bei 20 Jahren - gerechnet vom 18. Geburtstag des Opfers an.

Laut der ARD-Tagesschau sprach sich auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) für verlängerte Verjährungsfristen aus. Einzig Grünen-Chef Cem Özdemir will davon nichts wissen.

Wenig überraschend hält laut einer epd-Pressemeldung die katholische Kirche nichts von Entschädigungen:

Der Beauftragte für Fälle sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche, Stephan Ackermann, geht nicht davon aus, dass die Missbrauchsopfer finanzielle Entschädigung verlangen. "Sie wollen über ihr Schicksal sprechen", sagte der Trierer Bischof [...].

Betroffene sind da offensichtlich anderer Meinung (werden aber leider nach wie vor weniger öffentlich wahrgenommen), wie folgender Offener Brief von Helmut Jacob beweist:

Wollen Sie auch nur noch ein bisschen Glaubwürdigkeit zurück erobern, so richten Sie gemeinsam mit der Evangelischen Kirche umgehend einen Opferfonds ein, aus dem dringende soziale und therapeutische Maßnahmen bezahlt werden. [...]

Bleibt abzuwarten, wieviele konkrete Taten den obigen schönen Worten der PolitikerInnen folgen werden ...

>>> Petition „Verjährungsfrist für sexuellen Missbrauch im Zivilrecht aufheben“

>>> Pressemitteilung Deutsche Kinderhilfe e.V. zum Runden Tisch

>>> Netzwerk Betroffener von sexualisierter Gewalt

Siehe auch:
- Prozesse wegen sexuellem Kindesmissbrauch: "Die Lawine rollt"
- Vom Mut der Opfer sexualisierter Gewalt lernen 

Sunday 21 March 2010

TeleBärn, 18.3.10: "Zwangsoperiert wird schon lange nicht mehr" - Inselspital lügt wie gehabt ...

>>> Video des Beitrags auf TeleBärn, News 18.3.2010
(Transkript auf Hochdeutsch siehe unten)

Schluss mit genitalen Zwangsoperationen!

Die Zwitter Medien Offensive™ geht weiter!

Etwas durchmischter Beitrag über den politischen Vorstoss im Berner Kantonsrat betreffend "Kosmetische Genitaloperationen bei Kindern mit „uneindeutigen“ körperlichen Geschlechtsmerkmalen" auf dem Berner Regionalsender.

Daniela "Nella" Truffer von der Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org, die selbst im Inselspital mehrfach genital zwangsoperiert worden war, bringt wie gewohnt Klartext.

Nachdem Medizyner des Inselspitals in den letzten Jahren mit gönnerhaften und pseudofortschrittlichen, aber bei genauerem Hinschauen nach wie vor ungehemmt zwangsoperationsgeilen Aussagen Anlass zu konkreter Kritik boten, die im (nach wie vor unbeantworteten) Offenen Brief vom 16.8.09 noch einmal zusammengefasst wurde, erteilte das Inselspital den Medizynern offensichtlich einen Maulkorb und schickte stattdessen den Pressesprecher Markus Hächler mit faulen Ausreden vor. Einmal mehr verbreitet dieser die (durch öffentliche Aussagen der Inselmedizyner mehrfach widerlegte) Mär, am Inselspital würden "keine Zwangsoperationen mehr durchgeführt".

Wenn dem nur so wäre! Wir fordern vom Inselspital:

a) diesen allzuschönen Worten endlich ehrliche, überprüfbare Taten folgen zu lassen

b) die Jahrzehnte lange Geschichte ihrer Menschenrechtsverbrechen an Zwittern am Inselspital endlich transparent aufzuarbeiten, sowie

c) Entschädigung und Wiedergutmachung für alle Opfer!

Im Vergleich schon beinahe lustig: Obwohl der Beitrag nur 2 Minuten dauert und im Grossen und Ganzen positiv zu bewerten ist, schaffte es TeleBärn darin trotzdem, sozusagen kein einziges der "obligaten" Fettnäpfchen auszulassen.

Einige Müsterchen:

  • "als Mann und als Frau gleichzeitig geboren" – die korrekte Formulierung wäre "weder Mann noch Frau" (die realen Zwitter sind NICHT die Hermaphroditen aus der griechischen Mythologie)

Siehe auch:
- Politischer Vorstoss betreffend kosmetische Genitaloperationen an Kindern im Inselspital
- Genitale Zwangsoperationen im Inselspital
- Pressespiegel Aktion & Offener Brief Inselspital Bern 16.8.09  
- Aktion & Offener Brief Kinderspital Zürich 6.7.08 

Nachfolgend das Transkript zur Sendung:

Continue reading...

Wednesday 17 March 2010

Do 18.3.10: Politischer Vorstoss betreffend kosmetische Genitaloperationen an Kindern im Inselspital Bern

>>> Aktion & Offener Brief Inselspital Bern 16.8.2009 (Bild: Ärger)

Update 18.3: Neben Kantonsrätin Margreth Schär wurde von TeleBärn auch Daniela "Nella" Truffer interviewt. Für das Inselspital war nur mehr der Pressesprecher erhältlich ...

>>> Interpellationstext als PDF
>>> Beitrag auf TeleBärn 18.3.

Was 99% der Zwitter erlebt haben, ist verwandt mit sexuellem Missbrauch, ist verwandt mit Folter, ist verwandt mit Mädchchenbeschneidungen in Afrika, ist verwandt mit den medizinischen Experimenten, wie sie im 2. Weltkrieg in KZ‘s durchgeführt wurden.

Im Inselspital Bern werden schweizweit wohl am meisten Kinder mit "uneindeutigen" körperlichen Geschlechtsmerkmalen kosmetischen Genitaloperationen und weiteren medizinisch nicht notwendigen, irreversiblen Behandlungen unterzogen.

Da die Wirksamkeit dieser Eingriffe nie klinisch getestet wurde und auch die in der Medizin sonst üblichen Nachkontrollen bisher stets unterbleiben, handelt es sich um unkontrollierte Menschenversuche. Überforderten Eltern werden diese trotzdem regelmässig als erprobt und sicher verkauft.

Solche kosmetischen Genitaloperationen werden auch im Inselspital seit über 50 Jahren an Zwitterkindern systematisch durchgeführt – unter Ausschluss der Öffentlichkeit, ohne Qualitätssicherung und ohne jegliches Monitoring. Offiziell wird nicht einmal bekannt gegeben, wie viele und welche Eingriffe wo stattfinden.

Auch auf einen Offenen Brief der Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org vom 16. August 2009 blieb das Inselspital bisher jegliche Antwort schuldig.

Zwischengeschlecht.org freut sich deshalb sehr, dass morgen Donnerstag, den 18. März 2010, im Kantonsrat Bern ein politischer Vorstoss zugunsten von Zwittern gemacht wird.

Margreth Schär (SP) und Corinne Schärer (Grüne) werden eine Interpellation zum Thema "Kosmetische Genitaloperationen an Kindern mit 'uneindeutigen' körperlichen Geschlechtsmerkmalen" einreichen und der Regierung Fragen stellen über die Art und den Umfang solcher Zwangseingriffe an Kindern im Kanton Bern und wie die Regierung diese beurteilt.

Der 18. März wird ein wichtiger Tag für alle Zwischengeschlechtlichen und für alle, die sie in ihrem Kampf um Selbstbestimmung unterstützen!

Die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org fordert ein Verbot von kosmetischen Zwangsoperationen an Kindern und "Menschenrechte auch für Zwitter!". Betroffene sollen später selber darüber entscheiden, ob sie Operationen wollen oder nicht, und wenn ja, welche.  

Siehe auch:
- TeleBärn, 18.3.10: "Zwangsoperiert wird schon lange nicht mehr" - Inselspital lügt wie gehabt ...
- Genitale Zwangsoperationen im Inselspital
- Offener Brief an das Inselspital Bern (PDF)
- Pressespiegel Aktion & Offener Brief Insel 16.8.09  
- Aktion & Offener Brief Kinderspital Zürich 6.7.08
- Basel-Stadt: Politischer Vorstoss gegen kosmetische Genitaloperationen an Kindern!
- Mo 26.10.09: Intersex Awareness Day - Historischer politischer Vorstoss in Zürich gegen kosmetische Genitaloperationen an Kindern
- Milton Diamond fordert gesetzliches Verbot von kosmetischen Genitaloperationen an Kindern

Tuesday 9 February 2010

USA: Weg weisende Kampagne gegen pränatale Dexamethason-Zwangsbehandlungen "auf Verdacht hin"

Menschenrechte auch für Zwitter![ UPDATE 2.6.10: Neue Vorstösse & Resonanz --> Teil 7 ]

Das gab es meines Wissens nach noch nie: AkademikerInnen kritisieren Medizyner namentlich und fordern aktiv die Einhaltung ethischer Standesregeln auch bei "Experimentalbehandlungen" an Zwittern, indem sie organisiert und öffentlich bei zuständigen Aufsichtsbehörden Meldung erstatten! Hipp, hipp!


Englische Kampagnenseiten:

>>> Fetaldex.org
>>> Advocates for Informed Choice (AIC)
>>> Comment and Videos @ bodyfascist.com 
 

Patient Advocate questions use of Dexamethasone on moms and their unborn babies>>> Englisches Video zur Kampagne mit Janet Green
 

Pränatale Dexamethason-Zwangsbehandlungen
bei "Verdacht" auf AGS/CAH

INHALT

1) Einleitung
2) AGS/CAH
3) Dexamethason: Rein kosmetische Zwangsbehandlungen
4) Seit 30 Jahren: Experimentalbehandlungen ohne Evidenz
5) Zwangsbehandelt "auf Verdacht": 9 von 10 sind gar keine Zwitter
6) Im Schatten der Zwangsoperationen
7) 2010: Kampagne gegen Dexamethason und Maria I. News unkontrollierte Menschenversuche
8) Eine neue Form von Widerstand
9) Handlungsbedarf auch in Europa
Wird fortgesetzt ...


1) Einleitung

Bislang standen die Dexamethason-Zwangsbehandlungen quasi im Schatten der genitalen Zwangsoperationen. Hoffentlich gerät mit den aktuellen Aktionen diese bisher kaum beachtete Form von ebenfalls medizinisch nicht notwendigen, hormonellen Zwangsbehandlungen an Menschen mit "uneindeutigen" körperlichen Geschlechtsmerkmalen, noch dazu "auf blossen Verdacht hin" (nur jeder 8. zwangsbehandelte Mernsch ist tatsächlich ein Zwitter!) und mit teils gravierenden "Nebenwirkungen", künftig nicht nur in den USA endlich vermehrt ins Blickfeld der öffentlichen Kritik.

So käme das internationale Zwitterjahr 2010 plötzlich doch noch gut in die Gänge, nachdem im Januar die IOC-Medizyner mit ihren meist menschenverachtenden Ansinnen für einen bisher alles andere als sportlich-runden Start gesorgt hatten. Mit der New Yorker Medizynerin Maria Iandolo New (Mount Sinai Medical Center) gerät nun in Sachen Dexamethason ironischerweise eine Serien-Zwangsbehandlerin unter Beschuss, die erst gerade auch im Namen von IOC, IAAF und FIFA besonders unverholen obligatorische Zwangsbehandlungen für als Zwitter verdächtigte Sportlerinnen gefordert hatte ...

2) AGS/CAH

AGS (Adrenogenitales Syndrom) oder, von Vielen bevorzugt, CAH (Congenital Adrenal Hyperplasia = Angeborene Nebennieren Hyperplasie) ist unter den vielen, vielen verschiedenen Ursachen für die Entstehung von menschlichen Bio-Zwittern die am häufigsten auftretende Form und eine der medizinisch vergleichsweise am besten erforschten (in sehr vielen andere Fällen tappen die Medizyner betreffend Ursachen oder nur einer verlässlichen Diagnose auch heute noch weitgehend im Dunkeln: "finden wir häufig nicht").

Da bei AGS/CAH die Nebennierenrinde statt der Hormone Aldosteron und Cortisol vermehrt Testosteron produziert, kommen diese Kinder oft mit "uneindeutigen" äusserlichen Geschlechtsorganen zur Welt, die von den Medizynern in der Regel von allen Zwitterkindern wohl am massivsten zwangsoperiert werden, um aus ihnen "richtige Mädchen" zu machen.

AGS/CAH ist unter allen Zwitter-Formen insofern eine grosse Ausnahme, dass wegen der damit oft verbundenen mangelnder Bildung von Aldosteron und Cortisol eine medizinisch indizierte Behandlung notwendig ist, nämlich die lebenslange künstliche Ersetzung dieser Hormone, weil sonst tatsächliche körperliche Probleme auftreten (Salzverlust), die je nach Schwere bis zum Tode führen können. Dies betrifft jedoch ausschliesslich diesen Aspekt des Mangels dieser lebensnotwendiger Hormone, NICHT jedoch die körperliche "Uneindeutigkeit".

3) Dexamethason: Rein kosmetische Zwangsbehandlungen

Seit den späten 1970ern werden zur Verhinderung der körperlichen "Uneindeutigkeit" bei AGS/CAH-Ungeborenen schwangeren Frauen, die als "genetische Trägerinnen" verdächtigt werden, "prophylaktisch" mit dem Glukokortikoid Dexamethason traktiert. Ausgehend von Frankreich ist diese nach wie vor unerprobte "Experimentalbehandlung" in den "entwickelten Ländern" inzwischen globaler Quasi-Standard.

Die pränatalen Dexamethason-Zwangsbehandlungen sind – wie auch die genitalen Zwangsoperationen – rein kosmetischer Natur, die oben erwähnten, realen Gesundheitsprobleme wegen möglichen Aldosteron bzw. Cortisol-Mangels bleiben von der Dexamethason-Zwangsbehandlungen unberührt!

Die angestrebte Wirkung betrifft unbestrittenermassen ausschliesslich die Vereindeutigung der "uneindeutigen" körperlichen Geschlechtsmerkmale – zur "Vermeidung späterer chirurgischer Eingriffe". Oder wie es in Deutschland die medizynernahe "AGS-Eltern und Patienteninitiative e.V." in ihrer "Infobroschüre" im Abschnitt "A. h. Die vorgeburtliche Therapie des AGS" farbig hervorhebt (S. 27): 

Die vorgeburtliche Behandlung bei Mädchen mit AGS hat zum Ziel, die Vermännlichung der äußeren Geschlechtsorgane zu verhindern und dem Kind dadurch lästige und traumatisierende Operationen zu ersparen.


4) Seit 30 Jahren: Experimentalbehandlungen ohne Evidenz

Wie auch bei den verschiedenen Formen der kosmetischen Genitaloperationen an Zwittern handelt es sich ebenfalls um ein "experimentelles Verfahren", das von den Medizynern jedoch seit Jahrzehnten öffentlich quasi als erprobter Standard verkauft wird. Obwohl die Wirksamkeit der angeblichen "Heilbehandlung" empirisch nie nachgewiesen wurde (mangelnde Evidenz).

Im Gegenteil, jegliche solche empirische Überprüfung oder nur schon Nachfolgestudien (Follow Up), die auch mögliche Nebenwirkungen und die Behandlungs(un)zufriedenheit erfassen würden, wurden Jahrzehnte lang gar nie ernsthaft angestrebt. Kein Wunder, verschiedene Studien belegen "Nebenwirkungen" wie u.a. verlangsamte oder ausbleibende motorische und geistige Entwicklung, 8-fache Hospitalisierungsrate im ersten Lebensjahr sowie nicht abgestiegene Hoden bei männlichen Neugeborenen.

Die unkontrollierte Weiterführung dieser Behandlungen ist eine flagrante Verletzung medizinischer Vorschriften, u.a. betreffend der Rechte der Teilnehmer an Experimentalbehandlungen wie auch gegen das Verbot, Experimentalbehandlungen als Standard zu "verkaufen".

Bei den pränatalen Zwangsbehandlungen mit Dexamethason handelt es sich zudem zudem (wie bei manch anderen Hormon"behandlungen" an Zwittern auch) um einen von den Arzneimittelbehörden weder kontrollierte noch freigegebene Anwendung (Off Label Use).

5) Zwangsbehandelt "auf Verdacht": 9 von 10 sind gar keine Zwitter

Dies, weil die Behandlung möglichst in den allerersten Schwangerschaftswochen beginnen muss; wenn ab der 7. Woche die Geschlechtsentwicklung beginnt, ist es bereits zu spät. Deshalb sollten aus Medizynersicht schwangere Frauen, die schon einmal ein Kind mit AGS/CAH geboren haben, oder bei denen (wie auch bei den Partnern) aufgrund genetischer Tests ein "Risiko" besteht, flächendeckend "auf Verdacht hin" unter Dexamethason gesetzt werden – obwohl in diesem Fall aus genetischen Gründen nur jedes 8. Kind erneut wieder mit AGS/CAH auf die Welt kommt.

Genauer gesagt also: 87.5% aller Zwangsbehandelten sind keine Zwitter. Die restlichen 2.25% sind Zwitter, die trotz Zwangsbehandlung unerwünscht "uneindeutig" bleiben (aber trotzdem unter den Nebenwirkungen leiden).

6) Im Schatten der Zwangsoperationen

Bisher wurden die pränatalen Dexamethason-Zwangsbehandlungen kaum je öffentlich kritisiert.

Auch innerhalb der Zwitterbewegungen fiel Dexamethason öfters mal unter den Tisch (vgl. z.B. die Auflistung im CEDAW-Schattenbericht. Auch auf Zwischengeschlecht.org wurden pränatale Dexamethason-Zwangsbehandlungen erst 2009 nachgetragen).

Die meines Wissens nach erste prinzipielle öffentliche Kritik erfolgte 2006 durch die Herausgeberin Sharon Sytsma in "Ethics and Intersex" (Springer 2006, S. xxiv >>> PDF sowie S. 241-258). Sytsma denunzierte die unkontrollierten Behandlungen als unzulässig und unethisch. Auch innerhalb amerikanischer Endokrinologesorganisationen ist Dexamethason zwar nicht überall unumstritten. Trotzdem stiess auch Sytsmas Kritik zunächst auf wenig Widerhall. Geschweige denn, dass jemand versucht hätte, offensichtlich unverbesserliche ZwangsbehandlerInnen konkret zu stoppen ...

7) 2010: Kampagne gegen Dexamethason und Maria I. News unkontrollierte Menschenversuche

Nicht nur in Amerika werden die experimentellen, pränatalen Dexamethason-Zwangstherapien verschiedentlich öffentlich als "sicher" angepriesen und vermarktet, obwohl Dexamethason für diese Anwendung weder in Amerika noch in Europa je geprüft oder gar freigegeben wurde, und solche Anpreisungen für experimentelle "Off-Label"-Anwendungen untersagt sind. Zudem wurden die Dexamethason-Zwangsbehandlungen (wie alle anderen kosmetischen Zwangsbehandlungen an Zwittern auch!) nie klinisch geprüft, weshalb es auch keine Evidenz für ihre angebliche Wirksamkeit und Verträglichkeit gibt. 

Die in Amerika wohl exponierteste Propagandistin der pränatalen Zwangseingriffe, die auch sonst notorische Zwangsbehandlerin Dr. Maria I. New, wurde auf Mediziner-Kongressen von besorgten KollegInnen verschiedentlich auf ihre vorschriftswidrigen Anpreisungen angesprochen, wich jedoch der Diskussion jeweils aus.

In einem ersten Schritt rügten nun 35 BioethikerInnen diese möglichen Verstösse gegen geltende Vorschriften und Gesetze in einem >>> 1. Offenen Brief vom 2.2.10 an die US-Arzneimittelbehörde (FDA Office of Pediatric Therapeutics), an die US-Überwachungsstelle für medizinische Experimente mit Menschen (HHS Office for Human Research Protections) sowie an Maria I. News Vorgesetzte in den Institutionen, wo sie diese Behandlungen offensichtlich ohne genügenden Schutz für ihre menschelichen Versuchskaninchen regelmässig vorschriftswidrig anpreist und durchführt (Mount Sinai Medical Center, Weill Medical School of Cornell University, Florida International University).

Im Offenen Brief vom 2.2.10 forderten die BioethikerInnen die angeschriebenen Stellen auf zu einer eingehenden Untersuchung von Maria I. News Praktiken, ob diese so überhaupt zulässig sind und allenfalls gegen rechtliche Vorschriften verstossen.

Die US-Arzneimitelbehörde sowie die University of Florida sicherten laut Fetaldex.org am 8.2.10 rsp. 3.2.10 zu, die im Offenen Brief formulierten Anliegen MedizinethikerInnen zu untersuchen.

Der Offene Brief wurde auf einer eigens für die Kampagne geschaffenen Webseite >>> Fetaldex.org öffentlich zugänglich gemacht, ebenso Hintergrundinformationen und eine >>> Videobotschaft von Janet Green, einer betroffenen Patientenfürsprecherin und Mutter mit CAH.

In einem weiteren Schritt informierte Fetaldex.org am 8-9.2.10 die Eltern- und Patienteninitiative CARES Foundation, die – wie in Deutschland die "AGS Eltern- und Patientenitiative e.V." – pränatale Dexamethason-Zwangstherapien als erprobt anpreisen und Maria I. New überdies einen Preis verliehen, über den Stand ihrer Erkenntnisse.

Weiter verfasste die Lobbyorganisation Advocates for Informed Choice (AIC) mit Datum vom 3.2.10 ein >>> offizielles Statement zur Problemlage und veröffentlichte dieses auf ihrer Homepage.

Das Bioethikforum des Hastings Center publizierte am 8.2.10 einen >>> Artikel von Hilde Lindemann, Ellen K. Feder, und Alice Dreger zum Thema unter dem Titel "Fetal Cosmetology". Siehe auch >>> Videobotschaft von Hilde Lindemann.

Hilde Lindemann on fetal dexamethasone

Die Advocates for Informed Choice (AIC)-Direktorin Anne Tamar-Mattis schrieb im Namen ihrer Organisation am 10.2.10 einen >>> 2. Offenen Brief (PDF) an dieselben Stellen, indem sie erneut detailliert die möglichen Verstösse von Maraia I. New auflistet und eine eingehende Untersuchung fordert.

Wiederum organisiert von AIC wurde am 11.2.10 ein >>> 3. Offener Brief an die üblichen Adressaten versandt, diesmal von 11 öffentlich aktiven erwachsenen Zwittern, darunter auch Daniela "Nella" Truffer von der Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org.

Organisation Intersex International (OII) publizierte am 17.2.10 ein unterstützendes Statement zur Kampagne.

Hilde Lindemann und Alice Dreger hakten am 22.2.10 in einem >>> 4. Offenen Brief an die üblichen Adressaten nach und präsentieren weitere Quellen dafür, dass Maria I. New und Konsorten unbewilligte, unbeaufsichtigte und unkontrollierte Menschenversuche betreiben. Gleichzeitig schrieben sie weitere Offene Briefe >>> an die Columbia University betreffend fragwürdiger Studien des altbekannten Handlangers der Zwangsbehandler, Heino Meyer-Bahlburg; sowie >>> an den Präsidenten der Lawson Wilkins Pediatric Endocrine Society, >>> an das Ethikkomitee der Endocrine Society und >>> erneut an die CARES Foundation.

In einer Antwort der Lawson Wilkins Pediatric Endocrine Society vom 25.2.10 geht diese gar nicht erst auf die wesentlichen Punkte des Offenen Briefes vom 22.2.10 ein.

Einer Antwort der US-Überwachungsstelle für medizinische Experimente mit Menschen vom 3.3.10 auf die Offenen Briefe vom 2.2.10 (1. OB), 11.2.10 (3. OB) und 22.2.10 (4. OB) ist indirekt zu entnehmen, dass die Behörde eine Untersuchung eingeleitet hat.

Am 18.3.10 publizierten Alice Dreger, Ellen K. Feder und Hilde Lindemann auf dem Hastings Bioethis Forum eine Zusammenfassung der seitherigen Entwicklungen: Prenatal Dex: Update and Omnibus Reply 

Ende Juni 2010 gab es es im Time-Magazine den ersten Bericht in einem Mainstreammedium über die Kampagne. Der US-Endokrinologenverband will in der kommenden Leitlinie die pränatalen Dexamethason-"Therapien" ausdrücklich als experimentelle Behandlung kennzeichnen, die nur noch in kontrollierten und von Ethik-Aufsichtskommissionen abgesegneten Studien zulässig sein soll. Feder und Dreger publizierten zusammen mit Anne Tamar-Mattis einen weiteren Artikel im Hastings-Bioethics Forum, der grosses Echo auslöste. Mehr & Links:
>>> Pränatale Hormonbomben gegen "lesbische oder zu selbstbewusste Mädchen" (US-Kampagne gegen pränatale Dexamethason-Zwangsbehandlungen UPDATES 2)

8) Eine neue Form von Widerstand

So etwas gab es meines Wissens in der ganzen Geschichte der Zwitterbewegungen noch nie: Zwitter, PartnerInnen, solidarische Nicht-Zwitter, AkademikerInnen und verschiedene Lobbyorganisationen ziehen gemeinsam am gleichen Strick mit dem Ziel, gegen unethische Medizyner öffentlichen und amtlichen Druck aufzubauen, um ihnen ganz konkret das Zwangsbehandeln zu erschweren oder gar künftig zu verunmöglichen.

Zum ersten Mal geht es nicht darum, die Medizyner allein durch höfliches Argumentieren überzeugen zu wollen und so eine Reform in der Behandlung rein auf Grund der Gutwilligkeit längst verhärteter SerienzwangsbehandlerInnen erreichen zu wollen – ein leider vergebliches Unterfangen, wie die bald 20 Jahre Zwitterbewegungen weltweit stets aufs Neue schmerzlich beweisen.

M.W.n. zum ersten Mal wird somit ersthaft versucht, die Medizyner durch institutionellen Druck und sonstige Waffen aus dem Arsenal des Gewaltfreien Widerstands konkret daran zu hindern, ungestört weiter zwangszubehandeln.

Wenn diese Weg weisende Kampagne konsequent weitergeführt wird (und auch entsprechend um sich greift), so besteht m.E. zum allerersten Mal eine konkrete Chance, Medizyner wenigstens in diesem bisher oft vernachlässigten, aber ethisch besonders frangwürdigen (und deshalb auch angreifbaren!) Teilbereich der kosmetischen Zwangsbehandlungen erfolgreich zu stoppen, und zwar unabhängig davon, ob die Serienverstümmler es nun einsehen wollen oder nicht!

Ob dies alles tatsächlich gelingt, muss sich erst noch herausstellen. Dass aber überhaupt zum ersten Mal ein konkreter Versuch in diese Richtung unternommen wird, wird den ZwangsbehandlerInnen schon einmal gehörig Dampf machen.

9) Handlungsbedarf auch in Europa

Bekanntlich werden die pränatalen kosmetischen "Off Label"-Zwangsbehandlungen mit Dexamethason global als angeblich "sicherer" Quasi-Standard durchgeführt. Noch nirgends auf der Welt wurde meines Wissens nach irgendeine Form der kosmetschen Zwangshormontherapien je staatlich geprüft und zugelassen, überall wird damit wohl gegen Gesetze, Vorschriften und Standesgrundsätze verstossen.

Auch in Deutschland. Auch in der Schweiz. Auch in Österreich. Auch in allen unseren Nachbarländern.

Ebenso wie in den USA durch Maria New und die "CARES Foundation" werden auch in Deutschland u.a. durch Prof. Dr. med. Rolf Peter Willig, Dr. med. Achim Wüsthof, das "Endokrinologikum Hamburg", das "Netzwerk Hypophysen- und Nebennierenerkrankungen e.V.", die "Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendgynäkologie e.V.", die "Gemeinschaftspraxis Raue, Frank-Raue, Hentze, Heidelberg" sowie durch die "AGS Eltern- und Patienteninitiative e.V." die unkontrollierten Menschenversuche mit Dexamethason öffentlich als sicher und wirksam propagiert und angepriesen. Obwohl es auch in Deutschland unter Medizinern durchaus auch kritische Stimmen gibt, die insebsondere die Nichteinhaltung eigentlich verbindlicher Standards bei experimentellen Behandlungen beschreiben.

In der Schweiz werden pränatale Dexamethason-Zwangsbehandlungen z.B. durch das Kinderspital Zürich und das Inselspital Bern als "nebenwirkungsfrei" bzw. "keine Auffälligkeiten [bekannt]" propagiert und angepriesen. Nachtrag: Auch die neu gegründete "AGS-Initiative Schweiz", die offenbar eng mit der deutschen "AGS Eltern- und Patienteninitiative e.V." zusammenarbeitet, befürwortet die Zwangsbehandlungen und nennt das Kinderspital Zürich sowie das Inselspital Bern als bevorzugte Anbieter.

In Österreich dito durch die "Arbeitsgruppe Pädiatrische Endokriniologie & Diabetologie Österreich (APED)" und die "Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde".

Höchste Zeit, dass diese neue Aktionsform auch hier zur Anwendung kommt, und endlich öffentlich auf die Einhaltung der Regeln für "Experimentalbehandlungen" auch für Zwitter gepocht wird.

Sollte es tatsächlich gelingen, den Tätern und ihren Zulieferern auf diese Weise eine empfindliche Niederlage zu verabreichen, wäre dies ein erstklassige Ausgangspunkt, den SerienverstümmlerInnen auch ihre restlichen "Hobbies" endlich derart zu vermiesen, bis das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung endlich auch für Zwitter uneingeschränkt gilt.

Fortsetzung folgt ...

Siehe auch:
- Alice Dreger über pränatale Dexamethason-Zwangsbehandlungen und EthikerInnen als MittäterInnen
- Pränatale Hormonbomben gegen "lesbische oder zu selbstbewusste Mädchen"
- USA: Seriengenitalverstümmler Prof. Dr. Dix Phillip Poppas von Ethikerinnen öffentlich geoutet

Tuesday 2 February 2010

Zwangsoperationen an Zwittern: Wie können die Täter gestoppt werden?

Manchem zwangsoperierten, traumatisierten und belogenen Zwitter sind wohl schon handfeste und eher drastische Möglichkeiten durch den Kopf gegangen, wie sich die Zwangsoperateure am schnellsten und ganz konkret vom Zwangsoperieren abhalten liessen. Reden tun die wenigsten darüber. Zu tief steckt das Trauma in den Knochen, sogar wenn die Identifikation mit dem Agressor längst überwunden ist. Zu viele nehmen sich das Leben.

2 gewaltfreie Möglichkeiten, die Täter politisch erfolgreich zu stoppen:

1) Die politische Forderung eines ausdrücklichen gesetzlichen Verbots von kosmetischen Genitaloperationen an Kindern, und zwar als Offizialdelikt, zumindest solange, bis diese menschenrechtswidrige Praxis endgültig gebrochen ist und die Täter sich zu Entschädigung und Wiedergutmachung verpflichtet haben. Nur schon die öffentliche und politische Diskussion um die Forderung nach einem solchen Verbot wird aufklärend wirken und die Täter stark verunsichern.

Massive Genitalverstümmelungen sind in unserer Gesellschaft nicht mehrheitsfähig, auch an Zwittern nicht. Als eigenständiges Menschenrechtsanliegen und unter Berufung auf das verfassungsmässig garantierte Recht auf körperliche Unversehrtheit hätte ein erweitertes Verbot von medizinisch nicht indizierten Zwangseingiffen an Zwittern reale Chancen:

Ein Verbot kosmetischer Genitaloperationen an Kindern liesse sich mit bestehenden, unbestrittenen und mehrheitsfähigen Grundrechten gegenüber einem breiten politschen Spektrum stichhaltig begründen und durchsetzen.

Die Forderung nach einem Verbot der genitalen Zwangsoperationen trifft unmittelbar den Kern der Sache. Zwitter würden künftig nicht mehr verstümmelt und könnten unversehrt aufwachsen. Dadurch beginnen sie wieder real in unserer Gesellschaft sichtbar zu werden, wodurch auch alle anderen Forderungen nach unteilbaren Grund- und Menschenrechten auch für Zwitter zwangsläufig in den Brennpunkt des öffentlichen Interesses rücken.

2) Gerichtliches einklagen der bestehenden verletzten Menschen- und Verfassungsrechte, namentlich des Rechts auf körperliche Unversehrtheit. Wenn die Verfassung und die Menschenrechte wirklich das wären, was sie versprechen, dürfte es die jahrzehntelange Praxis der genitalen Zwangsoperationen an Zwitter nie gegeben haben.

Auch wenn es ab und zu positive Überraschungen gibt, geht es jedoch den meisten Gerichten (im Gegensatz zur Öffentlichkeit) letztlich primär um die Staatsraison, weshalb protegierte Medizyner dort prinzipiell die besseren Karten haben als irgendwelche geschädigte Habenichtse. Doch sogar wenn die Zwangsoperateure ungehörigerweise vor Gericht gewinnen, wird das dazu beitragen, dass sie letztlich verlieren werden:

Werden Klagen nämlich öffentlichkeitswirksam inszeniert, geraten die Zwangsoperateure auch bei Freisprüchen  vermehrt unter den Druck einer kritischen Öffentlichkeit, was sie ebenfalls stark verunsichern wird (und ausserdem auf die Politik und dadurch wieder auf die Gerichte rückkoppeln wird).

Gleichzeitig können öffentlichkeitswirksame Klagen der politischen Forderung nach einem konkreten gesetzlichen Verbot kosmetischer Genitaloperationen an Kindern zusätzlichen Auftrieb verleihen.

>>> Aktion & Offener Brief Inselspital Bern 16.8.2009
(Bild: Peter Schneider / Keystone / Berner Zeitung)

Meine 2 Cent:

Natürlich gibt es theoretisch noch andere Möglichkeiten, die auch seit längerem immer wieder mal probiert werden, wenn auch bisher stets ohne nennenswerten Erfolg:

a) Zu versuchen, die Zwangsoperateure & Co hinter verschlossenen Türen höflich zu bitten, mit dem Zwangsoperieren doch künftig etwas zurückhaltender zu sein, oder vielleicht bis dahin zumindest etwas "humaner" zu zwangsoperieren, oder vielleicht zumindest etwas fachgerechter, oder vielleicht wenigstens die eigene Syndromgruppe prioritär etwas zu verschonen, falls es grad keine zu grosse Einkommensbusse bedeutet. Traumatisierte Zwitter scheinen bis zu einem gewissen Grad prädestiniert zu sein für diese Variante. Auch Elterngruppen lavieren bevorzugt auf diese Tour (sofern es ihnen nicht eh bloss darum geht, ihre Kinder möglichst von einem "hochkarätigen Experten" persönlich zwangsoperiert zu bekommen). Zwitter, dies stattdessen entschlossenes Vorgehen gegen die Zwangsoperateure fordern, werden von den anderen oft gemobbt und versucht mundtot zu machen.

b) Zu versuchen, die Zwitter bei den "starken" LGBTs einzugemeinden, damit diese im Namen der Zwitter versuchen, z.B. die Abschaffung des amtlichen Geschlechtseintrags durchzusetzen, oder Schaffung neuer Grundrechte (wie z.B. aktuell "sexuelle Identität"), oder die Zwitter in der nächste Fassung des Transsexuellengesetzes mit einzugliedern. Und wenn es erst einmal keine Geschlechter mehr gibt usw., hätten es ja auch die Zwitter besser, so die Theorie. Auch traumatisierte Zwitter erwärmen sich mitunter für solche Mogelpackungen, meist wenn sie persönlich in einem soziokulturellen LGBT-Umfeld leben und sich dieses verpflichten wollen, oder weil sie nicht selber hinstehen wollen oder sich gar nicht vorstellen können, dass eigenständige Zwitterforderungen überhaupt möglich sein könnten. Viele Zwitter und solidarische Nicht-Zwitter kritisieren andrerseits die ungefragte Eingemeindung als "Vereinnahmung" und "Kolonialisierung", sowie die daraus resultierende erneute Unsichtbarmachung der Zwitter im Allgemeinen wie auch die Ausblendung der andauernden Genitalverstümmelungen im Besonderen.

Leider haben – im Gegensatz zur politischen Forderung eines gesetzlichen Verbots der Genitalverstümmelungen – diese "theoretischen Möglichkeiten" 2 entscheidende Probleme gemeinsam:

Einerseits, dass sie in der politischen Praxis keine realen Chancen haben – zumindest nicht in absehbarer Zukunft.

Sowie, dass, sogar wenn sie einmal durchsetzbar wären, die Täter trotzdem ungehindert weiter Zwitterkinder zwangsoperieren werden, weil sie nach wie vor niemand verbindlich und aktiv vom Verstümmeln abhält, Abschaffung des Geschlechtseintrags und "humanere" Zwangsoperationstechniken hin oder her.

Wer Texte von Michel Reiter aus AGGPG-Zeiten liest oder solche von seinerzeitigen solidarischen Nicht-Zwittern wie Georg Klauda, erhält unwillkürlich den Eindruck, dass "die Zwitterbewegung" schon mal weiter war.

Schluss mit genitalen Zwangsoperationen!Zwar melden sich in letzter Zeit vermehrt Zwitter und solidarische Nicht-Zwitter zu Wort, die der Ablenkungsmanöver müde sind, während gleichzeitig täglich weitere Zwitterkinder genitalverstümmelt werden – allein in Deutschland etwa EINES JEDEN TAG, und in der Schweiz und in Österreich etwa JEDE WOCHE JE EINES!

Wird 2010 das Jahr, in dem zum ersten Mal ein gesetzliches Verbot kosmetischer Genitaloperationen an Kindern auch in Deutschland öffentlich eingefordert wird?

Siehe auch:
-
Zwangsoperationen an Zwittern: Wer sind die Täter? Was soll mit ihnen geschehen?

Wednesday 20 January 2010

Basel-Stadt: Politischer Vorstoss gegen kosmetische Genitaloperationen an Kindern!

>>> Text der Anfrage von Martina Saner (SP) (PDF)

Schluss mit genitalen Zwangsoperationen!Kosmetische Genitaloperationen an Kindern mit "uneindeutigen" körperlichen Geschlechtsmerkmalen sind massive Menschenrechtsverletzungen. Sie sind medizinisch nicht notwendig und verletzen die höchstpersönlichen Rechte der Kinder. Eltern haben deshalb kein Recht, im Namen ihrer Kinder in eine kosmetische Operation einzuwilligen.

Schon allein aufgrund des explizit in der Bundesverfassung festgehaltenen Menschenrechts auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung müsste es eigentlich selbstverständlich sein, dass man bei kleinen Kindern nicht ungefragt an gesunden Genitalien irreversible kosmetische Operationen vornimmt. Auch nach medizinethischen Grundsätzen und Richtlinien sind kosmetische Genitaloperationen an Kindern klar unzulässig.

Jahrzehnte lange Klagen der Opfer werden durch namhafte Studien bekräftigt. 2009 kritisierte erstmals der UN-Ausschuss CEDAW die Zwangsoperationen.

Trotzdem wird von Ärzten auch in der Schweiz auf Eltern Druck gemacht zu einem möglichst raschen Entscheid – obwohl kein medizinischer Notfall vorliegt, die Operationen irreversibel sind und es für die betroffenen Kinder um eine existenzielle Frage geht.

Viele Eltern beklagen sich später darüber, dass sie nicht umfassend informiert wurden, und dass ihnen keine oder wenig Unterstützung für alternative Überlegungen geboten wurden, insbesondere Hinweise auf Kontaktmöglichkeiten zu Betroffenen und Selbsthilfegruppen.

In der Aus- und Fortbildung von medizinischem Personal und Hebammen sind die Existenz zwischengeschlechtlicher Menschen und die ethischen Probleme mit der jetzigen Behandlung ebenfalls kein Thema.

Allein in der Schweiz wird etwa jede Woche ein weiteres Kind zwangsoperiert – auch in Basel. Während Genitalverstümmelungen in Afrika verurteilt und juristisch bekämpft werden, sind Genitalverstümmelungen an Zwittern vor der eigenen Haustüre nach wie vor meist kein Thema.

Zwischengeschlecht.org freut sich deshalb sehr, dass heute Mittwoch, den 20. Januar, im Grossen Rat Basel-Stadt ein politischer Vorstoss zugunsten von Zwittern eingereicht wird.

Martina Saner (SP, BS) wird eine Anfrage zum Thema "Kosmetische Genitaloperationen an Kindern mit 'uneindeutigen' körperlichen Geschlechtsmerkmalen" einreichen und der Regierung Fragen stellen über die Art und den Umfang solcher Zwangseingriffe an Kindern im Kanton Basel-Stadt und wie die Regierung diese beurteilt

Der 20. Januar 2010 wird ein wichtiger Tag für alle Zwischengeschlechtlichen und für alle, die sie in ihrem Kampf um Selbstbestimmung unterstützen!

>>> Text der Anfrage von Martina Saner (SP) (PDF)

Die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org fordert ein Verbot von kosmetischen Zwangsoperationen an Kindern und "Menschenrechte auch für Zwitter!". Betroffene sollen später selber darüber entscheiden, ob sie Operationen wollen oder nicht, und wenn ja, welche.

Siehe auch:
- Mo 26.10.09: Intersex Awareness Day - Historischer politischer Vorstoss in Zürich gegen kosmetische Genitaloperationen an Kindern
- Do 18.3.10: Politischer Vorstoss gegen kosmetische Genitaloperationen an Kindern im Inselspital Bern
- Milton Diamond fordert gesetzliches Verbot von kosmetischen Genitaloperationen an Kindern
- Aktion & Offener Brief Kinderspital Zürich 6.7.08
- Aktion & Offener Brief Inselspital 16.8.09 

Sunday 25 October 2009

Mo 26.10.09: Intersex Awareness Day - Historischer politischer Vorstoss in Zürich

>>> Aktion & Offener Brief Kinderspital Zürich, 6.7.08   (Bild: Ärger)

>>> Artikel von Felix Schindler @ Tagesanzeiger.ch  >>> Interview mit Nella  

>>> Gespräch @ TalkTäglich (Video)       >>> Interviews @ Radio 24 News Bulletin

>>> Interview mit Karin Plattner      >>> Karin Plattner @ Tages-Anzeiger 5.2.08

>>> Der historische Vorstoss im Kantonsrat Zürich (PDF)    (--> Textversion siehe unten)

Der "Intersex Awareness Day" wurde zum ersten Mal am 26. Oktober 2004 in verschiedenen US-Städten abgehalten. Das Datum erinnert an die erste Zwitter-Demo am 26.10.1996 vor dem Jahreskongress der "American Academy of Pediatrics" in Boston, die an ihren Tagungen das Thema Zwangsopertionen an Zwittern "behandelt", aber Betroffenen das Wort an ihren Veranstaltungen verbot. Mitglieder der Intersex Society of North America (ISNA) und solidarische Nicht-Zwitter protestierten u.a. mit Schildern "Hermaphrodites with Attitude" (gleichzeitig Titel eines Videos, in dem Zwitter zum ersen Mal öffentlich über die an ihnen begangenen Zwangsbehandlungen und deren Folgen sprachen, sowie des ISNA-Newsletters), und veröffentlichten eine Pressemitteilung mit dem Titel "Hermaphrodites target kiddie docs" (etwa: "Zwitter nehmen Kinderärzte ins Visier"). Der Protest generierte ein landesweites Presseecho und war der Grundstein dafür, dass die Medizyner die Opfer ihrer Zwangsbehandlungen künftig nicht mehr einfach ausblenden und aussperren konnten, sondern einen Strategiewechsel vollzogen hin zu heute den noch gebräuchlichen Lippenbekenntnissen und scheinbarem Eingehen auf die fundierte Kritik – während sie gleichzeitig weiterhin zwangsoperieren wie gehabt. (>>> mehr auf englisch via intersexinitiative.org, welche den Gedenktag begründete)

1996 entstand mit der Arbeitsgruppe gegen Gewalt in der Pädiatrie und Gynäkologie (AGGPG) die erste deutschsprachige Zwitter-Lobbyorganisation, die bald auch Protestaktionen gegen Medizynerkongresse veranstaltete. 2000 hielt Mitbegründer Michel Reiter als erster zwischengeschlechtlicher Mensch in Europa an einem Sexologenkongress einen denkwürdigen Vortrag "Medizinische Intervention als Folter".

Seit 2005 gibt es am Intersex Awareness Day jeweils auch in Hamburg eine Aktion von Mitgliedern von Intersexuelle Menschen e.V., an der die Beteiligten T-Shirts tragen mit der Aufschrift "Schon mal mit 'nem Zwitter gesprochen? Hier ist die Gelegenheit", Flugblätter verteilen, mit Passant_innen reden und sie über die Zwangsoperationen aufklären.

2009 findet zudem in Zürich am 26. Oktober eine historische Sitzung des Kantonsrates statt: Zum allerersten Mal in der Schweiz wird dort ein politischer Vorstoss zu Gunsten von Zwittern eingereicht werden!

Barbara Bussmann (SP, Volketswil), Martin Naef (SP, Zürich) und Ornella Ferro (Grüne, Uster) werden eine Anfrage zum Thema "Kosmetische Genitaloperationen an Kindern mit 'uneindeutigen' körperlichen Geschlechtsmerkmalen" einreichen und der Regierung Fragen stellen über die Art und den Umfang solcher Zwangseingriffe an Kindern im Kanton Zürich und wie die Regierung das beurteilt.

Ein historischer Tag für alle Zwischengeschlechtlichen und für alle, die sie in ihrem Kampf um Selbstbestimmung unterstützen!

Nella und Karin Plattner von der Schweizerischen Elternselbsthilfe waren letzten Dienstag in der Sendung TalkTäglich (>>> Videostream), wo die Anfrage zum ersten Mal angekündigt wurde. Zusammen mit der Erstunterzeichnerin Barbara Bussman sind die beiden am 25./26. auch verschiedenen Ausgaben des >>> Radio 24 News Bulletin mit Interviews vertreten. 

>>> Die historische Anfrage im Kantonsrat Zürich (PDF)    (--> Textversion siehe unten)

>>> Interview mit Nella   >>> Artikel von Felix Schindler @ Tagesanzeiger.ch

>>> Interview mit Karin Plattner 27.10.09 

Siehe auch:
- Kosmetische Genitaloperationen an Kindern: Gesetzgeber gefordert 
- Zwangsoperation tangiert "höchstpersönliche Rechte" – Eltern dürften nicht zustimmen
- Zwangsoperationen verfassungswidrig (Art. 10.2: Recht auf körperliche Unversehrtheit) 
- Kinderspital Zürich: Genitale Zwangsoperationen angeblich nur "ganz selten" 
- Zürcher Kinderspital propagiert Zwangskastrationen an Kindern 
- Inselspital Bern: Angeblich "keine Zwangsoperationen" 
- Nella & Karin Plattner @ TalkTäglich Di 20.10.09 18:30h 
- Nella & Karin Plattner @ Radio 24 News, 25.10.09 22h + Mo 26.10.09 06h/07h/08h 
- Aktion & Offener Brief Kinderspital Zürich 6.7.08
- Aktion & Offener Brief Inselspital Bern 16.8.09 
- Zwitter-Demos vor der UNO 26.1.09 
- CEDAW: Schriftliche Empfehlungen an die Bundesregierung
- Basel-Stadt: Politischer Vorstoss gegen kosmetische Genitaloperationen an Kindern!
- Do 18.3.10: Politischer Vorstoss betreffend kosmetische Genitaloperationen an Kindern im Inselspital Bern
- Milton Diamond fordert gesetzliches Verbot von kosmetischen Genitaloperationen an Kindern

Do 18.3.10: Politischer Vorstoss betreffend kosmetische Genitaloperationen an Kindern im Inselspital Bern



--> Nachfolgend die Anfrage im Wortlaut:

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Tuesday 20 October 2009

Kosmetische Genitaloperationen an Kindern: Gesetzgeber gefordert

>>> 1. Zwitter Demo Landgericht Köln 12.12.2007

Genitale Zwangsoperationen an Zwittern / Zwischengeschlechtlichen / Hermaphroditen / "Intersexuellen" sind eine andauernde, massive Menschenrechtsverletzung. Kosmetische Genitaloperationen sind medizinisch nicht notwendig und verletzen die höchstpersönlichen Rechte der Kinder, Eltern dürften deshalb legal nicht einwilligen.

Schon allein aufgrund des explizit in der Bundesverfassung festgehaltenen Menschenrechts auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung dürften sie eigentlich gar nie stattfinden. Auch nach medizinethischen Grundsätzen und Richtlinien sind sie klar unzulässig. Jahrzehnte lange Klagen der Opfer werden durch namhafte Studien bekräftigt. 2009 kritisierte erstmals der UN-Ausschuss CEDAW die Zwangsoperationen.

Trotzdem operieren die Zwangsoperateure auch in Deutschland, in der Schweiz und in Österreich unkontrolliert weiter. Den Eltern und den Zwittern wird weiterhin die volle Wahrheit vorenthalten, die meisten Zwitter kommen nach wie vor im Säuglingsalter unters Messer.

Allein in Deutschland wird JEDEN TAG ein Kind genital zwangsoperiert, in der Schweiz und in Österreich etwa JEDE WOCHE EINES. Während Genitalverstümmelungen in Afrika verurteilt und juristisch bekämpft werden, sind Genitalverstümmelungen an Zwittern vor der eigenen Haustüre nach wie vor kein Thema.

Was es endlich braucht, sind gesetzgeberische Massnahmen, um die Grundrechte der Zwitter künftig endlich praktisch und umfassend durchzusetzen – ohne dass zuerst noch zahllose weitere Betroffene mehr einen Leidensweg durchlaufen müssen wie schon Hunderttausende vor ihnen!

Zwischengeschlecht.org fordert:

  1. Gesetzliche Massnahmen zur sofortigen Beendigung aller Zwangseingriffe an Zwittern, Aufhebung/Verlängerung der Verjährungsfristen und Bestrafung aller TäterInnen!

  2. Zwangsbehandelte Zwitter sind unverzüglich und umfassend zu entschädigen!

  3. Rechtliche Anerkennung der Zwitter inkl. optionalem 3. Geschlechtseintrag für Zwitter!

  4. Intersexualität als nicht-pathologische biologische Besonderheit muss auf allen Ebenen in allen biologischen und sozialen Fächern unverzüglich in den Lehrplan aufgenommen werden!

  5. Umgehende Schaffung verbindlicher "Standards of care", inkl. psychologischer Beratung und Peer Support, unter Einbezug der betroffenen Menschen und ihrer Organisationen!

Siehe auch:
26.10.09: Intersex Awareness Day - Historischer politischer Vorstoss in Zürich
- Zwangsoperation tangiert "höchstpersönliche Rechte" – Eltern dürften nicht zustimmen
- Zwangsoperationen verfassungswidrig (Art. 10.2: Recht auf körperliche Unversehrtheit) 
- Genitalverstümmler und Zwangsoperateure in Baden-Württemberg 
- Kinderspital Zürich: Genitale Zwangsoperationen angeblich nur "ganz selten" 
- Zürcher Kinderspital propagiert Zwangskastrationen an Kindern 
- Inselspital Bern: Angeblich "keine Zwangsoperationen" 
- Daniela Truffer & Karin Plattner @ TalkTäglich Di 20.10.09 18:30h 
- Daniela Truffer & Karin Plattner @ Radio 24 News, 25.10.09 22h + Mo 26.10.09 06h/07h/08h 
- Aktion & Offener Brief Kinderspital Zürich 6.7.08
- Aktion & Offener Brief Inselspital Bern 16.8.09 
- Milton Diamond fordert gesetzliches Verbot von kosmetischen Genitaloperationen an Kindern
- Zwitter-Demos vor der UNO 26.1.09 
- Genf: UNO mahnt Bundesregierung
- CEDAW: Schriftliche Empfehlungen an die Bundesregierung
- Schweiz: Terre des Femmes und Amnesty gegen Zwangsoperationen an Zwittern 
- Amnesty Schweiz: Historischer Entscheid für "Menschenrechte auch für Zwitter!" 
- Amnesty Deutschland: Ebenfalls historischer Entscheid für "Menschenrechte auch für Zwitter!"

Friday 18 September 2009

"Intersexualität: Das verwaltete Geschlecht" - Berner Zeitung, 17.8.09

"Wurde am Inselspital zum Mädchen gemacht: Daniela Truffer, 44, protestierten gestern vor dem Insel-Eingang gegen Zwangsoperationen." (Bild: Nadia Schweizer / Berner Zeitung)

Die Zwitter Medien Offensive™ ging weiter!

Den ganzseitigen Artikel in der BZ von Andrea Sommer anlässlich der Aktion am Inselspital Bern schätzen mehrere Beteiligte als den insgesamt gelungensten ein. Nachdem wir bereits das Aufsehen erregende Interview mit Chtistine Aebi, Chefärztin der Kinderklinik in Biel unter dem Titel «Betroffene sollen wählen» dokumentierten, folgen nun die übrigen Texte.

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Tuesday 15 September 2009

"Geschlecht: Zwangsoperiert" - megafon 335, September 2009

Die Zwitter Medien Offensive™ geht weiter!

>>> Aktion & Offener Brief Inselspital Bern 16.8.2009 (Bild: Ärger)

Artikel von Nella & Seelenlos (Megafon 335, S. 7-9)

Geschlecht: Zwangsoperiert

Meine Jugendzeit verbrachte ich zum größten Teil in verschiedenen Krankenhäusern, wo man mich nach und nach kastrierte und mich zur Frau umarbeitete. Über 15 Operationen musste ich über mich ergehen lassen. Hatte zum Teil furchtbare Schmerzen. [...] Und die ganzen Hormonzugaben (Östrogene), die ich bekommen habe.
Karim "Dusty" Merah

Für die meisten Menschen ist es selbstverständlich, mit unversehrten Genitalien aufzuwachsen. Genitalverstümmelungen gelten als barbarisch und finden höchstens in so genannt rückständigen, weit entfernten Ländern statt. Die wenigsten wissen, dass auch in der Schweiz regelmässig wehrlosen Kindern an ihren gesunden Genitalien herumgeschnitten wird – etwa jedem 2000. Kind, unter den Augen der Behörden, mit dem Segen unserer so genannt aufgeklärten Gesellschaft, in praktisch jedem Kinderspital.

Dabei wird in Kauf genommen, dass ihr sexuelles Empfinden vermindert oder gänzlich zerstört wird. Zudem werden sie systematisch kastriert. Der ursprüngliche Zustand ihres Körpers wird ihnen verheimlicht, über die Eingriffe werden sie systematisch belogen. Die meisten Opfer dieser Praxis tragen massive psychische und physische Schäden davon, unter denen sie ein Leben lang leiden. Medizinische Studien belegen dies.

Das Vergehen dieser Kinder: Sie kamen mit "uneindeutigen" körperlichen Geschlechtsmerkmalen zur Welt – so genannte Zwitter, Hermaphroditen, Zwischengeschlechtliche oder Intersexuelle.

Gender vs. "Menschenrechte auch für Zwitter!"

Es geht nicht um die Frage, ob ich mich in der Rolle als Frau wohl fühle. Ich habe nicht das Bedürfnis, mich nachträglich in Richtung Mann operieren zu lassen. Ich fühle mich schlicht und einfach nicht wohl in der Rolle des angelogenen, verarschten, erniedrigten, gegen seinen Willen kastrierten und genitaloperierten Menschen, der Hormone fressen muss und zwischen den Beinen nicht nur gute Gefühle hat.
Daniela "Nella" Truffer

Vermehrt Beachtung finden Zwitter vor allem bei Gruppierungen, die das Zweigeschlechtersystem in Frage stellen. Diese richten ihren Blick jedoch in der Regel nicht auf die realen, zwangsoperierten Zwitterkörper, sondern auf ein fiktives Ideal, das ihre eigenen Wunschvorstellungen verkörpert. Dabei setzen sie unhinterfragt voraus, dass alle Zwitter auf Grund ihrer quasi körpergewordenen Aufhebung des Zweigeschlechtersystems ihre Ziele teilen würden, oder adoptieren sie gleich ungefragt als eine Unterabteilung ihrer eigenen Gruppe. Wo sie die Leiden der Zwitter überhaupt behandeln, propagieren sie als Heilmittel wiederum einzig ihr eigenes Anliegen, nämlich die Abschaffung der Geschlechter.

Mit fatalen Folgen: In der öffentlichen Wahrnehmung sind Zwitter, sofern sie nicht von vornherein mit Transsexuellen verwechselt werden, längst im (Trans-)Genderdiskurs untergegangen.

Die meisten Zwitter jedoch verorten sich selbst, ihre Körper, ihr Schicksal, ihr Leiden und ihren Kampf in radikal anderen Diskursen. Sie erleben und verstehen sich als Opfer medizinischer Gewalt, die sie als Folter erfahren.

Was die in den letzten zwei Jahren neu erstarkte Zwitterbewegung für sich fordert, ist schlicht "Menschenrechte auch für Zwitter!" Den Zwangsoperierten geht es nicht um Gender-Theorien, ihnen geht es um elementarste, ihnen immer noch vorenthaltene Grundrechte, namentlich das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung.

Medizin als Folter

Ich habe mein ganzes Leben dran zu kauen, was ich bin oder was ich war. Ich leide unter schweren physischen Störungen und spiele immer wieder mit dem Gedanken, meinen "verfluchten" Leben ein Ende zu bereiten. Hätte ich nicht im Intersexuellen-Forum Menschen gefunden, die so sind wie ich und auch ein schweres Schicksal hinter sich haben, hätte ich das alles gar nicht mehr geschafft.
Karim "Dusty" Merah

Zwitter sind nicht per se krank oder behandlungsbedürftig. Trotzdem werden zwischengeschlechtlich geborene Kinder bis heute in der Regel vor dem 2. Lebensjahr ohne ihre Einwilligung an ihren "uneindeutigen" Genitalien zwangsoperiert, zwangskastriert und Zwangshormontherapien unterzogen.
Nach dem Motto "It‘s easier to make a hole than to build a pole" (es ist einfacher, ein Loch zu graben, als einen Mast zu bauen) werden die meisten 'zu Mädchen gemacht'. Dabei wird eine zu grosse Klitoris resp. ein zu kleiner Penis operativ verkleinert oder gar amputiert. Viele Zwangsoperierte beklagen, dass dadurch das sexuelle Empfinden vermindert oder gänzlich zerstört wird, sowie über schmerzende Narben.

Viele werden zudem wegen eines angeblich pauschalen "Krebsrisikos von 30%" flächendeckend "prophylaktisch" kastriert, d.h. es werden ihnen die gesunden, Hormone produzierenden inneren Geschlechtsorgane entfernt, was eine lebenslange Substitution mit körperfremden Hormonen zur Folge hat – sowie zum Teil gravierende gesundheitliche Probleme, unter anderem Depressionen, Adipositas, Stoffwechsel- und Kreislaufstörungen, Osteoporose, Einschränkung der kognitiven Fähigkeiten und Libidoverlust. Bis heute werden zwangskastrierte Zwitter regelmässig gezwungen, adäquate Ersatzhormone aus der eigenen Tasche zu bezahlen.

Was 99% der Zwitter erlebt haben, ist verwandt mit sexuellem Missbrauch, ist verwandt mit Folter, ist verwandt mit Mächchenbeschneidungen in Afrika, ist verwandt mit den medizinischen Experimenten, die im 2. Weltkrieg in KZ‘s durchgeführt wurden.

Genitale Zwangsoperationen am Inselspital

Wie in Basel, Lausanne, Luzern, Genf, St. Gallen und Zürich werden die Zwangsbehandlungen auch im Inselspital experimentell durchgeführt, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, ohne Qualitätssicherung und ohne jegliches Monitoring. Offiziell wird nicht einmal bekannt gegeben, wie viele und welche Eingriffe wo stattfinden.

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Monday 31 August 2009

Keine Zwangsoperationen mehr in Biel? - Berner Zeitung, 17.8.09

Gratuliere, es ist sein Zwitter!Die Zwitter Medien Offensive™ geht weiter!

Den ganzseitigen Artikel in der BZ von Andrea Sommer anlässlich der Aktion am Inselspital Bern schätzen mehrere Beteiligte als den insgesamt gelungensten ein. Dies wohl nicht zuletzt wegen der zusätzlichen Kästen zu Christianes Prozess und zum Offenen Brief, sowie wegen eines Aufsehen erregenden Interviews mit der Chefärztin der Kinderklinik in Biel, das wir nachfolgend dokumentieren:

>>> online bei der Berner Zeitung

«Betroffene sollen wählen»

Die Chefärztin der Bieler Kinderklinik Wildermeth wehrt sich gegen den Zwang zum eindeutigen Geschlecht.

In ihrer Aktion vor dem Inselspital von gestern prangerte die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org die Praxis der Zwangsoperationen an. Auch heute noch würden Kleinkinder unklaren Geschlechts mit dem Skalpell und ohne ihre Einwilligung zu Mädchen oder Buben gemacht.

Dass es auch anders geht, zeigt die Kinderklinik Wildermeth in Biel. Chefärztin Christine Aebi ist auf Kinderendokrinologie spezialisiert, also auf die Lehre der Hormone. Aebi wehrt sich gegen den Zwang zum eindeutigen Geschlecht. "Ob Mann oder Frau, das wird nicht allein durch das äussere Geschlecht bestimmt, sondern auch durch den Gender, also das innere Fühlen als Frau oder Mann."

Bei Säuglingen mit unklarem Geschlecht werde eine Chromosomenanalyse durchgeführt, die Aufschluss darüber gebe, ob das Kind eher ein Bub oder ein Mädchen ist, sagt Aebi. "Unabhängig vom Resultat raten wir den Eltern, zu warten, bis ihr Kind sein Geschlecht selber wählen kann." Die Eltern würden dies akzeptieren, sagt Aebi. "Natürlich brauchen sie dann Begleitung durch Fachleute." Laut Aebi ist eine Operation einzig aus gesundheitlichen Gründen angebracht. "Etwa dann, wenn es durch die Ausbildung der Geschlechtsorgane zu Infektionen der Nieren kommt oder der Stuhlgang behindert wird."

Aebi ist seit zehn Jahren Chefärztin der Kinderklinik Wildermeth. Davor praktizierte sie länger in Kanada. "Dort ist die Politik jene, dass man die Kinder sein lässt, wie sie geboren wurden, bis sie selber entscheiden können", so Aebi. In anderen Kulturen seien intersexuelle Menschen akzeptierter als in unseren Breitengraden. Etwa in Indien. Aebi: "Dort geht man davon aus, dass der Mensch gespalten wurde und das Weibliche und Männliche wieder in sich vereinen muss. Kommt ein zwischengeschlechtliches Kind zur Welt, dann ist dies ein Geschenk."

(Berner Zeitung, 17.08.2009, S. 19)

Solche Aussagen von MedizinerInnen wie die obigen von Christine Aebi machen immer froh und sind Anlass zu Optimismus und (Vor-)Freude auf eine bessere Zukunft – auch für kleine Zwitterkinder. Danke!!!

Ihrer Homepage nach verfügt die Bieler Kinderklinik Wildermeth gar nicht (mehr?) über eine urologisch-kinderchirurgische Abteilung, die auch Zwangsoperationen vornimmt.

Bleibt zu hoffen, dass auch diejenigen Spitäler, die nach wie vor Zwangsoperationen anbieten (in der Schweiz sind dies die Kinderspitäler in Basel, Bern, Lausanne, Luzern, Genf, St. Gallen und Zürich), endlich zur Besinnung kommen ...  

>>> Aktion & Offener Brief Inselspital Bern 16.8.2009

"Kampf der Zwitter gegen Zwangsoperationen" - mehrsprachiger Artikel auf swissinfo.ch

Die Zwitter Medien Offensive™ geht weiter!

Gelungener Artikel von Clare O'Dea über die Aktion am Inselspital Bern, erschienen auf englisch, portugiesisch und französisch:

Nella redet einmal mehr Klartext:

"Zwangsoperationen sind keine Lösung", sagte sie und verwies auf medizinische Studien, die "schlechte Resultate" zum Vorschein brachten und zeigten, dass die meisten PatientInnen ein Leben lang an den Folgen leiden.

"Diese Operationen sind schmerzhaft und irreversibel und führen oft zu einer Verminderungen des sexuellen Empfindens oder zerstören es ganz. Nicht-eingewilligte kosmetische Operationen verletzen das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung. Es ist eine Menschenrechtsverletzung", sagte Daniela Truffer swissinfo.ch.

Die Soziologin Kathrin Zehnder erzählt als weitere Expertin von einem Kind, das unoperiert aufwächst, ohne dass es zu den von den Medizynern immer berichteten Katstrophen gekommen wäre.

"Ich weiss nicht, ob man ein Kind durch Operationen davor schützen kann, anders zu sein. Was wollen Sie tun, wenn sich ein Kind anders fühlt? Das kann man nicht wegoperieren", fügte sie hinzu.

Christianes Prozessiege werden erwähnt. Die Rechtsprofessorin Andrea Büchler wird zitiert:

"In der Regel können die Eltern für ihr Kind zustimmen. Geschlechtszuweisende Operationen aber tangieren die höchstpersönlichen Rechte und dürfen nicht ohne Zustimmung des betroffenen Kindes vorgenommen werden – ausser es ist medizinisch notwendig."

Christine Aebi, Chefärztin der Kinderklinik Wildermeth in Biel wird zitiert:

"Wir raten den Eltern zu warten, bis das Kind sich selbst entscheiden kann", sagt sie. In Biel wird nur noch operiert, wenn es durch die Ausbildung der Geschlechtsorgane zu Infektionen kommt oder der Stuhlgang behindert wird.


Die französische Version gefiel mir natürlich vom Titel her am besten, weshalb der Titel dieses Posts darauf zurückgeht. :-)  
>>> Le combat des hermaphrodites contre les opérations forcées (28.08.2009)  

Die englische Ursprungsversion. Hat als obligaten Videolink eine Doku über staatliche "Kinderzwangsarbeit in der Schweiz". Definitiv mal was anderes als das sonst grad übliche "Transsexuelle in der Politik" ;-)
>>> Doctors "playing God with children's sex" (26.08.2009)

Portugiesisch – vielleicht lern ichs ja mal noch, immerhin schon der 2. Artikel innert Wochenfrist ... :-)  
>>> Hermafroditas lutam pelo direito de decidir sexo (26.08.2009) 

Nachtrag 1.9.09: Jetzt auch auf chinesisch!
>>> 医生“主宰”着儿童的性别 (01.09.2009)

>>> Aktion & Offener Brief Inselspital Bern 16.8.2009

Tuesday 18 August 2009

Inselspital Bern: Aktion gegen genitale Zwangsoperationen 16.8.2009

(Bild: Ärger)

Am 16.8.2009 protestierte die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org vor dem Inselspital Bern. In einem Offenen Brief (PDF) wurden Verantwortliche kritisiert und die sofortige Beendigung der Zwangseingriffe gefordert. Auch wenn es dazu konkret noch ne ganze Menge mehr Druck braucht, wehte den Zwangsoperateure darauf aus den Medien eine ziemlich steife Brise entgegen ...

Nachdem leitende Ärzte aus dem Inselspital in den Medien verschiedentlich Zwangsoperationen öffentlich verharmlosten und propagierten, war nach der letztjährigen Sauregurkensonntagsaktion vor dem Kinderspital Zürich die Wahl diesmal auf die Bundeshauptstadt gefallen. Das Inselspital ist möglicherweise die grösste Zwangsoperationsklinik der Schweiz. Auch Nella war im Inselspital mit 2 1/2 Monaten zwangskastriert und mit 7 Jahren genital zwangsoperiert worden.

Erneut waren mehrere Demoteilnehmer_innen zum Teil einiges angereist, wie vor der UNO in Genf beteiligte sich auch ein solidarischer Kinderarzt. Dazu hatte uns eine stattliche lokale Solidelegation vor dem Spital erwartet. Fettes Dankeschön an alle!

Das französisch-schweizerische Fernsehen drehte für einen längeren Beitrag, mehrere Agenturen und Medien waren vor Ort, mehrere grosse Tageszeitungen brachten zusätzlich vorgängig gegebene Interviews. Durch die Vielzahl von Pressemeldungen erfuhren zahlreiche weitere Menschen im ganzen Land von den Menschenrechtsverletzungen an Zwittern und zeigten sich empört. Auch von SpitalbesucherInnen erhielten wir beim Flugblätter verteilen vielfach aufmunternde Kommentare.

Unsere Präsenz am Insel war nicht nur vor Ort weitherum unverkennbar. Der nächste Sauregurkensonntag kommt bestimmt! Zwangsoperateure passt bloss auf!!!

>>> Medienspiegel & Offener Brief Inselspital Bern 16.8.2009

Sunday 16 August 2009

«Menschenrechte auch für Zwitter» - Aktion & Offener Brief Inselspital Bern 16.8.09

(Bild: Peter Schneider / Keystone / Berner Zeitung)

>>> Offener Brief an das Inselspital Bern (PDF)

>>> Hintergrund: Genitale Zwangsoperationen im Inselspital  
>>> Bericht über die Aktion
 

Fettes Dankeschön an alle, die kamen!

Die Zwitter Medien Offensive™ geht weiter!

PRESSESPIEGEL

>>> «Menschenrechte auch für Zwitter»: Gelungene sda-Agenturmeldung (mit Kommentaren) zur Aktion im Inselspital. Auch die Alternativtitel lassen sich sehen, z.B. "Zwitter fordern Ende von Zwangsoperationen" (Tagesschau.sf.tv, mit Kommentaren – siehe auch Wiler Zeitung, mit anderem Bild, und viele andere mehr). Ebenso die slogantaugliche Kurzform "Zwitter gegen Zwangsoperationen" (vgl. weitere Treffer).

Gelungener Artikel von Christine D’Anna-Huber im Multipack:
>>>
Zwitter wie sie sollen nicht «zurecht gestutzt» werden
(Tages-Anzeiger Printausgabe 17.8.09 S. 2, online mit Kommentaren)
>>> «Zur Frau umgebastelt» (Der Bund, Printausgabe vom 17.8., Stadt & Region Bern)
>>>
Als Zwitter geboren: «Kastriert hat man mich»
(online an weiteren Orten).

Gelungener ganzseitiger Artikel von Andrea Sommer mit Kästen & Interview:
>>> Intersexualität: Das verwaltete Geschlecht
(Berner Zeitung; Printausgabe 17.8., S. 19)
>>> «Betroffene sollen wählen»
Aufsehen erregendes Interview mit der Chefärztin der Kinderklinik Biel.

Gelungener französischer Artikel von Vincent Donzé:
>>>
Opérations forcées: «on m'a castrée»
(Le Matin Printausgabe 18.8.09, S. 10, sowie online mit Kommentaren).

Gelungener Artikel von Clare O'Dea auf englisch, französisch, portugiesisch und chinesisch:
>>> Kampf der Zwitter gegen Genitaloperationen (dt. Teilübersetzung)
>>>
Doctors "playing God with children's sex"
>>>
Le combat des hermaphrodites contre les opérations forcées
>>> Hermafroditas lutam pelo direito de decidir sexo

>>> 医生“主宰”着儿童的性别

Interessanter portugiesischer Artikel von Alexander Thoele:
>>> Hermafroditas exigem fim das operações obrigatórias de sexo 

Hintergrundartikel von Nella & Seelenlos (Megafon 335, September 2009, S. 7-9):
>>> Geschlecht: Zwangsoperiert

Gelungener französischer Tagesschau-Bericht (TSR, 11.10.09):
>>> Le droit de choisir 

Französischer Dokfilm u.a. mit Nella und über die Aktion (TSR, 29.10.09):
>>> «Entre deux sexes»

Video mit Nella zum politischen Vorstoss betr. Inselspital (TeleBärn, 18.3.10):
>>> "Zwangsoperiert wird schon lange nicht mehr" - Inselspital lügt wie gehabt ...

Siehe auch:
- Aktion & Offener Brief Kinderspital Zürich 6.7.08 
-
Politischer Vorstoss gegen kosmetische Genitaloperationen an Kindern im Inselspital
- Rede 5. Treffen Netzwerk Intersexualität Kiel 6.9.2008  

Genitale Zwangsoperationen im Inselspital Bern

Menschenrechte auch für Zwitter!

Was 99% der Zwitter erlebt haben, ist verwandt mit sexuellem Missbrauch, ist verwandt mit Folter, ist verwandt mit Mädchchenbeschneidungen in Afrika, ist verwandt mit den medizinischen Experimenten, wie sie im 2. Weltkrieg in KZ‘s durchgeführt wurden

Wie in Basel, Lausanne, Luzern, Genf, St. Gallen und Zürich werden die Zwangsbehandlungen auch im Inselspital experimentell durchgeführt, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, ohne Qualitätssicherung und ohne jegliches Monitoring. Offiziell wird nicht einmal bekannt gegeben, wie viele und welche Eingriffe wo stattfinden.

Prof. Dr. med. Primus Mullis, Abteilungsleiter für pädiatrische Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel, Medizinische Universitäts-Kinderklinik Bern, liess 2007 noch gönnerhaft durchblicken, "unter den Ärzten [wachse] die Bereitschaft, ein unbestimmtes Geschlecht auch einmal sein zu lassen" (Das Magazin 36/2007).

Zacharias Zachariou, Direktor der Kinderchirurgie des Inselspitals, betonte demgegenüber, wie wichtig es sei, "möglichst in den ersten zwei Jahren nach der Geburt zu einer Entscheidung zu kommen" – gefolgt von der klassischen 'Begründung': "Stellen Sie sich einmal den psychischen Druck für ein Kind vor, das nicht weiss, ob es ein Knabe oder Mädchen ist. Oder wenn es mit den Jungs in die Umkleidekabine geht und die anderen sehen, dass es keinen Penis hat!" (NZZaS 13.07.2008)

Aufgeschreckt durch die zunehmende Medienpräsenz unzufriedener Zwangsoperierter schwenkte Primus Mullis wenige Monate später gänzlich um und behauptete plötzlich: "Hier werden keine Zwangsoperationen durchgeführt." Um dann im selben Atemzug als "Ausnahme in kosmetischer Hinsicht" diejenigen "Mädchen" zu nennen, die mit dem so genannten adrenogenitalen Syndrom geboren werden: "Die oft vergrösserte Klitoris werde wegen des sozialen Stigmas verkleinert." Bezeichnenderweise handelt es sich bei der "Ausnahme" AGS-"Mädchen" um die zahlenmässig grösste "Patientengruppe". (Der Bund 15.11.2008)

Fazit: Wie überall in der Schweiz werden auch im Inselspital nach wie vor wehrlose Zwitterkinder genital zwangsoperiert!

>>> Aktion & Offener Brief Inselspital Bern 16.8.2009

Tuesday 5 May 2009

Fachgespräch der Grünen, Berlin Mi 27.5.09 14-18h

Die aktuelle Zeitlinie 2009 mal über den Daumen gepeilt:

  • Seit 50 Jahren werden Zwitterkinder systematisch zwangsoperiert.
  • Seit 13 Jahren protestieren Zwangsoperierte in Deutschland öffentlich dagegen.
  • Seit 7 Jahren sind die Grünen am Debattieren. Und noch kein bisschen gescheiter.
  • Die Medizyner operieren dankend weiter ...

Immer, wenns ums Thema geht und die Abgeordneten der Bundestagsfraktion der Grünen auf ihren mangelnden Beitrag zur sofortigen Beendigung der genitalen Zwangsoperationen angesprochen werden, kramen sie die olle Anhörung von 2002 hervor mit ihren vollmundigen Ankündigungen. Konkret politisch für die Zwitter etwas getan haben sie seither – nichts.

Doch nun tun sie ja was. - Überraschung! - Ja, was denn? - Na, was habt ihr denn gedacht?!

Genau, die Grünen debattieren mal wieder:

>>> Fachgespräch 27.5.09 14h Bundestag [offline]
[ --> archiviert hier! (Danke!) ]

Einmal mehr sind als "Experten" hauptsächlich die üblichen Medizyner geladen vom "Netzwerk DSD/Intersexualität" ...

Hingehen! Obacht, elektronische Anmeldung erforderlich! Anmeldeschluss 18.5.!!

Nachtrag 1: Offener Brief von Michel Reiter an die Grünen (--> 6.5.09)

Nachtrag 2: Faltblatt von IVIM zum Fachgespräch

Nachtrag 3: Bericht von Kitty über das Fachgespräch

Nachtrag 4: Fachgespräch: Wie das "Netzwerk DSD" die "Lübecker Studie" frisiert

Siehe auch:
- Menschenrechtsverletzungen an Intersexuellen: Yogyakarta untaugliches Instrument
- Weltweit größte Zwitter-Studie straft Bundesregierung Lügen!
- CEDAW: Schriftliche Empfehlungen an die Bundesregierung
- Zwangskastrierte Zwitter müssen Ersatzhormone selber bezahlen
- "Netzwerk DSD/Intersexualität" und wir Intersexuellen - Mitsprache geht anders
- Wie das "Netzwerk DSD/Intersexualität" seine Versprechen bricht
- Weiße Kittel mit braunen Kragen, reloaded
- DIE LINKE: Streicheleinheiten für die Bundesregierung
- LSVD: Menschenrechte für Zwitter als Wahlprüfstein!    

Monday 6 April 2009

Rita Gobet, Kinderspital Zürich: Genitale Zwangsoperationen nur "ganz selten"

"Das Magazin", die Wochenendbeilage des "Tages-Anzeigers" und weiterer Blätter desselben Konzerns bringt traditionellerweise auf der letzten redaktionellen Seite ein Portrait unter dem Titel "Ein Tag im Leben von". In der Ausgabe 14/09 erzählt dort PD Dr. Rita Gobet, die Leiterin der urologischen Abteilung des Kinderspitals Zürich.

Schon im ersten Abschnitt outet sie sich als Ausführende bei Zwangsoperationen an Zwittern, in ihren Worten:

"Meine Aufgabe ist es zum Beispiel, einen Katheter zu legen, wenn die Blase wegen eines Tumors nicht mehr entleert werden kann, oder, was ganz selten vorkommt, undefinierte Geschlechter operativ zu korrigieren."

Um dann im zweitletzten Abschnitt den Bogen zu schliessen, wo sie das Thema "seltene Operation[en]" (das ansonsten nirgends mehr angesprochen wird) zum Abschluss bringt wie folgt:

"Auch abends, wenn ich zu Hause bin, kann ich meine Gedanken nicht einfach abschalten. Vor allem, wenn etwas Spezielles passiert ist. Ein Kind gestorben ist oder eine seltene Operation besonders gut gelungen ist."

>>> Ganzes Portrait lesen: hier oder ins Bild klicken (und dann ev. nochmals klicken, um den Artikel aufzuklappen)

Meine 2 Cent:

Über die etwas weniger "besonders gut gelungen[en]" "seltenen Operation[en]" sagt Rita Gobet wohlweislich nichts. Laut aktuellen Studien ist gerade bei zwangsoperierten Zwittern "Die Behandlungsunzufriedenheit [...] eklatant hoch", und auch die Eltern beurteilen "die behandelnden Ärzte/Ärztinnen schlechter als Eltern von Kindern mit anderen chronischen Erkrankungen" [sic!]. Auch ethische (PDF), juristische oder gar menschenrechtliche Bedenken bleiben bei Rita Gobet nach wie vor konsequent aussen vor.

Der obige Artikel ist meines Wissens nach das erste Mal seit über einem Dreivierteljahr, dass MitarbeiterInnen des Kinderspitals Zürich das "heikle" Thema genitale Zwangsoperationen an Zwittern – Pardon: "undefinierte Geschlechter operativ [...] korrigieren" – in der Öffentlichkeit überhaupt anschneiden. Seit der Protestaktion vor dem Kinderspital vom 7.6.08 in Verbindung mit der für die Zwangsoperateure wenig erfreulich verlaufenden Zwitter Medien Offensive galt intern trotz vieler Anfragen den Medien gegenüber absolutes Redeverbot.

Offensichtlich hält man in der Kinderchirurgie die Zeit nun reif für eine kleine Medizyner-Charme-Gegenoffensive. Ob sich dadurch das Rad der Zeit zurückdrehen lässt bzw. der für die Medizyner so lästige Ruf nach Menschenrechte, Selbstbestimmung und Recht auf informierte Zustimmung auch für Zwitter damit wieder zum Verstummen gebracht werden kann, wage ich mal zu bezweifeln. Ebenso, dass im Kinderspital Zürich oder sonstwo die Verantwortlichen je von sich aus Einsicht zeigen und mit den genitalen Zwangsoperationen freiwillig aufhören werden – jetzt, da sie noch die Möglichkeit dazu hätten ...

Siehe auch: Aktion & Offener Brief Kinderspital Zürich 6.7.08

Friday 6 March 2009

CEDAW im Bundestag: Nach bekanntem Muster

Mittlerweile ist das provisorische Sitzungsprotokoll (Nachtrag >>> vollständiges Protokoll als PDF) der 208. Sitzung vom 5.3. online. Die Bundesregierung war in Sachen CEDAW wie üblich vertereten durch Dr. Ursula von der Leyen, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ).

In Sachen Zwitter machte es sich die Ministerin denkbar einfach: Schweigen wie gehabt.

Auch zu allen anderen Themen rezyklierte sie zuverlässig altbekanntes: Das CEDAW-Komitee hat Deutschland nur gelobt, alles paletti, weiter nix ...

Allerdings hatte die Ministerin dabei die Rechnung letztlich ohne die Aufmerksamkeit der Abgeordneten gemacht. Aus dem Redebeitrag von Ina Lenk (FDP):

Auch die Alternativberichte der Allianz von Frauenorganisationen in Deutschland und des Juristinnenbunds sind bisher nicht im Ausschuss diskutiert worden. Frau Ministerin, Sie haben eine hauseigene Pressemitteilung vom 13. Februar zitiert, die wortgleich mit einer Pressemitteilung aus Ihrem Haus vom 4. März ist.

(Irmingard Schewe-Gerigk (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Unglaublich!)

Eine hauseigene Pressemitteilung, in der sich die Regierung über den Klee lobt, reicht aber wahrlich nicht aus.

Wiederholt wurde auch von Abgeordneten moniert, die Bundesregierung hätte die Empfehlungen des CEDAW-Komitees noch immer nicht ins Deutsche übersetzt – und auch das englische Original dem Parlament schlicht vorenthalten (!!) ...

Trotzdem war es dem Parlament nicht entgangen, dass die Bundesregierung in diesem "brisanten Papier" (Oliver Tolmein) nicht zuletzt wegen mangelnden Schutzes der Menschenrechte der Zwitter klar gerügt sowie zur Abfassung eines diesbezüglichen Zwischenberichts verknurrt wurde, was in der gestrigen Debatte dann verdankenswerter Weise auch sage und schreibe 3 (!!!) Parlamentarierinnen aufgriffen:

Irmingard Schewe-Gerigke (Grüne) erinnerte die Bundesregierung u.a. an die für Zwitter zentrale Empfehlung 62 des Komitees. In diesem Zusammenhang tauchte in der gestrigen Bundestagsdebatte gar das erste Mal das Wort "intersexuell" auf - im Gegensatz zu den CEDAW-Empfehlungen allerdings wieder in der "traditionellen", scheinbar gottgegebenen Reihenfolge:

Sie reagieren nur, wenn Sie das Bundesverfassungsgericht dazu zwingt. Das betrifft in letzter Zeit - das steht auch in den Berichten - die transsexuellen und intersexuellen Menschen. Dazu findet sich kein Wort von Ihnen im Länderreport. Die Rüge der Vereinten Nationen kam postwendend.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP)

Nicht, dass ich persönlich die Reaktionsfähigkeit irgendeiner Bundesregierung der letzten 60 Jahre in Sachen Zwitter höher einschätzen würde. Diesbezüglich finde ich die Beschreibung ziemlich akkurat. Nur: Dass es zu "Intersexuellen" z.B. gar keine Bundesverfassungsgerichtsentscheide gibt, wer weiss das schon? Wen interessiert das schon?

Das zweite Mal wurden Zwitter erwähnt von Caren Marks (SPD) – mensch beachte die Reihenfolge, oho!

Wir wollen keine Diskriminierungen von lesbischen Frauen oder inter- und transsexuellen Menschen.

Dito zum Dritten wurden Zwitter und der Schattenbericht eingebracht von Kirsten Tackmann (DIE LINKE):

Noch viel mehr Kritik steht im Alternativbericht zur UN-Frauenkonvention CEDAW, den uns Abgeordneten im vergangenen Dezember 28 Frauenorganisationen vorgelegt haben, gemeinsam mit einem alarmierenden Bericht zur Situation inter- sowie transsexueller Menschen in unserem Land. Dieser engagierten Arbeit ist es zu verdanken, dass die real existierenden Mängel der bundesdeutschen Gleichstellungspolitik und Frauenpolitik deutlich benannt wurden. Alle diese Berichte widersprechen dem allzu selbstgefälligen Bericht der Bundesregierung in ganz wesentlichen Punkten. Aber Kritik nutzt nur, wenn sie gehört wird. Deshalb sehe ich diese Alternativberichte als Hausaufgaben für das Parlament und uns Abgeordnete. Wir müssen erzwingen, dass die Bundesregierung die UN-Frauenkonvention endlich erlebbar durchsetzt.

(Beifall bei der LINKEN)

Endlich ein Votum, das konkrete Taten fordert! Leider ist aber genau DIE LINKE diejenige Partei, deren eigene "Aktivitäten" dieses Lippenbekenntnis zumindest in Sachen Zwittern klar Lügen strafen: seit über 5 Monaten sitzt die Linke auf dem Schlauch bei einer praktisch fixfertigen kleinen Zwitter-Anfrage, die sich u.a. genau auf den Schattenbericht bezieht und von der Bundesregierung diesbezüglich Rechenschaft verlangt und sie zum Handeln auffordert!

Fazit: Das die Zwitter wenigstens erwähnt werden, und nicht mal mehr ausschliesslich als Schlusslicht, ist ja schon mal etwas. Alles in allem reicht es es aber konkret noch lange nicht für eine Trendwende: Mit wohlklingenden Absichtserklärungen, denen keine Taten folgen, ist den Zwittern nicht geholfen (noch sonstwem) ... Genau an letzterem haperts aber speziell im Bundestag nach wie vor, und zwar gewaltig! Wann folgen auch dort – wie jüngst in Hamburg – endlich massiert konkrete und hartnäckige Vorstösse? Wer macht den Anfang? Wer zieht alles nach? Und nicht zuletzt: Wieviele bleiben dran, bis endlich konkrete Resultate herausspringen?

Ansonsten werden auch morgen, nächste Woche, nächstes Jahr usw. wehrlose Zwitterkinder nach dem altbekannten Programm zwangsoperiert. Und alle werden sie im Bundestag weiter dazu schweigen (oder allenfalls schön reden) und weiter wegschauen.

So wurden auch in der heutigen Pressemitteilung des Bundestags zur CEDAW-Debatte die Zwitter einmal mehr schon gar nicht erst erwähnt ... Auch die gestrige DDP-Meldung unterschlägt die Zwitter, erwähnt aber (im Gegensatz zur Bundestagsmeldung)  immerhin in einem Nebensatz "25 Beanstandungen der UN zum jüngsten deutschen CEDAW-Bericht".

(Danke an Lucie für den Hinweis auf das 2. und 3. Zwitter-Zitat. Im provisorischen Protokoll noch nicht enthalten: die Behandlung des Yogyakarta-Antrags und weiterer der Grünen später in derselben Sitzung.)

Nachtrag: Bundestag lehnt Yogyakarta-Vorstoss der Grünen ab

Bundestags-Suchmaschine zu "Intersexualität":
http://suche.bundestag.de/searchAction.do?queryAll=&queryOne=intersexuell+intersexuelle+intersex

Siehe auch:
- Schattenbericht Intersexuelle Menschen e.V.
- Schattenbericht: Bundesregierung leugnet Menschenrechtsverletzungen an Zwittern 
- Zwitter-Demos vor der UNO 26.1.
- Weitere Medienberichte zu Genf
- Genf: UNO mahnt Bundesregierung
- CEDAW: Schriftliche Empfehlungen an die Bundesregierung
- Oliver Tolmein zu CEDAW-Empfehlungen
- Offener Brief des Deutschen Juristinnenbundes erwähnt Zwitter

Thursday 5 February 2009

Genf: UNO mahnt Bundesregierung

Medienpräsenz an der Mahnwache vom 2.2. (Bild: Ärger)

In Genf signalisierte der CEDAW-Ausschuss der Bundesregierung unmissverständlich: Menschenrechte gelten auch für Zwitter! Die an Zwittern mit dem Segen der Bundesregierung üblichen genitalen Zwangsoperationen widersprechen dem klar, eine informierte Zustimmung durch die Betroffenen ist in jedem Fall notwendig! Ein grosser Erfolg für die Interessenverbände der Zwitter, die vor Ort lobbyiert und mit mehreren öffentlichkeitswirksamen Aktionen auf die an ihnen nach wie vor täglich begangenen, massiven Menschenrechtsverletzungen aufmerksam gemacht hatten. Letztere wurden auch von den lokalen westschweizer Medien breit und positiv aufgegriffen.

In seiner 43. Session überprüfte der UN-Ausschuss CEDAW am vergangenen Montag, den 2. Februar 2009, den 6. Staatenbericht der Bundesrepublik Deutschland zum Übereinkommen über die Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau. Intersexuelle Menschen e.V. und XY-Frauen hatten dazu in Zusammenarbeit mit einer Allianz von 28 Frauenverbänden und weiteren Organisationen einen eigenen Schattenbericht eingereicht.

Überraschend deutlich mahnte nun das CEDAW-Komitee die Bundesregierung:

Es sei der Wille des Ausschusses, dass auch Zwitter "die vollen Menschenrechte erhalten" müssen, was deren Verbände seit jeher fordern. Hier hätte die Bundesregierung noch "viel zu verändern".

In Bezug auf die von der Bundesregierung seit über 12 Jahren immer wieder gutgeheissenen genitalen Zwangsoperationen, Zwangskastrationen und sonstigen nicht-eingewilligten Zwangsbehandlungen an Zwittern hielt das Komitee unmissverständlich fest, auch Zwitter hätten "immer" das Recht auf "volle informierte Zustimmung". Dies ist für Zwitter von spezieller Bedeutung, da Mediziner mit Rückendeckung der Bundesregierung bisher stets behaupteten, die Einwilligung der Eltern zu den Zwangseingriffen sei ausreichend, die Zustimmung der Betroffenen zu den "kosmetischen" Zwangseingriffen sei gar nicht erforderlich.

Weiter mahnte das Komitee, dass es sich um "rechtlich verbindliche Elemente" handle.

Ferner rügte der Ausschuss die Nicht-Beantwortung einer vorgängigen schriftlichen Frage des Ausschusses durch die Bundesregierung, und rügte die Bundesregierung weiter ebenfalls überraschend deutlich dafür, dass sie bisher jegliche Kommunikation mit den Interessenverbänden der Zwitter stets verweigert hatte.

Die vor Ort anwesenden VertreterInnen der Bundesregierung verweigerten ihrerseits wie gewohnt einmal mehr jede konkrete Antwort zu den massiven Menschenrechtsverletzungen an Zwittern, was vom Komitee übrigens sehr wohl bemerkt wurde.

Immerhin hielt die Regierungsdelegation in einer Erklärung fest, man habe die Anliegen der Zwitter zur Kenntnis genommen und werde mit ihnen in einen Dialog treten. In einem ersten Schritt dazu wurde nach Sitzungsende mit einem anwesenden Mitglied vom "Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe" des Bundestags die Visitenkarten ausgetauscht und ein Gespräch in Aussicht gestellt.

Begleitend zur CEDAW-Session organisierten betroffene Menschen auf der Place des Nations zwei Mahnwachen und eine Protestkundgebung. Diese fanden in den lokalen Medien grosse Beachtung und dienten als Anlass zu umfassender Berichterstattung zur grundlegenden Problematik der genitalen Zwangsoperationen an Zwittern u.a. in Le Matin, Le Temps, La Tribune de Genève und Le Courrier. Weiter berichteten FAZ Online und die kolumbianische Site El Tiempo veröffentlichte einen Clip.

Nachtrag: Diese Meldung auch auf Vorwaerts.ch.

Siehe auch:
- Schattenbericht Intersexuelle Menschen e.V.
- Schattenbericht: Bundesregierung leugnet Menschenrechtsverletzungen an Zwittern 
- Zwitter-Demos vor der UNO 26.1.
- Weitere Medienberichte zu Genf
- Genf: UNO mahnt Bundesregierung
- CEDAW: Schriftliche Empfehlungen an die Bundesregierung
- Oliver Tolmein zu CEDAW-Empfehlungen
- CEDAW: Offener Brief des Deutschen Juristinnenbundes erwähnt Zwitter
- CEDAW im Bundestag: Nach bekanntem Muster

Wednesday 28 January 2009

Zwitter-Demos vor der UNO 26.1.

Nella: "Ich habe eine richtige Folter erlebt" Nicolas: "Ich diente als Versuchskaninchen"
(Bild: Le Matin, 27.01.09)

Während im 5. Stock des Palais des Nations im Saal XVI das CEDAW Committee betreffend Zwitter wenn überhaupt, dann praktisch ausnahmslos im Zusammenhang mit "Geschlechtsidentität" und "sexuelle Orientierung" debattierte, machte vor dem streng abgeschirmten UNO-Gelände auf dem Place des Nations eine kleine Demo auf die Zwangsoperationen und sonstigen medizinischen Verbrechen an Zwittern aufmerksam und forderte deren sofortige Abschaffung.

Schon am Morgen wurde eine Mahnwache abgehalten, der sich nebst Nella, Nicolas von OII Westschweiz sowie meiner Wenigkeit auch ein Mitglied der deutschen NGO-Delegation anschloss sowie ein solidarischer Mediziner im Ruhestand (!).

(Bild: Ärger)

Die gesamte Delegation von Intersexuelle Menschen e.V. in Begleitung der Delegationsleiterin der Frauenallianz verschob sich im Anschluss in die Cafeteria des Palais Wilson zu einer Audienz beim Hochkommissariat für Menschenrechte, verhandelte die allgemeine Problemlage sowie spezielle Vorfälle einzelner Zwitter wie Entlassungen und Drohungen als Folge ihres Kampfes um ihre Menschenrechte.

An der Demo am Nachmittag solidariserte sich auch eine Delegation des lokalen Schwulenverbandes 360°, der auch einen Reporter für einen Bericht in seiner gleichnamigen Zeitschrift aufbot. Von den kommerziellen Medien kam Le Matin, der am Folgetag ebenfalls einen sehr gelungenen Bericht druckte, der kein Blatt vor den Mund nahm und in dem Nella und Nicolas Klartext über die Zwangsbehandlungen redeten.

(Bild: Tul)

Schon im Vorfeld dieses 1. Aktionstages hatte es am 23.01.09 einen kurzen Bericht in Le Matin Bleu und am 24.01.09 einen etwas längeren in Le Temps, in denen Nella und der Lausanner Kinderpsychologe François Ansermet Klartext redeten über den Kampf der Zwitter gegen Zwangsoperationen.

Auch während der NGO-Sitzung der 43. CEDAW Session wurden Zwitter in den Fragen des Committees knapp ein Dutzend Mal erwähnt – oder besser gesagt "mitgemeint". In bekannter Manier gings um "Geschlechtsidentität" hier und "sexuelle Orientierung" da, und da und hier, und hier und dort, usw. Offensichtlich dachten die meisten, "Intersexualität" sei eine besondere Form von (iih) Transsexualität oder irgendwelche "speziell abartigen" (igitt!) Sex-Praktiken. Auch in der Pressemitteilung des CEDAW Committees war lediglich von "identity" die Rede.

Soweit, so wie gehabt. Erst ganz zum Schluss der NGO-Sitzung dann doch ne Überraschung: Der letzte Frager tanzte aus der Reihe und thematisierte die mangelnde informierte Zustimmung und erwähnte die Eingabe vom 17.01.09, welche die Frage 24 des Committee kritisierte, in der ebenfalls lediglich von "Geschlechtsidentität" die Rede war.

Laut einer NGO-Beraterin gäbe es innerhalb des Committees seit längerem Kontroversen darüber, Genderthemen einzuschliessen oder nicht, und der deutschen Delegation sei es nun dieses Jahr endlich gelungen, "Sexualität" auch innerhalb von CEDAW zu einem "Thema" zu machen. Zwitter als Türöffner für andere, einmal mehr. Wobei das Committee zu diesem Thema offensichtlich etwas Nachhilfe z.T. sehr gebrauchen könnte. Fragt sich bloss, was für die Zwitter selber dabei rausspringt. Dies wird sich am nächsten Montag zeigen, wenn die "low level" Gesandtschaft der Bundesregierung dem Committee Rechenschaft ablegen sowie Red und Antwort stehen muss -- hoffentlich nicht nur über "gender identity" und "sexual orientation" ...

(Bild: Ärger)

Parallel dazu muss Deutschland auch das Länderexamen des Menschenrechtsrates durchlaufen -- und wird auch dort wohl kaum auf die Menschenrechtsverletzungen an Zwittern durch Zwangsoperationen, Zwangskastrationen und Zwangshormonbehandlungen angesprochen werden -- genau so wenig wie irgend ein anderes zwangsoperierendes Land.

Damit sich dies endlich einmal ändert, wird es an diesem Mo 02.02.09 09-17h eine weitere Mahnwache auf dem Place des Nations geben -- und auch künftig weitere Aktionen ...

Siehe auch:
- Schattenbericht Intersexuelle Menschen e.V.
- Schattenbericht: Bundesregierung leugnet Menschenrechtsverletzungen an Zwittern 
- Zwitter-Demos vor der UNO 26.1.
- Weitere Medienberichte zu Genf
- Genf: UNO mahnt Bundesregierung
- CEDAW: Schriftliche Empfehlungen an die Bundesregierung
- Oliver Tolmein zu CEDAW-Empfehlungen
- CEDAW: Offener Brief des Deutschen Juristinnenbundes erwähnt Zwitter
- CEDAW im Bundestag: Nach bekanntem Muster

Sunday 16 November 2008

Angeblich "keine Zwangsoperationen" in der Schweiz gemäss Prof. Primus Mullis - "Der Bund", 15.11.2008

Die Zwitter Medien Offensive™ geht weiter!

In der Ausgabe der Schweizer Tageszeitung "Der Bund" vom 15. November 2008 erschien ein ganzseitiger Artikel "Frauen, Männer und Intersexuelle" über Intersexualität (Bild: Beat Schweizer/Der Bund).

>>> PDF-Download (402 kb)

Die Journalistin Pascale Hofmeier thematisiert anhand meiner Geschichte "Zwangskastrationen" und "Zwangsoperationen", spricht von "Aktivistinnen", die finden, dass ohne die Einwilligung des Kindes "keine kosmetischen Operationen durchgeführt werden" dürfen:

In der Ungewissheit zu leben, sei für Eltern und Kinder zwar schwierig, aber es gebe keine Alternative. «Intersexuelle Kinder sollen in dem Geschlecht aufwachsen dürfen, das sie selber wählen.» Und es müsse künftig «Intersexuell» als Geschlecht neben Mann und Frau zur Wahl stehen – auch für amtliche Dokumente.

"Heute würde man es anders machen", meint dazu Prof. Dr. med. Primus Mullis, Abteilungsleiter für pädiatrische Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel, Medizinische Universitäts-Kinderklinik Bern – zumindest "[w]as die Schweiz betrifft":

Seit er am Inselspital arbeite, seit 1991, seien keine Zwangskastrationen mehr durchgeführt worden.

Mullis wehrt sich deshalb entschieden gegen den Vorwurf, "noch immer würden kosmetische Eingriffe an den Genitalien Neugeborener vorgenommen":

«Hier werden keine Zwangsoperationen durchgeführt.» Eine Ausnahme in kosmetischer Hinsicht bestehe bei Mädchen mit einem adrenogenitalen Syndrom, einem Überschuss an männlichen Hormonen. Die oft vergrösserte Klitoris werde wegen des sozialen Stigmas verkleinert.

Fazit: Allen schönen Worten zum Trotz - es wird also doch munter weiter zwangsoperiert, wie Professor Mullis schon andernorts festgestellt hat, wenn er beispielsweise von der unter Ärzten wachsenden Bereitschaft spricht, "ein unbestimmtes Geschlecht auch einmal sein zu lassen, wenn es sich medizinisch vertreten lässt" (1) oder betont, "dass es durchaus Arten von Geschlechtsstörungen gebe, die operationswürdig seien" – was sich jedoch "nur von Fall zu Fall und nicht generell" (2) beurteilen lasse. Bezeichnenderweise handelt es sich bei der "Ausnahme" AGS-"Mädchen" um die zahlenmässig grösste "Patientengruppe".

Der Artikel schliesst mit der Aussage der Soziologin Kathrin Zehnder, die einmal mehr Klartext redet:

«Die Ärzte klären Betroffene und Eltern oft nicht über die Möglichkeiten auf, mit den zuordnenden Eingriffen zu warten», sagt Zehnder. Dies sei einer der Gründe, weshalb Eltern oft nicht den Mut hätten, ihren Kindern die Entscheidung selber zu überlassen.

Bis es einmal soweit ist, muss der Druck auf die Mediziner weiter erhöht werden.

(Nachtrag: Auf bund.ch inzwischen offline.)

>>> Artikel PDF-Download (402 kb)

Siehe auch:
- Genitale Zwangsoperationen am Inselspital Bern 
- Aktion & Offener Brief Inselspital Bern 16.8.2009
- Do 18.3.10: Politischer Vorstoss betreffend kosmetische Genitaloperationen an Kindern im Inselspital Bern

Sunday 6 July 2008

Aktion & Offener Brief Kinderspital Zürich 6.7.08

--> Der OFFENE BRIEF      --> das Flugblatt zur Aktion (PDF)

--> TAGESSCHAU VIDEO + Transkription + mehr

Weitere Medienberichte: Landbote 7.7. / Tages-Anzeiger 7.7. / 20 Minuten 8.7. / Tachles 11.7. / NZZaS 13.7.
Bildstrecken:
Dominik Huber / Ärger (1) / Ärger (2)

Tagesschau vom 06.07.2008, 19:30
Intersexuellen-Demonstration
Menschen, die keinem der beiden Geschlechter zugeordnet werden können, nennt man Intersexuelle. Bislang wurden diese Menschen als Baby operativ korrigiert, um ein geschlechtstypisches Aussehen herzustellen. Dagegen demonstrierten Betroffene in Zürich. --> mehr

                                                             Bild: © Ärger

Tagesschau Schätzungsweise 2 bis 3 % der Weltbevölkerung ist keinem der beiden Geschlechter zuzuordnen. Oft werden diese Menschen bereits als Baby, also ohne ihre Einwilligung, operativ korrigiert, um ein geschlechtstypisches Aussehen herzustellen. Viele werden dabei gleichzeitig auch kastriert. --> mehr

                                                             Bild: © Dominik Huber

nella aber ich wäre nicht mein leben lang von hormonen abhängig, ich hätte keine immer wieder kehrenden 'komischen empfindungen' (phantomschmerzen) zwischen den beinen, die ich schon als kind immer empfand, wo ich mich jeweils irgendwo weinend verkriechen musste, einmal rannte ich aus der schule nach hause deswegen, die heute oft im zusammenhang mit einer 'blasenentzündung' auftreten. --> mehr

                                                             Bild: © Ärger

OFFENER BRIEF Auch aus ethischen und juristischen Gründen sind prophylaktische Gonadektomien und geschlechtszuweisende chirurgische Genitalkorrekturen an Kindern ohne deren informierte Zustimmung strikt abzulehnen. --> mehr

                                                             Bild: © Ärger

Flugblatt (PDF) Wir möchten mit einem OFFENEN BRIEF DER SELBSTHILFEGRUPPE ZWISCHENGESCHLECHT.ORG AN DAS KINDERSPITAL ZÜRICH gegen diese unmenschliche Praxis protestieren und und dazu beitragen, das öffentliche Tabu um diese systematischen Menschenrechtsverletzungen zu brechen. --> mehr

--> Der OFFENE BRIEF und --> das Flugblatt zur Aktion

--> TAGESSCHAU VIDEO inkl. Transkription und mehr!

Die Zwitter Medien Offensive™ geht weiter:

Landbote 7.7. / Tages-Anzeiger 7.7. / 20 Minuten 8.7. / Tachles 11.7. / NZZaS 13.7.
Bildstrecken:
Dominik Huber / Ärger (1) / Ärger (2)

Tuesday 18 September 2007

Offener Brief von Claudia Kreuzer an das Netzwerk Intersexualität

Querkreuzer (Claudia & Frances Kreuzer)

Trier den 4. September 2007

Sehr geehrte Damen,
sehr geehrte Herren des „Netzwerk Intersexualität“

Lassen Sie mich bei den letzten Minuten des letzten Treffens vor der Tür beginnen.
Dort kündigte ich Frau Prof. Dr. med Thyen meinen baldigen Austritt aus dem Netzwerk an. Ich denke das wird kein großer Verlust für mich wie auch für Sie, möglicherweise jedoch Einer für die Betroffenen sein. Ich erlaube mir, mir deshalb noch etwas Bedenkzeit für meinen Austritt zu lassen. Andere Betroffene möchten noch vorher darüber mit mir sprechen.
Aber vielleicht brauche ich dies, nach den folgenden Worten, ja noch nicht einmal mehr selbst zu tun.

Ich möchte Ihnen, im Vorfeld meiner anstehenden Entscheidung, noch ein paar sehr persönliche Zeilen aus meinem Erleben des Netzwerkes, der beteiligten Personen und des Themas unterbreiten.

Am Freitag Abend hatte ich wieder mal eine „freundschaftliche Diskussion“ mit Wissenschaftlern des Netzwerkes über die persönliche Anrede untereinander. Das Ergebnis war, dass von Seiten der an der Diskussion beteiligten Mediziner der Vorschlag kam „ ...dass es das einfachste wäre sich mit „Du“ und Vornamen anzureden“.
Diese Diskussion hatte ich, wie gesagt, schon mehrfach mit verschiedenen Personen des Netzwerks, aber „Sorry“, ich kann einfach nicht über meinen Schatten springen und Sie, verehrte Damen und Herren mit „Du“ anreden. Obwohl ich doch die überwiegende Zahl anderer Mediziner, die ich seit Jahren und Jahrzehnten aus anderen Zusammenhängen kenne, „Duze“.
Vielleicht liegt dies an meiner frühen Kindheitsgeschichte, nehme ich doch wahr, dass es Ihre beruflichen Vorgängergenerationen waren, die sich berufen fühlten an mir und meinesgleichen Korrekturen vorzunehmen.
Wie dem auch immer sei, ich habe es bisher generell vermieden, mit Ausnahme von Meinesgleichen, irgend jemanden im Netzwerk zu Duzen.

Mit gutem Grund, wie sich am Samstag, im Verlaufe des Vortrages von Frau Prof. Dr. med Thyen zu den Ergebnissen der Studie und während des Vortrages von Frances zeigte. Sie verzeihen mir Frau Prof. Thyen, ich habe ein ganz schlechtes Gefühl für die Betroffenen dabei. Aber davon später.

Was mich emotional am meisten aufregte war jedoch der Tumult der während des Vortrages von Frances entstand.
Sie denken nun sicher das Falsche. Es war sicher weniger das Verhalten und die Reaktionen von Herrn Prof. Dr. med. Westenfelder. Sie werden es kaum glauben, ich schätze seine und Frau PD Dr. med. Kreges Fähigkeiten, hinsichtlich ihrer Operationstechniken, sehr hoch ein. Das nicht zuletzt aufgrund der Vorträge von Herrn Prof. Dr. med. Westenfelder und Frau PD Dr. med. Krege, zuletzt in Hamburg mit einem glänzenden Vortrag. Für die, - die operiert werden wollen-, sicher eine gute Wahl.
Zudem bin ich Herrn Prof. Dr. med. Westenfelder sogar ein wenig dankbar für seine gezeigte Reaktion. Sie war überhaupt die erste öffentliche Reaktion eines Mediziners aus dem Netzwerk auf Aktivitäten Betroffener. Den einzigen Vorwurf den man ihm, wie aber auch allen übrigen Teilnehmern, machen könnte wäre der, dass sich, in dem entstehenden Tumult und seinen ausufernden, aus unserer Sicht unbegründeten, Spekulationen, niemand mehr dafür interessierte, warum wir die Sammlung von Rechtsgrundlagen so schnell und kommentarlos abspulten.
Es ist halt immer – chronisch- sehr wenig Zeit für die Betroffenen, um die es ja eigentlich geht. Es wäre für Sie und Ihre Arbeit im Hinblick auf die Studie sicher interessant gewesen, die Konsequenzen dieser Rechtstexte, unser nicht zum Zuge gekommenes Resümee, auf die soziale Lebenssituation und damit auf die –zukünftige- „Zufriedenheit“ der Betroffenen, kennen zu lernen.
Aber das fand ja leider nicht mehr statt.

Aber der Tumult hatte auch, zumindest für mich, eine positive Erkenntnis, die an zwei, drei Stellen des Tumultes, - deutlich hörbar- von Medizinern des Netzwerks geäußert wurde:
Das war sinngemäß jener Satz: „... wir sollten doch nicht die wenigen Mediziner die auf unserer Seite seien und sich um uns bemühten mit solchen Sachen verschrecken..., ...dann ginge nachher gar nichts mehr!“ Vor etwa zwei, drei Jahren hat mir ein Mediziner, auf meinen Film mit Arte hin, ein ähnliches E- Mail geschickt, in welchem er behauptete, dass solche Aktivitäten der Betroffenen in der Öffentlichkeit letztlich nur dafür sorgten, dass die Abtreibungsraten intersexueller Kinder in die Höhe gingen......

Ich fasse die Inhalte beider Äußerungen als Drohung gegen das Leben und die Gesundheit von mir und meinesgleichen auf. Ich kann aus meiner zutiefst empfundenen Achtung vor dem Leben nur hoffen, dass sich, für die Medizin, die Mediziner und die Betroffenen, Äußerungen dieser Qualität nicht eines Tages gegen Sie selbst wenden.
Niemand von Seiten der Ärzteschaft und auch sonst Niemand hat das Recht uns mit möglichem Hilfe- und damit Behandlungsentzug zu drohen.
Nicht wir haben diese Situation geschaffen in der wir uns befinden, sondern die Medizin hat dies, in maßloser Selbstüberschätzung, verursacht.
Sie und diese Gesellschaft haben daher, für jeden Einzelnen von uns,
- die Verpflichtung-
alles Erdenkliche zu tun, damit die Behandlungsfehler der Vergangenheit in der Zukunft keine Fortsetzung finden und die bereits von Fehlbehandlung Betroffenen die erforderliche Hilfe bekommen.
Es kann nicht sein, dass ein „Netzwerk- IS“ unter der Überschrift „Betroffenen helfen zu wollen“, im letzten Jahr des monetär- staatlich geförderten Bestehens dieses Netzwerkes, zu dem Schluss kommt, dass sich bisher so gut wie keine Erwachsenen- Mediziner an der Problembehebung beteiligen.
Ich darf, in aller Bescheidenheit und sicher im Namen aller Betroffenen die u.A. hoffnungsvoll an Ihrer Studie teilnahmen, Sie, meine Damen und Herrn Wissenschaftler des „Netzwerkes- IS“ fragen:
Welche Probleme haben Sie hinsichtlich der Therapien von erwachsenen Intersexuellen erkannt und welche medizinischen Lösungen haben Sie dafür?

Ich bin mir sicher, dass ich darauf keine Antwort erhalten werde.
Das Einzige was sich sicher durch die bloße Existenz des Netzwerkes geändert hat, ist dass es erwiesen ist, dass die Verträglichkeit einer Hormonersatztherapie mit Testosteronen für XY- chromosomale IS erheblich verträglicher ist als eine Östrogentherapie. Und das ist zudem noch eine Erkenntnis die, die Betroffenen, ohne Zugriff auf „große“ millionenschwere Analysegeräte zu haben, selbst erarbeitet haben. Und sogar noch Einiges darüber hinaus.
Das lehrt uns Betroffene zudem, dass der „Erfolg“ nicht immer von der „Größe“ und dem „Vorhandensein“ des „Gerätes“ abhängig ist.
Sie dürfen also weiter gespannt sein.
Täuschen Sie sich jedoch nicht, dass wir so blauäugig sind und den Spruch „... wir wissen über IS zu wenig...“, für „bare Münze“ nehmen. Ich glaube, dass das was wir allenthalben als „neu“ „ zum Besten“ gaben, bei Ihnen schon längst bekannt ist.

Und ich persönlich befürchte, nach den Offenbarungen von Frau Prof. Thyen hinsichtlich der Modalitäten zur Auswertung der Studiendaten, dass wir auch dort wieder Interpretationen ausgeliefert sein werden.
Übrigens, so ganz nebenbei, Ihre Zahlen der Studie, wiedersprechen ganz eklatant den dem Zahlenwerk das der Bundestag neulich unter Bezugnahme auf das „Netzwerk-IS“ und Sie Frau Prof. Thyen veröffentlichte.
Ich stellte in diesem Bericht zudem fest, dass ich offensichtlich zur Gruppe derer gehöre die wohl medizingeschlechtzuweisungskonform sind.
War doch da die Rede von Betroffenen, die sich –sogar- mit eigenen Beiträgen am „Netzwerk-IS“ beteiligen und den –Anderen- „offensichtlich eine kleine Minderheit Unzufriedener“ die sich beschweren. So habe ich meine Bemühungen und die anderer Betroffener im Netzwerk bisher aber nicht aufgefasst.
Hätt` man mich doch mal gefragt!
Ich denke an dieser Stelle, dass ich mich nicht weiter, z.B. über Diagnosen der „kompletten testikulären Feminisierung“ und deren Behandlung mit Androgenrezeptorblockern o.ä. auslassen muss, um die Behandlungsqualität und damit die Gründe der Unzufriedenheit zu dokumentieren.
Vielleicht erklärt das aber u.A. auch, die gegenüber den Unmündigen erheblich geringeren Teilnehmerzahlen an Erwachsenen bei Ihrer Studie. Vielleicht ist es aber auch gerade der große Überhang der Unmündigen, der den, möglicherweise erwünschten, Spielraum der Interpretation der Studie erweitert.
Aus meiner Sicht sind es,
neben den teilweise katastrophalen Therapiefolgen,
der begründeten Angst vor möglichen Behandlungsnachteilen,
der durch die Medizin suggerierten Angst vor sozialer Ausgrenzung,
dem Bewusstsein wider besseres medizinisches Wissen zum Hormon- Junkie gemacht worden zu sein,
und der Erkenntnis der Ohnmacht gegenüber dem Kollektiv der Medizin,
die in eine physische und psychische Resignation mündet, die dafür sorgt, dass erwachsene Betroffene alles was mit Medizin zu tun hat möglichst meiden.
Auch Ihre Studie.

Aus meiner Gesprächserfahrung glauben viele Betroffene Ihnen daher auch einfach nicht, dass Sie was ändern wollen. Was hat sich denn für die erwachsenen Betroffenen seit „Netzwerk-IS“ welches sich nun bereits seinem letzten Existenz- Jahr nähert geändert? Das Netzwerk war wirklich vielleicht mal eine Chance, aber die wurde aus meiner Sicht vertan.
Lassen Sie mich Ihnen, kurz vor Schluss, in diesem Zusammenhang noch eine Begebenheit mitteilen:
So habe ich mit einer Mutter mit IS- Kind, nach ihrer Teilnahme an der Studie, ein Telefonat geführt, bei welchem Sie mir ganz stolz und in dieser Reihenfolge berichtete, dass es ihr doch wohl ganz gut gelungen sei zu vermitteln, dass der behandelnde Arzt Ihres Kindes gut sei und es dem Kind dementsprechend auch gut ginge.

Ich bin jetzt etwas müde und möchte auch, um Ihre kostbare „klinische Zeit“ nicht über Gebühr in Anspruch zu nehmen, zum Schluss kommen.

Wissen Sie, egal welche Inhalte oder Fakten wir, als Betroffene, Ihnen, als Mediziner, unterbreiten würden, alles wäre als ein Affront gegen Sie und Ihre Tätigkeit an uns auslegbar.
Und wissen Sie was, solange die Medizin sich Ihre selbstgeschaffenen virtuellen Realitäten in den Rang eines Naturgesetztes erhebt, wird es dem Grunde nach auch für uns oder andere Menschen die auf die Hilfe der Medizin angewiesen sind, unüberwindbar immer so bleiben.
Die Medizin hat sicher vielen Menschen sehr viel Leid erspart und gelindert, aber daraus lässt sich nicht der ultimative Anspruch der therapeutischen Unfehlbarkeit ableiten.
Bei uns liegt es daran, dass die Medizin sich, bereits meist am ersten Tag unseres Lebens, über unsere Rechte, die Gesetze und die Natur hinweg setzt und damit diesen Widerspruch in unsere physische und psychische Existenz implementiert.
Das wird z.B. auch sicher nicht dadurch geheilt, dass man IS in TS umdeklariert und damit eine medizinisch falsch getroffene Entscheidung, wiederum zu Lasten der Betroffenen, nun als psychische Erkrankung (so das BSG) verkauft. Oder dass man sogar ein Recht auf „Nichtwissen“ u.a.m. bemüht um die Betroffenen in die Fremdentscheidung zu zwingen.

Wir sind die Karnickel eines Freilandversuches. Nicht mehr und nicht weniger.
Wir sind, wenn nötig, das schmückende Beiwerk, auf das die staatlichen Mittel sprudeln.
Nicht mehr und nicht weniger
Unsere Existenz ist überflüssig, wenn das Ergebnis bekannt ist.
Nicht mehr und nicht weniger
Ist das Ergebnis bekannt, müssen die Karnickel selbst sehen, wie es weitergeht.
War halt ein Versuch und wir sind nur Kollateralschäden .............
Nicht mehr und nicht weniger

Ich wünsche mir an dieser Stelle, dass der Hinduismus oder Buddhismus mit seinen Theorien über die, aus den im Vorleben resultierende Qualität der folgenden Wiedergeburt, zutrifft.
Vielleicht finden Sie dann, wenn Sie es mal selbst erlebt haben, auch die Erleuchtung.
So wie bisher geht es jedenfalls nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Claudia Kreuzer
Ein maßlos enttäuschtes Karnickel

Siehe auch:
- Netzwerk Intersexualität und wir Intersexuellen - Mitsprache geht anders
- Offener Brief von Lucie Veith an das Netzwerk Intersexualität