Seit dem Beginn organisierter
Zwitterbewegungen in den 1990ern beginnt das Zwittertabu langsam zu bröckeln –
nicht zuletzt dank verschiedenenen politischen, völkerrechtlichen und
juristischen Aktionen, gekoppelt mit Öffentlichkeitsarbeit und entsprechendem
Niederschlag bis in die Mainstreammedien.
Die Kehrseite: Das gesteigerte öffentliche Interesse ruft verstärkt
diverse TrittbrettfahrerInnen auf den Plan. Seit Anfang dieses Jahres scheinen
diese in der Öffentlichkeit langsam aber sicher die Oberhand zu gewinnen
...
INHALT:
1993-2009: Das Zwittertabu beginnt zu wanken
2002: Der Kulturbetrieb zieht nach
2010: Die Rückkehr der Freakshow
a) Jake Yuzna: "Open"
Transsexuelle, Fetisch und, ähm, "authentische
Hermaphroditen"
b) "The Hermaphrodites: Living In Two Worlds"
Klassischer Marmor-Zwitterporno im
LGBT-Gewand
c) Jutta Schubert u. Horst Emrichs: "Rostige Rosen"
"Zweigeschlechtliche" Kuriosität auf der
Bühne
Kommentar
1993-2009: Das Zwittertabu beginnt zu wanken
1993 wurde mit der Intersex Society of North America ISNA) die erste
Zwitter-Lobby-Organisatione gegründet. Am 26.10.1996 demonstrierten organsierte
Zwitter von ISNA und "Bodies like ours" zum
allererstenmal öffentlich: Vor dem Jahreskongress der "American Academy of
Pediatrics" in Boston (USA) protestierten sie dagegen, dass diese
Medizynervereinigung ihren Tagungen das Thema Zwangsoperationen an Zwittern
"behandelt", aber Betroffenen das Wort an ihren Veranstaltungen verbot. Dieses
Datum wird heute jedes Jahr in vielen Ländern mit dem von der Intersex Initative (englisch) ins Leben gerufenen
"Intersex Awareness Day" begangen.
1997 wurde John Moneys angeblicher "Beweis" für die "Wirksamkeit" klinisch
nie getesteten Zwangsbehandlungen, das unsägliche "John/Joan-Zwillingsexperiment",
öffentlich als wissenschaftliche Fälschung entlarvt. (Trotzdem wurde Money
zeitlebends nie dafür zur Verantwortung gezogen, sondern im Gegenteil
unreflektierterweise – und doch irgendwie "passend" – u.a. mit der
Magnus-Hirschfeld-Medaille geehrt.)
1999 schränkte Kolumbien als erster und nach wie vor einziger Staat weltweit
kosmetische Genitaloperationen an Kindern zumindest teilweise ein (englisch).
Ab 2001 versuchte
Michel Reiter in München über 2 Instanzen vergeblich, sich das Recht auf
einen Geschlechtseintrag
"zwittrig" auf gerichtlichem Wege einzufordern.
2003 bezog mit Hanny Lightfoot-Klein zum ersten Mal eine prominente
Gegenerin der weiblichen Genitalverstümmelung
unmissverständlich Stellung auch gegen die Genitalverstümmelungen an
Zwittern.
>>>
Mahnwache UNO Genf 26.1.09
(Bild: Ärger)
Vor allem in deutschsprachigen Medien wurden in den letzten gut 2 Jahren die
menschenrechtswidrigen Genitalverstümmelungen und sonstigen uneingewilligten
kosmetischen Zwangseingriffe an Zwittern in noch nie dagewesenem Masse öffentlich
bekanntgemacht und kristisiert:
2007 gelang es der "zwangskastrierten Intersexuellen" Christiane Völling, als
allererste und immer noch einzige Zwangsoperierte überhaupt, in Köln ihren
ehemaligen Zwangsoperateur gerichtlich zu verklagen. 2
Jahre lang zog sich der von einer kontiniuierlichen Öffentlichkeitsarbeit und
zahllosen Medienberichten begleitete "Zwitterprozess" über 3 Instanzen, bis
sich der Zwangsoperateur nach dem 3 Schuldspruch in Folge geschlagen gab. Zum
allerersten Mal wurde ein Medizyner für einen medizinisch nicht notwendigen
Zwangseingriff wenigstens
zivilgerichtlich beurteilt. Mit klarem Resultat – O-Ton OLG: "Der
Chirurg hatte die Patientin vor der Operation nicht hinreichend aufgeklärt und
sie daher mangels wirksamer Einwilligung schuldhaft in ihrer Gesundheit und
ihrem Selbstbestimmungsrecht verletzt."
2009 kritisierte mit dem CEDAW-Ausschuss zum ersten Mal ein
UN-Komitee die menschenrechtswidrigen Zwangseingriffe an Zwitterkindern.
Vor der Hamburgischen Bürgerschaft kam es zu einer
historischen Anhörung sowie ebensolchen politischen Vorstössen. In der
Schweiz wurde
zum ersten Mal überhaupt ein politischer Vorstoss zu Gunsten von Zwittern
eingereicht.

Auch im Sport wurde die Diskriminierung "intersexueller" Sportlerinnen
vermehrt Thema. Der Fall der als Zwitter gemobbten Tennisspielerin Sarah Gronert
führte zu öffentlicher Kritik. Die niederträchtigen und menschenrechtswidrige
öffentlichen Zwitter-Vorwürfe an
Mokgadi Caster Semenya durch die internationalen Sportverbände nach ihrem
glanzvollem Sieg an der Athletik-Weltmeisterschaft 2009 brachte eine bisher
noch nie dagewesene globale Medienschmutzkampagne, aber auch zahlreiche
kritische Stimmen und Solidaritätserklärungen
von Zwittern.
Vor dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) gab es eine
Demonstration, bei der auch an die geschädigten Sportlerinnen María José
Martínez-Patiño und Santhi Soundarajan
erinnert wurde. Nach dem Ausschluss von Betroffenen an einem
skandalösen IOC-Medizynersymposium gab es weitere Proteste sowie
eine
Online-Petition.
2010 fordern in Amerika 35 EthikerInnen sowie 11 zwangsoperierte Erwachsene
und mehrere Zwitter-Lobbyorgansisationen eine
Untersuchung der experimentellen kosmetischen Hormonzwangstherapien an
Ungeborenen auf blossen "Verdacht" hin. Wie auch alle übrigen kosmetischen
Zwangseingriffe wird auch diese experimentelle "Therapie" unkontrolliert
serienmässig angewendet und obendrein von Medizynern weltweit rechtswidrig als
"erprobt" und "sicher" angepriesen.
2002: Der Kulturbetrieb zieht nach
Auch international und in der Kultur gewann bekam das Jahrhundert lange
Zwittertabu zunehmend Risse, wurden Zwitter und auch die an ihnen systematisch
begangenen medizynischen Verbrechen mehr und mehr Thema, mittlerweile sogar in
mindestens einem halben Dutzend
Fernsehserien.
Mit dem Pulitzerpreis 2003 für Jeffrey Eugenides' im Vorjahr publizierten
Roman "Middlesex" erreichten Zwitter und Zwangsoperationen zumindest als
Nebenthema den Mainstream. 2005 verpackte Ralf Isau das Thema in den spannenden
Thriller "Galerie der
Lügen". 2008 erschien der Roman "The Sinkings" der australischen
Schriftstellerin Amanda Curtin (englisches
Interview).
2005 machte die zwischengeschlechtlich geborene Regisseurin Lisa Barcellos
mit
"Both" den ersten Spielfilm zum Thema Zwitter und Zwangsoperationen. 2008
feierte Lucía Puenzo mit ihrem sensiblen Erstling "XXY" weltweit
Erfolge und bewies, dass sich mit dem Thema durchaus auch Filmpreise abräumen
lassen.
2010: Die Rückkehr der Freakshow
Das öffentliche Bekanntwerden der real existierenden Zwitter und der an
ihnen begangenen Verbrechen
gegen die Menschlichkeit ruft zunehmend Gegenmassnahmen seitens der
Medizyner sowie die üblichen Trittbrettfahrer auf den Plan. Im neuen Jahr
schafften diese es in Deutschland, der Zwitterbewegung zum ersten Mal seit über
2 Jahren die Medienhoheit zu entreissen – ein Faktum, das sich bereits letztes
Jahr abzeichnete.
Seit Juni 2009 bis heute führt Lady Gaga weltweit vor, wie sich das "neue Reizthema Zwitter" als
blosser PR-Gag weltweit inszenieren lässt – unter Ausklammerungen der
Anliegen der realen Zwitter.
Zeitgleich begann das mehr oder minder organiserte
Sexgewerbe ebenfalls das Thema vermehrt auszubeuten.
Auch im Zusammenhang mit der Berichterstattung um den "Fall" Caster Semenya
durften Medizyner endlich wieder allenthalben Zwangsoperationen
etc. unwidersprochen als angeblich notwendige "Heilmittel" propagieren,
tatkräftig unterstützt von den internationalen Sportverbänden. Das IOC selbst
legte dann mit seiner
im Januar beschlossenen Pflicht zu Zwangsbehandlungen noch einen drauf.
Während der Winterolympiade in Vancouver schaffte es das IOC zudem,
das leidige Thema "Zwitter im Sport" erfolgreich unter Verschluss zu
halten.
2010 scheinen "Intersexuelle" bzw. "Hermaphroditen" nun auch in der Welt der
Mode angelangt zu sein. Laut einem
Bericht der London Times schickte Givenchy ein Model auf den Laufsteg, das
explizit als "Hermaphrodit" vermarktet wurde, die Zeitung merkte dazu an:
"Das Traurige dabei war, dass er/sie so ziemlich gleich aussah wie all die
anderen Models." ("Zufällig" fand sich diese News als Schlussätze zu einem
Abschnitt über lesbische Beziehungen unter Models.)
Im Stern erschienen im Januar 2010 zwei unter Beihilfe der Medizynerlobby
verfasste, sehr einseitige Artikel, die in der Öffentlichkeit weitgehend
unwidersprochen blieben (Artikel
1 /
Artikel 2 / Diskussion auf dem
Hermaphroditforum). Darin wurden beide Male nicht nur medizinisch nicht
notwendige, menschenrechtswidrige Zwangseingriffe hemmungslos propagiert,
sondern auch die übliche Nebelwand hochgefahren durch Vermischung mit
"Transsexualität", "Geschlechtsidentitätsstörungen", "sexueller
Orientierung", "Abweichungen" usw.
In dieselbe Kerbe hauten mehrere Artikel um die Münchner Trans-, äh,
"Intersexuelle" JJ Eichmann, u.a.
in der Süddeutschen.
Auch der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD), der 2009 noch
durch nicht-vereinnahmende, solidarische Statements zu Gunsten von Zwittern
Positives bewirkt hatte, macht nunmehr – zusammen mit der SPD und den wohl
unverbesserlich vereinnahmenden Bundestags-Grünen – 3 Schritte zurück und
setzt im Zusammenhang mit verschiedenen Anläufen zur Aufnahme eines expliziten
Schutzes von "sexuelle Identität" (an und für sich schon ein
vereinnahmendes Konstrukt) nunmehr wieder voll auf die altbekannte
Vereinnahmungsschiene (Anlauf
1 / Anlauf
2).
Auch auf der kulturellen Ebene schlägt im neuen Jahr das Pendel massiv
zurück, wie drei aktuelle Beispiele zeigen:
a) Jake Yuzna: "Open"
Transsexuelle, Fetisch und, ähm, "authentische
Hermaphroditen"
(Bild: Gaea Gaddy als "authentischer
Hermaphrodit")
In der offiziellen Berlinale-Ankündigung
(PDF) heisst's zum Film:
Ein queeres Roadmovie und gleichzeitig eine transsexuelle Romanze – in
seinem Spielfilmdebüt kombiniert Regisseur Jake Yuzna auf spektakuläre Weise
Ausprägungen des Gender Crossings.
Da gibt es zum einen den jungen Hermaphroditen Cynthia. [...]
Hormonbehandlung und Chirurgie: In OPEN offenbart sich der Neue Mensch.
Pioniere einer neuen menschlichen Erfahrung – authentische Hermaphroditen und
Transsexuelle – präsentieren auf der Leinwand die neu entstehenden
Möglichkeiten der Menschheit am Beginn eines noch jungen
Jahrhunderts.
Eine Rezension in "Junge Welt" mit dem bezeichnenden Titel "Selbstbestimmt aussehen"
vermischt ebenfalls unreflektiert "Intersexualität",
"Geschlechterverwirrung", "Sichtbarmachen einer selbst konstruierten
Identität", "sexuelles Begehren", "Eintritt in das Zeitalter der Cyborgs"
usw. Der Artikel endet:
Voyeurismus? Das zur Schaustellen von Fleisch jedenfalls ist Yuznas
Talent. Die Spritze, die das Testosteron in den haarigen Oberschenkel spritzt.
Das noch blutige Steak, dessen Fasern mit Messer und Gabel auseinander gezogen
werden. Die Narben nach der Schönheitsoperation. »Open« lebt von diesen
eindrucksvollen Bildern mehr als von der erzählten Geschichte.
Prompt gewann der offensichtlich vereinnahmende Streifen den Jurypreis des
"Teddy Adward", des "offiziellen queeren Filmpreis[es] der Berlinale",
mit folgender Begründung:
"um einem mutigen Debütfilm Anerkennung zu zollen, der ein weites Spektrum
von Transgender-Liebe und Transgender-Beziehungen
darstellt."
b) "The Hermaphrodites: Living In Two Worlds"
Klassischer Marmor-Zwitterporno im
LGBT-Gewand
(Bild: Tip Toland: "Tender
Flood", Detail)
"Hermaphroditen:
Leben in zwei Welten" (englisch) ist eine thematische Gruppenausstellung
mit keramischen Arbeiten, die derzeit in Amerika gezeigt wird.
Ein Portfolio mit sämtlichen Exponaten findet
sich hier.
Die Ausstellung will "die wörtliche Definition von Zwittern verkörpern,
die beide Geschlechter umfassen. Solche Kunstwerke finden sich manchmal in
frühen Gesellschaften, jedoch selten in der zeitgenössischen Kunst."
Wenig überraschend wurde in der queeren Öffentlichkeit vor allem das auch
hier abgebildete Exponat von Tip Toland prominent ins Zentrum gerückt, so etwa
auf
diesem Blog (englisch).
Die Skulptur ist offensichtlich eine enge Anlehnung an klassische
Vorbilder. Statt der bekannten "Normal Weibchens" wurde hier jedoch von
einem "Butch"-Vorbild ausgegangen, diesem ein paar zusätzliche Körperhaare
angefügt sowie ein Penis samt Hoden.
Die klassischen Statuen werden heute noch häufig themenbezogen als
Illustration verwendet, auch von Medizynern. Von Betroffenen wurde die
unreflektierte Verwendung solcher Plastiken wiederholt als
"Porno" kritisiert.
c) Jutta Schubert u. Horst Emrichs: "Rostige Rosen"
"Zweigeschlechtliche" Kuriosität auf der
Bühne
(Bild: Publicity-Foto auf
Kulturwerkstatt.de)
Auf dem Flyer zum Stück
(PDF) heisst es:
Es gibt Männer und Frauen. Und alles Mögliche dazwischen. Oder:
Dazwischen ist alles möglich. Den hundertprozentigen Mann, die
hundertprozentige Frau gibt es nicht. Weder genetisch noch hormonell noch
psychologisch oder sexuell. Das Stück mit Texten von Horst Emrich, Jutta
Schubert und Tschuang Tse spielt mit Gender-Phänomenen, Lebensweisen,
Schicksalen, GrenzgängerInnen, Identitätssuchern, mit Zweigeschlechtlichkeit,
Sexualität und Sinnsuche. Außerdem tritt auch ein merkwürdiger Zeitgenosse auf,
ein Freund, ein Seelenverwandter, ein Clown, ein Gott, ein Schamane? Ist es
einer, der alles weiß oder nichts zu wissen braucht? Gespielt wird mit Texten
und Musik, Figur und Tanz.
Die Ankündigungen auf der Theaterhomepage sowie bei der Autorin lauten
jeweils leicht anders, wenn auch nicht weniger verwirrlich, so u.a.:
Ausgangspunkt: Es gibt Männer und Frauen. Und alles Mögliche dazwischen.
Oder: Dazwischen ist alles möglich.
Inspiriert von Virginia Woolfs “Orlando”-Figur: Jemand reist durch die Zeiten,
mal als Mann, mal als Frau, probiert Lebensweisen aus, überschreitet
gesellschaftliche Grenzen, provoziert und ist dabei natürlich auf der Suche
nach sich selbst, der eigenen Identität, der eigenen Sexualität.
Allen Ankündigungen gemeinsam ist ein ähnliches Pressefoto (siehe oben).
Offensichtlich feiert im Stück ein weiterer historischer Charakter seine
unreflektierte Auferstehung: Der (Fake-)Freakshow-Zwitter, wie er als
Jahrmarktsattraktion zum Teil noch bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts
gang und gäbe war. Ein (nachinszeniertes) Beispiel dazu fand sich in der 2.
Season der Serie "Carnivale", hier zur Illustration ein kurzer Ausschnitt daraus auf
Youtube.
Kommentar:
Die Aufbrechung des Zwittertabus wird auch weiterhin von verschiedenen
Gesellschaftsschichten und Interessengruppen auf ihre Weise gespiegelt und
benutzt werden. Dies ist unvermeidlich. Ein kleiner Trost: Noch die dümmsten
Vereinnahmungen können bis zu einem gewissen Grad etwas zur Beendigung des
Tabus beitragen, rein indem sie auf die Existenz von Zwittern hinweisen und die
verschiedenen Bezeichnungen dafür im Umlauf halten.
Trotzdem bleibt Vereinnahmung Vereinnahmung, und allen, die sich dem Thema
womöglich
mit den besten Vorsätzen näherten, würde ein reflektierterer Umgang damit
gut anstehen.
Sowie jedesmal auch unmissverständliche Hinweise auf die realen Leiden der
realen Zwitter an den immer noch täglich andauernden realen genitalen
Zwangsoperationen etc., oder gar eine konkrete Solidarisierung mit der Bewegung
zur Beendigung dieser kosmetischen, menschenrechtswidrigen, experimentellen und
uneingewilligten Zwangseingriffe an zumeist wehrlosen Zwitterkindern!
Nachtrag: Kommentare
auf dem Hermaphroditforum
Letzte Kommentare