Menschenrechte auch für Zwitter!

D O K U M E N T A T I O N

AG gegen Gewalt in der Paediatrie und Gynaekologie (AGGPG), Selbstdarstellung:
Quelle:
http://www2.iisg.nl/id/Systematik.asp?cat=3&id=83
[ nachformatiert + mit Links versehen ]

[ Enthält die Forderung: "Menschenrechte für Intersexuelle"  ]
[ siehe unten --> "Wir fordern:" ]

  

Die Arbeitsgruppe gegen Gewalt in der Pädiatrie und Gynäkologie informiert:

Vernichtung intersexueller Menschen in westlichen Kulturen

Intersexuelle Menschen

Allgemein wird angenommen, daß ausschließlich zwei, eindeutig unterscheidbare Geschlechter existieren: Mann und Frau. Diese ‘biologische Gewißheit’ wird nicht näher reflektiert. Doch 1-4% der Geburten zeigen einige geschlechtliche Unklarheiten auf und eine von 2000 ist geschlechtlich ausreichend atypisch, um die Frage zu stellen: „Ist es ein Junge oder ein Mädchen?“ Diese Personengruppe, welche mit ungewöhnlicher sexueller Differenzierung geboren wird, bezeichnet der moderne medizinische Diskurs als Intersexuelle oder Hermaphroditen. Dem Volksmund sind sie auch als Zwitter bekannt. Intersexuelle zeigen grundlegend auf, daß eine ‘natürliche’ bipolare Geschlechterdifferenzierung nicht existiert, sondern biologisches (sex) und soziales Geschlecht (gender) sowie homogen propagierte Sexualität heterosexistisch genormt sind. Die Vielfalt tatsächlich existierender geschlechtlicher Ausprägungen zeigt ebenso auf, daß Intersexualität in der Gesamtheit nicht als drittes, zu Frau und Mann klar abgrenzbares Geschlecht begriffen werden kann. Vielmehr sind mindestens 100 Variationen bekannt, welche eine ausschließlich polar gedachte Geschlechtlichkeit absurd erscheinen lassen sowie eine enorme Bereicherung sexueller Existenzen darstellen. Seit über 50 Jahren widmet sich die Medizin der Aufgabe, diese Vielfalt auszulöschen und soziokulturell unsichtbar werden zu lassen. Intersexen stehen vor einer prekären Situation, denn sie werden am Leben gelassen, ihre Besonderheiten jedoch vernichtet .

Medizinische Klassifikation

Die gesellschaftliche Annahme eines eindeutigen biologischen Geschlechtes umfaßt 23 Chromosomenpaare (letzteres weist XY oder XX auf und wird als männlich resp. weiblich interpretiert), eine geschlechtsspezifische Ausprägung reproduktiver Organe (Eierstöcke, Hoden, Gebärmutter), die Morphologie externer Geschlechtsorgane wie Penis, Klitoris, Hodensack, Schamlippen, die pubertäre Ausprägung sekundärer Geschlechtsmerkmale wie Brüste und Behaarung sowie Körperöffnungen an vorgesehener Stelle (Harnröhre, Samenleiter, Vagina). Intersexuelle erfüllen diese Kriterien in verschiedenen Bereichen nicht. So können die Gonosomen sehr multipel ausfallen und von 45,X bis 49,XXXXY reichen, auch Mosaike sind bekannt (z.B. 45,X / 46,XY). Gonaden (Eierstöcke / Hoden) können gemischt und komplex angelegt sein. Die Ausprägung des Lustorgans, beim weiblichen Geschlecht als Klitoris definiert und beim männlichen als Penis, kann zwischen diesen beiden Längenextremen liegen. Ebenso können Harnröhrenausgänge zwischen der Spitze des Penis und den Hoden enden und die Vagina in der Harnröhre am Penis münden. Auch werden Intersexuelle mit ‘normal’ weiblichem äußeren Erscheinungsbild und der Chromosomenstruktur 46,XY wie auch ‘gegenläufig’ (46,XX, männliche Morphologie) geboren - um nur einige Beispiele zu nennen. Die Medizin kreierte hieraus etwa 13 Syndrome. Einige seien folgend gelistet: Turner-Syndrom, Hermaphroditismus Verus, gemischte / reine Gonadendysgenesie, Klinefelter-Syndrom, Adrenogenitales Syndrom, Androgeninsuffizienz-Syndrom (auch testikuläre Feminisierung genannt), progestin-indu-zierte Intersexualität. Oft gebrauchte Begriffe sind: Klitorishypertrophie, Micropenis, Hypospadien, uneindeutige Genitalien, frühe genitale Korrektur.

Geschlechtliche Auswahl

Es herrscht die Anschauung vor, daß es für ein weibliches Individuum leichter sei, ‘im Leben ihren Mann zu stehen’ als ein männliches mit reduzierter Genitalfunktion. Auch sei es chirurgisch unkomplizierter, weibliche Genitalien zu kreieren: „it’s easier to make a hole than to build a pole“. Wird kein Y im Chromosomensatz vorgefunden, so fällt fraglos und unabhängig vom genitalen Erscheinungsbild die Wahl auf das weibliche Geschlecht. Sofern jedoch ein ‘männliches’ Chromosom vorgefunden wird, erfolgt ein Peniswachstumstest. Wenn zu erwarten ist, daß der Penis eine Länge über 2,5 cm erreicht, wird eine männliche Zuweisung vorgenommen. Wenn wider Erwarten im Laufe der Kindheit und Pubertät das Wachstum nicht altersgerecht verläuft, kann auch zu einem späteren Zeitpunkt eine Feminisierung stattfinden. Gesamt werden daher derzeit etwa 90% aller Intersexuellen feminisiert.

Genitale Verstümmelung

Abhängig vom definierten Geschlecht werden möglichst zwischen der 6. Lebenswoche und dem 15. Lebensmonat diverse chirurgische Zuweisungen vorgenommen: Phallusreduktion (60-70% des Gewebes werden entfernt) oder Penisaufbauplastiken, Kastrationen, Konstruktion von Neovaginen, Hodenimplantaten, Harnröhrenverlegungen. Ist das erreichte Ergebnis nicht zufriedenstellend, wird nachkorrigiert. Es sind uns bis zu 16 Operationen an einem Kind bekannt. Hinzu kommen extrem hohe Hormonsubstitutionen, vielfache gynäkologische Untersuchungen, Bougierungen (Dehnung der Vagina mit Stäben) sowie mehrfache fotografische Ablichtung der Genitalien. Auf psychosozialer Ebene werden Eltern zu rigider geschlechtlicher Sozialisation angehalten. Bei Fehlverhalten erfolgen psychologische Untersuchungen. Die Behandlungsdauer richtet sich nach dessen Beginn und ist selten vor dem 17. Lebensjahr beendet. Hormonelle Ersatzgabe soll ebenso wie weitergehende klinische Untersuchungen lebenslang erfolgen.

Folgeschäden

Eltern erleben eine Cotraumatisierung, da sie zum einen unter erheblichen Streß gesetzt werden, medizinische Anweisungen zu befolgen, zum anderen schädliche Folgen der medizinisch nicht notwendigen Behandlung an ihrem Kind miterleben. Die hieraus resultierende Destruktivität überträgt sich auf das Kind. Für intersexuelle Kinder sind folglich Eingriffe und Reaktionen der Bezugspersonen extrem traumatisierend, denn neben massiven Integritätsverletzungen kommen strikte Tabuiserungsanweisungen, Reduktion zum Objekt und gesamtpersonelle Ablehnung seitens der Eltern hinzu. Lebenslange physische und psychische Schädigungen sind die Folge. Sozialer Unbill, welchen es offiziell zu vermeiden galt, wird dadurch noch verstärkt. Unseres Wissens zufolge unternehmen 80% der Intersexen Suizidversuche, hiervon 25% erfolgreich.

Wer ist die AGGPG?

Die einzige ‘Verfehlung’ Intersexueller ist, daß sie in einem ‘illegalen’ Körper geboren werden. Gesellschaftliche Spaltung der Menschen in zwei Geschlechter legitimiert alle Vorgänge, obwohl in diesem Bereich seit Jahrzehnten schwerste Menschenrechtsverletzungen von Ärzten an Intersexen ausgeführt werden. Dies ist nicht länger tolerierbar. Daher hat sich die Arbeitsgruppe gegen Gewalt in der Pädiatrie und Gynäkologie (AGGPG) von und für Intersexuelle 1996 gegründet, um für Anerkennung und Gleichberechtigung intersexueller Menschen einzutreten sowie Aufklärung und Forschung zu betreiben. Sie steht in engem Kontakt zu anderen internationalen Gruppen, wie z.B. der Intersex Society of North America (ISNA) mit derzeit etwa 150 intersexuellen Mitgliedern.

Wir fordern:

  • Menschenrechte für Intersexuelle
  • das Recht auf Selbstbestimmung und vollständige Aufklärung
  • Beendigung chirurgischer Eingriffe vor Einwilligungsfähigkeit
  • psychologisches Betreuungsangebot für alle Familenangehörigen
  • außerklinische Beratungsstellen und Kontaktvermittlung zu kritischen Gruppen


Bei Interesse senden wir gerne weitergehendes Informationsmaterial zu. Zudem sind Informationen zu Intersexualität auf nachfolgenden Internetseiten abrufbar: http://www.isna.org http://www.qis.net/~triea http://users.southeast.net/~help http://home.t-online.de/home/boedeker_spreitzer_gbr/is_homep.htm http://home.t-online.de/home/aggpg/index.htm

  

[ Siehe auch: ]
- Selbstdarstellung der AGGPG 
- "Medizinische Intervention als Folter" - Michel Reiter 30.6.2000 
- "Genitalverstümmelungen in Deutschland in der Kinder- und Jugendgynäkologie" - AGGPG 1996
- "Für die Kinder kämpfen wir" - Michel Reiter, 1997 
- Zwangsoperationen an Zwittern: Wer sind die Täter? Was soll mit ihnen geschehen?
- Zwangsoperationen an Zwittern: Wie können die Täter gestoppt werden?
- Anliegen an den Deutschen Ethikrat 23.6.10