Schluss mit genitalen Zwangsoperationen!

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Heute begann in Kiel anlässlich der APE/AGPD-Jahrestagung eine Veranstaltungsreihe unter Mitwirkung der "Arbeitsgruppe DSD/Störungen der Geschlechtsentwicklung" von APE/AGPD und "Euro-DSD" (vormals "Netzwerk Intersexualität/DSD"). Dabei wurden unter anderem die "wichtigsten Publikationen" vorgestellt (wohl nicht zuletzt Eigenwerbung zur frisierten "Lübecker Studie").

Weiter konnten die Zwangsbehandler heute (wie üblich ohne Beteiligung der Betroffenen!) ungestört über "Erstellung bzw. Überarbeitung der Leitlinien DSD und Hypospadie" zu künftigen Zwangsbehandlungen an wehrlosen Zwitterkindern debattieren.

(Diese Programmpunkte waren zudem im Onlineprogramm nicht aufgeführt. Sämtliche relevanten Programmpunkte sind hier dokumentiert.)

Auf Sonntag 15.11. ist zudem einen weiterer Vortrag speziell über die frisierte Lübecker Zwitterstudie angekündigt.

Das "Netzwerk Intersexualität/DSD" als die deutsche Allianz der Zwangoperateure und ihrer Zuarbeiter in Endokrinologie, Sexologie und Psychologie/Psychiatrie wurde 2003-2008 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) alimentiert, entsprechend einem Antrag des Bundestags vom 12.6.2001 (DS 14/6259).

Eine Bedingung des BMBF war, dass die Betroffenen und ihre Organisationen angemessen mit einbezogen werden müssten. Stattdessen wurden sie von den Medizynern Mal für Mal vertröstet und hingehalten. Versprechen, Zusagen und Abmachungen wurden vom "Netzwerk Intersexualität/DSD" Mal für Mal gebrochen und die Betroffenenvetreter_innen über den Tisch gezogen. Vorschläge zur konkreten Verbesserung der Lage der geschädigten Betroffenen wurden Mal für Mal ignoriert.

Der Unmut unter den Zwangsoperierten wächst. 2009 distanzierte sich Intersexuelle Menschen e.V., der dem "Netzwerk DSD/Intersexualität" lange die Stange gehalten hatte, stillschweigend vom "Netzwerk DSD".

Mittlerweile sind die BMBF-Gelder alle aufgebraucht. Die altbekannten Zwangsoperateure & ZuliefererInnen (wenn auch ohne die Hamburger Fraktion) finanzieren sich heuer aus EU-Geldern, firmieren unter dem entsprechend angepassten, neuen Logo "Euro-DSD" und müssen endlich die Betroffenen nicht einmal mehr alibimässig mit einbeziehen.

2009 begann das "Netzwerk DSD" die Lübecker Evaluationsstudie nach den Bedürfnissen der Zwangsoperateure umzuschreiben. Ende 2008 veröffentlichte "erste Ergebnisse" der "Lübecker Studie" konstatierten (wie schon die ebenfalls BMBF-finanzierte "Hamburger Studie 2007") konstatierten noch das Offensichtliche: Je häufiger Zwitter als Kleinkinder genital zwangsoperiert wurden, desto mehr klagen sie als Erwachsene über verlorene sexuelle Empfindungsfähigkeit und damit einhergehende weitere sexuelle Probleme. Anlässlich einer Anhörung im Bundestag in Frühjahr 2009 wurden diese Ergebnisse zum ersten Male kurzerhand umfrisiert zur Behauptung, unabhängig von der Zahl kosmetischer GenitalOPs im Kindesalter gäbe es diesbezüglich angeblich keine Unterschiede.

Schon seit längerem kritisiert dieser Blog, dass es den in "Netzwerk DSD" und "Euro-DSD" versammelten Zwangsoperateuren letztlich bloss darum geht, nach dem Motto "alter Wein in neuen Schläuchen" die menschenrechtswidrigen Zwangsoperationen einfach als neu "genderoptimiert" und "todsicher" unverändert weiter zu praktizieren.Obwohl auch "Euro-DSD"-Chef Olaf Hiort öffentlich zugibt, dass für diese kosmetischen Genitaloperationen keine medizinische Notwendigkeit und auch keine Qualitätskontrolle besteht.

Weiter holen die Zwangsoperateure heute in Kiel dazu aus, unter dem Motto "Transsexualität, ein neues aktuelles Thema. Diskussion über die Aufnahme der Problematik in die Arbeitsgruppe DSD" wohl Zwitter künftig zusätzlich auch als geistig gestört zu verkaufen. Ein cleverer Schritt zur Ausweitung der "Patientengruppe" – der zudem auf ungeteilte Begeisterung stossen wird nicht zuletzt bei allen "Wir sind nämlich auch intersexuell"-Trans-Fraktionen, die sich schon lange nach einer offiziell anerkannten organischen Störung sehnen, ebenso wie bei allen PolitikerInnen und GendertheoretikerInnen, die (unter Ausblendung der Menschenrechtsaspekte) seit eh und je Zwitter gern systematisch mit Transsexuellen und anderen "Genderthemen" gleichsetzen bzw. "verwechseln". Welche der da verwursteten Gruppen bei der ganzen Aktion als zusätzlicher Verlierer herauskommt, ist einmal mehr jetzt schon absehbar.

Wie lange und wie weit deutsche Betroffenenorganisationen sich das alles noch ohne öffentlichen Widerspruch gefallen lassen, bleibt abzuwarten.

Nachträge 1-2:   >>> Pressemitteilung 14.11.09   >>> Mediziner-Kommentare zur Kritik

Nachtrag 3:

Wie Zwischengeschlecht.info inzwischen in Erfahrung bringen konnte, stiess das von Anette Richter-Unruh (Bochum) und Susanne Krege (Krefeld) propagierte Ansinnen, "Transsexualität" als "neues aktuelles Thema" in die "Arbeitsgruppe DSD" aufzunehmen, offenbar auf wenig Begeisterung; insbesondere "Euro-DSD"-Chef Olaf Hiort (Lübeck) habe sich deutlich dagegen ausgesprochen.

Auch der Vortrag über die frisierte Version der "Lübecker Studie" von Ute Thyen (Lübeck) vom Sonntag sei alles andere als unwidersprochen geblieben. An diesem Programmpunkt sass auch eine Delegation von Intersexuelle Menschen e.V. im Publikum, eine offizielle Stellungnahme von IMeV zur Problematik ist jedoch nach wie vor nicht erhältlich.

Siehe auch:
- Wie das "Netzwerk Intersexualität/DSD" seine Versprechen bricht
- Wie das "Netzwerk DSD" die "Lübecker Studie" frisiert
- Ersatzhormone für Zwangskastrierte auf Kasse! "Netzwerk DSD" zum Handeln aufgefordert
- Mein Rücktritt als 1. Vorsitzende von Intersexuelle Menschen e.V.
- Intersexuelle Menschen e.V. distanziert sich stillschweigend vom "Netzwerk DSD" 
- 5. Treffen Netzwerk Intersexualität Kiel 6.9.2008 
- Netzwerk DSD/Intersexualität und wir Intersexuellen - Mitsprache geht anders
- "Medizinische Intervention als Folter" - Michel Reiter 30.6.2000