Kathrin Zehnder (Co-Herausgeberin eines empfehlenswerten Buches zum Thema sowie Klartext redende Expertin und Autorin in den Medien, z.B. hier, hier und hier) hielt im Wintersemester 2008/2009 am Zentrum für Gender Studies der Unversität Basel ein Seminar zum Thema "Intersexualität". Für die Abschlussitzung lud sie Karin Plattner von der Schweizerischen Elternselbsthilfe und mich zu einer Diskussionsrunde ein. Dazu hatten die StudentInnen Fragen vorbereitet. Ich konnte eine Woche nach dem 3. Prozesstag von Christiane Völling leider nicht schon wieder auf der Arbeit fehlen und frei nehmen, um an eine Veranstaltung zu gehen. Zusammen mit Seelenlos habe ich aber die Fragen der Studis schriftlich beantwortet:
  • Wie beurteilst du momentan die Situation der Intersex-Bewegung im deutschsprachigen Raum? Welche Erfolge und Rückschläge gibt es zu verzeichnen? Wie viele Menschen stehen hinter "Intersexuelle Menschen e.V." und was sind die kurzfristigen und langfristigen Zielsetzungen? Gibt es eine internationale Vernetzung?

Die deutschsprachige Intersex-Bewegung steht auch nach 13 Jahren (Gründung der AGGPG 1996) immer noch am Anfang. Zwar ist die Ausgangslage in Deutschland mittlerweile besser dank den kontinuierlichen Anfragen im Bundestag durch Die Linke, woraus auch die wegweisenden jüngsten Evaluationsstudien resultierten ("Hamburger Studie" sowie "Lübecker Studie", vgl. http://blog.zwischengeschlecht.info/post/2008/12/04/Weltweit-grosste-Zwitter-Studie-straft-Bundesregierung-Lugen). Auch Michel Reiters Prozesse um Anerkennung eines 3. Geschlechtseintrags für Zwitter brachten trotz mangelndem direkten Erfolg einiges in Bewegung. Jüngste Erfolge sind die vermehrte Beachtung Intersexueller und ihrer Proteste gegen die Zwangsoperationen in den Medien und natürlich Christianes sensationeller Prozessieg gegen ihren ehemaligen Zwangsoperateur, ebenso die Rüge an die Bundesrepublik durch den UN-Ausschuss CEDAW. Der Wahlprüfstein Nr. 9 des LSVD zur kommenden Bundestagswahl in Deutschland ist ebenfalls ein Meilenstein. Auch die Anfragen und die parlamentarische Anhörung in Hamburg sowie die aktuellen kleinen Anfragen im Bundestag sind Erfolge der verstärkten Lobbyarbeit der letzten Jahre. Als Reaktion auf unseren Protest vor dem Kinderspital finden nun mit den Ärzten Gespräche statt, über deren Inhalt aber vorläufiges Stillschweigen vereinbart wurde. Unser wichtigstes Ziel ist die sofortige Beendigung der genitalen Zwangsoperationen.  Noch immer stehen viel zu wenige solidarische Nicht-Zwitter hinter diesem Ziel. Zwar drücken sich viele Mediziner inzwischen öffentlich z.T. vorsichtiger aus, praktisch wird jedoch allen Lippenbekenntnissen zum Trotz munter weiter zwangsoperiert. Mangels Kapazitäten ist es mit der internationalen Vernetzung insbesondere mit nicht-deutschsprachigen Ländern noch nicht weit her.

  • Du forderst die Möglichkeit eines optionalen 3. Geschlechtseintrags für Zwitter im Rechtssystem. Ist es denkbar, dass dieser Eintrag auch für Menschen mit biologisch eindeutigen Geschlechtskörpern eine Option wäre?

Die Forderung nach einem optionalen 3. Geschlecht nur für Zwitter verfolgt 2 Ziele: Sichtbarmachung von und Schutzmöglichkeiten spezifisch für Zwitter. Aus diesen Gründen wäre eine Ausweitung durch Einschluss z.B. auch von Transgendern klar kontraproduktiv. Wenn schon, brauchte es für diese eine eigene, klar getrennte Eintragsmöglichkeit, was aber politisch aktuell absolut chancenlos ist. Deshalb wollen sie sich ja auch immer bei den Zwittern mit dranhängen, obwohl nur sie allein davon profitieren und den Zwittern im Gegenteil schaden, weil die Zwitter dadurch einmal mehr unsichtbar gemacht und ihnen spezifischer Schutz verunmöglicht wird.

  • Siehst du auch Überschneidungen in den jeweiligen Anliegen von Trans- und Intersexualität? Worin besteht die Problematik einer gemeinsamen Politik von Intersexuellen, Transsexuellen und anderen Gruppierungen?

Aus Sicht der Zwitter gibt es kaum konkrete Überschneidungen: Transsexuelle wollen OPs und beneiden uns oft dafür, dass wir sie aus ihrer Sicht "nachgeworfen bekommen", während Zwitter sich gegen die Zwangsops wehren. Zwar leiden auch Transsexuelle unter Menschenrechtsverletzungen und Diskriminierungen, jedoch in einem klar geringeren Masse als zwangsoperierte Zwitter. Die meisten Transsexuelle sind offensichtlich gar nicht fähig, sich in unsere spezifische Problematik hineinzuversetzen (gilt wohl auch umgekehrt). Da zudem in der Öffentlichkeit Zwitter nach wie vor meist mit Transsexuellen verwechselt bzw. in einen Topf geworfen werden, wäre ein gemeinsamer Auftritt ebenfalls kontraproduktiv bzw. würde nur den Transsexuellen nützen und den Zwittern schaden. Es ist kein Zufall, dass zumeist Transsexuelle eine Zusammenarbeit wollen oder sich als Intersexuelle ausgeben, umgekehrt jedoch praktisch nie. Trotzdem haben wir gemeinsame Feinde. Aktuell ist jedoch die einzige sinnvolle Politik gegenseitige Solidarität bei spezifischen Anliegen, z.B. Beendigung der Zwangsoperationen an Zwittern einerseits sowie Reform/Abschaffung des TSG andrerseits, jedoch nicht gemeinsam vereint, sondern nach dem Motto "Getrennt marschieren, gemeinsam zuschlagen".

  • Du grenzt dich auch von den Gender Studies ab – was kritisierst du? Siehst du auch gemeinsames Potential von wissenschaftlicher Auseinandersetzung (z.B. die Dissertation von Kathrin Zehnder) und Intersex-Bewegung? Hast du Wünsche an die Geschlechterforschung (z.B. an der Universität Basel)?

Die meisten Zwitter haben erstmal keine Probleme mit Gender und Identität, sondern mit massiven Menschenrechtsverletzungen durch genitale Zwangsoperationen und sonstige nicht-eingewilligte Zwangseingriffe, die in ihren Auswirkungen vergleichbar sind mit denen von Folter und sexuellem Kindesmissbrauch, was aber bei Gender Studies regelmässig unter den Tisch fällt. Gender Studies haben deshalb bei Zwittern den in der Regel verdient schlechten Ruf, dass sie Zwitter lediglich als Kanonenfutter und Versuchskaninchen missbrauchen zum Aufzeigen der Konstruiertheit von Geschlecht etc., sprich für ihren eigenen Forschungsgegenstand, wobei in der Regel die konkreten Schicksale und Lebensbedingungen und politischen Kämpfe der Zwitter ebenso  ausgeblendet werden wie ethische und menschrechtliche Aspekte. Es gibt nur sehr wenige ExponentInnen der Gender Studies, die den Kampf der Zwitter (auch) konkret unterstützen, obwohl da wohl ein grosses Potential bestünde. Kathrin Zehnders Engagement ist leider die Ausnahme und nicht die Regel. Obwohl diesbezügliche konkrete Forderungen von Zwittern seit Jahren bestehen, vgl. z.B.:
Emi Koyama / Lisa Weasel: "Von der sozialen Konstruktion zu sozialer Gerechtigkeit. Wie wir unsere Lehre zu Intersex verändern." In: Die Philosophin Nr. 28, Tübingen: Edition Diskord, 2003, S. 79-89.
Weitere Forderungen an die Gender Studies sind die Aufarbeitung der eigenen Geschichte: Feminismus und Gender Studies sind wesentlich von genau den Theorien John Moneys geprägt, die den Zwittern soviel Leid brachten und immer noch bringen. Hier ist eine kritische Aufarbeitung nach wie vor ausstehend, vgl. auch "Die Rede von der psychischen Intersexualität": http://blog.zwischengeschlecht.info/post/2007/12/11/Die-Rede-von-der-psychischen-Intersexualitat, sowie: Gabriele Dietze: "The Cutting Edge of Gender Studies. Die Geburt der Kategorie Gender aus dem Geist des Skalpells."  a.k.a "Schnittpunkte. Gender Studies und Hermaphroditismus." In: Dietze / Hark (Hg.): "Gender kontrovers. Genealogie und Grenzen einer Kategorie." Königstein/Taunus: Ulrike Helmer Verlag, 2006, S. 46-68.

Auch in Basel werden genitale Zwangsoperationen an Zwittern durchgeführt und in wissenschaftlichen Werken und Institutionen propagiert. Wie wär's mal (auch) mit öffentlicher Denunziation dieser menschenrechtswidrigen Praktiken und mit praktischen politischen Vorstössen (z.B. kleine Anfragen bei den politisch verantwortlichen Stellen) oder konkreten Aktionen vor Ort statt immer nur Genderdebatten?

  • Was würdet ihr euch für ein Verständnis von Intersexualität in der Medizin wünschen?

Seit über 13 Jahren fordern Zwitter die Beendigung der genitalen Zwangsoperationen und (stattdessen) insbesondere psychologische Unterstützung sowie Peer Support für Zwitter und Eltern. Bisher hat sich die Medizin stets nur unter Druck bewegt, jedoch nie wesentlich, sondern immer nur mit schön klingenden Statements und unverbindlichen Zusagen, während unverdrossen weiter zwangsoperiert wird (vgl. z.B. die Aussagen von Prof. Mullis, es würden in der Schweiz keine Zwangsoperationen mehr durchgeführt, wobei er sich anschliessend gleich selbst einen Lügner straft – was den meisten LeserInnen scheints aber gar nicht auffällt). Oder es werden wie in Deutschland wohlklingende ethische Richtlinien verfasst, die aber faktisch nicht befolgt und lediglich als Feigenblatt benutzt werden, um ungestört weiter zu zwangsoperieren. Nach wie vor ist psychologischer Support die Ausnahme und nicht die Regel, und verweigern die Mediziner den Eltern und den Betroffenen Hinweise auf Selbsthilfegruppen. Die Medizin müsste sich endlich den ethischen und rechtlichen Tatsachen stellen und konkrete Taten folgen lassen sowie ihre Verfehlungen aufarbeiten. Dies würde einschliessen, dass es sich bei Zwittern um biologische Varianten der Natur handelt und nicht um "gestörte" Menschen. Zwangsoperateure müssen arbeitslos werden, was Eingriffe an Zwitterkindern anbelangt. Dazu werden sie sich freiwillig jedoch nie durchringen, nicht zuletzt, weil es um ihre Pfründe geht. Stattdessen müssen nach wie vor viele Zwangskastrierte adäquate Ersatzhormone aus der eigenen Tasche bezahlen.

  • Auf www.zwischengeschlecht.info wird kritisiert, dass zahlreiche Menschenrechtsorganisationen und Antidiskriminierungsstellen zu den gewaltsamen Operationen an intersexuellen Menschen schweigen. Wie könnte man politisch Vorgehen, um die gewünschte Aufmerksamkeit zu erregen? Welche Unterstützung wäre dafür nötig?

Es braucht Druck in der Öffentlichkeit, in der Politik und vor Gericht. Den Verantwortlichen auf allen Ebenen muss ständig das Leben schwer gemacht und das zwangsoperieren vermiest und sie selbst öffentlich geoutet, angeprangert und wo immer möglich juristisch belangt werden. Es braucht konkrete Gesetzesvorschläge zur Beendigung der Zwangsoperationen und zur Entschädigung der Opfer. Diese Forderungen müssen in alle Parteien hineingetragen werden. Hier sind (auch) solidarische Nicht-Zwittern gefragt!

  • Ihr habt beide eine eigene Gruppierung gegründet, um Euch für die Anliegen intersexueller Menschen stark zu machen. Welche gemeinsamen Perspektiven habt ihr und inwiefern arbeitet ihr zusammen?

Auf der Selbsthilfeebene ist die eine Gruppe für die Eltern zuständig und die andere für die Zwitter selbst. Politisch haben beide dieselben Ziele und arbeiten zusammen, z.B. bei Verhandlungen mit Ärzten oder in der Öffentlichkeit. Inzwischen entstand aus der Betroffenenselbsthilfe mit Zwischengeschlecht.org eine 3. Gruppe, die sich als Menschenrechtsgruppe definiert (und nicht als Selbsthilfegruppe) und die auch solidarischen Nich-Zwittern offen steht.

  • Was muss sich in der Gesellschaft ändern, damit intersexuelle Menschen darin ein "gutes Leben" führen können?

Die Zwangsoperationen müssen abgeschafft und politisch und juristisch geächtet und die Zwitter rechtlich anerkannt werden. Opfer müssen entschädigt werden.

Siehe auch:
- Zwitter als Kanonenfutter für die Transgender- und Queer-Agenda?
- "Genitalverstümmelung ein afrikanisches Problem?"