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>>> Ergänzungen 1 + 2

IOC IAAF: Intersex - Guilty by Suspicion

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) und der Weltathletikverband (IAAF) nahmen ihre Hausaufgaben offenbar ernst und setzen sich ein für eine neue Regelung, die trotz noch bestehender Fragezeichen klar einen beachtlichen Schritt nach vorn bedeutet, indem sie nicht mehr Geschlechtergedöhns ins Zentrum stellt, sondern sich stattdessen am effektiv verwertbaren Testosteronspiegel orientieren soll (dieser Blog berichtete).

Der Weltfussballverband FIFA hat dagegen offensichtlich noch nichts dazu gelernt, geschweige denn den Sprung ins neue Jahrtausend geschafft. Dieser Schluss drängt sich auf nicht nur angesichts aktueller FIFA-Verlautbarungen zur Sache, sondern erst recht bei näherer Betrachtung der Winkelsprünge inkl. letztlich willkürlicher Disqualifizierungen von als Zwittern verdächtigten Fussballerinnen im unmittelbaren Vorfeld der WM 2011, wobei die "Verdächtigen" wie 2009 Mokgadi Caster Semenya einmal mehr weltweit den Medien zum Frass vorgeworfen werden.

Ergänzung 1: Wie die FIFA am 8. Juni (zufällig am gleichen Tag wie die "Intersex"-Anhörung des Deutschen Ethikrates) in einer >>> Pressemitteilung bekanntgab, habe das Exekutivkomitee der FIFA auf "Vorschlag der Medizinischen Kommission [...] bei seiner Sitzung vom 30. Mai 2011 Vorschriften zu Geschlechtstests verabschiedet". Diese Vorschriften, eine 68-seitige Broschüre, bleiben geheim und sind öffentlich nicht zugänglich. Jedoch besteht die FIFA laut Pressemitteilung darin weiterhin darauf, mittels nicht näher umschriebener "Geschlechtstests" nicht nur zu bestimmen, ob eine Spielerin teilnehmen darf oder nicht, sondern obendrein gleichzeitig, ob sie nun eine "echte Frau" sei oder nicht ("das Geschlecht [...] sicherzustellen"), indem jeder Mitgliedverband verpflichtet wird

vor der Nominierung seiner Auswahl das Geschlecht seiner Spieler durch eine aktive Untersuchung möglicher Abweichungen bei sekundären Geschlechtsmerkmalen zu überprüfen und die jeweiligen Befunde vollständig zu dokumentieren.

In einer ersten Phase würden durch den "zuständige[n] Mannschaftsarzt [...] Krankengeschichte, Geschlechtshormonspiegel, Diagnose, Behandlung [!!!] und aktuelle Befunde" erhoben. Die weitere "Behandlung" geschieht dann durch einen ebenfalls geheim bleibenden "unabhängigen Gutachter", falls auch dieser zu keinem "eindeutigen" Befund kommt, wird ein ebenfalls geheimer "Gutachterausschuss eine umfassende Untersuchung vornehmen", worauf die "FIFA-Disziplinarkommission" ebenfalls in Geheimjustiz "Sanktionen" berät.

Es ist zu befürchten, dass durch solches intransparentes Vorgehen die Menschenrechte der betroffenen "Verdächtigen" willkürlich verletzt werden, sowie dass die FIFA als "GeheimexpertInnen" wie gehabt notorische Zwitter-GenitalverstümmlerInnen & Co. heranziehen wird, deren "Behandlungen" dann auch entsprechend menschenrechtswidrig und menschenverachtend ausfallen werden. 

Schlimmer noch, Anlass zu den entwürdigenden und verletzenden "Geschlechtstests" bleiben weiterhin Denunziationen u.a. durch gegenerische Teams (statt dass wie bei IOC und IAAF vorgesehen obligatorische Tests in die Dopingkontrollen integriert werden) - damit sind zusätzlich die altbekannten medialen und sonstigen Hetzjagden vorprogrammiert. 

Dass die FIFA gleichzeitig behauptet, "oberstes Ziel sei in jedem Fall, die Privatsphäre und Würde der betroffenen Sportler zu schützen", bleibt so durchsichtige Schutzbehauptung und Heuchelei.

Zu Recht attestierte eine >>> dpa-Meldung der FIFA "alte Denkmuster", und der Bonner Jurist Henning Wegmann kritisierte darin weiter:

«[...] Aber die FIFA hängt da wohl noch ein bisschen hinterher. [...] Die FIFA scheint tatsächlich davon auszugehen, dass man das Geschlecht bestimmen kann. Dabei ist das aus wissenschaftlicher Sicht nicht in allen Fällen möglich. [...] Es hat den Eindruck, dass die FIFA vor Turnierbeginn noch etwas erlassen wollte.»

Und die >>> Handelszeitung titelte folgerichtig: "Fifa-Regulierung versagt bei Intersexualität". Und fuhr im Einleitungsabschnitt fort: "Eine passende Antwort hat die Fifa darauf nicht parat. Stattdessen setzt sie auf ein veraltetes Konzept um der Intersexualität im Fußball zu begegnen." 

Ein weiterer Kritikpunkt: Die "Geschlechtstests" bleiben Sache der Lokalverbände, statt z.B. an der WM Pflicht der Gastgeber.

Eine konkrete Probe aufs Exempel aus Anlass der nächsten Sonntag in Deutschland beginnenden Frauen WM unterstreicht prompt die Inkompetenz, Willkür und Heuchelei der FIFA-Verantwortlichen:

Seit Jahren schwelt in Afrika ein Konflikt um drei Spielerinnen der Mannschaft von Äquatorialguinea, die Stürmerin Genoveva Anonma und die Schwestern Salimata und Biliguisa Simpore, denen von Gegenerinnen und in den Medien öffentlich vorgeworfen wird, in Wahrheit "Männer" oder "intersexuell" zu sein, was im Hinblick auf die WM wenig überraschend verschärft wieder aufgewärmt wurde, wie >>> ballesterer fm berichtete:

Kaum hatte sich der Kleinstaat im Herzen Zentralafrikas für die WM 2011 qualifiziert, machte der Kontinentalverband CAF in Zürich die Mitteilung, dass Nigeria mit schweren Vorwürfen vorstellig geworden sei. "Es spielen", so die knappe Anklage, "mindestens zwei Männer im Team von Äquatorialguinea. Die Verantwortlichen müssen sofort handeln!" Den Kickerinnen der "Nzalang Nacional", die 2008 den Afrika-Cup gewinnen konnten, sollte fortan keine ruhige Minute mehr beschieden sein.

Anfang März hiess es dann plötzlich laut >>> Bild:

Die Fifa hat jetzt entschieden: Diese Frauen sind keine Männer!  Jürg Nepfer, Leiter des Fifa-Schulungsprogramms, sagte bei seinem Besuch im Land des WM-Neulings: „Es gibt keine Männer in der Frauen-Mannschaft Äquatorial-Guineas. Es gibt keinen Beweis. Mehr gibt es nicht zu sagen.“  Wie die Fifa allerdings zu dieser Erkenntnis gekommen ist (zum Beispiel durch einen Geschlechtstest), das ließ der Schweizer offen.

Gefolgt von einer ebenso willkürlichen Kehrtwende, als vorgestern der FIFA-Lokalverantwortliche Bonifacio Manga Obiang (Präsident des Fussballverbandes von Äquatorialguinea) laut >>> Bild noch ungereimtererweise plötzlich bekanntgab:

"Die Schwestern Salimata und Biliguisa können aus verschiedenen Gründen nicht an der WM teilnehmen. Der Hauptgrund ist der Geschlechts-Test. Solange dieser Test nicht stattgefunden hat, können sie an der WM nicht teilnehmen, hat uns die Fifa informiert. Sie hätten aber sowieso nicht teilnehmen können, weil Biliguisa verletzt ist und ihre Schwester wegen ihrer Undiszipliniertheiten nicht nominiert wurde."

Ergänzung 2: Seither machen verletzende Medienmeldungen über die Schwestern erneut weltweit die Runde, eine aktuelle google-Nachrichtensuche nach "simpore" listet 92 Einträge für die letzten 30 Tage, 99% der Meldungen kolportieren genüsslich den Vorwurf, sie seien in Wahrheit "Männer", die meisten verweisen weiter darauf, dass sie aufgrund des FIFA-"Geschlechtstestsverfahrens" für die Frauen WM 2011 nicht zugelassen sind.

Dies alles erinnert frappant an das Versagen der IAAF betreffend Mokgadi Caster Semenya. Ebenso der verdächtig kolonialistisch-rassistisch anmutende Umstand, dass die beiden in Äquatorialguinea lebenden Schwestern auf Druck der doppelzüngigen FIFA vom Lokalverband in vorauseilendem Gehorsam gleich doppelt gesperrt wurden, während die mittlerweile in Deutschland seit 2009 beim USV Jena und ab Juli 2011 bei Turbine Potsdam unter Vertrag stehende Genoveva Anonma zur WM antreten darf – wenn auch unter entwürdigenden Bedingungen, wie sie Anfang Woche laut >>> Bild bekanntgab:

"Schon 2006 und 2008 kamen diese Vorwürfe. Da habe ich Tests gemacht, obwohl ich sie verletzend finde. Es gibt diese Vorwürfe, weil ich eben so schnell und stark bin. Aber ich weiß, dass ich auch als Frau so sein kann!"

Meine 2 Cent:

Hoffentlich wird die rückständige und selbstherrliche FIFA bald einmal mit Hilfe eines bissigen internationalen Anwaltsteams verklagt  – wie seinerzeit die IAAF von Caster Semenya – und hoffentlich muss die FIFA darauf noch grössere Genugtuungen bezahlen. Und wird auch sonst wegen ihres hochgradig unfairen, willkürlichen und stark diskriminierenden Verhaltens gegenüber "verdächtigen" Spielerinnen massiv öffentlich unter Druck gesetzt und empfindlich abgestraft.

Damit den verantwortlichen FunktionärInnen so endlich unmissverständlich klar gemacht wird, dass solch vorgestriges und schlicht menschenrechtswidriges Verhalten längst untragbar ist und Konsequenzen nach sich zieht!

Fortsetzung folgt ...

>>> Wegen Caster Semenya: IOC plant neue "Intersex-Regeln" 
>>> IOC / IAAF: Neue "Hyperandrogenismus"-Geschlechterregeln 2011
>>> Zwitter im Sport: IOC, IAAF und FIFA leugnen Verantwortung
>>>
IOC und IAAF unterstützen GenitalverstümmlerInnen
>>> IOC/IAAF/FIFA: "Zwitter brauchen OPs und Hormonbehandlungen"

Siehe auch:
- Alle Posts über Caster Semenya
- Caster Semenya rehabilitiert – und Santhi Soundarajan??? 
- Diskriminierung von Zwittern im Sport weltweit
- "Caster Semenya wird als Zwitter verheizt"
- Protest gegen Diskriminierung von Zwittern im Sport, IOC 19.11.09