Vielen Intersexen stiess das Zitat von Frau Thyen, Chefpsychologin des Netzwerkes Intersexualität, sauer auf:


Eltern [...] müssten es erst
mal fertigbringen, ein Kind ohne Ge-
schlechtszuschreibungen zu erziehen.
Die Eltern müssen es annehmen kön-
nen, sagt auch die Kinder- und Jugendärz-
tin Ute Thyen, eine der treibenden Kräfte
der Lübecker Netzwerk-Studie.
Die Eltern wickeln ihr Kind, viermal am
Tag. Sie sehen, was los ist, und müssen
damit leben können. Und ein Kind, das
körperlich so offensichtlich anders sei, be-
fürchten die Eltern, werde es nun mal
schwer haben, sagt Thyen, „sollen sie es
denn zum Testfall machen? Die Gesell-
schaft ist nicht so weit, aber mein Kind
geht schon mal voraus?“


Einmal mehr wird nur aus der Perspektive der Eltern und Ärzte argumentiert und unterschlagen, dass die geschlechtszuweisenden Operationen im Kindesalter ohne Einwilligung der Betroffenen grösseres Leid verursachen, als die immer wieder vorgebrachten Hänseleien in Kindergarten, Schule etc.

Mehrere Intersexe schrieben Leserbriefe an den Spiegel, in denen sie Frau Thyens Aussage kritisierten. Bezeichnenderweise wurden genau diese allesamt unterschlagen:

Mit großem Interesse habe ich ihren Artikel gelesen. Die Bemerkung von Frau Ute Thyen (Kinder und Jugendärztin), dass die Eltern das Kind mit dem uneindeutigen Geschlecht annehmen können müssen, klingt sehr überlegt. Bedauerlich sind ihre weiteren Schlussfolgerungen, denn die Problematik hat sich Frau Thyen doch offenbart. Die Eltern brauchen das Angebot einer Begleitung.

Und ich vermute, dass die angeblichen Befürchtungen der Eltern etwas aus der Luft gegriffen sind. Es klingt wie Polemik, so unkonkret.

Ich erinnerte mich an den Film der Contergan – Geschädigten. In der Szene, in der die junge Mutter ihr Kind zum ersten Mal sieht, ist alles offen und es siegt die Liebe der Mutter. (Etwas überspitzt theatralisch vielleicht, aber ok.) Ich bin der Meinung, dass die Gesellschaft die „Monster“ macht, eben durch so eine Totenstille auf die Frage nach dem Geschlecht im Kreißsaal.

Damit stellt sich für mich die gesellschaftliche Frage der Existenzberechtigung jeder (gottgewollten) Schöpfung und auch der Berechtigung jedes Individuums selbst darüber zu entscheiden. Wie kann es also sein, dass den Eltern anscheinend suggeriert wird, das Kind wäre nicht ok? Wenn die Eltern bei Bedarf nicht allein gelassen werden, und sie das Kind lieben, weshalb sollten sie das Kind nicht selbst über das eigene Leben mit entscheiden lassen.

Ich glaube daran, dass unsere Gesellschaft an diesem offenbarten natur gegebenen Anderssein wachsen wird. Genug Beispiele dafür gibt es ja.

(Clara07)



Der Spiegel ist längst nicht mehr so mutig wie vor 40 Jahren. Sie werden wohl einer Klage aus dem Wege gehen wollen. Das hatte ich auch übersehen, als ich schrieb:

"Dankenswerter Weise wird in dem Artikel das „Recht der preußischen Länder“ erwähnt, das eine pragmatische Regelung enthielt. Zwitter waren noch kein Behandlungsobjekt für die Medizin, die mit anderen Dingen voll beschäftigt war. Die Selbsterklärung per „Geschlechtseid“ konnte Lebenskatastrophen verhindern oder zumindest mildern. Nachdem die moderne Gesetzgebung (in Preußen das BGB) solche Regelungen „vergessen“ hatte, wurden Zwitter zur Nichtexistenz verdammt. Manche konnten auf sehr niedrigem Niveau überleben, indem sie sich auf Jahrmärkten als Fabelwesen ausstellen ließen, Andere landeten im Rotlichtmilieu als Objekte verirrter männlicher Triebe. Schon im 19 Jahrhundert begann die Chirurgie, sich der Genitalien anzunehmen. Ergänzt als „Vereindeutigeung wurde dies durch die pharmazeutischen Ergebnisse der Hormonforschung ab den 30er Jahren. Mit John Moneys Postulat, nicht ein wie auch immer definiertes „Kerngeschlecht“ solle Grundlage des eingetragenen Geschlechtes sein, sondern die hormonelle und chirurgische Machbarkeit, schienen Zwitter endgültig und für alle Zeiten vom Erdboden verschwunden zu sein. So schuf die Medizin „Ersatzlegalität“ für Menschen, die real im Gesetz nicht mehr vorkommen.

Die im Artikel zitierte Kinderärztin Ute Thyen hat viel Verständnis für Eltern, die ein im Gesetz nicht vorkommendes Kind nicht aushalten. Wie wir aktuell wieder erfahren haben, können Eltern, die ihr Kind nicht aushalten, es verhungern lassen. Ist angesichts dessen die Austreibung des Teufels „illegaler“ Körper“ mit dem Beelzbub der Frühanpassung nicht human? Interessanterweise wurde schon oft über die Möglichkeit geredet und geschrieben, ein ungeliebtes Kind zur Adoption freizugeben, auf dass es ein liebevolles Umfeld fände. Das Selbstverständliche gilt aber nicht für Zwitterkinder. Die sind auf Gedeih oder Verderb ihren Erzeugern ausgeliefert, auch wenn die meinen, ein Baby müsse in jedem Falle der Norm für baugleiche Serienprodukte entsprechen. Ich bin überzeugt, dass ein ungeliebtes Zwitterkind liebevolle Eltern finden kann, die ihm ein warmes Nest und gute Chancen zur Entwicklung von Selbstwertgefühl bieten können. Schließlich kenne ich selber Erwachsene, die den individuellen Wert des Menschen höher schätzen als die Norm.

Das Erleben der Entwertung des eigenen Körpers lässt sich nicht wegoperieren. Für den Aufbau eines gesunden Selbstwertgefühles ist es nicht wichtig, eine normgerechte Nase oder normgerechte Genitalien zu haben.
Unabdingbar ist es, in der nahen Umgebung sich geliebt und anerkannt fühlen zu können. Wer irgendwann erfährt, dass man medizinisch eingreifen „musste“, damit er/sie überhaupt ein akzeptabler Mensch wurde, kann das nur schwer verarbeiten. Zumal die Psychotherapie sich mit dieser Lebenssituation niemals auseinander gesetzt hat und bis auf den heutigen Tag mit „Identitätstheorien“ um den heißen Brei herumschleicht.

Wichtig ist es, dass alle Menschen, unabhängig von Eigenschaften wie „Junge“, „Mädchen“, „Zwitter“ oder „Neger“ ihre Fähigkeiten frei entfalten und einbringen dürfen und ein gesundes Leben führen können.

Ich frage mich, ob es ohne den Wegfall von Regelungen wie dem Geschlechtseid im „preußischen Landrecht“ überhaupt eine Kindergynäkologie/Kinderurologie gäbe. Medizin könnte sich dann auf ihre Aufgabe besinnen:

Den Menschen ein gesundes Leben in jedem Sinne zu ermöglichen. Für Christiane hätte dies bedeutet, dass ihr Salzverlust frühzeitig zur Kenntnis genommen und behandelt worden wäre. Und dass sie im richtigen Alter hätte entscheiden dürfen, ob sie ihre weiblichen Organe behalten will oder nicht.

Wenn allen Menschen ein würdiges Leben im Sinne des Grundgesetzes ermöglicht sein soll, muss die alte Regelung des preußischen Landrechtes wieder in Kraft treten. Sie würde Kinder vor irreversiblen Zwangsmaßnahmen schützen. Über Verbesserungen der Regel werden wir gerne dem Gesetzgeber reden. Zum Beispiel könnte die Eintragung eines Geschlechtes bei der Geburt auch ganz wegfallen, ohne dass die Welt Schaden nimmt. Die Geschlechter Mutter oder Vater zeigen selber, wenn es an der Zeit ist. Wer keines von Beiden hat, kann trotzdem ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft sein.

Der Umgang mit Zwitterkindern zeigt auf besonders drastische Weise, wie Erwachsenen ihre Unfähigkeit zur Gestaltung menschengerechter Lebensverhältnisse auf die Kinder abwälzen. Man kann die Lebenssituation von („Pseudo“-)Hermaphroditen seit dem Ende des „Geschlechtseides“ ungefähr vergleichen mit der Situation der Schwarzen in den USA bis in die 60er Jahre: Es gab ein reichhaltiges Kosmetikangebot zum Hautbleichen und Haareglätten. Bis einige Schwarze die Schande, schwarz zu sein, nicht mehr aushielten und zu der Erkenntnis gelangten: Nicht schwarz zu sein ist die Schande, sondern die sozialen Verhältnisse sind die Schande. Von da an gings bergauf...

Der letzte Satz im Artikel enthält übrigens eine Suggestion, die gesellschaftliche Vorurteile sehr schön darstellt: „Ihr passen nun Damenhosen, Größe 38“. Die Annahme, Christiane hätten als „Thomas“ irgend welche Herrengrößen besser gepasst, wie es durch das Komma und das Wörtchen „nun“ suggeriert wird, geht an der Realität des menschlichen Köpers vorbei."

(Claudia)



Liebe Spiegelredaktion,

zunächst danke ich Ihnen herzlich, dass Sie sich des Themas Zwischengeschlechtlichkeit angenommen haben. Es ist ein Thema mit vielen Fassetten und für einen Mann oder eine Frau schwer zu verstehen in dieser zweipoligen Welt.

Die fehlende Wertschätzung für die Menschenrechte und die Anwendung der Grundrechte dieses Staates im Bezug auf zwischengeschlechtliche Menschen wird auch in der Reportage sehr deutlich : Wie selbstverständlich eine Wissenschaftlerin und Kinderärztin wie Frau Prof.Dr.Thyen, die federführend über das Schicksal von zwischengeschlechtlichen Kindern entscheidet, berichtet : 'Die Eltern wickeln ihr Kind viermal am Tag. Sie sehen, was los ist,und müssen damit leben können. Und ein Kind das offensichtlich so anders sei, befürchten die Eltern, habe es nun mal schwer, sagt Thyen Sollen wir es zum Testfall machen?'

Fragen nach der Selbstbestimmung, nach dem Recht auf körperliche Unversehrtheit, eine eigene Sexualität, nach der Rechtmäßigkeit der Entfernung von gesunden Organen, die Spätfolgen, die fehlende Hormonersatztherapiemöglichkeiten und nicht zuletzt die Kosten, die der Solidargemeinschaft für Dauerrezepte nach unnötigen Kastrationen entstehen, und dem möglichen Leid, das ausgelöst wird, werden hier ausgeblendet.

Hauptsache, man merkt nichts.

Kein Staatsanwalt regt sich, keine Kinderschutzorganisation , kaum ein Politiker läuft Sturm. Oder doch?

Über wieviel % der Ablehnungen sprechen wir hier Frau Thyen? Ich kenne diese Eltern nicht. Wie viele Fälle sind Ihnen bekannt, möchte ich hier fragen. So viele Fälle wie sie bei entartenten Gonaden bei Menschen mit CAIS kennen ( o.9% Risiko bei einer Häufigkeit der Besonderheit CAIS von 1: 12.000 Geburten)?

Gerne wird hier mit k.o. - Argumenten laviert.

Ich wünsche mir, dass der Wahnsinn ein Ende hat, denn es ist nicht Geschichte, sondern Realität, das Heute, über das hier berichtet wird.

(Nolderot)



Einmal mehr stossen mir in einer Publikation über Intersexualität insbesondere die Aussagen der sogenannten ‚Experten’ bitter auf. Und nun auch noch Frau Thyens vorwurfsvolles und entnervtes „sollen sie es denn zum Testfall machen? Die Gesellschaft ist nicht so weit, aber mein Kind geht schon mal voraus?“ Und dies alles notabene nach der kürzlich erfolgten Veröffentlichung einer Studie des Instituts für Sexualforschung in Hamburg, die beweist, dass die meisten ‚behandelten’ Intersexuellen traumatisiert und unglücklich sind!
Und nur so nebenbei: Änderungen in der Gesellschaft kommen NUR dann zustande, wenn Menschen damit beginnen, schon mal vorausgehen! Kinder dabei zweifelsohne in Begleitung, aber diese Begleitung braucht Mut und Verantwortungsbewusstsein!

(Nella)

(Die abgedruckten Leserbriefe sind hier dokumentiert.)