Zwischengeschlecht.info

To content | To menu | To search

Wednesday 21 April 2010

Heute im Bundestag: Zwitter als Kanonenfutter für "sexuelle Identität" (Prof. Dr. Susanne Baer, Prof. Dr. Nina Dethloff)

>>> Nachträge 1-9

Solidarität mit Zwittern statt VereinnahmungHeute 21.4.10 findet um 12h im Bundestag eine >>> öffentliche Anhörung statt zu den erneuten Anträgen um Aufnahme von "sexuelle Identität" ins Grundgesetz. Insgesamt 9 JuristInnen werden dazu Stellungnahmen abgeben. Nachtrag 1: Alle haben inzwischen ihre Position schriftlich auf der Bundestagshomepage zugänglich gemacht.

Ob BefürworterInnen oder GegnerInnen, eines ist (Nachtrag 2: mit einer einzigen Ausnahme) allen gemeinsam:

Alle verwenden sie (u.a. entsprechend den Anträgen) den Begriff "Intersexuell", und alle verwenden sie ihn (wie auch die Anträge) vereinnahmend bzw. missbräuchlich.

Am schlimmsten treiben's dabei 2 "fortschrittliche" Befürworterinnen aus dem "Gender"- bzw. "Familien"-Umfeld:

Prof. Dr. Susanne Baer, LL.M., Direktorin GenderKompetenzZentrum, Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien an der Humboldt Universität zu Berlin, sowie Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin

Prof. Dr. Nina Dethloff, LL.M., Direktorin Institut für Deutsches, Europäisches und Internationales Familienrecht der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Nachtrag 3: Eine besondere Erwähnung verdient weiter >>> Prof. Dr. Bernd Grzeszick (PDF), LL.M., Direktor Institut für Staatsrecht, Verfassungslehre und Rechtsphilopsphie der Ruprecht-Karls-Univerität Mannheim, der es tatsächlich schafft, unter dem Zwischentitel "b) weitere Formen des Zusammenlebens"  "Intersexuelle" (als obligates Anhängsel von "Transgender") mit Polygamie in Zusammenhang zu bringen, und so deutlich illustriert, welch immensen politischen Schaden die Jahrzente langen LGBT-Vereinnahmungen anrichten.

Ausser Baer und Dethloff beschränken sich die übrigen JuristInnen zumeist darauf, den Begriff "Intersexuell" 1–2x als Zitat aus den vereinnahmenden Antragstexten zu übernehmen (Nachtrag 4 – Ausnahmen: Prof Dr. Winfried Kluth bringts auf 4 obligate Anhängsel unter "Personengruppe der Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgenden [sic!], transsexuellen und intersexuellen Menschen", während Prof. Dr. Ute Sacksofsky als einzige ganz ohne "Intersexuelle" auskommt – es ginge also doch!).

Prof. Dr. Susanne Baer und Prof. Dr. Nina Dethloff wollen sich offensichtlich zusätzlich als grossartige Expertinnen profilieren.

Beide beweisen dabei letztlich vor allem eines: Dass sie von der Sache, nämlich von den konkreten und realen Problemen und Leiden der realen Zwitter, nichts kapiert haben (wollen), sondern einzig und allein auf Vereinnahmung aus sind.

Dabei gehen Prof. Dr. Susanne Baer und Prof. Dr. Nina Dethloff beide mit einer Arroganz vor, die schon von weiten zeigt, dass beide sich ihres Privilegs als Nicht-Zwitter auch nicht ansatzweise bewusst sind (bzw. nicht sein wollen) – nämlich, im Gegensatz zu den allermeisten Zwittern, sich in ihrem ganzen Leben noch nie um die Unversehrtheit ihrer Geschlechtsteile gefürchtet haben zu müssen:

Beide klammern sie die eigentliche Problematik der genitalen Zwangsoperationen und sonstigen uneingewilligten, kosmetischen Zwangsbehandlungen letztlich konsequent aus.

Ebenso verschweigen beide Rechtsprofessorinnen die grundlegende juristische Problematik mangelnder rechtlicher Mittel der Zwangsoperierten wegen der aktuell geltenden Verjährungsfristen.

Der Ausgang dieses Vereinnahmungs-Wettkampfs:

Mit 11 : 5  gewinnt Prof. Dr. Nina Dethloff gegen Prof. Dr. Susanne Baer nicht nur nach der Anzahl der missbräuchlichen Verwendungen des Begriffs "Intersexuell", sondern auch qualitativ in Sachen mutwilliger Ausblendung, Verdrehung und Vereinnahmung der konkreten Anliegen und Forderungen der Zwitter. Prof. Dr. Susanne Baer gewinnt dafür den Spezialpreis für besonders kreative Beschönigungen von medizynischen Verbrechen.

Die Herz- und Mitleidlosigkeit, mit der beide Professorinnen dabei zur Sache gehen, steht der mancher Zwangsoperateure wohl kaum nach.

Die Verdrehungen der beiden "Wissenschaftlerinnen" im einzelnen, jedoch ohne die Fussnoten (WARNUNG):

>>> Prof. Dr. Susanne Baer (PDF), LL.M., Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin [Direktorin GenderKompetenzZentrum]:

Intersexuelle – kurz gefasst: Menschen, die geschlechtsuneindeutig geboren werden - haben erst vor wenigen Jahren den Mut finden können, ihre Erfahrungen öffentlich zu thematisieren. Sie sind u.a. im Rahmen ihrer medizinischen Versorgung und auch sozial gravierenden Demütigungen, Ausgrenzungen und Benachteiligungen ausgesetzt. Die Möglichkeit, die eigene Identität zu leben und nicht an eine traditionelle Vorstellung von einem Geschlecht angepasst zu werden, besteht bislang nicht.

[...] Das ganz überwiegende Schweigen der Kommentar- und sonstigen Fachliteratur zu diesem Thema und zur Intersexualität trägt zur Benachteiligung der Betroffenen bei: Sie scheuen den Weg zum Gericht, denn die Grundrechte meinen sie bislang ausdrücklich nicht mit. 

[...] [„sexuelle Identität“] benennt nicht nur Hetero-, Homo- und Bisexualität („sexuelle Orientierungen“), sondern auch transgender- und transsexuelle sowie intersexuelle Lebensweisen.

Kommentar: Dass der medizynische Bereich überhaupt irgendwie angesprochen wird, wäre ja prinzipiell schon mal positiv. Die Formulierung "im Rahmen ihrer medizinischen Versorgung [...] gravierenden Demütigungen, Ausgrenzungen und Benachteiligungen ausgesetzt [zu sein]" als anscheinend euphemistische Umschreibung von Genitalverstümmelungen, Kastrationen, Zwangshormon"therapien" usw. erfreut jedoch wohl ausschliesslich Medizynerverbrecher und Konsorten. "[I]ntersexuelle Lebensweisen" ist zudem schon als Begriff einfach nur zum Lachen, vergleichbar etwa mit dem Insiderwitz "Nennen sie mir 3 intersexuelle Sexpraktiken", aber von Prof. Dr. Susanne Baer offensichtlich bitter ernst gemeint (oder etwa auch nur wieder eine euphemistische Umschreibung für "von klein an medizinischer Folter ausgesetzt sein"?). Damit zeigt sich in Verbindung mit dem oben erwähnten Statement von Prof. Dr. Bernd Grzeszick einmal mehr und schon wieder der immense realpolitsche Schaden durch vereinnahmenden Etikettenschwindel a.k.a. "bei LGBT mitgemeint". 

>>>
Prof. Dr. Nina Dethloff (PDF), LL.M ., Institut für Deutsches, Europäisches und Internationales Familienrecht der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Intersexuelle, d.h. Personen, deren Geschlechtsmerkmale weder eindeutig weiblich noch männlich sind, kritisieren vor allem die Möglichkeiten, die für eine Eintragung des Geschlechts in die Geburtsurkunde bestehen13. De lege lata kann als Geschlechtsbezeichnung in die Geburtsurkunde lediglich „männlich“ oder „weiblich“ eingetragen werden14. Dies soll jedenfalls gelten, soweit die Zuordnung zum männlichen oder weiblichen Geschlecht möglich ist, d.h. wenn die Geschlechtsorgane nicht gleichwertig männlich und weiblich sind15. Das LG München I hat die Ansicht vertreten, aus den Grundrechten lasse sich kein Anspruch auf Anerkennung eines weiteren Geschlechts neben männlich und weiblich herleiten: In Art. 3 II 1 GG gehe die deutsche Verfassung von einem bipolaren Geschlechtsbegriff aus, der auch dem Diskriminierungsverbot des Art. 3 III 1 GG zugrunde liege16. Die Betroffenen sind hingegen der Auffassung, der für Intersexuelle oder Transgender bestehende Zwang zur Geschlechtszuordnung und –kategorisierung stelle eine Diskriminierung dar und streben einen bei der Geburt provisorischen Geschlechtseintrag17 bzw. die Option, als Geschlecht „Zwitter“ eintragen lassen zu können, an18.

[...] Das Kriterium der „sexuellen Identität“, wie es auch schon im AGG verwendet wird, ist zudem hinreichend weit gefasst, um einen umfassenden Schutz vor Diskriminierungen zu gewährleisten. Es ist dem Kriterium der „sexuellen Orientierung bzw. Ausrichtung“ vorzuziehen, da diese insbesondere Diskriminierungen von Intersexuellen nicht erfassen.

[...] Bestehende Unsicherheiten über die Höhe des verfassungsrechtlichen Schutzniveaus unter Anwendung des allgemeinen Gleichheitssatzes würden beseitigt und die maßgeblich durch die Rechtsprechung des BVerfG bewirkte Verbesserung der Rechtsstellung von Homosexuellen, Transsexuellen und Intersexuellen ausdrücklich verfassungsrechtlich abgesichert.

Kommentar: Dass hier die Medizyner und ihre Verbrechen an wehrlosen Zwitterkindern von Anfang bis zum Schluss konsequent unter den Tisch fallen, während stattdessen der Nebenschauplatz Geburtsurkunde ausgewalzt wird, kann in diesem Fall nachweislich nicht mehr mit Unwissenheit entschuldigt werden, da sich Prof. Dr. Dethloff explizit auf die Forderungsliste von Intersexuelle Menschen e.V. beruft (Fussnote 17). Dort steht aber unter Punkt 1 unmissverständlich die Beendigung der kosmetischen Zwangsbehandlungen, während der Personenstand erst unter dem 5. und letzten Punkt auftaucht. Dass Prof. Dr. Nina Dethloff stattdessen ausschliesslich darauf herumreitet (und dabei vereinnahmenderweise gleich "Trangsender" noch mit reinverwurstet) und sich auch sonst auf – wie sie selber sagt schon im AGG verbotene – "Diskriminierungen" sowie gar auf rein fiktive "Rechtsprechung des BVerfG" versteigt, verweist deutlich auf die altbekannte Masche der Zwitter-VereinnahmerInnen: Hauptsache bei LGBT "mitgemeint" und dadurch einmal mehr unsichtbar gemacht – während die Zwangsoperateure ungehindert weiterverstümmeln.

Nachtrag 5: Inzwischen liegt auch eine Medienmmitteilung des Bundestags zur Anhörung vor, die in gleich 2-facher Ausfertigung zum (wenig überraschenden) Schluss kommt: >>> Deutscher Bundestag: Skepsis bei Sachverständigen bzw. >>> Deutscher Bundestag: Mehrheit der Experten gegen Grundgesetzänderung zum Schutz der sexuellen Identität. "Intersexuelle" sind darin wie üblich bloss als obligates Anhängsel "mitgemeint". Weiter gibt es eine Medienmitteilung des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland (LSVD): >>> Gute Argumente für Ergänzug der Verfassung – Gegner wollen weiter diskriminieren. Auch hier sind "Intersexuelle" bloss das "mitgemeinte" obligate Schlusslicht. In einer Medienmitteilung des LSVD im Vorfeld der Anhörung >>> Lesben und Schwule in die Verfassung! ist nur die Rede vom "gleichberechtigten Schutz von Lesben, Schwulen und Transgender", "Intersexuelle" sind nur stillschweigend mitgemeint. In der >>> Pressemitteilung der Grünen sind "Intersexuelle" in einem Zitat von Volker Beck wieder als obligates, kommentarloses Schlusslicht "mitgemeint", einmal mehr geht es ausschliesslich um die "Diskriminierungen", denen sie ausgesetzt seien, kein Wort zu menschenrechtswidrigen Zwangsoperationen usw. Kommentar überflüssig.

Nachtrag 6: Der LSVD hat ebenfalls eine >>> offizielle Stellungnahme zur Anhörung veröffentlicht (PDF ) >>> Anhang 1 (PDF) >>> Anhang 2 (PDF), verfasst von Martin Bruns, Bundesanwalt beim Bundesgerichtshof a.D. Bezeichnenderweise geht es in der LSVD-Stellungnahme AUSCHLIESSLICH um die Rechte der "Schwulen" (14x), "Homosexuellen" (11x), "Lesben" (11x) sowie "Transgender" (1x); "Intersexuelle" kommen darin gar nicht erst vor. Kommentar überflüssig.

Nachtrag 7: Die bisher einzige Pressemeldung über die Anhörung, worin auch "Intersexuelle" erwähnt sind (als obligates Anhängsel – wie könnte es auch anders sein?), stammt aus "Die Welt" und trägt den verheissungsvollen Titel: >>> "Sexuelle Identität" darf kein Feigenblatt für Pädophile sein. Vielen Dank auch, liebe VereinnahmerInnen.

Nachtrag 8: >>> Interessanter Post zur Anhörung von Oliver Tolmein auf faz.net 

Nachtrag 9: >>> Diskussion zum Post auf dem Hermaphroditforum

Fazit: Und während sie alle so schön reden und reden, nach Kräften vereinnahmen und ihre Sitzungsgelder einstreichen, werden weiterhin TÄGLICH WEHRLOSE ZWITTERKINDER GENITALVERSTÜMMELT.

Wetten – wenn von diesen JuristInnen und den übrigen VereinnahmerInnen und MittäterInnen bei Grüne, SPD, Linke usw. nur schon ein paar selber mal etwas genital zwangsoperiert würden, würden sie ziemlich plötzlich ganz anders argumentieren?!

Gonade um Gonade, Lustorgan um Lustorgan!

Siehe auch:
- Zwitter-Vereinnahmung im Bundestag: "Du sollst den Begriff 'intersexuell' nicht unnütz gebrauchen!"
- Zwangsoperationen an Zwittern: Bundesregierung beugt Grundgesetz Art. 2 (Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit) 
- Kosmetische Genitaloperationen an Kindern: Gesetzgeber gefordert 
- Klaus Wowereit und Ole von Beust: Komplizen der Zwangsoperateure inszenieren sich als "Zwitter-Schützer"
- Bundesrat: Kein Schutz "sexueller Identität" im Grundgesetz – VereinnahmerInnen machen unbeirrt weiter wie gehabt 
- SPD: Zwitter vereinnahmender Gesetzesentwurf eingereicht 
- Menschenrechtsverletzungen an Intersexuellen: Yogyakarta untaugliches Instrument
- LSVD und Zwittervereinnahmung: 1 Schritt vor, 3 Schritte zurück? 
- Instrumentalisierung von Zwittern: Kritik aus 2002
- Zwitter und progressive LGBTs gegen Vereinnahmung
- Mit der Hoffnung im Herzen

Tuesday 20 April 2010

Hamburg 21.4.10: Zwitter als Kanonenfutter für die Queer Theory ...

Solidarität mit Zwittern statt Vereinnahmung"Auch wenn [sie] die besten Absichten hegen, untergraben fehlendes Bewusstsein für und die fehlende Beachtung der Realitäten von Intersexuellen die adäquate Darstellung des Themas. Dabei werden unbeabsichtigt die Nicht-Sichtbarkeit und die Objektivierung der Intersexuellen perpetuiert." (Emi Koyama / Lisa Weasel)

An der Universität Hamburg findet am kommenden Mittwoch um 19h mal wieder ein Zwitter vereinnahmender Vortrag statt (zumindest lässt die >>> offizielle Ankündigung deutlich darauf schliessen). Referentin ist Fabienne Imlinger, Promovendin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Beides sind Institutionen, an denen regelmässig wehrlose Zwitterkinder genitalverstümmelt werden.

Meine 2 Cent:

Wer die Leiden der Zwitter aufs Tapet bringt, nur um sie als Kanonenfutter zur "Dekonstruktion von Geschlecht" zu benutzen oder zur Kritik an "hegemonialen Strategien", und nicht gleichzeitig zumindest konkrete und gewichtige Beiträge leistet zum Kampf der Zwangsoperierten um Beendigung der auch vor euren eigenen Haustüren nach wie vor täglich begangenen kosmetischen Genitalverstümmelungen an Zwittern (allein in Deutschland wird JEDEN TAG mindestens ein wehrloses Zwitterkind genital zwangsoperiert – auch am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, auch an der Kinderchirurgischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München!) bzw. nicht konkret seinen Teil dazu beiträgt, die Zwangsoperateure endlich zur Rechenschaft zu ziehen, ist einE HeuchlerIn und macht sich zum/zur MittäterIn.

Zwitter und progressive LGB(T)s kritisieren diese Vereinnahmung schon lange.

Informiert euch und macht es künftig besser!

Siehe auch:
- Zwitter und progressive LGBTs gegen Vereinnahmung

Monday 19 April 2010

"Intersexualität: Mann oder Frau - oder was?" - taz, 19.4.2010

Schluss mit genitalen Zwangsoperationen!

Die Zwitter Medien Offensive™ geht weiter!

Interessanter, wenn auch mitunter reichlich schönfärberischer
>>> Artikel von Eiken Bruhn über die Diskussionsveranstaltung in Bremen von letzter Woche.

Leider kolportiert der Artikel einmal mehr die stets beliebte Medizynermär von "früher war es vielleicht schlimm, aber heute ist es ganz anders". Unhinterfragt wird verkündet, "in den vergangenen zehn Jahren setzte ein Umdenken ein", bzw. "die Zeiten [haben sich] tatsächlich geändert". (Wie demgegenüber aktuelle Leitlinien, zahllose Publikationen und nicht auch zuletzt die (frisierten) Studien des "Netzwerks DSD/Intersexualität" (PDF -> S. 3 "Beschreibung des Samples") zweifelsfrei belegen, wird in Tat und Wahrheit auch in deutschen Spitälern weitgehend ungebrochen weiterverstümmelt – allein in Deutschland JEDEN TAG ein wehrloses Zwitterkind!)

Ebenfalls unhinterfragt wird ausgerechnet im Schlusssatz des Artikels eine weitere "zeitlose" Medizyner-Rechtfertigung nachgebetet: "Solange sich unsere binär strukturierte Gesellschaft nicht ändert, darf man auch von Intersexuellen nicht verlangen, die Gender-Vorreiter zu geben." Beinah wörtlich nach einem seinerzeit von vielen Zwittern kritisierten Zitat der wohl unverbesserlich zwangsoperationsgeilen Chefpsychologin des "Netzwerk DSD/Intersexualität" Ute Thyen ...

(Ums klar zu sagen: Ausser ethisch, moralisch und menschlich gestörten Medizynern und oft überforderten Eltern will niemand Zwittern etwas aufzwingen. Wenn nicht-zwangsoperierte Zwitter später OPs wollen und ihre informierte Zustimmung dazu geben, ist dies ihr gutes Recht und auch praktisch möglich – im Gegensatz zum Rückgängigmachen von irreversiblen kosmetischen Zwangsoperationen an Zwitterkindern.)

Unreflektiert über den grünen Klee gelobt wird weiter die parlamentarische Initiative vom letzten Jahr in Hamburg (die seinerzeit auch auf diesem Blog prinzipiell begrüsst wurde – allerdings wurde hier auch entsprechend kritisiert, dass die zentrale Problematik der uneingewilligten kosmetischen Genitaloperationen an Kindern in dieser Initiative mutwillig ausgeklammert wurde).

Befremdlich ist nicht zuletzt, wie der Artikel prominent im Lead vollmundig behauptet, die Bremer Grünen würden sich nun für Zwitter "engagieren". Worin dieses Engagement konkret bestehen soll, darüber schweigt sich der Artikel allerdings vornehm aus ... In deutlichem Gegensatz dazu teilte Michel Reiter, der an der Verabstaltung auf dem Podium sass und ein Impulsreferat beisteuerte (und die Veranstaltung insgesamt "eine Katastrophe fand" – wie übrigens auch diesen Blog "völlig daneben"), auf Anfrage mit: "den Grünen war keine Zusage zur Themenaufnahme zu entlocken."

Damit scheinen letztlich auch die Bremer Grünen dem (bisher konkret noch einiges unrühmlicheren) Negativbeispiel der Bundestags-Grünen zu folgen, zuerst grosse Blabla-Veranstaltungen durchzuführen, denen dann allerdings keine Taten folgen (mal abgesehen von den üblichen politischen Vereinnahmungen, zuletzt in den Grundgesetzvorstössen um Aufnahme von "sexuelle Identität" letztes Jahr im Bundesrat sowie aktuell im Bundestag dieses Jahr).

Daran kann vorerst wohl auch der im Artikel extra herausgestrichene, pragmatische Vorschlag der Rechtsprofessorin und Podiumsteilnehmerin Konstanze Plett nichts ändern, "dass kosmetische Genital-Operationen an Minderjährigen nur nach einer auf Gutachten gestützten richterlichen Entscheidung durchgeführt werden dürfen. Damit, so Pletts Hoffnung, soll sicher gestellt werden, dass die Wünsche der Kinder im Mittelpunkt stehen - und nicht die von MedizinerInnen und Eltern."

Bedenklich auch, dass im Infokasten die schnellstmögliche Beendigung der Zwangsoperationen nicht angesprochen wird, sondern es dort lediglich heisst: "Zu den Forderungen von Selbsthilfeorganisationen zählen die Durchsetzung von Entschädigungsansprüchen und die Übernahme von Behandlungskosten."

Die Zwangsoperateure freut's ...

Nachtrag 20.4.: Die ursprüngliche Version des Artikels wurde inzwischen wegen der "anstössigen" Illustration (Abbildung einer medizynischen Wachsplastik eines "intersexuellen" Genitals) nach entsprechender Kritik zensiert, einzig die Kommentare finden sich dort noch (und fehlen dafür in der neuen Version).

Neue Version: http://www.taz.de/1/nord/artikel/1/mann-oder-frau-oder-was-1/

Saturday 17 April 2010

Alice Dreger über pränatale Dexamethason-Zwangsbehandlungen und EthikerInnen als MittäterInnen

Menschenrechte auch für Zwitter!Die Bioethikerin Alice Dreger, zusammen mit Hilde Lindemann und Ellen Feder treibende Kraft hinter der US-Kampagne gegen pränatale Dexamethason-Zwangsbehandlungen, spannt in einem >>> lesenswerten persönlichen Blogpost (englisch) einen weiten Bogen: Ausgehend von den Suffragetten (FrauenrechtlerInnen, die in Amerika und England in einem über 40-jährigen Kampf das Frauenstimmrecht erstritten) über Rosa Parks (eine schwarze Frau, die sich 1955 weigerte, ihren für Weisse reservierten Busplatz freizugeben; das anschliessend gegen sie angestrengte Gerichtverfahren war ein Auslöser der schwarzen Bürgerrechtsbewegung), ihre Vorgängerin Claudette Colvin sowie das sog. Tuskegee Experiment (staatliches uneingewilligtes Menschenexperiment über unbehandelte Syphilis an 399 infizierten armen Schwarzen in Amerika 1932-1972, die auch nach der Entdeckung von Penicillin nicht behandelt, sondern lediglich weiter "studiert" wurden, und dessen öffentliches Bekanntwerden einen Skandal hervorrief, der das Experiment umgehend beendete und den Grundstein bildete zur Etablierung der heutigen US-Bioethik sowie der "US-Überwachungsstelle für medizinische Experimente mit Menschen") bis hin zu den (nicht nur in Amerika immer noch andauernden) experimentellen Dexamethason-Zwangsbehandlungen und den Widerständen gegen die aktuelle Kampagne dazu.

Dabei spart Alice Dreger auch nicht mit kritischen Beobachtungen über ihre eigene Zunft: So berichtet sie über die Schwierigkeiten, die ihr gemacht wurden, als sie zusammen mit Hilde Lindemann und Ellen Feder einen Artikel zum Thema pränatales Dexamethason veröffentlichte im Bioethics Forum (englisch) des angesehenen Hastings Center, einer "unabhängigen" Forschungsstiftung zu bioethischen Fragen – ganz im Gegensatz zu 25 anderen Artikeln, die Alice Dreger dort schon publizierte (allerdings zu theoretischen Fragestellungen ohne direkte konkrete Relevanz). Und wie ihr auch sonst Dritte hauptsächlich raten, doch besser mal ein paar Gänge runterzuschalten, als sie zusammen mit Hilde Lindemann und Ellen Feder eine Nachfolgekampagne gegen bekanntlich (ebenfalls nicht nur in Amerika) nach dem selben Muster unkontrolliert experimentierende Zwangsoperateure erwägt; stattdessen solle sie gescheiter "Konsensgespräche" mit den Zwangsoperateuren suchen.

(Phrasen, wie wir von der Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org sie ähnlich ebenfalls regelmässig zu hören bekommen, so z.B. von der XY-Elterngruppe anlässlich unserer öffentlichen Kritik einer Tagung von Medizynern des "Netzerk DSD/Intersexualität". Witzig ein Kommentar von Alice Dregers Mann Aron zum Thema "Konsensgespräche" mit Zwangsoperateuren: "Mit Chirurgen reden, die solche Dinge tun, ist wie mit der Taliban reden.")

Treffsicher auch Alice Dregers Bobachtungen zur Betriebsblindheit der BioethikerInnen, und wie sie dadurch schnell mal zu MittäterInnen werden können:

Aber Dex zwang mich, etwas unglaublich unangenehmes zu erkennen, nämlich, dass es bei der Bioethik nicht um soziale Gerechtigkeit geht. Es ist ein einziges, grosses Selbstbeschäftigungsspiel. In Tat und Wahrheit steht die Bioethik der sozialen Gerechtigkeit oft im Weg, indem sie die Öffentlichkeit glauben lässt, jemand würde tatsächlich etwas gegen Ungerechtigkeit in der Medizin tun. Indem sie öffentliche Gelder aufsaugt, die eigentlich dazu verwendet werden könnten, die Medizin sicherer zu machen für Menschen, die beim jetzigen Stand der Dinge durch sie gefährdet sind.

Die Wahrheit ist, die meisten BioethikerInnen wollen einfach durch den Tag kommen und ihre Karriere verfolgen, ohne dabei in irgendwelche realen ethischen Verwicklungen verstrickt zu werden. Sie wollen einfach tun, wofür sie belohnt werden: Publikationen verfassen und Forschungsbeiträge einstreichen um interessante Fragen stellen zu können.

Sie haben grosse Ähnlichkeit mit den Medizinern der Tuskegee Syphilis Studie: fleissig taten sie, wofür sie belohnt werden, und sammelten dabei Forschungsgelder und Publikationen. Die an der Tuskegee Studie beteiligten Mediziner wurden nicht belohnt für gesündere Ergebnisse. Und die BioethikerInnen werden nicht belohnt für ethischere Ergebnisse. Und Menschen sind Säugetiere. Sie tun, wofür sie belohnt werden.

Sie können sich sicherlich nicht vorstellen, sich über etwas aufzuregen, bei dem es nicht um ihre eigenen Identitäten geht.

Danke!

>>> http://www.alicedreger.com/Rosa.html

Siehe auch:
- USA: Weg weisende Kampagne gegen pränatale Dexamethason-Zwangsbehandlungen "auf Verdacht hin"
- Schweiz: Unkontrollierte Humanexperimente sollen weiterhin ungeregelt bleiben 
- "Netzwerk DSD"/"Euro DSD": Ethik-Empfehlungen als Feigenblatt für Zwangsoperateure 
- "Verunsicherung und Ängste": Reaktionen und Kommentare zur Kritik am "Netzwerk Intersexualität" / "Euro-DSD"
- USA: Seriengenitalverstümmler Prof. Dr. Dix Phillip Poppas von Ethikerinnen öffentlich geoutet

Monday 12 April 2010

Howard Sterns "1st Annual Small Penis Contest" - Zwitter entkommen Zwangsoperateuren!

Schluss mit genitalen Zwangsoperationen!Vor einigen Tagen meldete sich jemand bei mir, der als Kind am Genital operiert wurde. Er sei so gebaut, dass er Howard Sterns "1st Annual Small Penis Contest" hätte gewinnen können, meinte der offenbar zwischengeschlechtlich Geborene.

Der provokante Talkradio-Moderator Howard Stern war mir zwar ein Begriff, vom "Kleiner Penis Wettbewerb" hatte ich jedoch noch nie gehört. Auf dem Internet wurde ich schnell fündig. Unter anderem wurde der Beitrag auf dem Blog von OII Australien verlinkt und kommentiert.

Ich war beeindruckt von diesen mutigen und humorvollen Menschen, die sich nackt hinstellen und dem Mythos des Superpimmels mit einer Grandezza Paroli bieten, der auch das johlende Gelächter des Publikums und die dummen Sprüche des Moderators und seiner Jury nichts anhaben können.

Wie OII Australien bin ich der Ansicht, dass einige dieser Menschen Zwitter ("intersexuelle Männer") sind, die glücklicherweise durch die Maschen einer operationsgeilen Medizin gefallen sind. Und offenbar trotzdem kein Problem damit haben, sich zu zeigen.

Einer der Kandidaten, der neben einem nicht sichtbaren Penis auch gut entwickelte Brüste hat, wird beispielsweise von Howard Stern gefragt: "Was glaubst du ist los? Ich meine, ich weiss, dass du dickleibig bist, aber ..."

F.B. (Name unverständlich) aus Boston (seit acht Jahren in einer glücklichen Beziehung mit einer Frau): "Ich weiss nicht, was los ist, es ist medizinisch. Als ich jung war, sollte ich zu einem Endokrinologen, aber die hätten nicht, weisst du was ich meine, die hätten nicht ..."

(...)

Howard Stern: "Wurdest du operiert?"

F.B.: "Nein, überhaupt nicht."

F.B. musste glücklicherweise nicht die von Jurymitglied Robin (im Scherz?) vorgeschlagene "Brustreduktion und Penisvergrösserung" (oder das Gegenteil) über sich ergehen lassen!

Keine Operationen auch bei Paul, einem weiteren Kandidaten mit "nichts zwischen den Beinen", der auf Howard Sterns Frage, ob er denn auf Männer mit normaler Grösse neidisch sei, antwortet: "Weisst du, nein, weil es funktioniert."

Keine Endokrinologen! Keine Operationen! Es funktioniert!

Das sollte sich so mancher Zwangsoperateur endlich mal hinter die Ohren schreiben!

Auch wenn die Sendung reisserisch daherkommt, ist es doch als positiv zu werten, dass Howard Stern dieses Thema aufgegriffen und somit auch Zwittern eine Plattform geboten hat. Und ich kann ihm nur beipflichten, wenn er zum Schluss der Sendung sagt: "You all have tremendous balls!" (Ihr habt alle zusammen echt Eier!)

Saturday 10 April 2010

Zwitter-Vereinnahmung im Bundestag: "Du sollst den Begriff 'intersexuell' nicht unnütz gebrauchen!" (I)

>>> Heute im Bundestag: Zwitter als Kanonenfutter für "sexuelle Identität"

Wie eine entsprechende Onlinesuche belegt, wurde der Begriff "Intersexualität" im Zeitraum 26.11.2009 – 03.02.2010 innert 2 1/2 Monate in insgesamt 12 offiziellen Bundestagsdokumenten verwendet.

Nachtrag 25.6.10: Knapp 4 Monate später sinds dann schon 29 Einträge! Nur etwas blieb immer noch gleich:

KEIN EINZIGES MAL ging es dabei um ein echtes Zwitteranliegen – sondern im Gegenteil wurden Zwitter dabei JEDESMAL für Anliegen anderer vereinnahmt und missbraucht!

Durch diese Vereinnahmung werden die realen Leiden und Anliegen der realen, zwangsoperierten Zwitter einmal mehr unsichtbar gemacht.

Dass es sich bei den Gruppierungen, zu deren Gunsten "Intersexuelle" jeweils instrumentalisiert wurden, einmal mehr JEDESMAL und AUSCHLIESSLICH um "Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transsexuelle und Transgender" (LGBT) handelt (vgl. z.B. das Votum von Barbara Höll im Bundestag vom 29.1.10 >>> PDF -> S. 1797 (D)), gehört angesichts der 150-jährigen Geschichte der Zwittervereinnahmung durch LGBT offensichtlich dazu wie das Amen in der Kirche.

Dass die Vorlagen, in denen die realen Anliegen der realen Zwitter Mal für Mal aufs Neue von LGBT "verheizt" werden, realpolitisch heftig umstritten bis von vornherein nicht mehrheitsfähig sprich chancenlos sind (siehe z.B. "Yogyakarta"-Antrag / "Aktionsplan gegen Homophobie" / Standesinitiative "Homo-Schutz ins Grundgesetz" / Gesetzesentwurf "Aufnahme von 'sexuelle Identität' ins Grundgesetz"), macht diesen feigen Missbrauch einer – in der Regel massiv traumatisierten und demzufolge kaum zu realem Widerstand fähigen – Opfergruppe noch schwerwiegender.

Der politische Schaden, der damit angerichet wird, ist immens.

Die ihn anrichten, machen sich dabei direkt mitschuldig, dass die genitalen Zwangsoperationen und sonstigen kosmetischen Zwangsbehandlungen an wehrlosen Zwitterkindern (JEDEN TAG eines in Deutschland!) unnötig verlängert werden. 

Dass diejenigen unter den VereinnahmerInnen, welche sich dabei jeweils zusätzlich noch öffentlich als Zwitter-Vorkämpfer und -Wohltäter profilieren (während sie gleichzeitig in den Medien die realen Anliegen der zwangsoperierten Zwitter unterschlagen, "entsorgen" und "mitmeinen"), ausgerechnet noch diejenigen sind, welche für die TÄGLICHEN GENITALVERSTÜMMELUNGEN an Zwittern politisch verantwortlich zeichnen, indem sie die Verstümmelungen von Zwitterkindern in ihrem Zuständigkeitsbereich widerspruchslos dulden oder gar noch aktiv begünstigen, ist dabei nur noch das Tüpfelchen auf dem i.

Diese versammelten VereinnahmerInnen im Bundestag usw. gehören klar zu den MittäterInnen und sollten auch als solche behandelt werden.

Würden schon ein paar wenige von ihnen zur Abwechslung mal an den eigenen Geschlechtsteilen etwas genital zwangsoperiert, hätten sie bestimmt ziemlich schnell andere Parolen – wetten?!

Gonade um Gonade, Lustorgan um Lustorgan!

Siehe auch:
- Warum Zwitterforderungen, worin zu oberst nicht die schnellstmögliche Beendigung der Zwangsoperationen steht, keine Zwitterforderungen sind, sondern Vereinnahmung
- Warum Zwitterforderungen, worin es um "sexuelle Identität" geht statt um "Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung", keine Zwitterforderungen sind, sondern Vereinnahmung 
- Du sollst nicht die Leiden der Zwitter als Aufhänger und 'Material' für deine eigenen Forderungen und Kämpfe benutzen! 
- "Intersexualität" = "sexuelle Identität und Lebensweise"??! – Grüne VereinnahmerInnen immer noch nichts gelernt 
Klaus Wowereit und Ole von Beust: Komplizen der Zwangsoperateure inszenieren sich als "Zwitter-Schützer"
- LSVD und Zwittervereinnahmung: 1 Schritt vor, 3 Schritte zurück? 
- Heute im Bundestag: Zwitter als Kanonenfutter für "sexuelle Identität" 
- Instrumentalisierung von Zwittern: Kritik aus 2002
- Geschlecht: Zwangsoperiert 
- Liminalis: Aus Transschändrien nix neues
- "Who killed David Reimer?"
- "Intersexualität" = sexuelle Orientierung?!
- Vereinnahmung von Zwittern: Das Transgender Netzwerk Berlin TGNB macht's vor ... 
- Zwitter als Kanonenfutter für die Transgenderagenda?
- Heinz-Jürgen Voß in "Liminalis" 3 (2009) – Zwitter-Vereinnahmung wie gehabt ... 
- QueerGrün missbrauchen Zwittersymbol für TSG-Kampagne
- Das Problem der Instrumentalisierung durch LGBTQ  
- Die Rede von der "psychischen Intersexualität" 
- Zwitter und progressive LGBTs gegen Vereinnahmung
- Mit der Hoffnung im Herzen

Wednesday 7 April 2010

Caster Semenya verzichtet vorläufig auf Klage (XIII)

IOC IAAF: Stop Intersex Discrimination!

Entgegen ursprünglichen Ankündigungen, im Falle einer erneuten Nicht-Zulassung zu einem lokalen Rennen am Dienstag 6.4.10 in Gemiston (nahe Kapstadt) gerichtlich gegen den südafrikanischen Athletikverband ASA vorzugehen (dieser Blog berichtete), entschloss sich Mokgadi Caster Semenya laut einem von den Agenturen AP und Reuters auszugsweise verbreiteten Statement vorerst keine rechtlichen Schritte einzuleiten.

Im Statement hält Caster Semenya an ihrer Ansicht fest, die Entscheidung, sie letzte Woche nicht zuzulassen, sei "falsch und unrechtmässig". Trotzdem habe sie sich entschlossen, der Bitte von ASA zu entsprechen, erst das sich seit über sieben Monate hinziehende Verfahren des Weltathletikverbandes IAAF abzuwarten. Sie habe deshalb ihre Anwälte angewiesen, von der IAAF eine Zusicherung zu erlangen, dass das Verfahren tatsächlich Anfang Juni abgeschlossen würde, und ihre Rückkehr auf den 24.6.10 in Zaragoza (Spanien) verschoben.

Über die konkreten Hintergründe für diese Kehrtwende wurde einmal mehr nichts öffentlich. Ebenso, warum IAAF das Verfahren offensichtlich hinzieht, obwohl die eigentlichen medizinischen Ergebnisse schon seit Monaten vorliegen müssen. Dies lässt Raum für Spekulationen, dass der IAAF Caster Semenya offensichtlich nicht mehr zulassen will, weil er dies sonst schon längst getan hätte, aber möglicherweise Schwierigkeiten hat, eine juristisch wasserdichte Argumentation zu finden, da der Druck von Seiten von Caster Semenya wie auch vom Staat Südafrika gross wäre, gerichtlich gegen eine ungerechtfertigte Sperre vorzugehen, wovor der IAAF offensichtlich grossen Respekt hat. Sowie für Befürchtungen, dass IAAF eventuell Caster Semenya nötigen möchte, sich medizinischen Zwangseingriffen zu unterziehen (wie sie IAAF, IOC und FIFA gemeinsam forcieren wollen), bevor sie eine Starterlaubnis erhält, was ebenfalls juristisch heikel werden könnte.

Gemäss einem Bericht der südafrikanischen Agentur SAPA, der sich auf einen Insider beruft, sei das "Geschlechtsverfahren" von Caster Semenya jetzt schon das mit Abstand am längsten dauernde in der gesamten Geschichte der IAAF. 

Nachtrag: Gemäss einer AP-Meldung vom Abend des 7.4.10 liegen laut Benedict Phiri, einem Mitglied von Caster Semenyas Anwaltsteam in Südafrika, die medizinischen Ergebnisse seit Mitte Februar vor, und gemäss ihrem Medizinerteam, das zusätzlich eigene Untersuchungen angestellt habe, gebe es keinen Grund, Caster Semenya die Teilnahme an Wettkämpfen zu verweigern. Laut Greg Nott würden die Anwälte zudem den Druck auf den IAAF aufrechterhalten, die unbestimmte Situation endlich zu beenden und zu einem verbindlichen Schluss zu kommen. Laut einem AP-Kommentar vom späten Nachmittag des 7.4.10 habe auch Jeffrey Kessler, Mitglied von Caster Semenyas Anwaltsteam in New York, ebenfalls bekräftigt, Caster Semenya habe "jedes Recht an IAAF Wettkämpfen teilzunehmen".

Bleibt zu hoffen, dass trotz dieser Kehrtwende letztlich der juristische und politische Druck auf die internationalen Sportverbände weiterhin wächst, damit sie ihre willkürlichen, intransparenten, menschenrechtswidrigen und diskriminierenden Praktiken gegenüber zwischengeschlechtlichen bzw. als solchen verdächtigeten Sportlerinnen endlich abschaffen müssen!

>>> Bitte unterschreibt die Petition an das IOC!

>>> Zwitter im Sport: IOC und IAAF leugnen Verantwortung

>>> IOC/IAAF/FIFA: "Zwitter brauchen OPs und Hormonbehandlungen"

>>> Pressemitteilung Zwischengeschlecht.org von 22.01.2010

Siehe auch:
- Caster Semenya kündet offiziell Rückkehr an – IAAF verlangt Denkpause bis August (XI) 
- "Caster Semenya wird als Zwitter verheizt" (IV) 
- Diskriminierung von Zwittern im Sport weltweit
- Protest gegen Diskriminierung von Zwittern im Sport, IOC 19.11.09

Saturday 3 April 2010

Claire Nihoul-Fékété & Stephen Lortat-Jacob: Zwangsoperateure in Frankreich ohne nennenswerten Widerstand

Ausgeliefert!Ostersonntag 4.4.10 19h zeigt das "Les Complices" in Zürich einen Film über "sechs transsexuelle, intersexuelle und genderqueere Menschen in Frankreich" mit anschliessender "Diskussion über inter- und transsexuelle Politiken in Frankreich und der Schweiz" (>>> mehr hier + Nachtrag am Schluss dieses Posts). Zur Einstimmung einige Hintergrundinfos:

Das Aushängeschild der Zwangsoperateure im Ursprungsland der Aufklärung und der modernen Menschenrechte heisst Prof. Claire Nihoul-Fékété, "Chefin pädiatrische viszerale Chirurgie im Necker Spital für kranke Kinder (Paris)".

Die offensichtlich unbeirrbare Serienverstümmlerin wehrloser Zwitterkinder mit Jahrzehnte langer Praxis brüstet sich – nebst in "wissenschaftlichen" Publikationen – in Frankreich auch in Interviews öffentlich ihrer medizynischen Verbrechen mit ungeschminkt menschenverachtender Arroganz, die sich in der Schweiz, aber auch in Deutschland oder Amerika wohl längst kein Medizyner mehr öffentlich zur Schau zu stellen getrauen würde.

Claire Nihoul-Fékété referierte auch schon in Deutschland, z.B. am Kongress der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie DGE vom 7.3.2001 in Magdeburg, wo sie neueste Verstümmelungstechniken präsentierte (siehe unten), was u.a. von Georg Klauda unter dem Untertitel "Ein blutiges Geschäft" unmissverständlich öffentlich kritisiert wurde (ein 2. Kongress am 24.3.2001 an der Charité Berlin konnte wegen einer Demonstration gar nur noch unter Polizeischutz stattfinden – das waren noch Zeiten!).

Wie die Serienverstümmlerin Prof. Annette Grüters-Kieslich, "Leiterin des Instituts für Experimentelle Pädiatrische Endokrinologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin von der Charité in Berlin" und Verantwortliche des "Studienzentrum Berlin" im "Netzwerk Intersexualität/DSD" zudem anlässlich des "Fachgesprächs" der Grünen im Bundestag vom 27.5.2009 verriet, lassen sie Claire Nihoul-Fékété zwecks Genitalverstümmelung von "AGS-Mädchen" jeweils nach Berlin an die Charité einfliegen – ein Faktum, das meines Wissens nach sonst in keinen öffentlich zugänglichen Quellen je bekanntgemacht wurde. (Wen wundert's?)

Immerhin öffentlich zugänglich, aber trotzdem nur wenig bekannt ist Claire Nihoul-Fékétés Funktion im Beirat des "Netzwerk Intersexualität/DSD".

Der wohl als Fékétés Nachfolger positionierte Dr. Stephen Lortat-Jacob, Kinderchirurg im selben Kinderverstümmelungsetablissement "Necker Spital für kranke Kinder (Paris)", profiliert sich mit vergleichbar menschenverachtenden Parolen.

Schluss mit genitalen Zwangsoperationen!

Bisher konten diese überdurchschnittlich üblen Seriengenitalabschneider in Frankreich ihr Unwesen offensichtlich praktisch unbehelligt treiben. Zwar gibt es mittlerweile eine gute Handvoll organisierte Zwitter, die z.T laut Eigendarstellung "für die Menschenrechte der Intersexuellen kämpfen".

Bis heute scheint sich dieser "Kampf" aber offenbar darauf zu beschränken, sporadisch ein paar kritische öffentliche Worte zu genitalen Zwangsoperationen im allgemeinen äussern, oder im Extremfall gar einen Leserbrief zu verfassen gegen besonders unverfrorene Diffamierungen von "Madame Fékété". Zu konkreten Kampagnen scheint es jedoch kaum gereicht zu haben, geschweige denn zu politischen und/oder juristischen Vorstössen.

Und ist ausnahmsweise trotzdem mal irgendeine konkrete Aktion verlinkt, so geht es dabei entweder um "Intersexuelle" bloss dem Namen nach, praktisch aber ausschliesslich Anliegen von Transsexuellen/Transgendern und/oder abstrakt gegen das böse "Zweigeschlechtersystem" (so übrigens auch zumindest im Trailer zum Film im "Les Complices") – oder aber es handelt sich (Überraschung!) um eine Demo von Zwischengeschlecht.org, die womöglich kurzerhand annektiert wird.

Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt ...

Gonade um Gonade, Lustorgan um Lustorgan!

Nachfolgend einige aktuelle Kostproben der offensichtlich ethisch, moralisch und menschlich gestörten SeriengenitalverstümmlerInnen Prof. Claire Nihoul-Fékété und Dr. Stephen Lortat-Jacob (WARNUNG!), gefolgt vom einigen Beispielen zum "Kampf um die Menschenrechte der Intersexuellen" in Frankreich:

Continue reading...

Friday 2 April 2010

"Heimliche Versuche am Menschen" - Beobachter 7/2010

Menschenrechte auch für Zwitter!>>> Ein überaus interessanter, auch online zugänglicher Artikel von Otto Hofstettler in der aktuellen Ausgabe der schweizer Zeitschrift Beobachter bringt Klartext über die auch schon auf diesem Blog kritisierten Schwachstellen des kürzlich angenommenen Verfassungsartikels "Forschung am Menschen". Nämlich die nicht verbindlich verankerte Bewilligungspflicht für so genannte "Einzelexperimente" , "Humanexperimente" oder "Heilversuche", d.h. in der Regel serienmässig durchgeführte Humanexperimente, die aber nicht Teil einer kontrollierten Studie sind, wie z.B. die genitalen Zwangsoperationen und sonstige, an Zwittern seit über 50 Jahren systematisch durchgeführten, medizinisch nicht notwendige Zwangsbehandlungen.

Diese werden im Artikel konkret zwar nicht angesprochen, sondern es geht ausschliesslich um andere Fälle, z.B. experimentelle Behandlungen mit nicht zugelassenen sowie Off-Label-Medikamenten und um "experimentelle Operationsmethoden" bei Brustkrebs und Darmerkrankungen. Und wie die Medizyner dabei regelmässig von Schlupflöchern im Gesetz profitieren, die nach Ansicht des Bundesamts für Gesundheit (BAG) auch mit dem aufgrund des Auftrags im Verfassungsartikel neu zu schaffenden Humanforschungsgesetz beklagenswerterweise weiterhin sperrangelweit offen bleiben sollen. Obwohl genau dieser Schwachpunkt in der Vernehmlassung von verschiedenen Organisationen kritisiert wurde, nämlich von Dachverband Schweizerischer Patientenstellen, Forum Gesundheitsrecht, Schweizerische Patienten- und Versicherten Organisation, pro mente sana, Insieme - Vereinigung für Menschen mit geistiger Behinderung, Anthrosona - Verein für anthroposophisch erweitertes Heilwesen sowie Sozialdemokratische Partei (vgl. Bericht zum Vernehmlassungsverfahren (PDF) -> S. 16: Hauptargumente im Zusammenhang mit einem zu engen Geltungsbereich, b) Gruppe 5).

(Zu den im Beobachter-Artikel behandelten Fällen siehe auch: Franziska Sprecher: "Patientenschutz ade? Verschiedene Massstäbe beim Patientenschutz bei individuellen Heilversuchen im Vergleich zu systematischen klinischen Studien?", Sicherheit & Recht 1 (2009), Nr. 2, S. 76-80 >>> PDF; Überblick über Publikationen und Gerichtsverfahren von Margrit Kessler, Präsidentin Schweizerische Patienten- und Versicherten Organisation)

Einziger Lichtblick unter den im Beobachter-Artikel berichteten Fakten sind die deutlichen Aussagen der Rechtsanwältin Monika Gattiker, welche die mangelnde Kontrolle von sog. "Einzelexperimenten" oder "Heilversuchen" im Entwurf des Humanforschungsgesetzes schon mehrfach kritisierte.

(Siehe u.a. Monika Gattiker: "Heilversuche dienen nicht nur dem Patienten – Ein gravierender Mangel im Entwurf des Humanforschungsgesetzes", NZZ 22.6.2006, enthalten in diesem PDF -> S. 27-28; Monika Gattiker "Das Humanforschungsgesetz (HFG) : ein Gesetzesentwurf mit Lücken!", Aktuelle juristische Praxis 15 (2006), H. 12, S. 1535-1545.)

Auch im Beobachter-Artikel redet Monika Gattiker Klartext:

Die Zürcher Rechtsanwältin und Ärztehaftpflichtspezialistin Monika Gattiker spricht von «offensichtlichen Lücken» im neuen Humanforschungsgesetz. Deshalb veröffentlichte sie eine detaillierte juristische Analyse mit Vorschlägen, wie sämtliche Heilversuche gesetzlich geregelt werden könnten, ohne die Arbeit der Ärzte zu erschweren. Gattiker: «Die Therapiefreiheit ist gut und recht, aber ein Patient muss es wissen, wenn er an einem Versuch teilnimmt.» Deshalb fordert sie ein schriftliches Aufklärungsprotokoll und schriftliche Einwilligung der Patienten bei allen Heilversuchen. 

Ebenso Margrit Kessler, Präsidentin der Schweizerischen Patienten- und Versicherten Organisation (SPO):

Zum neuen Humanforschungsgesetz spart die Patientenschützerin nicht mit deutlichen Worten: «Es ist stossend, dass für Patienten, die von einem Heilversuch betroffen sind, das Gesetz nicht gelten soll.» Kessler ist überzeugt: «Experimentelle Operationsmethoden werden mit dem neuen Gesetz einfach unter dem Deckmantel ‹Heilversuche› laufen.» Und sagt: «In der Schweiz haben vor allem die Ärzte Rechte und nicht die Patienten.»

Weiter belegt der Artikel die Ausreden des Bundesamts für Gesundheit (BAG) und die fehlende PatientInnenvertretung bei der schweizerischen Zulassungsbehörde Swissmedic.

>>> http://www.beobachter.ch/leben-gesundheit/medizin-krankheit/artikel/forschung_heimliche-versuche-am-menschen/

Siehe auch:
- Verfassungsartikel Forschung am Menschen – Chance im Kampf gegen genitale Zwangsoperationen und sonstige experimentelle Zwangsbehandlungen an Zwittern

Thursday 1 April 2010

Caster Semenya: Anwälte stellen Ultimatum bis Montag und bereiten Klage vor (XII)

IOC IAAF: Intersex - Guilty by SuspicionNach einer offiziellen Stellungnahme von Caster Semenya, in der sie als Reaktion auf den erneuten Ausschluss von einer lokalen Wettkampfveranstaltung ihre baldige Rückkehr zu Wettbewerben ankündigte, gefolgt von Vertröstungen von Seiten des Athletikweltverbandes IAAF, erst müsse noch ihr "Geschlechtstest" abgeschlossen werden, was noch bis August rsp. Juni 2010 dauere, meldeten sich Semenyas Anwälte erstmals mit zunehmend schärferen Statements öffentlich zu Wort (dieser Blog berichtete).

Gemäss einer weltweit verbreiteten AP-Meldung von heute (englisch) will Caster Semenya beim nächsten lokalen Rennen vom kommenden Dienstag antreten (dem letzten einer seit einem Monat dauernden Serie), und ihre Anwälte hätten angekündigt, sie wollten in diesem Zusammenhang "bald" vor Gericht gelangen.

In einem ersten Beitrag des südafrikanischen Mediums Eyewitness News (englisch) wird Caster Semenyas Anwalt Greg Nott zitiert: "Es gibt kein legales Hindernis, das ihr die Teilnahme verbieten könnte. Sie wurde weder disqualifiziert noch suspendiert." Der Chef des südafrikanischen Nationalen Olypischen Komitees SASCOC, Gideon Sam habe Semenya und ihre Anwälte darauf gebeten, erst auf den definitiven Bescheid des IAAF zu warten.

Laut einem kurz darauf folgenden 2. Beitrag auf Eyewitnessnews (englisch) wird Greg Nott in indirekter Rede zitiert, weder der Weltverband IAAF noch der südafrikanische Atletikverband ASA hätten Caster in der Folge der Kontroverse je unterstützt – nun sei es an der Zeit, den Krieg zu erklären. Nott wird weiter wörtlich zitiert:

"Wir denken, die Entscheidung in Stellenbosch [Caster Semenya den Start zu verweigern] war falsch. Demzufolge müssen wir nun harte Entscheidungen fällen betreffend rechtlichen Schritten, da unserem Verständnis nach Caster an ASA- und IAAF-Wettkämpfen teilnehmen möchte."

In einer Titelgeschichte der heutigen gedruckten Ausgabe der südafrikanischen Zeitung "The Star" (englisch) habe laut einen ungenannt bleibenden Quelle Mokgadi Caster Semenya ihre Anwälte angewiesen, ihre Teilnahme am lokalen Wettkampf vom kommenden Dienstag, 6.4. in Gemiston (nahe Kapstadt) gerichtlich durchzusetzen, falls ASA die nicht zum Start zulassen wolle. Semenyas Anwälte hätten deshalb ASA-Präsident Ray Mali einen Brief geschrieben und ihn aufgefordert, eine Garantie abzugeben, dass sie nicht am Start gehindert würde.

Sollte Mali diese Zusicherung nicht bis am kommenden Montag ausstellen, würden die Anwälte noch gleichentags Schritte zu einer dringlichen Gerichtsverfügung einleiten, um ASA so zu verbieten, Caster von einer Teilnahme auszuschliessen.

Unter Verweis auf ungenannt bleibende Quellen berichtet "The Star" weiter, ASAs Beschluss, Caster Semenyas Teilnahme am Rennen vom letzten Dienstag in Stellenbosch zu verhindern sei der letzte Strohhalm im sich verschlechternden Verhältnis zwischen Semenyas Anwälten und ASA gewesen.

Die Absicht von Semenyas Anwälten, gegebenenfalls rechtliche Schritte zu ergreifen um ihre Teilnahme an Rennen gerichtlich durchzusetzen, wurde von Benedict Phiri, einem Mitglied von Semenyas Anwaltsteam, nun auch gegenüber der Agentur Reuters per Email bestätigt (englisch).

Wir drücken Caster Semenya und ihren Anwälten beide Daumen und hoffen, dies werde lediglich der Anfang sein, und die willkürlich und eigenmächtig handelnden Athletikverbände werden endlich den längst überfälligen, gebührenden Denkzettel erhalten ...

>>> Bitte unterschreibt die Petition an das IOC!

>>> Zwitter im Sport: IOC und IAAF leugnen Verantwortung

>>> IOC/IAAF/FIFA: "Zwitter brauchen OPs und Hormonbehandlungen"

>>> Pressemitteilung Zwischengeschlecht.org von 22.01.2010

Siehe auch:
- Caster Semenya kündet offiziell Rückkehr an – IAAF verlangt Denkpause bis August (XI) 
- "Caster Semenya wird als Zwitter verheizt" (IV) 
- Diskriminierung von Zwittern im Sport weltweit
- Protest gegen Diskriminierung von Zwittern im Sport, IOC 19.11.09

Tuesday 30 March 2010

Caster Semenya kündet offiziell Rückkehr an – IAAF verlangt Denkpause bis August (XI)

>>> Nachträge 2-4: "Casters Anwalt gelobt zu kämpfen" (siehe unten)

IOC-Protest, Lausanne, Nov. 19, 2009 (Photo: Ärger)

Discrimination of "Hermaphrodites" in Sports      IOC, IAAF threaten with Surgery

Open Leser to IOC      IOC and IAAF deny responsibility      Stop Genital Surgery

IOC IAAF: Stop Intersex Discrimination!

>>> Bitte unterschreibt die Petition an das IOC!

In einem anscheinend von ihren Anwälten abgesegneten, offiziellen Communiqué von heute (englisch) kündigt Mokgadi Caster Semenya ihre Rückkehr zu Athletik-Wettkämpfen für diese Saison an und richtet konkrete Vorwürfe insbesondere an den Welt-Athletikverband IAAF.

So seien nicht nur ihre Rechte als Sportlerin verletzt worden, sondern auch ihre fundamentalen Menschenrechte inklusive ihr Recht auf Würde und Privatshäre. Obwohl sie von Anfang an mit dem IAAF zusammengearbeitet, all deren Auflagen erfüllt und den Verband drei Mal offiziell um Kontaktaufnahme ersucht habe, weigere sich der Weltathletikverband bis heute, mit ihr in Kontakt zu treten. Und ziehe seinen Entscheid in einer ihrer Ansicht nach einfachen Sache Mal um Mal erneut auf unbestimmte Zeit hin, obwohl es aufgrund der ihr und ihren Beratern bekannten Fakten einschliesslich der IAAF-Bestimmungen eigentlich kein Hindernis geben dürfte, um ihr die Teilnahme an Wettkämpfen zu erlauben. Sie werde weiterhin mit dem IAAF zusammenarbeiten und dessen Auflagen erfüllen. Da sie jedoch bis heute nicht offiziell gesperrt sei und nur in Rücksicht auf den IAAF freiwillig auf Teilnahme an Wettkämpfen verzichtet habe, kündige sie hiermit ihre Rückkehr zu Athletikwettkämpfen an, und werde an einer beschränkten Anzahl von Rennen dieser Saison teilnehmen.

Dieses klare Statement kommt als indirekte Antwort auf eine offizielle Weigerung des IAAF auf eine Anfrage des südafrikanischen Athletikverbandes ASA, Caster Semenya die Teilnahme an Rennen zu erlauben. ASA verbot Mokgadi Caster Semenya deshalb unter Berufung auf den IAAF die Teilnahme an einem heutigen Regionalmeeting in Stellenbosch (nahe Kapstadt, Südafrika). Schon im Januar hatte das Südafrikanische Nationale Olympische Komitee Caster Semenya die Teilnahme an einem lokalen Rennen untersagt.

Laut einer gestrigen Meldung aus Südafrika (englisch) habe IAAF zudem gegenüber Casters Familie verlauten lassen, sie wollten sich mit der Kommunikation der Resultate des seit August 2009 andauernden Geschlechtstests noch bis im Juli 2010 Zeit lassen.

Diese Ankündigung stimmt überein mit den Aussagen eines lesenswerten Interviews mit IAAF-Councilmitglied Helmut Digel im Tagesspiegel vom Montag 29.3. sowie in der Zeit vom Dienstag 30.3., wonach es von Seiten des IAAF erst "bis zur nächsten Councilsitzung in Kiew im August eine Entscheidung geben wird". Helmut Digel äussert sich auch sonst besorgt über das endlose Hin-und-Her von Seiten des IAAF, ebenso über die berüchtigte IOC-Medizynerkonferenz vom Januar in Miami:

Ich kann die Ergebnisse dieser Konferenz nicht beurteilen. Für die notwendigen sportpolitischen Entscheidungen scheinen sie allerdings nicht sehr hilfreich zu sein.

Nachtrag: Als Reaktion auf Caster Semenyas Statement hat der IAAF am Mittwoch 31.3. (englisch) via ASA-Sprecher Richard Stander inzwischen verlauten lassen, “das wissenschaftliche Team" des IAAF werde seinen "Report" bereits "im Juni abliefern", weshalb ASA bis dahin zuwarte.

Nachtrag 2: Laut einer Meldung vom 31.3. des "Cape Argus" (englisch) mit dem Titel "Casters Anwalt gelobt zu kämpfen" kündigt ihr Rechtsvertreter Geg Nott weitere Schritte an. Sein Statement im Wortlaut: 

"Es ist an der Zeit, Caster ihre Rechte zurück zu geben. Sie drängt darauf zu rennen, sie kam am Dienstag hierher um am Wettkampf teilzunehmen."

"Wir haben versucht nett zu reden, aber wir haben nun genug. Wir kamen nicht hierher um die Konfrontation zu suchen, aber gleichzeitig, serviert uns nicht als Idioten ab. Verwechselt nicht Takt mit Dummheit, denn das wäre ein schwerer Fehler."

Nachtrag 3: In einem Email an die Agentur Reuters vom 31.3. (englisch) hieb Caster Semenyas Anwalt Greg Nott erneut in dieselbe Kerbe:

"Offensichtlich haben ASA und IAAF Caster Semenya die Starterlaubnis verweigert. Wir werden sämtliche notwendigen Schritte unternehmen, um Casters Recht auf Teilnahme ohne Einschränkungen zu schützen."

Nachtrag 4: Gegenüber der Nachrichtenagentur AP vom 1.4. (englisch) kritisierte Greg Nott das Startverbot für Caster Semenya in Stellenbosch und warf den Verantwortlichen vor, unaufrichtig und missbräuchlich gehandelt zu haben. Weiter kündigte Nott an, Caster Semenyas Berater würden fortfahren, Semenyas beste Interessen energisch zu vertreten.

Durch die Hinhaltetaktik des IAAF hat Caster Semenya nebst Qualifikationen für die kommende Saison schon entscheidende Wettkämpfe verpasst, so z.B. die diesjährige Hallenweltmeisterschaft in Doha.

Bleibt zu hoffen, dass Mokgadi Caster Semenya trotz aller unwürdigen Behandlung und allen verpassten Gelegenheiten schnell wieder Tritt fassen wird. Und dass ihre Anwälte dem inkompetenten und eigenmächtigen IAAF für dessen Missachtung ihrer Menschenrechte noch eine saftige Rechnung präsentieren werden ...

>>> Bitte unterschreibt die Petition an das IOC!

>>> Zwitter im Sport: IOC und IAAF leugnen Verantwortung

>>> IOC/IAAF/FIFA: "Zwitter brauchen OPs und Hormonbehandlungen"

>>> Pressemitteilung Zwischengeschlecht.org von 22.01.2010

Siehe auch:
- Gerechtigkeit für Santhi Soundarajan!   
- Diskriminierung von Zwittern im Sport: Der "Fall" Caster Semenya (I) 
- Der "Fall" Caster Semenya und die Medien (II): "The Guardian" und "Freitag.de" propagieren Genitalverstümmelungen
- Der "Fall" Caster Semenya und die Medien (III): 4 Artikel von solidarischen Nicht-Zwittern
- "Caster Semenya wird als Zwitter verheizt" - Tages-Anzeiger, 16.9.09 (IV)  
- Zwitter solidarisieren sich mit Caster Semenya (V)
- IAAF offeriert Caster Semenya "Gratis Genitaloperation" (VI) 
- Caster Semenya verklagt IAAF auf 120 Mio Dollar und ASA auf 18 Mio Dollar? (VII) 
- Caster Semenya wieder für Frauenwettkämpfe zugelassen? (VIII)
- Südafrikanisches Olympiakomitee: Absolutes Startverbot für Caster Semenya! (IX) 
- Caster Semenyas Anwälte gegen SASCOC: "Sie wurde nicht disqualifiziert"! (X) 
- "Caster Semenya: Was macht eine Frau zur Frau?" - evangelisch.de, 4.2.10 
- "Geschlechtstests im Sport: Wer legt eigentlich fest, was als normal gilt?" - FAZ, 15.2.10
- Sarah Gronert
- Diskriminierung von Zwittern im Sport weltweit 
- Protest gegen Diskriminierung von Zwittern im Sport, IOC 19.11.09

Monday 29 March 2010

LSVD und Zwittersolidarität: 1 Schritt vor, 3 Schritte zurück?

Der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) kann für sich in Anspruch nehmen, die erste deutschsprachige LGB-Organisation zu sein, die Zwitter konkret politisch unterstützte:

2009 verabschiedete die Verbandstagung einstimmig (!) u.a. einen sensationellen Wahlprüfstein "9. Menschenrechtsverletzungen an Intersexuellen bekämpfen!", der Klartext brachte und Zwitter für einmal nicht vereinnahmte, sondern explizit den "erheblichen Verstoß gegen das Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit, Selbstbestimmung und Würde" durch kosmetische Genitaloperationen und weitere "Zwangsbehandlungen" anprangerte. Mit eindeutigem Ergebnis: In den Antworten sprachen sich darauf 4 von 5 Bundestagsparteien gegen genitale Zwangsoperationen aus!

(Ok, zwar lediglich unverbindlich als papierenes Wahlversprechen, was aber im Vergleich zum sonstigen Schweigen oder gar aktiver Unterstützung der Zwangsoperateure durch die allermeisten Parteien schon mal eine gute Falle machte.)

Das solidarische Eintreten des LSVD machte eine kurze Zeit gar Schule: So schrieb sich z.B. der CSD Konstanz und Kreuzlingen 2009 ebenfalls auf die Fahnen, "Selbstbestimmung" und "das Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit auch intersexuellen Menschen nicht mehr länger zu verweigern".

Leider, leider scheint dieses vorbildliche solidarische Eintreten des LSVD für die nach wie vor fehlenden, elementarsten Menschenrechte auch für Zwitter im neuen Jahr längst Schnee von gestern zu sein, und im Gegenteil die altbekannte Vereinnahmung wieder Trumpf:

Schon im Herbst 2009 wurden im Rahmen der Standesinitiative zur Aufnahme von "sexuelle Identität" ins Grundgesetz die Zwitter wieder als blosses Mittel zum Zweck verbraten, unter Missachtung ihrer eigenen, spezifischen Anliegen. Zwar ging da zunächst die vereinnahmenden Statements von den Galionsfiguren der Standesinitiative aus, nämlich den schwulen Bürgermeistern der einreichenden Stadtstaaten (die gleichzeitig zulassen, dass in ihren Spitälern nach wie vor serienweise Zwitterkinder genitalverstümmelt werden!).

Nach der politischen Niederlage der Standesinitiative konterten LSVD, Grüne und SPD mit einem Gesetzesentwurf zu Handen des Bundestags, gekoppelt mit einer 2010 gestarteten Petition, die auch vom LSVD vorbehaltslos unterstützt wurde.

Allen drei Vorstössen gemeinsam: Ein Zwitter vereinnahmender Grundsatztext, in dem die Leiden Zwangsoperierten nach altbekanntem Muster einmal mehr bagatellisiert, hintenangestellt, "mitgemeint" und als blosses Kanonenfutter für LGB(T)-Anliegen instrumentalisiert werden! Und aus dem ganzen deutschen LGB(T)-Spektrum nicht ein einziges kritisches Wort dazu!

Auch wenn LGB(T) zur Zeit nicht nur in Deutschland politisch ein rauher Wind ins Gesicht bläst – deshalb einfach die Nächstschwächeren für die eigenen Anliegen auszubeuten, kann doch die Antwort darauf nicht sein!

Erst recht nicht, so lange WEITERHIN TÄGLICH WEHRLOSE ZWITTERKINDER GENITALVERSTÜMMELT WERDEN!

Zum Vergleich: In der Schweiz wurde der vereinnahmende Petitionstext prompt nur leicht abgewandelt, um eine – in der Sache völlig andere – Amnesty-Petition zu bewerben. Erfreulicherweise gab's in diesem Fall jedoch von einer Queer-Interessengruppe solidarische und deutliche Worte gegen die Zwitter-Instrumentalisierung – es geht eben doch!

Warum also nicht auch beim LSVD?

Würden von den versammelten VereinnahmerInnen in Grünen und SPD (und anscheinend auch LSVD) nur schon ein paar wenige mal an den eigenen Geschlechtsteilen etwas genital zwangsoperiert, hätten sie bestimmt ziemlich schnell (wieder) andere Parolen – wetten?!

Gonade um Gonade, Lustorgan um Lustorgan!

Siehe auch:
- Zwitter und progressive LGBTs gegen Vereinnahmung  

Thursday 25 March 2010

"Sexueller Missbrauch": Justizministerin fordert Entschädigungen auch "in den Fällen, in denen die rechtliche Verjährung eingetreten ist"

>>> Petition „Verjährungsfrist für sexuellen Missbrauch im Zivilrecht aufheben“

Ein weiterer "Blick über den eigenen Tellerrand hinaus":

Wie immer, wenn ein Thema die Schlagzeilen beherrscht, versuchen sich auch die PolitikerInnen eine Scheibe abzuschneiden. So auch in der gegenwärtigen Debatte um sexualisierte Gewalt gegen Kinder. Wieviel von den schönen Absichtsbekundungen dann auch verwirklicht wird, bleibt abzuwarten.

Traurig genug, dass am lautstark geforderten "runden Tisch der Bundesregierung" nach wie vor nicht klar ist, ob dort auch die Betroffenen nur schon angehört werden. (Zum "runden Tisch" vgl. weiter die heutige Pressemitteilung der Deutschen Kinderhilfe e.V.)

Trotzdem ist's fürs erste erfreulich, dass z.B. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) und SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles sich immerhin schon mal verbal-öffentlich für die Opfer sexualisierter Gewalt einsetzen. So z.B. am 9.3. in der Süddeutschen Zeitung:

[...] Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) forderte die katholische Kirche auf, die Aufklärung von Missbrauchsfällen konsequenter anzugehen als bisher. "Es braucht ein klares Signal an die Opfer, wie zum Beispiel das Gespräch über freiwillige Wiedergutmachungen in den Fällen, in denen die rechtliche Verjährung eingetreten ist."

Dies wäre "ein Stück Gerechtigkeit, auch wenn sich das erlittene Unrecht materiell nicht aufwiegen lässt", sagte Leutheusser-Schnarrenberger [...]. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass nur Fälle zugegeben werden, die sich nicht länger bestreiten lassen, fügte die Ministerin hinzu.

Auch SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, eine praktizierende Katholikin, appelliert an ihre Kirche, Opfer zu entschädigen, richtet ihren Appell aber auch an Träger weltlicher Einrichtungen wie etwa die Odenwaldschule, wo es ebenfalls Missbrauchsfälle gab. "Überall dort, wo systematischer Missbrauch über längere Zeit vertuscht wurde, muss Aufklärung geschaffen werden, damit sich das nicht wiederholt." Eine symbolische Entschädigung "wäre ein angemessenes Angebot an die Opfer von damals", sagte sie [...].

Prompt wurde dies auch auf Spiegel Online aufgegriffen, wobei auch weitergehende Forderungen nach Verlängerung/Aufhebung der Verjährung formuliert wurden (wie Norbert Denef diese seit Jahren zunächst erfolglos im Bundestag und nun vor dem Europäischen Menschengerichtshof fordert >>> Petition):

"Entschädigungsansprüche verjähren zu schnell"

Vermehrt wurden in FDP und Union Stimmen laut, die eine Verlängerung der zivilrechtlichen Verjährungsfristen fordern. Für eine entsprechende Änderung sprachen sich Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger sowie der FDP-Politiker Max Stadler aus. Stadler sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung", die regelmäßige Verjährungsfrist von drei Jahren für Ansprüche auf Schmerzensgeld und Schadenersatz sei deutlich zu kurz. Der FDP-Rechtsexperte Hartfrid Wolff will die Verjährungsfrist für Ersatzansprüche daher auf 30 Jahre anheben. Unionsfraktionsvize Günter Krings sprach sich ebenfalls für längere zivilrechtliche Fristen bei Missbrauch aus. "Entschädigungsansprüche der Opfer laufen heute in der Regel ins Leere, weil sie zu schnell verjähren", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Viele Betroffene fänden erst nach Jahren oder Jahrzehnten die Kraft, sich zu offenbaren. "Eine Verzehnfachung der Verjährungsfrist auf 30 Jahre würde in den allermeisten Fällen Abhilfe schaffen."

Dito auch im Stern:

Vor allem Mitglieder der christlichen Parteien fordern zudem schärfere Gesetze, um künftig auch in jahrzehnte-alten Missbrauchsfällen die Täter bestrafen zu können. [...] Der FDP-Rechtsexperte Hartfrid Wolff will die Verjährungsfrist für Ersatzansprüche daher auf 30 Jahre anheben.

[...] Viele Opfer seien erst nach vielen Jahren in der Lage, sich mit ihrem Leid auseinanderzusetzen, sagte CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe. CSU-Chef Horst Seehofer und seine Justizministerin Beate Merk sprachen sich wie Wolff für eine längere Verjährungsfrist von mindestens 30 Jahren aus. Bislang liegt die Frist bei 10 Jahren, in besonders schweren Fällen bei 20 Jahren - gerechnet vom 18. Geburtstag des Opfers an.

Laut der ARD-Tagesschau sprach sich auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) für verlängerte Verjährungsfristen aus. Einzig Grünen-Chef Cem Özdemir will davon nichts wissen.

Wenig überraschend hält laut einer epd-Pressemeldung die katholische Kirche nichts von Entschädigungen:

Der Beauftragte für Fälle sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche, Stephan Ackermann, geht nicht davon aus, dass die Missbrauchsopfer finanzielle Entschädigung verlangen. "Sie wollen über ihr Schicksal sprechen", sagte der Trierer Bischof [...].

Betroffene sind da offensichtlich anderer Meinung (werden aber leider nach wie vor weniger öffentlich wahrgenommen), wie folgender Offener Brief von Helmut Jacob beweist:

Wollen Sie auch nur noch ein bisschen Glaubwürdigkeit zurück erobern, so richten Sie gemeinsam mit der Evangelischen Kirche umgehend einen Opferfonds ein, aus dem dringende soziale und therapeutische Maßnahmen bezahlt werden. [...]

Bleibt abzuwarten, wieviele konkrete Taten den obigen schönen Worten der PolitikerInnen folgen werden ...

>>> Petition „Verjährungsfrist für sexuellen Missbrauch im Zivilrecht aufheben“

>>> Pressemitteilung Deutsche Kinderhilfe e.V. zum Runden Tisch

>>> Netzwerk Betroffener von sexualisierter Gewalt

Siehe auch:
- Prozesse wegen sexuellem Kindesmissbrauch: "Die Lawine rollt"
- Vom Mut der Opfer sexualisierter Gewalt lernen 

Sunday 21 March 2010

TeleBärn, 18.3.10: "Zwangsoperiert wird schon lange nicht mehr" - Inselspital lügt wie gehabt ...

>>> Video des Beitrags auf TeleBärn, News 18.3.2010
(Transkript auf Hochdeutsch siehe unten)

Schluss mit genitalen Zwangsoperationen!

Die Zwitter Medien Offensive™ geht weiter!

Etwas durchmischter Beitrag über den politischen Vorstoss im Berner Kantonsrat betreffend "Kosmetische Genitaloperationen bei Kindern mit „uneindeutigen“ körperlichen Geschlechtsmerkmalen" auf dem Berner Regionalsender.

Daniela "Nella" Truffer von der Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org, die selbst im Inselspital mehrfach genital zwangsoperiert worden war, bringt wie gewohnt Klartext.

Nachdem Medizyner des Inselspitals in den letzten Jahren mit gönnerhaften und pseudofortschrittlichen, aber bei genauerem Hinschauen nach wie vor ungehemmt zwangsoperationsgeilen Aussagen Anlass zu konkreter Kritik boten, die im (nach wie vor unbeantworteten) Offenen Brief vom 16.8.09 noch einmal zusammengefasst wurde, erteilte das Inselspital den Medizynern offensichtlich einen Maulkorb und schickte stattdessen den Pressesprecher Markus Hächler mit faulen Ausreden vor. Einmal mehr verbreitet dieser die (durch öffentliche Aussagen der Inselmedizyner mehrfach widerlegte) Mär, am Inselspital würden "keine Zwangsoperationen mehr durchgeführt".

Wenn dem nur so wäre! Wir fordern vom Inselspital:

a) diesen allzuschönen Worten endlich ehrliche, überprüfbare Taten folgen zu lassen

b) die Jahrzehnte lange Geschichte ihrer Menschenrechtsverbrechen an Zwittern am Inselspital endlich transparent aufzuarbeiten, sowie

c) Entschädigung und Wiedergutmachung für alle Opfer!

Im Vergleich schon beinahe lustig: Obwohl der Beitrag nur 2 Minuten dauert und im Grossen und Ganzen positiv zu bewerten ist, schaffte es TeleBärn darin trotzdem, sozusagen kein einziges der "obligaten" Fettnäpfchen auszulassen.

Einige Müsterchen:

  • "als Mann und als Frau gleichzeitig geboren" – die korrekte Formulierung wäre "weder Mann noch Frau" (die realen Zwitter sind NICHT die Hermaphroditen aus der griechischen Mythologie)

Siehe auch:
- Politischer Vorstoss betreffend kosmetische Genitaloperationen an Kindern im Inselspital
- Genitale Zwangsoperationen im Inselspital
- Pressespiegel Aktion & Offener Brief Inselspital Bern 16.8.09  
- Aktion & Offener Brief Kinderspital Zürich 6.7.08 

Nachfolgend das Transkript zur Sendung:

Continue reading...

Friday 19 March 2010

"46,XX/46,XY" - an.schläge 02/2010

IOC IAAF: Intersex - Guilty by Suspicion>>> Gelungener Artikel von Bettina Enzenhofer über die Geschichte der Geschlechtstests im Sport in "an.schläge, das feministische Magazin" aus Österreich, dessen Thema der Februarausgabe die Olympischen Spiele waren. Zwar sind einige Punkte etwas gar sehr durch die "Genderbrille" betrachtet, aber:

Der Artikel bringt Klartext über die die willkürlichen und unfairen Ausschlüsse der zwischengeschlechtlichen (bzw. als solche verdächtigten) Sportlerinnen María José Martínez-Patiño, Santhi Soundarajan und Mokgadi Caster Semenya durch die internationalen Sportverbände IOC und IAAF. Kurz und bündig werden die verschiedenen Stadien der "Geschlechterprüfungen" rekapituliert, wobei Bettina Enzenhofer auch nicht entgeht, dass der angebliche "Verzicht" auf durchgehende "optische Prüfungen" bei weiblichen Athletinnen insofern eine Schummelei ist, als diese inzwischen einfach bei der Urinabgabe bei den obligatorischen Dopingtests "integriert" wurden.

Klartext gibt's auch zum aktuellen, anlässlich des Medizyner-"Symposiums" Ende Januar 2010 kommunizierten Ansinnen von IOC, IAAF und FIFA, zwischengeschlechtliche und als solche verdächtigte Sportlerinnen neu durch obligatorische, willkürliche und intransparente "Fall-zu-Fall"-Untersuchungen durch pathologisierende MedizynerInnen prinzipiell auszuschliessen, sofern die gesunden Sportlerinnen nicht "einwilligen", sich nicht operativ und/oder hormonell zwangsbehandeln lassen – ein Ansinnen, dass auch Bettina Enzenhofer als "empörend" einstuft. Danke!

>>> http://www.anschlaege.at/2010/feb10/46xx46xy.htm  

Wednesday 17 March 2010

Do 18.3.10: Politischer Vorstoss betreffend kosmetische Genitaloperationen an Kindern im Inselspital Bern

>>> Aktion & Offener Brief Inselspital Bern 16.8.2009 (Bild: Ärger)

Update 18.3: Neben Kantonsrätin Margreth Schär wurde von TeleBärn auch Daniela "Nella" Truffer interviewt. Für das Inselspital war nur mehr der Pressesprecher erhältlich ...

>>> Interpellationstext als PDF
>>> Beitrag auf TeleBärn 18.3.

Was 99% der Zwitter erlebt haben, ist verwandt mit sexuellem Missbrauch, ist verwandt mit Folter, ist verwandt mit Mädchchenbeschneidungen in Afrika, ist verwandt mit den medizinischen Experimenten, wie sie im 2. Weltkrieg in KZ‘s durchgeführt wurden.

Im Inselspital Bern werden schweizweit wohl am meisten Kinder mit "uneindeutigen" körperlichen Geschlechtsmerkmalen kosmetischen Genitaloperationen und weiteren medizinisch nicht notwendigen, irreversiblen Behandlungen unterzogen.

Da die Wirksamkeit dieser Eingriffe nie klinisch getestet wurde und auch die in der Medizin sonst üblichen Nachkontrollen bisher stets unterbleiben, handelt es sich um unkontrollierte Menschenversuche. Überforderten Eltern werden diese trotzdem regelmässig als erprobt und sicher verkauft.

Solche kosmetischen Genitaloperationen werden auch im Inselspital seit über 50 Jahren an Zwitterkindern systematisch durchgeführt – unter Ausschluss der Öffentlichkeit, ohne Qualitätssicherung und ohne jegliches Monitoring. Offiziell wird nicht einmal bekannt gegeben, wie viele und welche Eingriffe wo stattfinden.

Auch auf einen Offenen Brief der Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org vom 16. August 2009 blieb das Inselspital bisher jegliche Antwort schuldig.

Zwischengeschlecht.org freut sich deshalb sehr, dass morgen Donnerstag, den 18. März 2010, im Kantonsrat Bern ein politischer Vorstoss zugunsten von Zwittern gemacht wird.

Margreth Schär (SP) und Corinne Schärer (Grüne) werden eine Interpellation zum Thema "Kosmetische Genitaloperationen an Kindern mit 'uneindeutigen' körperlichen Geschlechtsmerkmalen" einreichen und der Regierung Fragen stellen über die Art und den Umfang solcher Zwangseingriffe an Kindern im Kanton Bern und wie die Regierung diese beurteilt.

Der 18. März wird ein wichtiger Tag für alle Zwischengeschlechtlichen und für alle, die sie in ihrem Kampf um Selbstbestimmung unterstützen!

Die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org fordert ein Verbot von kosmetischen Zwangsoperationen an Kindern und "Menschenrechte auch für Zwitter!". Betroffene sollen später selber darüber entscheiden, ob sie Operationen wollen oder nicht, und wenn ja, welche.  

Siehe auch:
- TeleBärn, 18.3.10: "Zwangsoperiert wird schon lange nicht mehr" - Inselspital lügt wie gehabt ...
- Genitale Zwangsoperationen im Inselspital
- Offener Brief an das Inselspital Bern (PDF)
- Pressespiegel Aktion & Offener Brief Insel 16.8.09  
- Aktion & Offener Brief Kinderspital Zürich 6.7.08
- Basel-Stadt: Politischer Vorstoss gegen kosmetische Genitaloperationen an Kindern!
- Mo 26.10.09: Intersex Awareness Day - Historischer politischer Vorstoss in Zürich gegen kosmetische Genitaloperationen an Kindern
- Milton Diamond fordert gesetzliches Verbot von kosmetischen Genitaloperationen an Kindern

Tuesday 16 March 2010

Vom Mut der Opfer sexualisierter Gewalt lernen

Norbert Denef auf cnn.com    >>> Petition

Seit dem letzten "Blick über den eigenen Tellerrand hinaus" zum Thema sexualisierte Gewalt auf diesem Blog vor gut 3 Wochen hat sich vieles getan: Dutzende weitere Opfer meldeten sich zu Wort, die Polizei führte Razzien durch, das Thema ist in den Medien nach wie vor sehr präsent, und zwar nicht mehr nur in Bezug auf kirchliche Institutionen.

Aus Sicht der Zwitterbewegung m.E. besonders interessant auch, wie sich die Opfer zu organisieren beginnen, und mit welchen faktischen und psychischen Realitäten sie dabei zusätzlich zu kämpfen haben.

Norbert Denef kämpft seit Jahren aktiv gegen das Fortdauern und die faktische Straflosigkeit von sexualisierter Gewalt an Kindern, und begleitet und kommentiert das aktuelle Geschehen auf seiner exzellenten Homepage. In den letzten Wochen geht es dort nun auch in den Kommentaren zusehends ab. Zwei Beispiele:

Auch Opfer von sexualisierter Gewalt haben damit zu kämpfen, dass Organisationen, die Fördergelder erhalten, um sich für die sie einzusetzen, dies meist lange nicht so öffentlich und nachdrücklich tun, wie es nötig wäre, um die Gunst der Stunde effektiv zu nützen. Ein offener Brief an einschlägige Organisationen und die daraus resultierende Diskussion unterstreichen dies.

Auch Opfer von sexualisierter Gewalt sind stark traumatisiert und haben ein Leben lang insbesondere auch unter dem Schweigegebot der Täter zu leiden. Oft genug verunmöglicht ihnen das, konsequent gegen die Täter aufzutreten, oder gar öffentlich gegen diese vorzugehen. Es gibt zudem einen ganzen Zweig von (Täter-)Psychologen, der seine vornehmliche Aufgabe darin sieht, die Opfer zu möglichst rascher "Vergebung" zu bewegen – und sie dadurch gleich nochmals mundtot zu machen. Dies ist gegenstand einer Kommentar-Diskussion, die eigentlich zu einem ganz anderen (ebenfalls interessanten) Thema begann (die "Vergebungs"-Diskussion startet hier). Interessant auch die Diskussion um das Vorhaben, einen starken Verein gründen zu wollen, der sich konsequent für die Belange der Opfer stark macht.

>>> Unterschreibt die Petition zur Aufhebung der Verjährungsfrist für sexuellen Missbrauch im Zivilrecht!

Thursday 11 March 2010

2010: Die Rückkehr der Freakshow – "Hermaphroditen" in Film, Kunst und Theater (Jake Yuzna: "Open"; Div.: "The Hermaphrodites: Living In Two Worlds"; Jutta Schubert u. Horst Emrichs: "Rostige Rosen")

Geschlecht: ZwangsoperiertSeit dem Beginn organisierter Zwitterbewegungen in den 1990ern beginnt das Zwittertabu langsam zu bröckeln – nicht zuletzt dank verschiedenenen politischen, völkerrechtlichen und juristischen Aktionen, gekoppelt mit Öffentlichkeitsarbeit und entsprechendem Niederschlag bis in die Mainstreammedien.

Die Kehrseite: Das gesteigerte öffentliche Interesse ruft verstärkt diverse TrittbrettfahrerInnen auf den Plan. Seit Anfang dieses Jahres scheinen diese in der Öffentlichkeit langsam aber sicher die Oberhand zu gewinnen ...

INHALT:

1993-2009: Das Zwittertabu beginnt zu wanken

2002: Der Kulturbetrieb zieht nach

2010: Die Rückkehr der Freakshow

   a)  Jake Yuzna: "Open"
        Transsexuelle, Fetisch und, ähm, "authentische Hermaphroditen"

   b)  "The Hermaphrodites: Living In Two Worlds"
        Klassischer Marmor-Zwitterporno im LGBT-Gewand

   c)  Jutta Schubert u. Horst Emrichs: "Rostige Rosen"
        "Zweigeschlechtliche" Kuriosität auf der Bühne

Kommentar

 
1993-2009: Das Zwittertabu beginnt zu wanken

1993 wurde mit der Intersex Society of North America ISNA) die erste Zwitter-Lobby-Organisatione gegründet. Am 26.10.1996 demonstrierten organsierte Zwitter von ISNA und "Bodies like ours" zum allererstenmal öffentlich: Vor dem Jahreskongress der "American Academy of Pediatrics" in Boston (USA) protestierten sie dagegen, dass diese Medizynervereinigung ihren Tagungen das Thema Zwangsoperationen an Zwittern "behandelt", aber Betroffenen das Wort an ihren Veranstaltungen verbot. Dieses Datum wird heute jedes Jahr in vielen Ländern mit dem von der Intersex Initative (englisch) ins Leben gerufenen "Intersex Awareness Day" begangen.

1997 wurde John Moneys angeblicher "Beweis" für die "Wirksamkeit" klinisch nie getesteten Zwangsbehandlungen, das unsägliche "John/Joan-Zwillingsexperiment", öffentlich als wissenschaftliche Fälschung entlarvt. (Trotzdem wurde Money zeitlebends nie dafür zur Verantwortung gezogen, sondern im Gegenteil unreflektierterweise – und doch irgendwie "passend" – u.a. mit der Magnus-Hirschfeld-Medaille geehrt.)

1999 schränkte Kolumbien als erster und nach wie vor einziger Staat weltweit kosmetische Genitaloperationen an Kindern zumindest teilweise ein (englisch).

Ab 2001 versuchte Michel Reiter in München über 2 Instanzen vergeblich, sich das Recht auf einen Geschlechtseintrag "zwittrig" auf gerichtlichem Wege einzufordern.

2003 bezog mit Hanny Lightfoot-Klein zum ersten Mal eine prominente Gegenerin der weiblichen Genitalverstümmelung unmissverständlich Stellung auch gegen die Genitalverstümmelungen an Zwittern.

>>> Mahnwache UNO Genf 26.1.09
(Bild: Ärger)

Vor allem in deutschsprachigen Medien wurden in den letzten gut 2 Jahren die menschenrechtswidrigen Genitalverstümmelungen und sonstigen uneingewilligten kosmetischen Zwangseingriffe an Zwittern in noch nie dagewesenem Masse öffentlich bekanntgemacht und kristisiert:

2007 gelang es der "zwangskastrierten Intersexuellen" Christiane Völling, als allererste und immer noch einzige Zwangsoperierte überhaupt, in Köln ihren ehemaligen Zwangsoperateur gerichtlich zu verklagen. 2 Jahre lang zog sich der von einer kontiniuierlichen Öffentlichkeitsarbeit und zahllosen Medienberichten begleitete "Zwitterprozess" über 3 Instanzen, bis sich der Zwangsoperateur nach dem 3 Schuldspruch in Folge geschlagen gab. Zum allerersten Mal wurde ein Medizyner für einen medizinisch nicht notwendigen Zwangseingriff wenigstens zivilgerichtlich beurteilt. Mit klarem Resultat – O-Ton OLG: "Der Chirurg hatte die Patientin vor der Operation nicht hinreichend aufgeklärt und sie daher mangels wirksamer Einwilligung schuldhaft in ihrer Gesundheit und ihrem Selbstbestimmungsrecht verletzt."

2009 kritisierte mit dem CEDAW-Ausschuss zum ersten Mal ein UN-Komitee die menschenrechtswidrigen Zwangseingriffe an Zwitterkindern. Vor der Hamburgischen Bürgerschaft kam es zu einer historischen Anhörung sowie ebensolchen politischen Vorstössen. In der Schweiz wurde zum ersten Mal überhaupt ein politischer Vorstoss zu Gunsten von Zwittern eingereicht.

Auch im Sport wurde die Diskriminierung "intersexueller" Sportlerinnen vermehrt Thema. Der Fall der als Zwitter gemobbten Tennisspielerin Sarah Gronert führte zu öffentlicher Kritik. Die niederträchtigen und menschenrechtswidrige öffentlichen Zwitter-Vorwürfe an Mokgadi Caster Semenya durch die internationalen Sportverbände nach ihrem glanzvollem Sieg an der Athletik-Weltmeisterschaft 2009 brachte eine bisher noch nie dagewesene globale Medienschmutzkampagne, aber auch zahlreiche kritische Stimmen und Solidaritätserklärungen von Zwittern. Vor dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) gab es eine Demonstration, bei der auch an die geschädigten Sportlerinnen María José Martínez-Patiño und Santhi Soundarajan erinnert wurde. Nach dem Ausschluss von Betroffenen an einem skandalösen IOC-Medizynersymposium gab es weitere Proteste sowie eine Online-Petition.

2010 fordern in Amerika 35 EthikerInnen sowie 11 zwangsoperierte Erwachsene und mehrere Zwitter-Lobbyorgansisationen eine Untersuchung der experimentellen kosmetischen Hormonzwangstherapien an Ungeborenen auf blossen "Verdacht" hin. Wie auch alle übrigen kosmetischen Zwangseingriffe wird auch diese experimentelle "Therapie" unkontrolliert serienmässig angewendet und obendrein von Medizynern weltweit rechtswidrig als "erprobt" und "sicher" angepriesen.

2002: Der Kulturbetrieb zieht nach

Auch international und in der Kultur gewann bekam das Jahrhundert lange Zwittertabu zunehmend Risse, wurden Zwitter und auch die an ihnen systematisch begangenen medizynischen Verbrechen mehr und mehr Thema, mittlerweile sogar in mindestens einem halben Dutzend Fernsehserien.

Mit dem Pulitzerpreis 2003 für Jeffrey Eugenides' im Vorjahr publizierten Roman "Middlesex" erreichten Zwitter und Zwangsoperationen zumindest als Nebenthema den Mainstream. 2005 verpackte Ralf Isau das Thema in den spannenden Thriller "Galerie der Lügen". 2008 erschien der Roman "The Sinkings" der australischen Schriftstellerin Amanda Curtin (englisches Interview).

2005 machte die zwischengeschlechtlich geborene Regisseurin Lisa Barcellos mit "Both" den ersten Spielfilm zum Thema Zwitter und Zwangsoperationen. 2008 feierte Lucía Puenzo mit ihrem sensiblen Erstling "XXY" weltweit Erfolge und bewies, dass sich mit dem Thema durchaus auch Filmpreise abräumen lassen.

2010: Die Rückkehr der Freakshow

Das öffentliche Bekanntwerden der real existierenden Zwitter und der an ihnen begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ruft zunehmend Gegenmassnahmen seitens der Medizyner sowie die üblichen Trittbrettfahrer auf den Plan. Im neuen Jahr schafften diese es in Deutschland, der Zwitterbewegung zum ersten Mal seit über 2 Jahren die Medienhoheit zu entreissen – ein Faktum, das sich bereits letztes Jahr abzeichnete.

Seit Juni 2009 bis heute führt Lady Gaga weltweit vor, wie sich das "neue Reizthema Zwitter" als blosser PR-Gag weltweit inszenieren lässt – unter Ausklammerungen der Anliegen der realen Zwitter.

Zeitgleich begann das mehr oder minder organiserte Sexgewerbe ebenfalls das Thema vermehrt auszubeuten.

Auch im Zusammenhang mit der Berichterstattung um den "Fall" Caster Semenya durften Medizyner endlich wieder allenthalben Zwangsoperationen etc. unwidersprochen als angeblich notwendige "Heilmittel" propagieren, tatkräftig unterstützt von den internationalen Sportverbänden. Das IOC selbst legte dann mit seiner im Januar beschlossenen Pflicht zu Zwangsbehandlungen noch einen drauf. Während der Winterolympiade in Vancouver schaffte es das IOC zudem, das leidige Thema "Zwitter im Sport" erfolgreich unter Verschluss zu halten.

2010 scheinen "Intersexuelle" bzw. "Hermaphroditen" nun auch in der Welt der Mode angelangt zu sein. Laut einem Bericht der London Times schickte Givenchy ein Model auf den Laufsteg, das explizit als "Hermaphrodit" vermarktet wurde, die Zeitung merkte dazu an: "Das Traurige dabei war, dass er/sie so ziemlich gleich aussah wie all die anderen Models." ("Zufällig" fand sich diese News als Schlussätze zu einem Abschnitt über lesbische Beziehungen unter Models.)

Im Stern erschienen im Januar 2010 zwei unter Beihilfe der Medizynerlobby verfasste, sehr einseitige Artikel, die in der Öffentlichkeit weitgehend unwidersprochen blieben (Artikel 1 / Artikel 2 / Diskussion auf dem Hermaphroditforum). Darin wurden beide Male nicht nur medizinisch nicht notwendige, menschenrechtswidrige Zwangseingriffe hemmungslos propagiert, sondern auch die übliche Nebelwand hochgefahren durch Vermischung mit "Transsexualität", "Geschlechtsidentitätsstörungen", "sexueller Orientierung", "Abweichungen" usw. 

In dieselbe Kerbe hauten mehrere Artikel um die Münchner Trans-, äh, "Intersexuelle" JJ Eichmann, u.a. in der Süddeutschen.

Auch der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD), der 2009 noch durch nicht-vereinnahmende, solidarische Statements zu Gunsten von Zwittern Positives bewirkt hatte, macht nunmehr – zusammen mit der SPD und den wohl unverbesserlich vereinnahmenden Bundestags-Grünen – 3 Schritte zurück und setzt im Zusammenhang mit verschiedenen Anläufen zur Aufnahme eines expliziten Schutzes von "sexuelle Identität" (an und für sich schon ein vereinnahmendes Konstrukt) nunmehr wieder voll auf die altbekannte Vereinnahmungsschiene (Anlauf 1 / Anlauf 2).

Auch auf der kulturellen Ebene schlägt im neuen Jahr das Pendel massiv zurück, wie drei aktuelle Beispiele zeigen:

a)  Jake Yuzna: "Open"
     Transsexuelle, Fetisch und, ähm, "authentische Hermaphroditen"

(Bild: Gaea Gaddy als "authentischer Hermaphrodit")

In der offiziellen Berlinale-Ankündigung (PDF) heisst's zum Film:

Ein queeres Roadmovie und gleichzeitig eine transsexuelle Romanze – in seinem Spielfilmdebüt kombiniert Regisseur Jake Yuzna auf spektakuläre Weise Ausprägungen des Gender Crossings.
Da gibt es zum einen den jungen Hermaphroditen Cynthia. [...]
Hormonbehandlung und Chirurgie: In OPEN offenbart sich der Neue Mensch. Pioniere einer neuen menschlichen Erfahrung – authentische Hermaphroditen und Transsexuelle – präsentieren auf der Leinwand die neu entstehenden Möglichkeiten der Menschheit am Beginn eines noch jungen Jahrhunderts. 

Eine Rezension in "Junge Welt" mit dem bezeichnenden Titel "Selbstbestimmt aussehen" vermischt ebenfalls unreflektiert "Intersexualität", "Geschlechterverwirrung", "Sichtbarmachen einer selbst konstruierten Identität", "sexuelles Begehren", "Eintritt in das Zeitalter der Cyborgs" usw. Der Artikel endet:

Voyeurismus? Das zur Schaustellen von Fleisch jedenfalls ist Yuznas Talent. Die Spritze, die das Testosteron in den haarigen Oberschenkel spritzt. Das noch blutige Steak, dessen Fasern mit Messer und Gabel auseinander gezogen werden. Die Narben nach der Schönheitsoperation. »Open« lebt von diesen eindrucksvollen Bildern mehr als von der erzählten Geschichte.

Prompt gewann der offensichtlich vereinnahmende Streifen den Jurypreis des "Teddy Adward", des "offiziellen queeren Filmpreis[es] der Berlinale", mit folgender Begründung: "um einem mutigen Debütfilm Anerkennung zu zollen, der ein weites Spektrum von Transgender-Liebe und Transgender-Beziehungen darstellt."

b)  "The Hermaphrodites: Living In Two Worlds"

     Klassischer Marmor-Zwitterporno im LGBT-Gewand

(Bild: Tip Toland: "Tender Flood", Detail)

"Hermaphroditen: Leben in zwei Welten" (englisch) ist eine thematische Gruppenausstellung mit keramischen Arbeiten, die derzeit in Amerika gezeigt wird. 

Ein Portfolio mit sämtlichen Exponaten findet sich hier.

Die Ausstellung will "die wörtliche Definition von Zwittern verkörpern, die beide Geschlechter umfassen. Solche Kunstwerke finden sich manchmal in frühen Gesellschaften, jedoch selten in der zeitgenössischen Kunst."

Wenig überraschend wurde in der queeren Öffentlichkeit vor allem das auch hier abgebildete Exponat von Tip Toland prominent ins Zentrum gerückt, so etwa auf diesem Blog (englisch).

Die Skulptur ist offensichtlich eine enge Anlehnung an klassische Vorbilder. Statt der bekannten "Normal Weibchens" wurde hier jedoch von einem "Butch"-Vorbild ausgegangen, diesem ein paar zusätzliche Körperhaare angefügt sowie ein Penis samt Hoden.

Die klassischen Statuen werden heute noch häufig themenbezogen als Illustration verwendet, auch von Medizynern. Von Betroffenen wurde die unreflektierte Verwendung solcher Plastiken wiederholt als "Porno" kritisiert.

c)  Jutta Schubert u. Horst Emrichs: "Rostige Rosen"

     "Zweigeschlechtliche" Kuriosität auf der Bühne

(Bild: Publicity-Foto auf Kulturwerkstatt.de)

Auf dem Flyer zum Stück (PDF) heisst es:

Es gibt Männer und Frauen. Und alles Mögliche dazwischen. Oder: Dazwischen ist alles möglich. Den hundertprozentigen Mann, die hundertprozentige Frau gibt es nicht. Weder genetisch noch hormonell noch psychologisch oder sexuell. Das Stück mit Texten von Horst Emrich, Jutta Schubert und Tschuang Tse spielt mit Gender-Phänomenen, Lebensweisen, Schicksalen, GrenzgängerInnen, Identitätssuchern, mit Zweigeschlechtlichkeit, Sexualität und Sinnsuche. Außerdem tritt auch ein merkwürdiger Zeitgenosse auf, ein Freund, ein Seelenverwandter, ein Clown, ein Gott, ein Schamane? Ist es einer, der alles weiß oder nichts zu wissen braucht? Gespielt wird mit Texten und Musik, Figur und Tanz.

Die Ankündigungen auf der Theaterhomepage sowie bei der Autorin lauten jeweils leicht anders, wenn auch nicht weniger verwirrlich, so u.a.:

Ausgangspunkt: Es gibt Männer und Frauen. Und alles Mögliche dazwischen. Oder: Dazwischen ist alles möglich.

Inspiriert von Virginia Woolfs “Orlando”-Figur: Jemand reist durch die Zeiten, mal als Mann, mal als Frau, probiert Lebensweisen aus, überschreitet gesellschaftliche Grenzen, provoziert und ist dabei natürlich auf der Suche nach sich selbst, der eigenen Identität, der eigenen Sexualität.

Allen Ankündigungen gemeinsam ist ein ähnliches Pressefoto (siehe oben). Offensichtlich feiert im Stück ein weiterer historischer Charakter seine unreflektierte Auferstehung: Der (Fake-)Freakshow-Zwitter, wie er als Jahrmarktsattraktion zum Teil noch bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts gang und gäbe war. Ein (nachinszeniertes) Beispiel dazu fand sich in der 2. Season der Serie "Carnivale", hier zur Illustration ein kurzer Ausschnitt daraus auf Youtube.

Kommentar:

Die Aufbrechung des Zwittertabus wird auch weiterhin von verschiedenen Gesellschaftsschichten und Interessengruppen auf ihre Weise gespiegelt und benutzt werden. Dies ist unvermeidlich. Ein kleiner Trost: Noch die dümmsten Vereinnahmungen können bis zu einem gewissen Grad etwas zur Beendigung des Tabus beitragen, rein indem sie auf die Existenz von Zwittern hinweisen und die verschiedenen Bezeichnungen dafür im Umlauf halten.

Trotzdem bleibt Vereinnahmung Vereinnahmung, und allen, die sich dem Thema womöglich mit den besten Vorsätzen näherten, würde ein reflektierterer Umgang damit gut anstehen.

Sowie jedesmal auch unmissverständliche Hinweise auf die realen Leiden der realen Zwitter an den immer noch täglich andauernden realen genitalen Zwangsoperationen etc., oder gar eine konkrete Solidarisierung mit der Bewegung zur Beendigung dieser kosmetischen, menschenrechtswidrigen, experimentellen und uneingewilligten Zwangseingriffe an zumeist wehrlosen Zwitterkindern!

Nachtrag: Kommentare auf dem Hermaphroditforum

Tuesday 9 March 2010

"Intersexuelle Menschen zwischen Medizin und Menschenrecht" - öffentliche Diskussion, Bremen 14.4.10 20h

Schluss mit genitalen Zwangsoperationen!

Ort: "belladonna", Kultur-, Kommunikations- und Bildungszentrum für Frauen e.V., Sonnenstraße 8 , 28203 Bremen

Von Michel Reiter auf auf seiner Homepage und im Hermaphroditforum gepostete Ankündigung:

Talkrunde
[...]

Weder Frau noch Mann
Intersexuelle Menschen zwischen Medizin und Menschenrecht

in Kooperation mit der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Bremen

Die Existenz von Menschen, die sich biologisch nicht eindeutig in die Kategorie „Frau“ oder „Mann“ einordnen lassen, wird in der Öffentlichkeit meist gar nicht wahrgenommen. So genannte Intersexuelle, Hermaphroditen oder auch Zwitter werden schon als Kleinkinder medikamentös oder operativ behandelt mit dem Ziel, ihnen ein „eindeutiges“ Geschlecht zuzuweisen. Meist geschieht das, bevor sie alt genug sind mitzuentscheiden. Sie geraten in die Mühlen der Medizin und leiden unter den Folgen der Behandlung oft ihr ganzes Leben lang. Der Eingriff in die sexuelle Selbstbestimmung führt häufig zu Depressionen, nicht selten auch zu Suiziden. Angehörige werden häufig nicht umfassend aufgeklärt und beraten. Sie fühlen sich massiv unter Druck gesetzt.
„Warum und wieso kann es nicht einfach akzeptiert werden, dass es ein `drittes Geschlecht´ gibt? Es ist die unbeschreibliche Ohnmacht, die einen überfällt wenn man einmal mehr als NICHT EXISTENT bezeichnet wird.“ (Auszug aus einem online-Tagebuch eines Betroffenen).

Impulsreferat von Michel Reiter: „Hermaphroditen: das unaussprechlich Reale?“
Er kämpft seit Jahren für die Anerkennung einer dritten Geschlechterkategorie in Deutschland.

In der Talkrunde:
Lucie Veith, Gruppe Intersexueller Menschen e.V., Hamburg
Prof. Dr. Konstanze Plett, Professorin für Rechtswissenschaften und Gender Law, Universität Bremen
Moderation: Björn Fecker, MdBB, stellv. Fraktionsvorsitzender Bündnis 90/DIE GRÜNEN

Die Diskussionsveranstaltung ist für Frauen und Männer

Kommentar: Die Formulierung "Für Frauen und Männer"  ist, wie schon im Hermaphroditforum festgehalten wurde, Standard bei vielen Frauenprojekten, wenn zu einer Veranstaltung nicht ausschliesslich Frauen zugelassen sind, und folglich nicht böse gemeint, wenn auch im vorliegenden Fall zumindest formell unsensibel. Nachtrag: Auf der Homepage des Veranstaltungsortes wurde die Formulierung nun abgeändert zu "für alle Interessierten offen". Danke!

In der Sache selbst scheint diese Veranstaltung, in löblichem Gegensatz z.B. zum sog. "Fachgespräch" der Bundestags-Grünen vom letzten Jahr, endlich gewillt, die Leiden der Zwangsoperierten Ernst zu nehmen und auf sie zu hören. Danke! Bleibt zu hoffen, dass als nächster Schritt konkrete politische Aktionen folgen, um die kosmetischen Zwangseingriffe endlich zu stoppen!

Allein in Deutschland wird etwa JEDEN TAG ein Zwitterkind genitalverstümmelt, in der Schweiz und in Österreich etwa JEDE WOCHE JE EINES! Wie lange noch?

Siehe auch:
- "Medizinische Intervention als Folter" - Michel Reiter 30.6.2000
- Rede 5. Treffen Netzwerk Intersexualität Kiel 6.9.2008 
- Weg weisende Kampagne gegen pränatale Dexamethason-Zwangsbehandlungen
- Euro-DSD: Lübecker Zwitterstudie frisiert
- Zwangskastrierte Zwitter müssen Ersatzhormone selber bezahlen
- Wie das "Netzwerk Intersexualität/DSD" seine Versprechen bricht
- Intersexuelle Menschen e.V. distanziert sich stillschweigend vom "Netzwerk DSD" 
- Netzwerk DSD/Intersexualität und wir Intersexuellen - Mitsprache geht anders
- Wie das "Netzwerk DSD" die "Lübecker Studie" frisiert
- Ersatzhormone für Zwangskastrierte auf Kasse! "Netzwerk DSD" zum Handeln aufgefordert

Saturday 6 March 2010

Schweiz: Verfassungsartikel Forschung am Menschen – Chance im Kampf gegen genitale Zwangsoperationen und sonstige experimentelle Zwangsbehandlungen an Zwittern

Nachtrag: Der Verfassungsartikel wurde mit über 77% Ja-Stimmen angenommen!

Menschenrechte auch für Zwitter!In der Schweiz wird am kommenden Wochenende über einen Verfassungsartikel abgestimmt, der den Bund beauftragt, Forschung am Menschen landesweit mittels Vorschriften zu reglementieren, da bisher nur teilweise kantonale, uneinheitliche und lückenhafte Vorschriften bestehen. Da die meisten Parteien und auch die betroffenen medizinischen Standesorganisationen die Vorlage befürworten, hat sie gute Chancen.

Obwohl u.a. die Pflicht zur Kontrolle von Menschenversuchen im Verfassungsartikel leider nur mangelhaft verankert wurde, könnte die Zwitterbewegung in ihrem Kampf gegen die experimentellen kosmetischen Zwangseingriffe an Kindern mit "uneindeutigen" körperlichen Geschlechtsmerkmalen von einer Annahme des Verfassungsartikels klar profitieren.

Bezüglich einer verbindlichen und transparenten Kontrolle sämtlicher Menschenversuche besteht jedoch aus der Sicht der Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org dringend zusätzlicher Handlungsbedarf.
 

Seit den 1920ern:
Serienweise uneingewilligte und unkontrollierte Menschenversuche an Zwittern

Seit über 90 Jahren werden kosmetische Genitaloperationen, Zwangskastrationen, Zwangshormon"therapien" und weitere, nicht eingewilligte, medizinisch nicht notwendige Zwangseingriffe an Zwittern von den SerientäterInnen ausschliesslich experimentell durchgeführt, d.h. es wurde weltweit nirgends und nie klinisch getestet, ob die "Behandlungen" für die Zwangsbehandelten überhaupt eine "Verbesserung" bringen, und wie es im Gegenzug mit den "Nebenwirkungen" ausschaut (sog. "mangelnde bzw. fehlende Evidenz").

Die insbesondere nach Zwangskastrationen lebenslangen Zwangshormon"therapien" wurden ebenfalls nie klinisch geprüft, die verwendeten Medikamente für diese Anwendungen weltweit nirgends und nie von einer Arzneimittelbehörde geprüft und folglich auch nicht freigegeben (sog. unkontrollierter "Off-Label Use"). Dasselbe gilt auch für die seit Ende der 1970er ebenfalls seriell durchgeführten pränatalen Zwangshormontherapien.

Schlimmer noch, obwohl diese medizinisch nicht notwendigen, uneingewilligten experimentellen Zwangsbehandlungen seit den 1950ern – also seit deutlich über einem halben Jahrhundert! – an allen entdeckten neugeborenen und erwachsenen Zwittern systematisch vollzogen werden, haben die TäterInnen sich bisher um klinische Tests oder nur schon systematische Nachuntersuchungen (sog. "Follow-Ups") stets foutiert, nicht zuletzt, da solche einen zentralen Aspekt der "Therapien" in Frage stellen würden, nämlich das Verschweigen der Eingriffe und des wahren Geschlechts den misshandelten "PatientInnen" gegenüber.

Alle Zwangsbehandlungen an Zwittern erfolgen demzufolge seit jeher als unkontrollierte medizinische Menschenexperimente bzw. als unkontrollierte Feldversuche.

Der einzige angebliche "Beweis" für die Zwangsbehandlungen, John Moneys infames "John/Joan"-Zwillingsexperiment, wurde bereits 1997 als krasse wissenschaftliche Fälschung entlarvt. Trotzdem tun die Medizyner in der Regel heute noch so, als ob es sich bei diesen Zwangsbehandlungen um einen erprobten medizinischen Standard handle, und preisen die Zwangsbehandlungen vor allem den in der Regel überforderten Eltern gegenüber seit Jahrzehnten widerrechtlich als "sicher" und "erprobt" an – obwohl sehr viele Fälle unzufriedener Erwachsener publik sind, auch in offiziellen Studien.


2010: Was könnte der neue Verfassungsartikel für Zwitter bringen?

Allen gegenteiligen Lippenbekenntnissen von Medizynern zum Trotz werden die experimentellen, medizinisch nicht notwendigen, nicht eingewilligten Zwangsbehandlungen an Zwittern auch in der Schweiz weiterhin systematisch praktiziert. Zwischengeschlechtlich geborene Menschen sind wohl die Bevölkerungsgruppe, die widerrechtlichen medizynischen Menschenversuchen am schutzlosesten ausgeliefert sind.

Unter diesen Umständen können Zwitter von einer evtl. auch nicht ganz perfekten Reglementierung von Menschenversuchen auf Bundesebene, wie sie der Verfassungsartikel vorsieht, praktisch nur profitieren. Auch die als Folge des Verfassungsartikels folgende politische und öffentliche Diskussion um konkrete Gesetzesvorschriften stellt eine grosse Chance dar, die menschenrechtswidrigen experimentellen Zwangsbehandungen an Zwittern öffentlich anzuprangern.

(Auch wenn eine öffentliche Diskussion selbst bei Annahme des Verfassungsartikels grosse konkrete Anstrengungen erfordern wird, da, wie andernorts bereits festgestellt, schon der Verfassungsartikel im Vergleich mit den übrigen Abstimmungsvorlagen weitgehend unter dem Radar der Öffentlichkeit blieb.)


Schwachpunkt: Mangelnde Transparenz und Kontrolle

Aus Sicht der Zwitterbewegung stellt der schwerwiegendste Makel des Verfassungsartikels die nur ungenügend vorgeschriebene Erfassung und Kontrolle von medizinischen Humanexperimenten dar. Die im Verfassungsartikel verankerte "unabhängige Überprüfung" (Art. 118b Abs. 2 b.) "von einer unabhängigen Stelle (z.B. einer Ethikkommission)" (Erläuterungen des Bundesrats, Abstimmungsbroschüre (PDF) S. 8) ist klar zu wenig verbindlich, um unkontrollierte Menschenversuche, wie sie an Zwittern seit über 90 Jahren serienweise sowie seit bald 60 Jahren systematisch praktiziert werden, erfolgreich einzudämmen. Hier besteht bei der späteren Ausformulierung konkreter Gesetzesvorschriften dringender Handlungsbedarf.

Wie etwa das Beispiel der letzten Monat in Amerika erfolgreich angelaufenen Initiative zur Überprüfung der experimentellen pränatalen Zwangshormontherapien zeigt, braucht es verbindliche Regelungen, damit medizinische Menschenexperimente ohne Registrierung und kontinuierliche, transparente Kontrolle durch entsprechende Kontrollstellen nicht durchgeführt werden dürfen, sofern der vom Verfassungsartikel propagierte Schutz vor unethischen und gar schädlichen Humanexerimenten ganz nach dem Belieben der ExperimentatorInnen nicht ein blosser Papiertiger bleiben soll, sowohl für Zwitter wie auch für alle anderen, zum Zeitpunkt der Experimente nicht einwilligungsfähigen menschlichen "Versuchsobjekte".
 

  • Die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org unterstützt aus obigen Überlegungen den zur Abstimmung stehenden Verfassungsartikel über die Forschung am Menschen.
     
  • Und fordert alle Parteien und Interessengruppen auf, sich dafür einzusetzen, dass eine verbindliche und transparente Kontrolle aller medizinischen Menschenversuche in den zu schaffenden Gesetzesvorschriften verbindlich verankert wird.


Die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org fordert ein Verbot von kosmetischen Zwangsoperationen an Kindern und "Menschenrechte auch für Zwitter!". Betroffene sollen später selber darüber entscheiden, ob sie Operationen wollen oder nicht, und wenn ja, welche.

Siehe auch:
- "Heimliche Versuche am Menschen" - Beobachter 7/2010
(mit weiterführenden Links und einer Zusammenfassung der Vernehmlassung zum Humanforschungsgesetz)

Thursday 4 March 2010

OII-Petition gegen Diskriminierung von Zwittern durch das Internationale Olymische Komitee (IOC)

>>> Caster Semenya and Discrimination of "Hermaphrodites" in Sports
>>> IOC/IAAF/FIFA: Mandatory Gender Tests, Surgery for Intersexed Athletes
>>> "Hermaphrodites" in sports: IOC and IAAF deny responsibility
>>> Open Letter to IOC      >>> IOC's (Non-)Answer     >>> Stop Genital Surgery

IOC IAAF: Stop Intersex Discrimination!Organisation Intersex International (OII) hat eine unterstützenswerte >>> Online-Petition an das Internationale Olympische Komitee aufgeschaltet, verfasst von Hida Viloria, worin gefordert wird:

1. Das IOC soll seine Forderungen zurücknehmen, wonach zwischengeschlechtliche Sportlerinnen ihre körperlichen Besonderheiten ("intersex variations") diagnostizieren und "behandeln" lassen müssen [dieser Blog berichtete].

2. Das IOC soll den erwähnten Athletinnen, bekannt als zwischengeschlechtliche Frauen ("intersex women"), erlauben als Frauen an Wettkämpfen teilzunehmen, ohne ihre körperlichen Besonderheiten ("intersex variations") zuerst diagnostizieren und "behandeln" lassen zu müssen.

3. Das IOC, die Presse und Mediziner sollen diese Frauen mit körperlichen Besonderheiten ("intersex variations") als "Intersex Frauen" bezeichnen, und nicht als "Frauen mit einer Störung der geschlechtlichen Entwicklung".

Kommentar: Nach dem unterstützenden Statement vom 17.2.10 (siehe hier --> 7) zur Kampagne gegen Dexamethason-Zwangsbehandlungen ergreift die Organisation Intersex International (OII) nun schon zum 2. Mal im neuen Jahr konkrete Schritte gegen ZwangsbehandlerInnen von Zwittern und ihre Handlanger und Helfershelfer (statt der sonst eher üblichen Aktivitäten betreffend "internen Grabenkämpfen" sowie zu den Themenkreisen "Identität" und "(Trans-)Gender").
Wir gratulieren!
Und fordern alle auf: >>> Unterschreibt auch!

Siehe auch:
- Zwitter im Sport: IOC und IAAF leugnen Verantwortung
- Pressemitteilung Zwischengeschlecht.org von 22.01.2010 
- Diskriminierung von Zwittern im Sport weltweit

Kampagne gegen pränatale Dexamethason-Zwangsbehandlungen: Weitere Antworten auf Offene Briefe

Menschenrechte auch für Zwitter!

Heute wurden auf fetaldex.org/updates neue Antworten auf Offene Briefe der Kampagne veröffentlicht von der US-Überwachungsstelle für medizinische Experimente mit Menschen und der Lawson Wilkins Pediatric Endocrine Society. Links und Zusammenfassungen:
UPDATES >>> 7) 2010: Kampagne gegen Dexamethason und Dr. Maria I. New's unkontrollierte Menschenversuche

Wednesday 3 March 2010

Schweiz: Zwitter-Vereinnahmung im Zusammenhang mit Amnesty-Petition - Sündikat gibt Gegensteuer!

Heute behandelt der Schweizer Nationalrat eine >>> Motion vom 9.6.09 der Grünen Katharina Prelicz-Huber (PDF) zur Erweiterung des Flüchtlingsbegriffs um "Fluchtgründe[...] im Zusammenhang mit der sexuellen Orientierung und/oder Identität", um eine "Sensibilisierung" zu erreichen "bezüglich der geschlechtsspezifischen Verfolgungssituation von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Transsexuellen usw." (vgl. dazu auch ihre damit zusammenhängende >>> Interpellation gleichen Datums (PDF)). Zu deren Unterstützung lancierte Amnesty Schweiz eine Kampagne "Homosexuelle Flüchtlinge brauchen unseren Schutz", sowie eine (unterdessen abgeschlossene) >>> Online-Petition.

Wohl nicht von Amnesty selbst, aber z.T. im Namen von (Queer-)Amnesty Schweiz wurde u.a. mit Rundmails (Wortlaut siehe z.B. hier und hier) für diese Petition geworben, in denen (im Gegensatz zur Amnesty Kampagne und Petition selbst) einmal mehr die übliche Zwittervereinnahmung betrieben wurde, indem "Intersexuelle" einmal mehr "mitgemeint" werden, ohne dass jedoch auf ihre spezifischen Probleme überhaupt eingegangen wird (wie es derzeit auch in Deutschland im Zusammenhang mit dem Kampf um Aufnahme des Schutzes von "sexueller Identität" ins Grundgesetz allenthalben praktiziert wird).

Soweit, so altbekannt. Ganz neu war hingegen, dass in der Schweiz die Queer-Interessengruppe Sündikat diese Zwitter-Vereinnahmung öffentlich kritisierte und sich mit der Zwitterbewegung aktiv solidarisierte, indem sie den besagten Aufruf zwar weiterleitete, aber nur unter folgendem Vorbehalt:

Sündikatverteiler mit Vorbehalte zum Petitionstext

Liebe alle

Wir haben uns nach einiger diskussion dafür entschieden, die untenstehende petition *trotz vorbehalten * weiterzuleiten. Wir stören uns an der willkürlichen und unsystematischen aufzählung der betroffenen (im ersten satz geht es um lesben, schwule, bisexuelle und transgender, ein paar sätze weiter dann um transsexuelle und intersexuelle, und im vorgeschlagenen gesetzestext steht nochmals ein anderer text). *Vor allem aber finden wir problematisch, dass die petition mit den rechten von intersexuellen argumentiert, obwohl sie rein gar nichts dafür tut. Die formulierung "sexuelle orientierung und/oder identität" schließt intersexuelle im zweifelsfall nicht ein, und auf das recht auf körperliche unversehrtheit wird mit keinem wort eingegangen.* (Natürlich, *weil dieses leider auch in der schweiz immer noch nicht garantiert werden kann!*)

Trotz dieser mängel halten wir die petition für einen schritt in die richtige richtung. Aber keinesfalls für den letzten!

Wir möchte uns diesem Vorbehalt anschliessen und bedanken uns für diesen Akt der Solidarität bei allen Beteiligten ganz herzlich! (Wenn auch leider ferien- und krankheitshalber erst jetzt.)

Zudem scheint, nachdem Amnesty Schweiz noch im alten Jahr in anderer Sache einen mit dem kritisierten Rundmail vergleichbaren, scheinbar unbeirrbaren Vereinnahmungskurs fuhr, im neuen Jahr, ebenfalls dank Hinweisen des Sündikats, bei Amnesty Schweiz nun prinzipiell etwas in Bewegung zu kommen ... Auch dafür allen Beteiligten schon mal herzlichen Dank!

Nachtrag: Wie Pink Cross mitteilte, lehnte der Nationalrat am 3.3.10 die Motion von Katharina Prelicz-Huber mit 125 zu 64 Stimmen ab: "PINK CROSS bedauert, dass dem speziellen Schutzbedürfnis von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender nicht Rechnung getragen wird. Sie werden zwar nach der Praxis vom Gesetz "mitgemeint", doch hätte die ausdrückliche Erwähnung zu einer verstärkten Sensibilisierung geführt, die sehr wichtig gewesen wäre." Sowohl kommerziellen noch sonstigen deutschsprachigen Medien war dies offensichtlich keine einzige müde Zeile Wert ... (Oder zumindest findet sich online keine einzige Meldung.)

Siehe auch:
- Zwitter und progressive LGBTs gegen Vereinnahmung

Sunday 28 February 2010

Kampagne gegen pränatales Dexamethason: Weitere Offene Briefe

Menschenrechte auch für Zwitter!

Hilde Lindemann und Alice Dreger schrieben einen 4. Offenen Brief, plus zusätzliche Offene Briefe an weitere Organisationen, u.a. im Zusammenhang mit Studien von Heino Meyer-Bahlburg. OII publizierte zudem ein unterstützendes Statement.
UPDATES >>> 7) 2010: Kampagne gegen Dexamethason und Dr. Maria I. New's unkontrollierte Menschenversuche

Siehe auch:
- Alice Dreger über pränatale Dexamethason-Zwangsbehandlungen und EthikerInnen als MittäterInnen 

Saturday 20 February 2010

Prozesse wegen sexuellem Kindesmissbrauch: "Die Lawine rollt" - Südwest Presse, 20.2.10

“Sexualisierte Gewalt ist Seelenmord – ihn mit Liebe zu vergleichen, ein Verbrechen.”  (Norbert Denef)

Wie traumatisierte Opfer von sexualisierter Gewalt im Kindesalter wurden auch traumatisierte zwangsoperierte Zwitter meist von klein an massiven Gewalttaten und Übergriffen ausgesetzt, gekoppelt mit gewaltsam durchgesetzen Schweigegeboten und dem Zwang, sich konstant verleugnen müssen.

Viele zwangsoperierte Zwitter stellen immer wieder fest, wie sehr mitunter Aussagen von Opfern von sexuellem Kindesmissbrauch Ähnlichkeiten haben mit ihren eigenen Geschichten. So auch Nella >>> bei diesem Fernsehbeitrag.

Ebenfalls gemeinsam haben sie die "doppelt so [hohe Rate bei] [...] selbstverletzendem Verhalten und Selbstmord [...] wie bei der Normalbevölkerung", wie etwa Hertha Richter-Appelt mehrfach öffentlich zitiert wird.

Was jedoch zur Zeit in Deutschland in Sachen aktiver Kampf gegen Kindesmissbrauch abgeht, da können Zwitter und solidarische Nichtzwitter derzeit nur neidisch gucken – und sich freuen!

Aus aktuellem Anlass ein weiterer Blick über den "eigenen" Tellerrand hinaus:

>>> Interessanter Leitartikel von Elisabeth Zoll zu einem ebenfalls
>>> interessanten Artikel über einen wiederum
>>>
interessantem Spiegel-Follow-Up-Artikel zur schon wieder
>>>
interessanten vorletzten Spiegel-Titelgeschichte.

Diese beindruckende Medienresonanz kommt nicht von Ungefähr:

>>> Seit langem Aktive
>>> mit
vorbildlicher und hochinteressanter öffentlicher Präsenz
auf >>> vielen Kanälen >>> machen mobil:

Jetzt bricht eine neue Ära an – Opfer stehen für sich ein

Bis zu 25 Prozent der Bevölkerung sind Opfer sexualisierter Gewalt. Es reicht!

Wir Betroffenen wenden uns an alle anderen Gewaltopfer und alle Gutwilligen, die die Kraft haben, die Barbarei, die sexuelle Gewalt bedeutet, wahr zu nehmen und sich ihr entgegen zu stellen. Viel zu lange hat uns unsere Scham den Mund verschlossen.

Aber so werden wir nie etwas ändern. Es wird immer so weiter gehen, immer weiter wird es Kinder geben, die dran glauben müssen, wenn wir unsere Erfahrungen bei uns behalten, als würden sie nur uns etwas angehen. Nein, sie gehen alle an!

Und >>> fordern:

"Nur der radikale Ausstieg aus der Opferrolle, verbunden mit dem Ablegen aller Masken, die wir bisher zum Schutz getragen haben, kann den Opfer-Täter-Täter-Opfer Kreislauf beenden."

Dass es nur mit genügend Druck und Entschlossenheit tatsächlich real möglich ist, Täter öffentlich blosszustellen und juristisch zur Verantwortung zu ziehen, und zwar überall, war schon dem Spiegel-Titel nicht entgangen:

[...] Wie ihre deutschen Brüder versuchten Nordamerikas katholische Bischöfe jahrelang, ihre Priester zu schützen, die Vorwürfe kleinzureden, die Opfer abzubügeln - bis US-Gerichte, Politik und Öffentlichkeit sie zu Antworten drängten. Und zu Entschädigungen. Der Gesetzgeber hob Verjährungsfristen auf, beispielsweise im Bundesstaat Delaware, was zu einer Flut neuer Klagen führte; Urteile zwangen Diözesen, ihre Archive zu öffnen.

Mehr und mehr Opfer meldeten sich, am Ende überrollte die katholische Kirche Nordamerikas der größte Skandal ihrer Geschichte. Die Bilanz der US-Bischöfe: Seit 1950 missbrauchten mehr als 5000 Priester etwa 12 000 Heranwachsende.

Gleich mehrere Bistümer gingen pleite, weil sie die Entschädigungen nicht zahlen konnten, zum Beispiel Tucson in Arizona und San Diego in Kalifornien, jedes Mal hatten Hunderte Betroffene Ansprüche gestellt. Allein die Erzdiözese Los Angeles überwies über 660 Millionen Dollar. Insgesamt zahlte die US-Kirche deutlich über zwei Milliarden Dollar an Entschädigungen.

Dieser Blog freut sich für alle Opfer von sexualiserter Gewalt, die nun hoffentlich nicht nur in Deutschland endlich der Gerechtigkeit einen hoffentlich entscheidenden Schritt näher kommen, und wünscht allen aktiv Beteiligten weiterhin viel, viel Kraft und Ausdauer!

>>> http://norbert.denef.com   

Monday 15 February 2010

"Geschlechtstests im Sport: Wer legt eigentlich fest, was als normal gilt?" - FAZ, 15.2.10

>>> IOC/IAAF/FIFA: Mandatory Tests & Surgery      >>> Background Report

IOC IAAF: Stop Intersex Discrimination!>>> Lesenswerter Artikel von Oliver Tolmein über das "Tabu" der "Offiziellen" betreffend "Geschlechtstests in Vancouver": Der Autor belegt, wie in sämtlichen offiziellen Verlautbarungen und Publikationen zur aktuellen Winterolympiade das heisse Eisen des menschenrechtswidrigen Umgangs mit Zwittern vom IOC schlicht totgeschwiegen wird.

Weiter rekapituliert der Artikel das empörende IOC-Medizyner-"Symposium" in Miami vom letzten Monat:

Die Diskussion, zu der nur ein handverlesener Kreis von Medizinern, aber weder Sportler noch Vertreter von Organisationen Intersexueller oder Transsexueller geladen waren, verlief offenbar so kontrovers, dass konkrete Richtlinien, die bei den Winterspielen umgesetzt werden könnten, nicht verabschiedet wurden.

Anders als z.B. in einem kürzlich im >>> Time Magazine publizierten Artikel moniert Oliver Tolmein zu Recht, dass Mokgadi Caster Semenya auch über ein halbes Jahr nach ihrem Sieg in Berlin immer noch im Ungewissen gelassen wird (während ihre Konkurrenz schon frohlockt, dass sie in Doha wohl nicht antreten wird >>> englischer Artikel).

Ebenso das Schicksal der "der indischen Weltklasseläuferin Santhi Soundarajan, der nach einem intransparenten Verfahren aufgrund eines Gentests die Silbermedaille aberkannt wurde".

Leider beschränkt sich Oliver Tolmein in der juristischen Würdigung einzig auf die Auseinandersetzung um "eventuelle Schadenersatz- und Schmerzensgeldzahlungen"; dass es sich beim unlauteren Vorgehen von IOC, IAAF & Co. um klare Menschenrechtsverletzungen handelt, wird einmal mehr nicht erwähnt.

Und woher gar die Behauptung stammt, bei Caster Semenya sei "offenbar" AGS/CAH "diagnostiziert" worden, bleibt ebenfalls im Dunkeln (bisher lauteten die seit September kursierenden, verletzenden Gerüchte und "Indiskretionen" im Gegenteil, Caster Semenya habe einen XY-Karyotyp und "im Bauchraum verborgene Hoden").

Fazit: Alles in allem trotzdem ein Artikel, der einmal mehr den Finger auf offene Wunden legt und erfreulicherweise ohne "Identität", "sexuelle Orientierung" und ähnliche Vereinnahmungen auskommt.

>>> Zwitter im Sport: IOC und IAAF leugnen Verantwortung

>>> IOC/IAAF/FIFA: "Zwitter brauchen OPs und Hormonbehandlungen"

>>> Pressemitteilung Zwischengeschlecht.org vom 22.01.2010

Friday 12 February 2010

Kampagne gegen pränatale Dexamethason-Zwangsbehandlungen: UPDATES

Menschenrechte auch für Zwitter!

Inzwischen wurde in den USA ein zweiter Offener Brief publik gemacht, plus ein Artikel u.a. von Alice Dreger, plus ein dritter Brief von "Betroffenen":
7) 2010: Kampagne gegen Dexamethason und Dr. Maria I. New's unkontrollierte Menschenversuche
8) Eine neue Form von Widerstand
9) Handlungsbedarf auch in Europa

Hilde Lindemann on fetal dexamethasone

Siehe auch:
- Alice Dreger über pränatale Dexamethason-Zwangsbehandlungen und EthikerInnen als MittäterInnen 

Wednesday 10 February 2010

Wenn Zwitter sich als transsexuell verkaufen - Süddeutsche, 10.2.10

Nachtrag 2: >>> Thread auf dem Hermaphroditforum

Kann ein Zwitter Sünde sein?>>> Zwiespältiger Artikel von Anna Fischhaber über die "Intersexuelle" JJ Eichmann, der einmal mehr zeigt, wie positive Medienresonanz ohne kontinuierliche Medien- und Öffentlichkeitsarbeit schnell mal wieder Schnee von gestern wird, und die altbewährten Medinzyner- und Trans-Deutungshoheiten erneut ihr Haupt erheben, als wäre nie etwas gewesen.

Der vorliegende Artikel bringt wie von unsichtbarer Hand gesammelt fast alle einschlägigen Ingredienzen, beginnend mit den Haupt- und Zwischentiteln wie z.B. "Zwitter in München: Mit Bart und Busen" oder "Ich werde ein richtiges Vollblutweib", gefolgt von durchgehenden "Weisheiten" à la "Frauen ohne Gebärmutter, mit Penis. [...] Männer mit Brüsten, ohne Bart.", "mehr oder minder glückliches Doppelleben", "sogar die Fräsmaschine in der Fabrik bedient sie in schwarzen Lackpumps", "überbordende[...] Sexualität", usw. usf.

Während die portraitierte JJ Eichmann einerseits als jemand geschildert wird, die ihre "Sexualität [...] öffentlich macht" (nicht zuletzt durch obige "einschlägige Weisheiten"), lauten die letzten Sätze des Artikels programmatisch:

Heute sagt die Wirtin wieder öfter, sie sei transsexuell, wenn ein Gast genauer hinschaut. Nicht weil sie sich schämt. "Übers Schämen bin ich längst hinaus", sagt JJ. Aber Zwitter, das klingt so unanständig, so fremd. Bei Zwitter kommen immer die Fragen. "Aber wie kann ich erklären, wie ich mich fühle. Wer kann das schon verstehen?"

Ohne Offenlegung und Aufarbeitung der auch in diesem Artikel einmal mehr von A-Z sorgfältig ausgeklammerten Menschenrechts- und Ethikverbrechen wohl tatsächlich niemand.

Die Gender-, Sexologen- und Medizynerfraktionen freuts ...

Nachtrag: Älterer, noch etwas weniger durchgehend "psychopathologisierter" Artikel über JJ Eichmann in der >>> Abendzeitung – teilweise mit wörtlich denselben "Weisheiten" ... 

Nachtrag 2: >>> Thread auf dem Hermaphroditforum  

Stern: Medizyner-Märchen-Diskussion auf dem Hermaphroditforum

Schluss mit genitalen Zwangsoperationen!

>>> aktueller Thread zum 2. Artikel auf dem Hermaphroditforum

Noch im alten Jahr erschienen auf Stern-Online innert drei Tagen 2 Artikel, beide Male berichtete diesem Blog unter "Stern verbreitet Medizyner-Märchen" und mit dem Fazit (Artikel 1 / Artikel 2):

Erneut ein Machwerk, das letztlich unter "Medizyner Medien Offensivchen möchte gern zurückschlagen" abgelegt werden muss. Und das als Warnung dienen sollte, dass "positive Medienresonanz" keine Selbstverständlichkeit darstellt, sondern durch harte Lobbyarbeit jedes Mal von neuem erkämpft werden muss – und die Medizyner schlafen nicht ... 

Tuesday 9 February 2010

USA: Weg weisende Kampagne gegen pränatale Dexamethason-Zwangsbehandlungen "auf Verdacht hin"

Menschenrechte auch für Zwitter![ UPDATE 2.6.10: Neue Vorstösse & Resonanz --> Teil 7 ]

Das gab es meines Wissens nach noch nie: AkademikerInnen kritisieren Medizyner namentlich und fordern aktiv die Einhaltung ethischer Standesregeln auch bei "Experimentalbehandlungen" an Zwittern, indem sie organisiert und öffentlich bei zuständigen Aufsichtsbehörden Meldung erstatten! Hipp, hipp!


Englische Kampagnenseiten:

>>> Fetaldex.org
>>> Advocates for Informed Choice (AIC)
>>> Comment and Videos @ bodyfascist.com 
 

Patient Advocate questions use of Dexamethasone on moms and their unborn babies>>> Englisches Video zur Kampagne mit Janet Green
 

Pränatale Dexamethason-Zwangsbehandlungen
bei "Verdacht" auf AGS/CAH

INHALT

1) Einleitung
2) AGS/CAH
3) Dexamethason: Rein kosmetische Zwangsbehandlungen
4) Seit 30 Jahren: Experimentalbehandlungen ohne Evidenz
5) Zwangsbehandelt "auf Verdacht": 9 von 10 sind gar keine Zwitter
6) Im Schatten der Zwangsoperationen
7) 2010: Kampagne gegen Dexamethason und Maria I. News unkontrollierte Menschenversuche
8) Eine neue Form von Widerstand
9) Handlungsbedarf auch in Europa
Wird fortgesetzt ...


1) Einleitung

Bislang standen die Dexamethason-Zwangsbehandlungen quasi im Schatten der genitalen Zwangsoperationen. Hoffentlich gerät mit den aktuellen Aktionen diese bisher kaum beachtete Form von ebenfalls medizinisch nicht notwendigen, hormonellen Zwangsbehandlungen an Menschen mit "uneindeutigen" körperlichen Geschlechtsmerkmalen, noch dazu "auf blossen Verdacht hin" (nur jeder 8. zwangsbehandelte Mernsch ist tatsächlich ein Zwitter!) und mit teils gravierenden "Nebenwirkungen", künftig nicht nur in den USA endlich vermehrt ins Blickfeld der öffentlichen Kritik.

So käme das internationale Zwitterjahr 2010 plötzlich doch noch gut in die Gänge, nachdem im Januar die IOC-Medizyner mit ihren meist menschenverachtenden Ansinnen für einen bisher alles andere als sportlich-runden Start gesorgt hatten. Mit der New Yorker Medizynerin Maria Iandolo New (Mount Sinai Medical Center) gerät nun in Sachen Dexamethason ironischerweise eine Serien-Zwangsbehandlerin unter Beschuss, die erst gerade auch im Namen von IOC, IAAF und FIFA besonders unverholen obligatorische Zwangsbehandlungen für als Zwitter verdächtigte Sportlerinnen gefordert hatte ...

2) AGS/CAH

AGS (Adrenogenitales Syndrom) oder, von Vielen bevorzugt, CAH (Congenital Adrenal Hyperplasia = Angeborene Nebennieren Hyperplasie) ist unter den vielen, vielen verschiedenen Ursachen für die Entstehung von menschlichen Bio-Zwittern die am häufigsten auftretende Form und eine der medizinisch vergleichsweise am besten erforschten (in sehr vielen andere Fällen tappen die Medizyner betreffend Ursachen oder nur einer verlässlichen Diagnose auch heute noch weitgehend im Dunkeln: "finden wir häufig nicht").

Da bei AGS/CAH die Nebennierenrinde statt der Hormone Aldosteron und Cortisol vermehrt Testosteron produziert, kommen diese Kinder oft mit "uneindeutigen" äusserlichen Geschlechtsorganen zur Welt, die von den Medizynern in der Regel von allen Zwitterkindern wohl am massivsten zwangsoperiert werden, um aus ihnen "richtige Mädchen" zu machen.

AGS/CAH ist unter allen Zwitter-Formen insofern eine grosse Ausnahme, dass wegen der damit oft verbundenen mangelnder Bildung von Aldosteron und Cortisol eine medizinisch indizierte Behandlung notwendig ist, nämlich die lebenslange künstliche Ersetzung dieser Hormone, weil sonst tatsächliche körperliche Probleme auftreten (Salzverlust), die je nach Schwere bis zum Tode führen können. Dies betrifft jedoch ausschliesslich diesen Aspekt des Mangels dieser lebensnotwendiger Hormone, NICHT jedoch die körperliche "Uneindeutigkeit".

3) Dexamethason: Rein kosmetische Zwangsbehandlungen

Seit den späten 1970ern werden zur Verhinderung der körperlichen "Uneindeutigkeit" bei AGS/CAH-Ungeborenen schwangeren Frauen, die als "genetische Trägerinnen" verdächtigt werden, "prophylaktisch" mit dem Glukokortikoid Dexamethason traktiert. Ausgehend von Frankreich ist diese nach wie vor unerprobte "Experimentalbehandlung" in den "entwickelten Ländern" inzwischen globaler Quasi-Standard.

Die pränatalen Dexamethason-Zwangsbehandlungen sind – wie auch die genitalen Zwangsoperationen – rein kosmetischer Natur, die oben erwähnten, realen Gesundheitsprobleme wegen möglichen Aldosteron bzw. Cortisol-Mangels bleiben von der Dexamethason-Zwangsbehandlungen unberührt!

Die angestrebte Wirkung betrifft unbestrittenermassen ausschliesslich die Vereindeutigung der "uneindeutigen" körperlichen Geschlechtsmerkmale – zur "Vermeidung späterer chirurgischer Eingriffe". Oder wie es in Deutschland die medizynernahe "AGS-Eltern und Patienteninitiative e.V." in ihrer "Infobroschüre" im Abschnitt "A. h. Die vorgeburtliche Therapie des AGS" farbig hervorhebt (S. 27): 

Die vorgeburtliche Behandlung bei Mädchen mit AGS hat zum Ziel, die Vermännlichung der äußeren Geschlechtsorgane zu verhindern und dem Kind dadurch lästige und traumatisierende Operationen zu ersparen.


4) Seit 30 Jahren: Experimentalbehandlungen ohne Evidenz

Wie auch bei den verschiedenen Formen der kosmetischen Genitaloperationen an Zwittern handelt es sich ebenfalls um ein "experimentelles Verfahren", das von den Medizynern jedoch seit Jahrzehnten öffentlich quasi als erprobter Standard verkauft wird. Obwohl die Wirksamkeit der angeblichen "Heilbehandlung" empirisch nie nachgewiesen wurde (mangelnde Evidenz).

Im Gegenteil, jegliche solche empirische Überprüfung oder nur schon Nachfolgestudien (Follow Up), die auch mögliche Nebenwirkungen und die Behandlungs(un)zufriedenheit erfassen würden, wurden Jahrzehnte lang gar nie ernsthaft angestrebt. Kein Wunder, verschiedene Studien belegen "Nebenwirkungen" wie u.a. verlangsamte oder ausbleibende motorische und geistige Entwicklung, 8-fache Hospitalisierungsrate im ersten Lebensjahr sowie nicht abgestiegene Hoden bei männlichen Neugeborenen.

Die unkontrollierte Weiterführung dieser Behandlungen ist eine flagrante Verletzung medizinischer Vorschriften, u.a. betreffend der Rechte der Teilnehmer an Experimentalbehandlungen wie auch gegen das Verbot, Experimentalbehandlungen als Standard zu "verkaufen".

Bei den pränatalen Zwangsbehandlungen mit Dexamethason handelt es sich zudem zudem (wie bei manch anderen Hormon"behandlungen" an Zwittern auch) um einen von den Arzneimittelbehörden weder kontrollierte noch freigegebene Anwendung (Off Label Use).

5) Zwangsbehandelt "auf Verdacht": 9 von 10 sind gar keine Zwitter

Dies, weil die Behandlung möglichst in den allerersten Schwangerschaftswochen beginnen muss; wenn ab der 7. Woche die Geschlechtsentwicklung beginnt, ist es bereits zu spät. Deshalb sollten aus Medizynersicht schwangere Frauen, die schon einmal ein Kind mit AGS/CAH geboren haben, oder bei denen (wie auch bei den Partnern) aufgrund genetischer Tests ein "Risiko" besteht, flächendeckend "auf Verdacht hin" unter Dexamethason gesetzt werden – obwohl in diesem Fall aus genetischen Gründen nur jedes 8. Kind erneut wieder mit AGS/CAH auf die Welt kommt.

Genauer gesagt also: 87.5% aller Zwangsbehandelten sind keine Zwitter. Die restlichen 2.25% sind Zwitter, die trotz Zwangsbehandlung unerwünscht "uneindeutig" bleiben (aber trotzdem unter den Nebenwirkungen leiden).

6) Im Schatten der Zwangsoperationen

Bisher wurden die pränatalen Dexamethason-Zwangsbehandlungen kaum je öffentlich kritisiert.

Auch innerhalb der Zwitterbewegungen fiel Dexamethason öfters mal unter den Tisch (vgl. z.B. die Auflistung im CEDAW-Schattenbericht. Auch auf Zwischengeschlecht.org wurden pränatale Dexamethason-Zwangsbehandlungen erst 2009 nachgetragen).

Die meines Wissens nach erste prinzipielle öffentliche Kritik erfolgte 2006 durch die Herausgeberin Sharon Sytsma in "Ethics and Intersex" (Springer 2006, S. xxiv >>> PDF sowie S. 241-258). Sytsma denunzierte die unkontrollierten Behandlungen als unzulässig und unethisch. Auch innerhalb amerikanischer Endokrinologesorganisationen ist Dexamethason zwar nicht überall unumstritten. Trotzdem stiess auch Sytsmas Kritik zunächst auf wenig Widerhall. Geschweige denn, dass jemand versucht hätte, offensichtlich unverbesserliche ZwangsbehandlerInnen konkret zu stoppen ...

7) 2010: Kampagne gegen Dexamethason und Maria I. News unkontrollierte Menschenversuche

Nicht nur in Amerika werden die experimentellen, pränatalen Dexamethason-Zwangstherapien verschiedentlich öffentlich als "sicher" angepriesen und vermarktet, obwohl Dexamethason für diese Anwendung weder in Amerika noch in Europa je geprüft oder gar freigegeben wurde, und solche Anpreisungen für experimentelle "Off-Label"-Anwendungen untersagt sind. Zudem wurden die Dexamethason-Zwangsbehandlungen (wie alle anderen kosmetischen Zwangsbehandlungen an Zwittern auch!) nie klinisch geprüft, weshalb es auch keine Evidenz für ihre angebliche Wirksamkeit und Verträglichkeit gibt. 

Die in Amerika wohl exponierteste Propagandistin der pränatalen Zwangseingriffe, die auch sonst notorische Zwangsbehandlerin Dr. Maria I. New, wurde auf Mediziner-Kongressen von besorgten KollegInnen verschiedentlich auf ihre vorschriftswidrigen Anpreisungen angesprochen, wich jedoch der Diskussion jeweils aus.

In einem ersten Schritt rügten nun 35 BioethikerInnen diese möglichen Verstösse gegen geltende Vorschriften und Gesetze in einem >>> 1. Offenen Brief vom 2.2.10 an die US-Arzneimittelbehörde (FDA Office of Pediatric Therapeutics), an die US-Überwachungsstelle für medizinische Experimente mit Menschen (HHS Office for Human Research Protections) sowie an Maria I. News Vorgesetzte in den Institutionen, wo sie diese Behandlungen offensichtlich ohne genügenden Schutz für ihre menschelichen Versuchskaninchen regelmässig vorschriftswidrig anpreist und durchführt (Mount Sinai Medical Center, Weill Medical School of Cornell University, Florida International University).

Im Offenen Brief vom 2.2.10 forderten die BioethikerInnen die angeschriebenen Stellen auf zu einer eingehenden Untersuchung von Maria I. News Praktiken, ob diese so überhaupt zulässig sind und allenfalls gegen rechtliche Vorschriften verstossen.

Die US-Arzneimitelbehörde sowie die University of Florida sicherten laut Fetaldex.org am 8.2.10 rsp. 3.2.10 zu, die im Offenen Brief formulierten Anliegen MedizinethikerInnen zu untersuchen.

Der Offene Brief wurde auf einer eigens für die Kampagne geschaffenen Webseite >>> Fetaldex.org öffentlich zugänglich gemacht, ebenso Hintergrundinformationen und eine >>> Videobotschaft von Janet Green, einer betroffenen Patientenfürsprecherin und Mutter mit CAH.

In einem weiteren Schritt informierte Fetaldex.org am 8-9.2.10 die Eltern- und Patienteninitiative CARES Foundation, die – wie in Deutschland die "AGS Eltern- und Patientenitiative e.V." – pränatale Dexamethason-Zwangstherapien als erprobt anpreisen und Maria I. New überdies einen Preis verliehen, über den Stand ihrer Erkenntnisse.

Weiter verfasste die Lobbyorganisation Advocates for Informed Choice (AIC) mit Datum vom 3.2.10 ein >>> offizielles Statement zur Problemlage und veröffentlichte dieses auf ihrer Homepage.

Das Bioethikforum des Hastings Center publizierte am 8.2.10 einen >>> Artikel von Hilde Lindemann, Ellen K. Feder, und Alice Dreger zum Thema unter dem Titel "Fetal Cosmetology". Siehe auch >>> Videobotschaft von Hilde Lindemann.

Hilde Lindemann on fetal dexamethasone

Die Advocates for Informed Choice (AIC)-Direktorin Anne Tamar-Mattis schrieb im Namen ihrer Organisation am 10.2.10 einen >>> 2. Offenen Brief (PDF) an dieselben Stellen, indem sie erneut detailliert die möglichen Verstösse von Maraia I. New auflistet und eine eingehende Untersuchung fordert.

Wiederum organisiert von AIC wurde am 11.2.10 ein >>> 3. Offener Brief an die üblichen Adressaten versandt, diesmal von 11 öffentlich aktiven erwachsenen Zwittern, darunter auch Daniela "Nella" Truffer von der Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org.

Organisation Intersex International (OII) publizierte am 17.2.10 ein unterstützendes Statement zur Kampagne.

Hilde Lindemann und Alice Dreger hakten am 22.2.10 in einem >>> 4. Offenen Brief an die üblichen Adressaten nach und präsentieren weitere Quellen dafür, dass Maria I. New und Konsorten unbewilligte, unbeaufsichtigte und unkontrollierte Menschenversuche betreiben. Gleichzeitig schrieben sie weitere Offene Briefe >>> an die Columbia University betreffend fragwürdiger Studien des altbekannten Handlangers der Zwangsbehandler, Heino Meyer-Bahlburg; sowie >>> an den Präsidenten der Lawson Wilkins Pediatric Endocrine Society, >>> an das Ethikkomitee der Endocrine Society und >>> erneut an die CARES Foundation.

In einer Antwort der Lawson Wilkins Pediatric Endocrine Society vom 25.2.10 geht diese gar nicht erst auf die wesentlichen Punkte des Offenen Briefes vom 22.2.10 ein.

Einer Antwort der US-Überwachungsstelle für medizinische Experimente mit Menschen vom 3.3.10 auf die Offenen Briefe vom 2.2.10 (1. OB), 11.2.10 (3. OB) und 22.2.10 (4. OB) ist indirekt zu entnehmen, dass die Behörde eine Untersuchung eingeleitet hat.

Am 18.3.10 publizierten Alice Dreger, Ellen K. Feder und Hilde Lindemann auf dem Hastings Bioethis Forum eine Zusammenfassung der seitherigen Entwicklungen: Prenatal Dex: Update and Omnibus Reply 

Ende Juni 2010 gab es es im Time-Magazine den ersten Bericht in einem Mainstreammedium über die Kampagne. Der US-Endokrinologenverband will in der kommenden Leitlinie die pränatalen Dexamethason-"Therapien" ausdrücklich als experimentelle Behandlung kennzeichnen, die nur noch in kontrollierten und von Ethik-Aufsichtskommissionen abgesegneten Studien zulässig sein soll. Feder und Dreger publizierten zusammen mit Anne Tamar-Mattis einen weiteren Artikel im Hastings-Bioethics Forum, der grosses Echo auslöste. Mehr & Links:
>>> Pränatale Hormonbomben gegen "lesbische oder zu selbstbewusste Mädchen" (US-Kampagne gegen pränatale Dexamethason-Zwangsbehandlungen UPDATES 2)

8) Eine neue Form von Widerstand

So etwas gab es meines Wissens in der ganzen Geschichte der Zwitterbewegungen noch nie: Zwitter, PartnerInnen, solidarische Nicht-Zwitter, AkademikerInnen und verschiedene Lobbyorganisationen ziehen gemeinsam am gleichen Strick mit dem Ziel, gegen unethische Medizyner öffentlichen und amtlichen Druck aufzubauen, um ihnen ganz konkret das Zwangsbehandeln zu erschweren oder gar künftig zu verunmöglichen.

Zum ersten Mal geht es nicht darum, die Medizyner allein durch höfliches Argumentieren überzeugen zu wollen und so eine Reform in der Behandlung rein auf Grund der Gutwilligkeit längst verhärteter SerienzwangsbehandlerInnen erreichen zu wollen – ein leider vergebliches Unterfangen, wie die bald 20 Jahre Zwitterbewegungen weltweit stets aufs Neue schmerzlich beweisen.

M.W.n. zum ersten Mal wird somit ersthaft versucht, die Medizyner durch institutionellen Druck und sonstige Waffen aus dem Arsenal des Gewaltfreien Widerstands konkret daran zu hindern, ungestört weiter zwangszubehandeln.

Wenn diese Weg weisende Kampagne konsequent weitergeführt wird (und auch entsprechend um sich greift), so besteht m.E. zum allerersten Mal eine konkrete Chance, Medizyner wenigstens in diesem bisher oft vernachlässigten, aber ethisch besonders frangwürdigen (und deshalb auch angreifbaren!) Teilbereich der kosmetischen Zwangsbehandlungen erfolgreich zu stoppen, und zwar unabhängig davon, ob die Serienverstümmler es nun einsehen wollen oder nicht!

Ob dies alles tatsächlich gelingt, muss sich erst noch herausstellen. Dass aber überhaupt zum ersten Mal ein konkreter Versuch in diese Richtung unternommen wird, wird den ZwangsbehandlerInnen schon einmal gehörig Dampf machen.

9) Handlungsbedarf auch in Europa

Bekanntlich werden die pränatalen kosmetischen "Off Label"-Zwangsbehandlungen mit Dexamethason global als angeblich "sicherer" Quasi-Standard durchgeführt. Noch nirgends auf der Welt wurde meines Wissens nach irgendeine Form der kosmetschen Zwangshormontherapien je staatlich geprüft und zugelassen, überall wird damit wohl gegen Gesetze, Vorschriften und Standesgrundsätze verstossen.

Auch in Deutschland. Auch in der Schweiz. Auch in Österreich. Auch in allen unseren Nachbarländern.

Ebenso wie in den USA durch Maria New und die "CARES Foundation" werden auch in Deutschland u.a. durch Prof. Dr. med. Rolf Peter Willig, Dr. med. Achim Wüsthof, das "Endokrinologikum Hamburg", das "Netzwerk Hypophysen- und Nebennierenerkrankungen e.V.", die "Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendgynäkologie e.V.", die "Gemeinschaftspraxis Raue, Frank-Raue, Hentze, Heidelberg" sowie durch die "AGS Eltern- und Patienteninitiative e.V." die unkontrollierten Menschenversuche mit Dexamethason öffentlich als sicher und wirksam propagiert und angepriesen. Obwohl es auch in Deutschland unter Medizinern durchaus auch kritische Stimmen gibt, die insebsondere die Nichteinhaltung eigentlich verbindlicher Standards bei experimentellen Behandlungen beschreiben.

In der Schweiz werden pränatale Dexamethason-Zwangsbehandlungen z.B. durch das Kinderspital Zürich und das Inselspital Bern als "nebenwirkungsfrei" bzw. "keine Auffälligkeiten [bekannt]" propagiert und angepriesen. Nachtrag: Auch die neu gegründete "AGS-Initiative Schweiz", die offenbar eng mit der deutschen "AGS Eltern- und Patienteninitiative e.V." zusammenarbeitet, befürwortet die Zwangsbehandlungen und nennt das Kinderspital Zürich sowie das Inselspital Bern als bevorzugte Anbieter.

In Österreich dito durch die "Arbeitsgruppe Pädiatrische Endokriniologie & Diabetologie Österreich (APED)" und die "Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde".

Höchste Zeit, dass diese neue Aktionsform auch hier zur Anwendung kommt, und endlich öffentlich auf die Einhaltung der Regeln für "Experimentalbehandlungen" auch für Zwitter gepocht wird.

Sollte es tatsächlich gelingen, den Tätern und ihren Zulieferern auf diese Weise eine empfindliche Niederlage zu verabreichen, wäre dies ein erstklassige Ausgangspunkt, den SerienverstümmlerInnen auch ihre restlichen "Hobbies" endlich derart zu vermiesen, bis das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung endlich auch für Zwitter uneingeschränkt gilt.

Fortsetzung folgt ...

Siehe auch:
- Alice Dreger über pränatale Dexamethason-Zwangsbehandlungen und EthikerInnen als MittäterInnen
- Pränatale Hormonbomben gegen "lesbische oder zu selbstbewusste Mädchen"
- USA: Seriengenitalverstümmler Prof. Dr. Dix Phillip Poppas von Ethikerinnen öffentlich geoutet

- page 3 of 18 -