Wie dieser Blog berichtete (eins / zwei), sind in der Schweiz aktuell Bestrebungen zur gesetzlichen Reglementierung von medizinischen Humanversuchen im Gange. Wobei allerdings (ausgerechnet!) sogenannte experimentelle "Heilversuche" ausgeklammert bleiben sollen – worunter auch die Zwangsbehandlungen von Zwittern fallen, die bekanntlich nie durch klinische Versuche in ihrer "Wirksamkeit" bewiesenen wurden (noch die aktuelle AWMF-Leitlinie befindet sich auf der niedrigsten Evidenzstufe 1), und zwar sowohl die Genitalverstümmelungen wie auch diverse Hormon-Zwangs"therapien", die praktisch alle "off label" erfolgen. (Zwischengeschlecht.org hatte diese Auslassung seinerzeit in einer Pressemitteilung bemängelt.)

In einer gestrigen Titelgeschichte im "Tages-Anzeiger" mit der Überschrift >>> "Wenn Ärzte an ihren Patienten experimentieren" (sowie mit einem zusätzlichen redaktionellen Kommentar) wird nun diese Kritik von anderer Seite und in anderem Zusammenhang erneuert und der politische Druck auf die mit der Gesetzesausarbeitung betraute nationalrätliche Kommission erhöht:

Die SPO will nun die Ärzte per Gesetz verpflichten lassen, Patienten bei nicht standardisierten Therapien schriftlich über die Risiken zu informieren und von ihnen eine schriftliche Einwilligung einzuholen. Einen entsprechenden Antrag hat die Stiftung Patientenschutz bei der nationalrätlichen Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK) deponiert. Diese berät zurzeit das Humanforschungsgesetz, in dem Kessler die Informationspflicht verankern will.

Wenig überraschend versucht sich die Kommission bisher vor allem in Ausweichmanövern und auch die CH-Medizynerstandesorganisation FMH ist aus naheliegenden Gründen wenig begeistert (schliesslich wollen sie gerne nach Lust und Laune weiterexperimentieren).

Es ist noch ein weiter Weg ...

Leider ist in Deutschland zu diesem Thema m.W.n. bisher ja noch gar nichts gelaufen. Dabei ist es wichtig, den Druck auf nach Belieben herumexperimentierende Medizyner an allen Fronten zu verstärken. Gute Beispiele dazu wären u.a. die neulichen US-Kampagnen gegen den Seriengenitalverstümmler Prof. Dr. Dix Poppas und die Hormon-Zwangsbehandlerin Prof. Dr. Maria I. New. Denn wie die LeserInnenkommentare auch in diesem Fall immer wieder zeigen, geniessen zwangsbehandelnde Medizyner in der Öffentlichkeit wenig bis gar keine Sympathien ...

>>> Stiftung SPO Patientenschutz: Lücken beim Humanforschungsgesetz schliessen

Siehe auch:
- "Heimliche Versuche am Menschen" - Beobachter 7/2010 
- Verfassungsartikel Forschung am Menschen – Chance im Kampf gegen genitale Zwangsoperationen und sonstige experimentelle Zwangsbehandlungen an Zwittern 

>>> Überparteilicher Vorstoss gegen Genitalverstümmelung in Kinderkliniken