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Laut vom Bayrischen Staatsarchiv erstmals publizierten Krankenakten von 1923 war Adolf Hitler nach dem Münchener Putsch im Gefängnis Landsberg am Lech "rechtsseitiger Kryptorchismus" (nicht abgestiegener Hoden, eine Intersex-Diagnose) festgestellt worden.

Ein reißerischer >>> Artikel dazu in "Die Welt" sieht darin den "wahre[n] Grund für Hitlers gestörtes Sexleben". Und behauptet obendrein: "Regelmäßig führt eine solche angeborene Fehlbildung zur Unfruchtbarkeit. Häufig sterben Patienten mit Kryptorchismus zudem an Hodenkrebs."

Die beiden letzteren Behauptungen werden auch von IGM-MedizynerInnen u.a. als Rechtfertigung für menschenrechtswidrige ZwangsOPs oft vorgebracht, sind aber beide nachweislich falsch:

  • Die von der Welt für das "häufige Krebsrisiko" selbst angegebene Quelle spricht von "1-2%" Krebsrisiko für Leistenhoden, und von "5-10%" Krebsrisiko für Bauchhoden – also beides sogar noch klar unter dem Brustkrebsrisiko bei "normalen Frauen" (knapp 13%). Trotzdem würde "Die Welt" aber (hoffentlich!) kaum solche falschen Aussagen zu Brustkrebs tätigen – wie auch Frauen trotz des höheren Krebsrisikos bekanntlich nicht systematisch nach der Geburt die Brustanlagen chirurgisch entfernt werden, sondern auf regelmäßige Kontrolluntersuchungen gesetzt wird. 

Dass Hitler nur einen Hoden hatte, war schon seinen Lebzeiten mehrfach berichtet worden, als Ursache wurde etwa eine Verletzung während des 1. Weltkrieges behauptet, oder der Biss einer Ziege – beide Theorien werden auch in "Die Welt" genüßlich breitgeschlagen.

Zum Thema "Hitlers gestörtes Sexleben" führt der Artikel weiter aus:

"Nicht signifikant ist ein Zusammenhang zwischen der Anomalie und Impotenz: Beides kann parallel auftreten, doch gibt es ebenso Gegenbeispiele.

Im Ergebnis spricht doch aber viel dafür, dass hier mindestens ein, wenn nicht der entscheidende Grund für Hitlers ohne Zweifel gestörtes Geschlechtsleben liegt. So ist nicht gesichert, dass er überhaupt sexuelle Beziehungen hatte. Die Scham über die leicht erkennbare Missbildung könnte diese Folge gehabt haben."

Einmal mehr vornehm außen vor gelassen werden dagegen in "Die Welt" die Berichte, wonach der Führer koprophil war.

Die 1923 vom Anstaltsarzt in Landsberg verfasste Krankenakte Hitlers galt als verschollen, bis sie 2010 bei einer Versteigerung wieder auftauchten, worauf sie "umgehend vom Freistaat Bayern beschlagnahmt und ins zuständige Staatsarchiv München gebracht" wurden. Der ehemalige Chef des Archives in München (heute in Nürnberg) hat sie "zusammen mit anderen aus dem beschlagnahmten Konvolut und ergänzenden Papieren in einer beispielhaften Edition" veröffentlicht, die "jetzt im Staatsarchiv München vorgestellt" wurde.

Meine 2 Cent: Einmal mehr oberbeschämend (wenn auch kaum überraschend), wie "renommierte WissenschaftsjournalistInnen" über Intersex-Themen berichten –  Sven Felix Kellerhoff, der Verfasser des "Welt"-Artikels, ist immerhin "Leitender Redakteur Zeit- und Kulturgeschichte". Auch wenn seine Auslassungen über "angeborenen Missbildungen der Führer-Genitalien" und deren angebliche Folgen in erster Linie über den Schreiber selbst beredtes Zeugnis ablegen.

Siehe auch:
- Zwitter als Kampfflieger! Wenn das der Führer wüsste ...
- Weiße Kittel mit braunen Kragen, reloaded
- NS-Diagnose "Intersexuelle Konstitution" 

>>> Zwangsoperierte Zwitter über sich selbst und ihr Leben
>>> Intersex-Genitalverstümmelungen: Typische Diagnosen und Eingriffe
>>> IGM – eine Genealogie der TäterInnen
 

Input von Daniela Truffer zum "Fachtag Intersex"
  • IGM Überlebende – Danielas Geschichte
  • Historischer Überblick:
     "Zwitter gab es schon immer – IGM nicht!"
  • Was ist Intersex?  • Was sind IGM-Praktiken?
  • IGM in Hannover  • Kritik von Betroffenen  • u.a.m.
>>> PDF-Download (5.53 MB)