Hamburg: Proteste + Offener Brief an Universitäts-Kinderkliniken AKK und UKE, 16.9.2012

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Zur heutigen Buchpräsentation von Hertha Richter-Appelt und Katinka Schweizer an der österreichischen VerstümmlerInnenhochburg Universität Innsbruck (Wirkungsstätte des berüchtigten Genitalabschneiders Prof. Dr. Christian Radmayr, der zahllose Betroffene auf dem Gewissen hat, u.a. die Kastration von Interlife), die auch 2013 offensiv alle gängigen Verstümmelungen propagiert, einige Fakten und Zitate von Richter-Appelt zum Thema:

Intersex: Ohne Aufarbeitung, Keine Aussöhnung

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Hertha Richter-Appelt hat für einzelne Intersex-Betroffenen(unter)gruppen punktuell viel getan, namentlich für "XY-Frauen" (einer ihrer Lieblingsbegriffe – passt auch so schön durch ihre frühere Brille als "Transsexuellen-Expertin").
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Kritik von Betroffenen im Hermaphroditforum 
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Kritik von Betroffenen in Kommentaren hier  

Unzweifelhaft kommt Richter-Appelt diesbezüglich ein entsprechender Verdienst zu, speziell betreffend künftiger Vermeidung medizinisch nicht notwendiger Kastrationen bei (XY-)CAIS-Menschen, und in geringerem Maße auch betreffend "Klitorisreduktionen" bei (XY-)AIS.

Auch zur Erforschung der durch die Genitalverstümmelungen hervorgerufenen lebenslangen körperlichen und seelischen Schäden hat sie einiges beigetragen – wenn auch kaum zufällig immer nur selektiv und tröpfchenweise.

Andererseits gibt Richter-Appelt unzweifelhaft die ganz große Mehrzahl aller anderen von kosmetischen Intersex-"Genitalkorrekturen" Gefährdeten (u.a. "Hypospadie", "AGS/CAH") ungerührt "zum Abschuss frei" (siehe nachfolgend); ebenso ist deren "Teilhabe am Dialog" bei Richter-Appelt nicht vorgesehen – stattdessen werden die meisten Betroffenen von ihr mit salbungsvollen Sprüchen ausgegrenzt (vgl. auch Deutscher Ethikrat und Konrad-Adenauer-Stiftung).
>>> Kritik 1 von Heinz-Jürgen Voß auf querelles.net
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Kritik 2 von Anja Gregor auf socialnet.de  

Nachfolgend einige Zitate von Hertha Richter-Appelt zu einzelnen Verstümmelungsformen im Überblick:

• "Klitorisreduktionen": "bei XX-Chromosomensatz zur Behebung von Auffälligkeiten im Rahmen einer Geschlechtszugehörigkeiten [sic]" – "bei Operierten mit XY-Chromosomensatz Verminderung der sexuellen Sensibilität" - "Geschlechtszuweisung" vs. Geschlechtsangleichung"

Richter-Appelt ist eine (wenn nicht die) geistige Architektin der menschenrechtswidrigen Aufteilung von "geschlechtszuweisenden" vs. "geschlechtsangleichenden" kosmetischen "Genitalkorrekturen" in den Empfehlungen des Deutschen Ethikrates, und Verfechterin der nicht minder menschenrechtswidrigen Praxis vom "chromosomengerechten Verstümmeln" (vgl. z.B. ihre Stellungnahme an den Ethikrat, S. 3+4, >>> relevante Auszüge hier). 

--> Fakt: Das Recht auf Körperliche Unversehrtheit gilt für ALLE Kinder, unabhängig von "Chromosomensatz" und "Geschlechtszugehörigkeit"! - Auch die "Unterscheidung" zwischen "geschlechtszuweisenden" vs. "geschlechtsangleichenden" kosmetischen "Genitalkorrekturen" widerspricht klar den Menschenrechten:

"Die internationalen Gremien arbeiteten nicht mit der Unterscheidung zwischen geschlechtszuweisenden und geschlechtsangleichenden Operationen. Sie stellten auf die Auswirkungen für die betroffene Person, nämlich auf die Beeinträchtigung der körperlichen Unversehrtheit, ab." (Prof. Dr. Beate Rudolf, Deutsches Institut für Menschenrechte)

• "Hypospadiekorrekturen": "Hypospadie eine Krankheit, chirurgische Korrektur in jedem Fall medizinisch indiziert"

Richter-Appelt ist ebenfalls eine eifrige Verfechterin der VerstümmlerInnenargumentation, ausgerechnet die am häufigsten praktizierten Formen von "Genitalkorrekturen" von der ethischen und menschenrechtlichen Diskussion ausklammern zu wollen (vgl. auch oben "Klitorisreduktionen"), und zwar tatsachenwidrig und mit bewussten und krassen Fehlinformationen, erst recht bei der häufigsten kosmetischen Verstümmelungsform "Hypospadiekorrektur" (vgl. z.B. ihre Stellungnahme an den Ethikrat, S. 2, >>> relevante Auszüge hier).

--> Fakt: "Hypospadie-Korrekturen" sind praktisch immer kosmetisch und werden aus "psychosozialen Gründen" an Kindern durchgeführt.

Eine medizinische Notwendigkeit besteht nur in sehr seltenen Fällen, wenn der Harnabfluss unoperiert behindert oder blockiert ist, oder bei Schmerzen. Ansonsten bestehen KEINE medizinischen Gründe, "Hypospadie-Korrekturen" uneingewilligt im Kindesalter aufzuzwingen – aber gute Gründe, damit zuzuwarten (was viele Ärzte auch offen zugeben, vgl. z.B. hier unter 3a) Gernot Sinnecker: "Nicht evidenzbasiert").

Sogar die aktuelle AWMF-Leitlinie 006/026 "Hypospadie" (Evidenzstufe 1 = niedrigste) spricht ausdrücklich von Indikationen "auch aus ästhetisch-psychologischen Gründen".

Auch in den Kinderkliniken UKE und AKK von Richter-Appelts Universität Hamburg wird kein Hehl daraus gemacht, dass frühe "Hypospadie-Korrekturen" NICHT aus medizinische Gründen gemacht werden, sondern aus "psychologischen":

"Die Operation sollte zwischen dem 9. und 15. Lebensmonat oder zwischen dem 3. und 6. Lebensjahr durchgeführt werden („Psychologisches Fenster“)." (Prof. Dr. med. Margit Fisch und Dr. med. Silke Riechardt)

Ebenso z.B. das Universitätsklinikum Jena und die Asklepios-Kinderklinik St. Augustin unisono:

"Beschwerden liegen [im "unkorrigierten" Zustand] fast nie vor, auch die Harnentleerung bereitet nur in Ausnahmefällen Probleme" - Nichtsdestotrotz empfohlene "Therapie": "Korrektur zwischen dem 12. und 24. Lebensmonat." - "Begründung": "Bei späteren Eingriffen kann bereits das Selbstwertgefühl der Männer leiden." (Homepages der Kliniken)

• Heute angeblich keine kosmetischen "Genitalkorrekturen" mehr.

Richter-Appelt ist unter Betroffenen bekannt als eifrige Verbreiterin des Behandler-Märchens "Ja, früher war es vielleicht schlimm – aber heute ist alles gaaanz anders, sind wir ja alle sooo tolerant und es wird lääängst nicht mehr operiert."

--> Fakt: Wie praktisch alle einschlägigen Uni-Kinderkliniken bieten auch die Kinderkliniken UKE und AKK von Richter-Appelts Universität Hamburg die ganze Bandbreite von kosmetischen "Genitalkorrekturen" nach wie vor öffentlich an – und führen erwiesenermaßen heute noch serienmäßig kosmetische "Genitalkorrekturen" durch.

>>> Intersex-"Genitalkorrekturen": Typische Diagnosen und Eingriffe
>>> Das Medizyner-Märchen von den "früheren Behandlungsmaßstäben" 
>>> Intersex-Genitalverstümmelungen – eine Genealogie der TäterInnen
>>> Zwangsoperierte über sich selbst und ihr Leben