Liebe Vereinsmitglieder, liebe XY-Frauen

Ich gebe hiermit bekannt, dass ich nach Ablauf meines Amtsjahrs als 1.
Vorsitzende von Intersexuelle Menschen e.V. für den Vorstand nicht mehr
zur Verfügung stehe.

"Manchmal ist Aufgeben ein Gewinn", sagte ein lieber Mitzwitter letzten
Sommer zu mir, als er mir von Problemen mit Mobbing an einem ehemaligen
Arbeitsplatz erzählte. Vielleicht hätte ich diesen Rat schon früher
befolgen sollen.

Ich habe noch nie so viele persönliche Angriffe, haltlose Vorwürfe,
Intrigen, Machtspiele und Chauvinismus erlebt wie in diesem Jahr als 1.
Vorsitzende. Nun gut, ich habe mich auch noch nie so exponiert in meinem
Leben. Somit habe ich einiges gelernt, über andere und auch über mich,
das ich für die Zukunft nutzen will.

Vor einem Jahr hat mich die überwiegende Mehrheit der Vereinsmitglieder
in den Vorstand gewählt. Ich hatte schon vor meiner Wahl viel
Öffentlichkeitsarbeit gemacht, auf meinem Blog Zwischengeschlecht.info
und zum Teil auch im Namen des Vereins, stand zwei Mal vor dem
Landgericht Köln, hatte beide Male die Demos organisiert. Zum ersten Mal
überhaupt war das Thema Intersexualität dermassen in den Medien präsent.
Dank Christiane Völling und der Öffentlichkeitsarbeit von
Zwischengeschlecht.info. Alle wussten, dass ich mich wählen liess, um
konkret etwas zu erreichen und im Namen des Vereins die erfolgreiche
Öffentlichkeitsarbeit weiterzuführen.

Die Tatsache, dass ich den 1. Vorsitz inne hatte und meine Versprechen
hielt, wurde jedoch für einige, die das Heil alleine in Leisetreterei
und Geheimverhandlungen durch den Dienstboteneingang sehen, schnell
einmal zu einem unbequemen Faktor.

Von Anfang an wurde ich angefeindet, es wurden mir Informationen
vorenthalten, meine Kompetenzen als 1. Vorsitzende wurden in Frage
gestellt oder schlichtweg ignoriert. Ich erhielt keinen Zugang zur
Vereinshomepage, während mir gleichzeitig vorgeworfen wurde, ich würde
sie vernachlässigen. Meine Bestreben, gewisse formale Regeln
einzuhalten, in erster Linie betreffend Informationsfluss zwischen
Mandatsträger_innen, Vorstand, Vereinsmitgliedern und Öffentlichkeit,
wurden nicht ernst genommen. "Spiel dich nicht so auf", hiess es
allenthalben. Sogar wenn ich als Privatperson unter meinem eigenen Namen
in einer Zeitung einen Hintergrundartikel zum Thema publizierte, wurde
mir Verrat am Verein vorgeworfen und versucht, mir einen Maulkorb zu
verpassen.

Als "dahergelaufene Schweizerin" musste ich mich wiederholt titulieren
lassen, die kein Recht hätte, als 1. Vorsitzende eines deutschen Vereins
zu sprechen, die eigenmächtig im Namen des Vorstands handle, ihr Amt
missbrauche, sich auf die Schweiz beschränken solle, nicht transparent
sei, den Verein kaputt mache und bereits traumatisierte Zwitter noch
mehr schädige.

Auch als längst klar war, dass zum Beispiel die Vorwürfe betreffend
eigenmächtiges Handeln falsch waren und im Gegenteil jede
Pressemitteilung aufgrund eines Vorstandsbeschlusses erfolgt war, hielt
niemand von denjenigen, die mich des Amtsmissbrauchs beschuldigt hatten,
es für nötig, sich für die ungerechtfertigten Vorwürfe zu entschuldigen. (Die
Liste liesse sich beliebig fortführen.)

Sachliche Kritik habe ich im Gegenzug stets vermisst, sie hätte mich
richtungsweisend unterstützen können.

Es war nicht einfach, mit einem Vorstand, der zur Hälfte nicht präsent
war, mit Mitstreitern, die von Anfang an für sich und gegen mich
gearbeitet haben, und das nicht offen, ehrlich und direkt, sondern
hintenrum mit anderen Methoden. Das allgemeine Desinteresse der übrigen
Vereinsmitglieder machte es auch nicht einfacher.

Der einzige Grund, warum ich so lange geblieben bin, ist Katrin. Kat hat
mich von Anfang an sachlich und konstruktiv unterstützt. Ich durfte
immer auf ihren Rat und ehrliche, sachliche Kritik zählen. Obwohl sie
eine schwere Zeit hatte. Danke, Kat!

Die nun definitiv zurücktretende Kat war meines Erachtens auch die
einzige unter den aktiveren Vereinsmitgliedern, die aufgrund ihrer
Berufserfahrung über genügend Know-how und Medienkompetenz verfügt, um
zu wissen, wie wichtig kontinuierliche Pressearbeit ist: Weil nämlich
Gehör in der Öffentlichkeit (und damit auch in den Regierungen, die sich
nicht zuletzt an den Medien orientieren) nicht von alleine kommt ...

Im letzten Jahr ist einiges in Bewegung geraten. Aus einem Papiertiger,
was unser Verein lange Zeit war, ein Raubtier zu schaffen, das wenn
nötig auch Krallen zeigt, ist ein schmerzhafter Prozess. Ob jedoch eine
zur Trägheit neigende Hauskatze beispielsweise dem chronisch Versprechen
brechenden Netzwerk
wo nötig auch Paroli bieten oder eine breite
Öffentlichkeit aufrütteln kann, um sie im Kampf um unsere Menschenrechte
hinter sich zu versammeln, wage ich zu bezweifeln.

Ich hätte mehr Offenheit erwartet. Dennoch möchte ich jetzt ohne Groll
meinen Abschied geben und hoffe, dass wir uns auch in Zukunft die Hand
reichen können.

Für diejenigen, die stets alles besser wussten und laut denen es allein
wegen mir im Verein nicht vorwärts ging, die sich bisher von jedem Amt
stets "sorgsam fernhielten", soll damit der Weg frei werden zum Tatbeweis.

Dem neuen Vorstand wünsche ich jetzt schon alles Gute.

Durch meinen Rücktritt soll der Weg zurück in den Verein auch wieder
frei werden für alle, die scheinbar wegen mir persönlich ausgetreten sind.

Die schweigende Mehrheit fordere ich dazu auf, ihre Verantwortung
vermehrt wahrzunehmen, und wo möglich aktiver am Vereinsgeschehen
teilzunehmen. Letztlich haben wir alle den Verein, den wir uns verdienen ...

Liebe Grüsse

Nella

Siehe auch:
- Wie das "Netzwerk Intersexualität/DSD" seine Versprechen bricht     
- Ersatzhormone für Zwangskastrierte auf Kasse! "Netzwerk DSD" zum Handeln aufgefordert
- Wie das "Netzwerk DSD" die "Lübecker Studie" frisiert
- Intersexuelle Menschen e.V. distanziert sich stillschweigend vom "Netzwerk DSD" 
- 5. Treffen Netzwerk Intersexualität Kiel 6.9.2008 
- Netzwerk DSD/Intersexualität und wir Intersexuellen - Mitsprache geht anders
- "Medizinische Intervention als Folter" - Michel Reiter 30.6.2000