Wem gehört das Zwittersymbol?Im Anschluss an den Blogpost zum Thema vom 19.8. hatte Nella im Namen von Zwischengeschlecht.org sowohl die GPGF wie auch Hertha Richter-Appelt mehrfach angeschrieben betreffend unserer Bedenken in Sachen a) problematische Behandlung von "Nature vs. Nurture" als "rein akademisches Thema" unter Ausblendung der damit verbundenen Menschenrechtsverletzungen an Zwittern sowie b)  wegen der fragwürdigen Verwendung des Zwittersymbols im GPGF-Logo.

Nach harzigen Anläufen erhielten wir unterdessen erste inhaltliche Antworten:

Die Interdisziplinäre Gesellschaft für die psychische Gesundheit von Frauen und Genderfragen GPGF liess uns wissen, sie hätten uns das Kongressprogramm zugesandt, "weil wir immer den Dialog gerne mit Betroffenen suchen." (Wir selber halten fest, zufällig durch eine solidarische BesucherIn vom Kongress erfahren zu haben.)

Auch haben wir natürlich vom IS-Projekt ["Hamburger Studie"] von Frau Professor Richter-Appelt gehört, sie deshalb eingeladen und das ganze Thema in das Kongressprogramm aufgenommen.

Immer wieder wird ja reklamiert, dass dieses Thema so wenig in den Fortbildungen für Mediziner und Psychologen beachtet wird. Wie Sie aus den Publikationen von Frau Richter-Appelt wissen, werden wir das Thema verantwortungsvoll und sensibel vermitteln.

Das Symbol wurde von uns gewählt, um damit Männer und Frauen darzustellen und es war nicht bekannt, dass das auch das Zwittersymbol ist. Also keine in irgendwelche Weise böse Absicht dahinter, sondern nur Unwissen. Es tut mir leid.

Es wurde uns angeboten, über unsere Anliegen zu einem ruhigeren Zeitpunkt nach dem Kongress persönlich zu diskutieren, was wir gerne annahmen.

Hertha Richter-Appelt
verwies uns auf eine Publikation in einem Buch, das auf Zwischengeschlecht.info schon mehrmals erwähnt wurde (u. a. wurde auch just Richter-Appelt gegen Anwürfe deswegen verteidigt). Richter-Appelt vertrat die Meinung, das Zwittersymbol sei nur das Logo der Veranstaltung (statt fester Bestandteil des GPGF-Logos) und deshalb "gerechtertigt" (aus unserer Sicht hingegen nicht einmal, wenn es sich tatsächlich nur um ein Veranstaltungslogo handeln würde, da a) "Intersexualität" nicht alleiniges Thema der Veranstaltung ist und b) Betroffene nicht einbezogen wurden). Ihre Vorträge halte Richter-Appelt "in der Regel frei" und habe deshalb "auch nicht mehr Informationen". Und weiter:

Bitte achten Sie darauf, dass Ihre Aktionen nicht dazu führen, dass das Thema Intersexualität wieder von Fachtagungen verschwindet. Das könnte passieren, wenn Sie bereits im Vorfeld (in meinen Augen unbegründete) Kritik anbringen.

Meine 2 Cent:

Seit Jahrzehnten und bis auf den heutigen Tag wird der "theoretisch-akademische Diskurs" um "Nature oder Nurture" als unkontrolliertes Feldexperiment buchstäblich an den zwangsoperierten Körpern der Zwitter ausgetragen.

Solange nicht unmissverständlich klar ist, dass die daraus resultierenden, schwerwiegenden ethischen und menschenrechtlichen Komplikationen auch an wissenschaftlichen Fachtagungen, bei Medieninterviews usw. jedesmal adäquat gewürdigt werden – solange nicht alle an diesem unkontrollierten Feldexperiment beteiligten Disziplinen (wozu auch Psychiatrie und Sexologie gehören) die damit verbundenen ethischen und menschenrechtlichen Probleme endlich grundlegend reflektieren und aufarbeiten – solange ist kontinuierliche und unüberhörbare Kritik daran offensichtlich weiterhin notwendig.

Sollte die vorerst einzige Reaktion auf diese Kritik sein, dass – wie von Hertha Richter-Appelt angedroht – "das Thema Intersexualität wieder von Fachtagungen verschwindet", ist dies letztlich besser so und nur zu begrüssen. (In der Öffentlichkeit, vor Gericht, in den Parlamenten etc. werden die Zwangsbehandlungen ohnehin Thema bleiben – ob's den direkt oder indirekt daran beteiligten WissenschaftlerInnen passt oder nicht.)

Die an den Zwangsbehandlungen beteiligten Disziplinen werden sich wohl oder übel daran gewöhnen müssen, dass sie nirgends mehr Kongresse über Zwitter abhalten können, an welchen die Frage der Menschenrechtsverletzungen an Zwittern nicht klar und gebührend adressiert wird, ohne dass sie dabei auf kritische Fragen oder gar Widerstand stossen – je länger desto entschlossener. Dasselbe gilt auch für die fragwürdige und unreflektierte Verwendung des Zwittersymbols.

Dass auch progressive VertreterInnen dieser Disziplinen – wie im vorliegenden Fall z.B. Hertha Richter-Appelt – damit offensichtlich immer noch etwas ihre liebe Mühe haben, unterstreicht lediglich, wie arg es mit den beteiligten Disziplinen als Ganzes steht und wie dringend eine umfassende Aufarbeitung offensichtlich Not tut. (Trotzdem sollten in der Kritik die Unzulänglichkeiten der Progressiven nicht mit den Machenschaften der Ewiggestrigen verwechselt oder gar in einen Topf geworfen werden.)

Dass die GPGF freundliche Botschaften sendet und den Dialog anbietet, ehrt sie und ist ein guter Anfang. Trotzdem wird sich noch zeigen müssen, wohin dieser Dialog konkret führt. Wie etwa das Negativbeispiel "Netzwerk DSD" zeigt, letztlich sind es die Taten, die zählen.

Fortsetzung folgt ...