wenige tage vor meinem auftritt in der schweizer rundschau brauchte ich dringend eine tonerkassette für den druck des demo-flugblattes. die firma x hatte das teil nicht an lager. der sachbearbeiter wollte jedoch nachfragen und mich umgehend zurück rufen. er liess mich dann aber hängen und war auch bei meinem erneuten anruf zwei stunden später noch nicht weiter, er hätte noch anderes zu tun. da die zeit drängte, rief ich also bei einer anderen firma an und wurde dort fündig. der typ von der firma x hatte inzwischen die tonerkassette erhalten und war ziemlich sauer. ich liess mich aber nicht verunsichern, denn es war nicht meine schuld, was er schliesslich einsah.

kaum hatte ich aufgehängt, fuhr es mir durch den kopf: der sieht dich am mittwoch in der rundschau und wird denken: dieser blöde abartige zwitter hat mich verarscht! und weiter: der typ findet heraus, wo ich wohne, kommt vorbei, beschimpft und bespuckt mich, ist wütend, weil er jetzt auf einer teuren tonerkassette sitzen bleibt, die niemand kaufen will. er schlägt mich zusammen oder vergewaltigt mich. kein wunder, wenn ich schon so schamlos im fernsehen über meine genitalien rede! ich fantasiere weiter: er erschlägt meinen hund, der mich verteidigen will, das arme tier. der film in meinem kopf ist noch nicht zu ende: mein freund kommt rein und will mir helfen und der typ schlägt ihn spitalreif, vor meinen augen, mein baby verletzt, alles nur wegen mir! tod und verderben! und ich bin schuld, ich bin schuld! das kommt davon, weil ich abartiger zwitter nichts besseres zu tun habe, als ans fernsehen zu gehen, über meine genitalien zu reden und leute bloss zu stellen. ich habe das schweigegelübde gebrochen und das hab ich nun davon!

oder vor ein paar monaten, als ein anonymer zettel an meiner wohnungstüre klebte, dass meine hunde in den trockenraum der waschküche scheissen und so weiter (es war katzenkacke). und was geht mir als erstes durch den kopf? die haben mich in der rundschau gesehen und ekeln mich jetzt raus, weil die keinen abartigen zwitter im haus wollen.

ich schäme mich dafür, aber ich habe sogar schon fantasiert, dass ich mein patenkind nicht mehr umarmen darf, nachdem dessen mutter, eine liebe freundin, meine geschichte erfahren hatte. soweit haben die mich gebracht.

in solchen augenblicken wird mir bewusst, wie tief diese angst trotz all der befreiung der letzten jahre immer noch sitzt und dass sie immer ein teil von mir sein wird. die angst, die sie mir eingepflanzt haben, die ich selber genährt habe, die grösser und grösser geworden ist: die angst, sich zu zeigen. die angst vor dem eigenen körper. dieser dicke, obszöne drachenschwanz, den niemand sehen darf.

es macht mich unendlich traurig, wenn ich daran denke, dass diese angst mein ganzes bisheriges leben bestimmt hat: ich habe mich geduckt, versteckt, versucht, so unauffällig wie möglich zu sein. ich habe mich verleugnet, immer und immer wieder. aber ich habe daran geglaubt, wie ein kind halt daran glaubt, dass unter dem bett ein monster ist. und es tut weh, wenn man eines tages heraus findet, dass diese angst irrational ist, dass nichts so schreckliches geschieht. denn das schreckliche ist schon lange geschehen.

die meisten von uns sind gefangene dieser angst. sie lähmt uns, macht uns schwach und einsam. auch wenn die 'haftbedingungen' nicht mehr so schlimm sind und man sich austauschen kann: in seiner zelle sitzt jeder allein.

man kann aus diesem gefängnis heraus treten. ein gefängnis – so schlimm es auch ist – bedeutet jedoch auch schutz ...

nella