Warum Zwitterforderungen, worin es um "sexuelle Identität" geht statt um "Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung", keine Zwitterforderungen sind, sondern Vereinnahmung
By seelenlos on Saturday 31 October 2009, 14:38 - Forderungen - Permalink
"Auch wenn [sie] die besten Absichten hegen, untergraben fehlendes
Bewusstsein für und die fehlende Beachtung der Realitäten von Intersexuellen
die adäquate Darstellung des Themas. Dabei werden unbeabsichtigt die
Nicht-Sichtbarkeit und die Objektivierung der Intersexuellen perpetuiert."
(Emi
Koyama / Lisa Weasel)
Immer wieder stellen vor allem LGBT-Gruppierungen Forderungen im
Namen der Zwitter auf und und begründen diese z.B. mit "Schutz vor
Verletzungen der sexuellen Identität" (Beispiel
Amnesty Schweiz). Auf prompt folgende Kritik reagieren sie meist mit
Unverständnis.
Da es sich wohl auf beiden Seiten um ein emotional aufgeladenes Thema handelt, hier der Versuch einer möglichst rationalen Darlegung:
Warum ist es Vereinnahmung, wenn Zwitterforderungen mit "Schutz der sexuellen Identität" begründet werden statt mit "Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung"?
- Einerseits, weil "Recht auf
körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung" seit
Jahr und Tag
bei praktisch allen Zwitterorganisationen prominent in der Forderungsliste
steht. "Sexuelle Identität" als Forderung kommt demgegenüber aus anderen
Interessenverbänden – und ist zur Durchsetzung der Zwitterforderungen wenig
hilfreich (vgl. auch nächsten Punkt).
Im amtsdeutschen juristischen Sprachgebrauch wird "sexuelle Identität" laut Wikipedia zudem mit "sexuelle Orientierung" gleichbedeutend gebraucht. Sogar das (bestimmt nicht gerade zwitterfreundliche und auch nicht immer überaus "gender-kritische") Wikipedia hält dazu im Eintrag explizit fest: "Fragwürdig ist es auch, wenn Intersexualität als sexuelle Identität aufgefasst ist, denn diese hat, trotz des Namens, wenig mit Sexualität, nichts mit Präferenzen im Bereich der Partnerschaft, und in vielen Fällen auch nichts mit Identität zu tun." - Andrerseits, weil
"Recht auf körperliche Unversehrtheit" und
"Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper" die einzige
Möglichkeit sind, die Beendigung der Zwangsoperationen realpolitisch
innert nützlicher Frist durchzusetzen, weil diese Rechte global
unbestritten und anerkannt sind und Zwittern (im Gegensatz u.a. zu Schwulen und
Lesben) gerade in den "entwickelten Ländern" nach wie vor systematisch
vorenthalten werden.
Der Versuch, die Leiden der zwangsoperierten Zwitter zu benutzen, um zusätzliche Rechte durchzusetzen wie z.B. "Schutz der sexuellen Identität/Orientierung", verlängert demgegenüber die Dauer der Zwangsoperationen auf Kosten der betroffenen Zwitter.
Meine 2 Cent:
Der Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD) beispielsweise hat's begriffen und forderte 2009 mehrmals explizit körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung auch für Zitter – mit grossem Erfolg! Wäre schön, wenn noch mehr LGBT-Interessengruppen gelegentlich zur Kenntnis nehmen würden, dass Zwitter in der Mehrzahl weder Lust noch Interesse haben, ungefragt als permanentes Schlusslicht in die schwul-lesbische Gemeinschaft zwangsweise eingemeindet oder sonstwie als eine Unter-Untergruppe von "Gender", "Trans*" usw. annektiert oder "mitgemeint" zu werden. Danke!
Übrigens: Auch andere Gruppierungen wie z.B. Opfer von sexuellem Kindesmissbrauch wehren sich gegen die "Bagatellisierung" ihrer Leiden und Anliegen, wo diese etwa unter "Verletzungen des sexuellen Selbstbestimmungsrechts" 'entsorgt' werden.
Siehe auch:
-
Zwitter und progressive LGBTs gegen Vereinnahmung
-
LSVD-Wahlprüfstein: 4 von 5 Bundestagsparteien fordern Selbstbestimmungsrecht
für Zwitter!
-
Instrumentalisierung von Zwittern: Kritik aus 2002
-
Warum Zwitterforderungen, worin zu oberst nicht die schnellstmögliche
Beendigung der Zwangsoperationen steht, keine Zwitterforderungen sind, sondern
Vereinnahmung
-
Geschlecht: Zwangsoperiert
-
Du sollst nicht die Leiden der Zwitter als Aufhänger und 'Material' für deine
eigenen Forderungen und Kämpfe benutzen!
- "Who
killed David Reimer?"
-
Das Problem der Instrumentalisierung durch LGBTQ
-
"Intersexualität" = sexuelle Orientierung?!
-
Vereinnahmung von Zwittern: Das Transgender Netzwerk Berlin TGNB macht's vor
...
-
Liminalis: Aus Transschändrien nix neues
-
Heinz-Jürgen Voß in "Liminalis" 3 (2009) – Zwitter-Vereinnahmung wie gehabt
...
-
Zwitter als Kanonenfutter für die Transgenderagenda?
-
QueerGrün missbrauchen Zwittersymbol für TSG-Kampagne
-
"Intersexualität" = "sexuelle Identität und Lebensweise"??! – Grüne
VereinnahmerInnen immer noch nichts gelernt
-
Mit der Hoffnung im Herzen
-
Die Rede von der "psychischen Intersexualität"