Lesben- und Schwulenverband Deutschland fordert Menschenrechte für Zwitter!

Der Vorstand des Lesben und Schwulenverbands Deutschland (LSVD) legt der 21. Verbandstagung vom 4./5. April in Berlin-Schöneberg einen Antrag "Menschrechte von Intersexuellen schützen. Intersexualität als gesellschaftliches Tabu bekämpfen" zur Abstimmung vor, der detailliert Menschenrechte auch für Zwitter fordert.

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Darin zeigt sich der LSVD "schockiert über die Berichte über Menschenrechtsverletzungen, die in der Bundesrepublik Deutschland an zwischengeschlechtlichen [...] Menschen begangen wurden" und dankt Intersexuelle Menschen e.V. und XY-Frauen, "die diese Fakten im Rahmen des CEDAW-Alternativberichtes aufgearbeitet und veröffentlich haben".

Zur Beschreibung der Problematik greift der LSVD wiederholt auf Pressemitteilungen und Grundsatztexte von Intersexuelle Menschen e.V. und Zwischengeschlecht.org zurück sowie auf die Forderungsliste des Vereins, deren 5 Kernpunkte ebenfalls wörtlich übernommen werden. Weitere Abschnitte befassen sich fundiert mit den Diskriminierungen durch das Personenstandsrecht (inkl. Hinweis auf den Prozess von Michel Reiter): "Intersexuelle Menschen werden rechtlich gezwungen ihre Identität zu verleugnen." Auch die Yogyakarta-Prinzipien werden ins Feld geführt.

Kommentar: Na bitte, es geht doch! Der LSVD-Bundesvorstand macht einen mutigen ersten Schritt und zeigt, dass Solidarität mit Zwittern statt Vereinnahmung machbar ist, indem er die Forderungen des Vereins zu einem grossen Teil wörtlich aufnimmt und unterstützt, inkl. Einforderung des für Zwitter zentralen Menschenrechts auf körperliche Unversehrtheit, Selbstbestimmung und Würde.

Ich persönlich bin zwar – nicht zuletzt aufgrund der Vorgänge im Bundestag – nach wie vor sehr skeptisch, was das Winken mit Yogyakarta und insbesondere das Voranstellen von "sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität" vor das Recht auf körperliche Unversehrtheit den Zwittern konkret bringen soll, aber es ist klar, dass der LSVD letztlich auch profitieren will, und das ist m.E. auch zumindest nicht illegitim, solange es in der vorliegenden Form geschieht.

Zwar handelt es sich erst um einen Antrag, der am Verbandstag am 4./5. April noch genehmigt werden muss. Ich hoffe aber auf alle Fälle auf das Beste und sag schon jetzt allen an diesem Antrag Beteiligten DANKE!!!  Nachtrag: Die Resolition wurde einstimmig angenommen!

(Danke an Hänselodergretel für den Hinweis.)

Siehe auch:
- LSVD: Menschenrechte für Zwitter als Wahlprüfstein! 
- Bundestagswahl 2009: 4 von 5 Bundestagsparteien fordern Selbstbestimmungsrecht für Zwitter! 
- CSD Konstanz & Kreuzlingen fordert Selbstbestimmung für Zwitter 

Nachtrag 25.3.09: Der Antrag wurde inzwischen nochmals überarbeitet. Einige Änderungen sind m.E. Verbesserungen, andere jedoch nicht:

Sehr gut finde ich z.B., dass es nun Zeile 18ff. heisst: "Trotz der Varianz ihrer geschlechtlichen Anlagen sind bei der Mehrheit dieser Menschen keine  medizinischen Interventionen notwendig.", statt wie vorher "Neben der Varianz ihrer geschlechtlichen Anlagen liegen bei ihnen in der Mehrzahl der Fälle keine weiteren Merkmale vor." Auch Z. 25 die Änderung von "uneindeutigen Genitalien" zu "zwischengeschlechtlichen Genitalien" finde ich sehr gut.

Nicht gut finde ich hingegen z.B. die Änderung von alt Z. 10 "uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen" zu neu Z. 9 "männlichen und weiblichen Geschlechtsmerkmalen" – dadurch wird einmal mehr den immer noch verbreiteten, irrigen "Hermaphroditen-Mythen" von "Mann und Frau zugleich" Vorschub geleistet. Warum nicht z.B. "sogenannt uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen" oder "nicht eindeutig männlich oder weiblich zuordnungsbaren Geschlechtsmerkmalen"? Sehr schade finde ich auch, dass der Hinweis alt Z. 53 "Intersexuelle Menschen kommen in keiner offiziellen Statistik vor." ersatzlos gestrichen wurde. Warum bloss? Die Weigerung durch Medizyner und Bundesregierung, das (laut Ärzten zunehmend häufigere) Vorkommen zwischengeschlechtlicher Menschen (und damit auch die Häufigkeit der Zwangsoperationen!) verbindlich statistisch zu erfassen und die damit verbundenen Zahlenmanipulationen zwecks Verhinderung von Monitoring sind ein zentrales Problem, das ruhig erwähnt statt ausgelassen werden dürfte.

Gekürzt wurde übrigens auch der Titel des Antrags: von alt "Menschrechte von Intersexuellen schützen. Intersexualität als gesellschaftliches Tabu bekämpfen" zu neu "Menschenrechte von Intersexuellen schützen".

Comments

1. On Thursday, March 26 2009, 07:54 by claudia

"...sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität..."
Das sind einfach Schlagworte, die auch Heinrich Hubraum und Martha Mascara schon mal gehört oder gelesen haben.
Natürlich ist das irreführend. Denn wer feststellt, dass Manipulationen am Körper keine Krankheit heilen sollten, sondern nur flankierende Massnahmen zur "Geschlechtserziehung" waren, leidet nicht an einer "sexuellen Identität", sondern an der autoritären Erziehung mit Skalpell und Hormonspritze...
Und eventuell an OP-Fehlern oder Heilungsproblemen, über die man nicht reden darf, weil sonst das Erziehunsgziel "als Junge" oder "als Mädchen" gestört werden könnte.

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Im Übrigen fällt sehr auf, dass Zwitterkinder bei der Diskussion des politischen Zieles "gender mainstreaming" völlig aussen vor bleiben...
Das sind offenbar Parallelwelten, die sorgfältig voneinander abgeschottet werden.

2. On Thursday, March 26 2009, 19:38 by seelenlos

hi claudia, dass das voranstellen von orientierung & identität letztlich irreführend wirkt, ist genau auch meine sorge.

von wegen bekanntheitsgrad der schlagworte als solche bin ich allerdings anderer meinung. natürlich ist orientierung & identität grade hype, jedoch m.e. primär bei studis etc., bei ottine normalverbraucher jedoch weniger.

in der "durchschnittsbevölkerung", würde ich zumindest behaupten, ist "Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit, Selbstbestimmung und Würde" wesentlich bekannter – und auch unumstrittener! – als orientierung & identität. wenn von lgbt trotzdem letztere vorangestellt werden, hat das für mich wie gsagt auch eine politische komponente – obwohl ich den antrag ansonsten wie gesagt sehr gut und erfrischend unvereinnahmend finde.

ps: solange es nur "männer" und "frauen" gibt, wie sollen da zwitterkinder von gender mainstreaming profitieren können?

3. On Saturday, March 28 2009, 10:56 by claudia

"solange es nur "männer" und "frauen" gibt, wie sollen da zwitterkinder von gender mainstreaming profitieren können?"
Die gendermainstreamer, lieber seelenlos, wollen die Rollenfixierung in der Erziehung abbauen. Von "Intersex/DSD"-Experten wird aber immer wieder betont, dass für intersexuelle Kinder die Anerziehung der "Geschlechtsrolle" nach Zuweisung besonders wichtig sei. "man muss jedes Kind als Junge oder Mädchen erziehen. Und man muss den Eltern sagen, dass ihr Kind das Geschlecht später noch mal wechseln wird, denn Einige tun das ja doch" So sprach eine "Expertin" im Sommer 2008 (!) im Deutschlandradio. So was bleibt als "eherne Expertenweisheit" völlig unkommentiert.

Eigentlich müsste es darüber eine Auseinandersetzung auf der politischen Ebene geben, denn die beiden Programme widersprechen sich diametral.
Je weniger wichtig das Geschlecht vor dem Pubertätsalter wird, um weniger wichtig ist auch rollenkonforme Anpassung des Körpers bei Kindern.

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In Deutschland sind Ottine/Otto Normalverbraucher depressiv und überlassen das Nachdenken über Würde und Menschenrecht "denen da oben". Im Vertrauen darauf, dass die schon für sich das Richige tun werden...

4. On Sunday, March 29 2009, 13:15 by nella

"Je weniger wichtig das Geschlecht vor dem Pubertätsalter wird, um weniger wichtig ist auch rollenkonforme Anpassung des Körpers bei Kindern."

Wie wär's mit der umgekehrten Variante?

Je weniger die rollenkonforme Anpassung des Körpers bei Kindern möglich ist, desto weniger wichtig ist auch das Geschlecht vor dem Pubertätsalter.

Bei dieser Variante kämen die Zwitterkinder zuerst und trotzdem würden alle, die eine Aufhebung des Zweigeschlechtersystems befürworten, davon profitieren.

Denn wenn Gender Mainstreaming, LGBT und so weiter ihre eigenen Interessen aussen vor lassen würden, um sich dafür vehement an unserer Seite dafür einsetzen würden, dass Zwangsoperationen und sonstige Zwangsbehandlungen an Zwittern verboten werden, dann würde das "Geschlecht vor dem Pubertätsalter" auch immer weniger wichtig werden, und dies wahrscheinlich mit nachhaltigerem Erfolg und vor allem:

Die Dringlichkeit, Zwangsoperationen an Zwittern zu beenden, würde endlich im Vordergrund stehen. Und wie gesagt: Trotzdem würden alle davon profitieren!

Warum also ist es nicht so? Warum reden die meisten ständig darüber, dass man dieses blöde Zweigeschlechtersystem abschaffen muss, dann werden automatisch auch keine Zwitterkinder mehr operiert? Warum stehen unschuldige Zwitterkinder an zweiter Stelle, obwohl man das Zweigeschlechtersystem genauso gut oder sogar noch nachhaltiger aus den Angeln heben könnte, indem man sie an erster Stelle setzt?

5. On Monday, March 30 2009, 02:45 by seelenlos

"Die gendermainstreamer, lieber seelenlos, wollen die Rollenfixierung in der Erziehung abbauen."

darf ich fragen, woher du das hast? meines wissens nach ist diese definition eher ein vorwurf der (christlichen) rechten, gender mainstraeming sei nur ein (vorgeschobener) vorwand zur abschaffung der geschlechter. (und zum thema "abschaffung der rollen/geschlechter" usw. schliesse ich mich nella an.)

bei "gender mainstreaming" geht es meines wissens nach ausschliesslich um gleichberechtigung zwischen "männern" und "frauen":
http://www.genderkompetenz.info/gen...
http://www.gender-mainstreaming.net...
http://www.bpb.de/themen/M2VX4I,0,0...
auch wikipedia übersetzt es mit: "Der Begriff Gender Mainstreaming („Etablieren der Perspektiven sozialer Geschlechter“, „geschlechtersensible Folgenabschätzung“, „Integration der Gleichstellungsperspektive“, „durchgängige Gleichstellungsorientierung“) bezeichnet den Versuch, die Gleichstellung der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen durchzusetzen." auch dort wird als selbstverständlich vorausgesetzt, dass es immer nur um "männer" und "frauen" geht.

ich kann drum immer noch nicht verstehen, wie gender mainstreaming den zwittern realpolitisch konkret helfen soll, solange zwitter nicht ein eigenes, staatlich anerkanntes geschlecht haben, das auch statistisch erfasst wird?