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Zürich, 10. Mai 2012

 
Klitorisamputationen an Kindern – historische Aufarbeitung tut not
Offener Brief von Zwischengeschlecht.org an Universität und Kinderspital Zürich


Sehr geehrte Damen und Herren

Als sogenannt "intersexuelle" bzw. mit "atypischen" körperlichen Geschlechtsmerkmalen geborene Menschen und in diesem Zusammenhang auch Betroffene von nicht eingewilligten medizinischen Massnahmen, darunter zum Teil auch Klitorisamputationen, sind wir sehr betroffen über die offenbar Jahrzehnte lange Praxis von medizinisch nicht notwendigen Klitorisamputationen an Kindern an der Universität und im Kinderspital Zürich, und ebenso über das Ausblenden dieser Praxis innerhalb der Geschichtsschreibung dieser Institutionen.

Es ist unbestreitbar, dass die Universität und das Kinderspital Zürich auf dem Gebiet der Pädiatrie viele Pionierleistungen erbracht haben, die unzähligen Menschen halfen und helfen und auf die wir alle zu Recht stolz sein können, und die von den beiden Institutionen auch zu Recht öffentlich hervorgehoben werden, etwa im Aufsatz "Vorreiter der Forschung" von Reinhard Seger im Forschungsmagazin Nr. 3/2009 / Kinderspital Zürich, S. 18-20.

Jedoch sind wir beunruhigt über die Art und Weise, wie etwa Prof. Dr. Andrea Prader und Prof. Dr. Max Grob, die beide zur weltweiten Verbreitung dieser fragwürdigen Praxis massgeblich beigetragen haben, undifferenziert und ausschliesslich als Lichtgestalten dargestellt werden, ohne dass auch die Schattenseiten ihres Schaffens angemessen betrachtet und aufgearbeitet werden.

Unabhängig von der aktuellen ethischen und öffentlichen Debatte über heutige kosmetische "Genitalkorrekturen" an Kindern, wozu die Nationale Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin (NEK-CNE) derzeit im Auftrag des Bundesrates eine Stellungnahme erarbeitet, sind wir schockiert, wenn wir im "Lehrbuch der Kinderchirurgie" (1957) von Prof. Dr. Max Grob (unter Mitwirkung von Dr. Margrit Stockmann und Dr. Marcel Bettex), das im "Forschungsmagazin" ausschliesslich gelobt wird, auf S. 587 lesen:

"Operative Korrektur des äußern Genitale: Beim Pseudohermaphroditismus femininus drängt sich eine operative Korrektur des äußern Genitale, d. h. die Entfernung der vergrößerten Clitoris und die Freilegung der Vaginalöffnung bei den beschriebenen [Praderschen] Formentypen II-IV, auf. Die Amputation der Clitoris, die durch ihre Größe und Erektion störend wirkt und diesen Mädchen beim Umkleiden, Baden usw. Verlegenheiten bereiten kann, ist sicher gerechtfertigt und wird nicht nur von den meisten Eltern, sondern – wie wir selbst erfahren haben – auch von solchen Patienten im Erwachsenenalter dringend gefordert. Die Clitorisamputation und die Freilegung der Vagina können in der gleichen Sitzung durchgeführt werden.

Technik: Die Haut des Clitorisschaftes wird unmittelbar vor der Symphyse zirkulär umschnitten. Nach Freilegung der Corpora cavernosa werden diese an der Symphyse mit einem Kocher abgeklemmt und distal davon quer durchtrennt. Wir belassen gewöhnlich einen ganz kurzen Clitorisstumpf, der zur Blutstillung mit einer Durchstechungsligatur versorgt und mit der überschüssigen Clitorishaut gedeckt wird (Abb. 679)." (S. 587)

(Die Abbildung 679 zeigt laut Bildunterschrift: "Penisartige Vergrößerung der Clitoris bei angeborenem adrenogenitalen Syndrom. (7jähriges Mädchen.) a) Vor, b) nach Exstirpation der Clitoris.")

Umso mehr, als wir annehmen müssen, dass obiges Zitat lediglich die Spitze des Eisberges darstellt, da beispielsweise der seinerzeitige chirurgische Oberarzt der Universitäts-Kinderklinik Zürich und Mitarbeiter bei Grobs "Lehrbuch", der spätere Prof. Dr. Marcel Bettex, noch 1975 in seinem Lehrbuch "Wesentliches über Kinderchirurgie" (Mitverfasser: PD Dr. François Kuffer und PD Dr. Alois Schärli) auf S. 255 bei "hypertrophische[r] Klitoris" unter "operative Korrektur der äusseren Genitalien" die "Amputation der Klitoris" weiterhin als "Therapie" empfiehlt.

Während Klitorisamputationen an Frauen wegen "Hysterie" oder gegen Masturbation in der Medizingeschichte zumindest gelegentlich kritisch aufgearbeitet werden (siehe zum Beispiel: Marion Hulverscheidt: "Weibliche Genitalverstümmelung. Diskussion und Praxis in der Medizin während des 19. Jahhrhunderts im deutschsprachigen Raum", Dissertation 2000), steht die medizinethisch-historische Aufarbeitung von Klitorisamputationen an Kindern mit "atypischen Genitalien" noch ganz am Anfang. Ebenso ist eine öffentliche Aufarbeitung durch die betroffenen Institutionen selbst längst überfällig.

Den Anfang machte jüngst die Universität Marburg: Im Anschluss an eine Stellungnahme des Deutschen Ethikrates vom 23. Februar 2012, die das Leid der Betroffenen ausdrücklich anerkannte und u.a. Entschädigungen und Aussetzung der Verjährung empfahl, beschloss am 16. April 2012 der Senat der Philipps-Universität Marburg, als erste akademische Institution medizinisch nicht notwendige Genitaloperationen an Kindern und Jugendlichen in ihrem Geltungsbereich öffentlich aufzuarbeiten. An weiteren deutschen Universitäten sind entsprechende Diskussionen im Gang.

Die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org würde sich sehr freuen, wenn die Universität und das Kinderspital Zürich auch hier eine wichtige Pionierrolle übernehmen könnten, indem sie proaktiv eine entsprechende öffentliche Aufarbeitung in Angriff nehmen. Wir sind überzeugt, dass beide Institutionen hierzu über beste Voraussetzungen und kompetente Persönlichkeiten verfügen.

Wir bitten Sie deshalb höflichst, ein entsprechendes Unterfangen wohlwollend zu prüfen. Über eine Antwort auf unseren Offenen Brief würden wir uns sehr freuen.

Freundliche Grüsse

Im Namen von Zwischengeschlecht.org

Daniela Truffer
Gründungsmitglied Zwischengeschlecht.org
Gründungsmitglied Selbsthilfegruppe Intersex.ch
Mitglied XY-Frauen
Mitglied Intersexuelle Menschen e.V.

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