2007 liess Prof. Dr. med. Primus Mullis, Abteilungsleiter für pädiatrische Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel, Medizinische Universitäts-Kinderklinik Bern noch gönnerhaft durchblicken, "unter den Ärzten [wachse] die Bereitschaft, ein unbestimmtes Geschlecht auch einmal sein zu lassen" (Das Magazin 36/2007).

Zacharias Zachariou, Direktor der Kinderchirurgie des Inselspitals, betonte demgegenüber, wie wichtig es sei, "möglichst in den ersten zwei Jahren nach der Geburt zu einer Entscheidung zu kommen" - gefolgt von der klassischen 'Begründung': "Stellen Sie sich einmal den psychischen Druck für ein Kind vor, das nicht weiss, ob es ein Knabe oder Mädchen ist. Oder wenn es mit den Jungs in die Umkleidekabine geht und die anderen sehen, dass es keinen Penis hat!" (NZZaS 13.07.2008

Aufgeschreckt durch die zunehmende Medienpräsenz unzufriedener Zwangsoperierter schwenkte Mullis wenige Monate später gänzlich um und behauptete plötzlich: "Hier werden keine Zwangsoperationen durchgeführt." Um dann im selben Atemzug als "Ausnahme in kosmetischer Hinsicht" diejenigen "Mädchen" zu nennen, die mit dem so genannten adrenogenitalen Syndrom geboren werden: "Die oft vergrösserte Klitoris werde wegen des sozialen Stigmas verkleinert." Bezeichnenderweise handelt es sich bei der "Ausnahme" AGS-"Mädchen" um die zahlenmässig grösste "Patientengruppe". (Der Bund 15.11.2008)

Fazit: Wie überall in der Schweiz werden auch im Inselspital nach wie vor wehrlose Zwitterkinder genital zwangsoperiert!

Studien belegen massive Menschenrechtsverletzungen

Ich werde mein Leben lang unter den Folgen dieser menschenverachtenden Behandlung leiden. Ich bin weder Mann, noch Frau, aber vor allem bin ich auch kein Zwitter mehr. Ich bleibe Flickwerk, geschaffen von Medizinern, verletzt, vernarbt. Ich muss mich neu erfinden, wenn ich weiter leben will.
Daniela "Nella" Truffer

Aktuelle, umfangreiche Forschungsergebnisse des deutschen "Netzwerk Intersexualität/DSD", die "Hamburger Studie" 2007 und die "Lübecker Studie" 2008 (mit 439 Proband_innen, zum Teil auch aus der Schweiz, die weltweit bisher grösste), beweisen einmal mehr:

  • Die meisten Opfer der menschenrechtswidrigen Zwangsbehandlungen tragen massive psychische und physische Schäden davon.
  • Nicht zwangsoperierte Zwitter haben im Vergleich eine deutlich höhere Lebensqualität.
  • Trotzdem werden nach wie vor über 80% aller Zwitter meist mehrfach zwangsoperiert.

Bezeichnenderweise versucht das "Netzwerk DSD" aktuell, die eindeutigen Studienergebnisse nachträglich zu frisieren.
Weiter bestätigen ExpertInnen, dass diese Zwangseingriffe ethische Grundsätze verletzen und auch strafrechtlich nicht haltbar sind.

Das Schweigen der MittäterInnen

Der Arzt sagte: "Du bist kein Mann! Du bist auch keine Frau! Du bist ein Zwitter! So Menschen wie dich hat man früher auf dem Jahrmarkt ausgestellt und damit Geld verdient! Das kannst du ja auch mal ausprobieren, da bist du eine Kuriosität, eine Sensation!" Er lachte dabei.
Christiane Völling

Als Geldgeber der Medizyner sind Behörden und die Öffentlichkeit mit verantwortlich für deren Taten. In der Schweiz gab es bisher weder parlamentarische Anfragen noch sonst irgendwelche politischen Vorstösse zum Thema.

In Deutschland propagiert die Bundesregierung gar Zwangseingriffe an Zwittern regelmässig aktiv mit tatsachenwidrigen Behauptungen. Auch die Parteien, die Antidiskriminierungsstelle, Deutscher Ethikrat, Amnesty International, Terre des Femmes – alle schweigen sie und sehen keinen Handlungsbedarf.

Für viele ohne ihre Einwilligung zwangsoperierte Zwitter kommt dies einer Mittäterschaft gleich.

Zwitter proben den Aufstand

Ich möchte meinen ursprünglichen Körper zurück haben, genauso, wie er bei der Geburt war. Keine Narben, keine Hormone schlucken, ich wäre ganz, mich selbst. [...] Ich frage mich, wie ich gewesen wäre, aber ich werde es nie erfahren, das haben sie mir für immer genommen. Ohne mich zu fragen.
Daniela "Nella" Truffer

In Köln zeigte Christiane Völling als erste Zwischengeschlechtliche ihren ehemaligen Operateur an, und gewann bisher durch alle Instanzen. Zwischengeschlecht.org nahm dies zum Anlass für eine kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit, dank der 2008 viele Menschen zum ersten Mal von den Menschenrechtsverletzungen an Zwittern erfuhren.
Aufgrund eines Schattenberichts von Intersexuelle Menschen e.V. hielt das UN-Komitee CEDAW im Februar 2009 erstmals fest, auch Zwitter hätten Anspruch auf Menschenrechte und informierte Zustimmung. Gleichzeitig gab es auf kommunaler wie auf Bundesebene zunehmend politische Vorstösse.

Auch in der Schweiz kam es zu öffentlichkeitswirksamen Protestaktion vor dem Kinderspital Zürich und dem Inselspital in Bern, gefolgt von einer Vielzahl von Medienberichten.

Von 2009 erhoffen sich die Aktivist_innen, dass sich erstmals auch politisch aktive Nichtbetroffene mit ihrem Kampf gegen genitale Zwangsoperationen und für Selbstbestimmung solidarisieren werden.

Nella & Seelenlos / Zwischengeschlecht.org

Siehe auch:
- Megafon 255: Nellas allererstes Interview von 2002