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Zensur im Interview mit Zwischengeschlecht.org in "Jungle World" 04/2012, 26.1.12
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»Das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung wird Die Grundrechte werden mit Füßen getreten«
Jedes Jahr kommen in Deutschland Hunderte intersexuelle Kinder auf die Welt. Die Vorstellung, man könne deren Geschlecht operativ festlegen, führt in einer Vielzahl von Fällen zu »genitalangleichenden Eingriffen« nach der Geburt. Eine Auseinandersetzung mit dieser medizinischen Vorgehensweise blieb bis in die neunziger Jahre hinein fast vollständig aus. Derzeit befasst sich der Deutsche Ethikrat deshalb im Auftrag der Bundesregierung mit der Situation von intersexuellen Menschen in Deutschland. Für die in Kürze erwartete Stellungnahme wurde auch die Menschenrechtsgruppe »Zwischengeschlecht.org« befragt. Sie betreibt die Seite zwischengeschlecht.org und setzt sich seit Jahren für die Beendigung der Genitalverstümmelungen bisherigen Praxis in Kinderkliniken ein. Die Jungle World sprach mit der Vorsitzenden Daniela Truffer und Markus Bauer, der für Kampagnen verantwortlich ist.
Interview: Rebekka Eisner und Hannes Soltau
Wie lange gibt es Ihre Organisation bereits und wie kam es zur Gründung?
Truffer: Auslöser war der »Zwitter-Prozess« am Kölner Landgericht im Jahr 2007, als die Betroffene Christiane Völling gegen ihren früheren Chirurgen klagte. Wir organisierten damals Demonstrationen, anfänglich aus Selbsthilfegruppen heraus, und machten Öffentlichkeitsarbeit mit Pressemitteilungen und einem Weblog. Um diese Arbeit mit Protesten auch gegen Verstümmlerkliniken involvierte Kliniken und Standesorganisationen weiterführen zu können, gründeten wir 2010 die MenschenrechtsGruppe »Zwischengeschlecht.org«.
Sie betonen oft, dass Ihre Arbeit eng mit persönlichen Erfahrungen verbunden ist.
Truffer: Ich selbst wurde mit »atypischen« körperlichen Geschlechtsmerkmalen geboren. Als Baby wurde ich kastriert, mit sieben wurde mein Genital verstümmelt, ab zwölf musste ich weibliche Hormone nehmen. Ich wurde zum Mädchen gemacht und in der Folge immer angelogen. Ich leide bis heute an den psychischen und physischen Folgen dieser menschenrechtswidrigen »Behandlung«. Seit elf Jahren engagiere ich mich in der Selbsthilfe. 2002 ging ich mit meiner Geschichte an die Öffentlichkeit, zunächst anonym.
Bauer: Als solidarischer Nicht-Zwitter ging es mir wie den meisten anderen: Ich hatte keine Ahnung, was in den Kinderkliniken vor sich geht. Als ich davon erfuhr, war ich schockiert und wollte nicht weiter tatenlos zusehen und solidarisierte mich.
Sie sprechen im Kontext ihrer Arbeit von »westlicher Genitalverstümmelung«. Wie ist das zu verstehen?
Bauer: Seit den neunziger Jahren bezeichnen Betroffene die kosmetischen Genitaloperationen an Zwittern als »Genitalverstümmelung« und kritisieren die vorherrschende Doppelmoral: Kulturell begründete Genitalverstümmelungen in Afrika etwa werden als barbarisch verurteilt, während gleichzeitig medizinisch nicht notwendige unnötige Genitaloperationen an Kindern vor der eigenen Haustüre nicht nur ausbeblendet und , sondern auch geleugnet werden. Erst in den letzten seit wenigen Jahren konstatieren zunehmend auch Frauen- und Menschenrechtsorganisationen, dass die Folgen gleich verheerend sind, und ziehen Parallelen.
Wie schätzen Sie die Situation von Intersexuellen in Deutschland derzeit ein?
Truffer: Den Medizinern zufolge kommt jedes tausendste Kind mit »atypischen« Genitalien auf die Welt. Bis heute werden 90 Prozent davon kosmetisch genitaloperiert, meist mehrfach und von klein auf. Ihr Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung wird mit Füßen getreten. Seit 20 Jahren klagen Betroffene den Ärzten und der Öffentlichkeit ihr Leid. Bis heute reagieren die Verantwortlichen auf die stets gleiche Weise, mit Ablenkungsmanövern, Ausreden, Spott und Hohn im Wissen, dass sie wegen der Verjährungsfristen und der Traumatisierung der Opfer juristisch kaum belangt werden können. Immerhin dringt das Thema nun vermehrt in die Öffentlichkeit, wodurch der Druck auf Ärzte und Politiker steigt
Viele Betroffene scheiterten mit Ihren Klagen an der Verjährungsfrist. Wie sind die juristischen Gegebenheiten, und gibt es Hoffnung auf eine Novellierung?
Bauer: Einfache Körperverletzung verjährt nach fünf, gefährliche nach zehn Jahren. Zivilrechtlich liegt die absolute Verjährung bei 30 Jahren. Nach wie vor ist Christiane Völling die Einzige, die ihren letzten behandelnden Arzt wenigstens noch zivilrechtlich verklagen konnte. Ihr gelang dies im letzten Monat vor Eintritt der absoluten Verjährung, und das auch nur, weil sie zum Zeitpunkt der betreffenden Operation bereits 18 Jahre alt war. Eine positive Entwicklung bei der Rechtsprechung sehen wir derzeit einzig im Bezug auf weibliche Genitalverstümmelungen und sexualisierte Gewalt an Kindern. In Bezug auf verstümmelte Zwitterkinder steht die Diskussion hingegen noch am Anfang.
Immerhin wurden Sie vor den deutschen Ethikrat und vor die Schweizer »Ethikkomission im Bereich der Humanmedizin« geladen.
Truffer: In beiden Fällen erkannten die Ethikgremien erst aufgrund von politischem Druck Handlungsbedarf. In Deutschland benötigte es dafür, nach 15 Jahren vergeblicher Vorstöße im Bundestag, den Umweg über die Uno. In der Schweiz ging es dank breit abgestützten von einer Vielzahl von Parlamentariern gestützten Vorstößen im Nationalrat deutlich schneller. Es ist als großer Erfolg zu bewerten, dass Betroffene und Eltern erstmals in einem solchen Rahmen angehört wurden. Der bisherige Verlauf der Anhörungen gibt Anlass zu großer Hoffnung. Die Stellungnahme des deutschen Ethikrates wird für den Februar erwartet, die der Schweizer Kommission für den Februar Sommer.
Gibt es auch in anderen Ländern Entwicklungen in diesem Bereich, vielleicht auch Organsiationen, mit denen Sie vernetzt sind?
Bauer: Es gibt einen globalen Trend zur Stärkung von Kinderrechten, des Grundsatzes der informierten Zustimmung und des Stellenwerts der Medizinethik. Das verleiht unserem Anliegen Rückenwind. Soweit wir wissen, ist »Zwischengeschlecht.org« derzeit die einzige Gruppe, die explizit auf ein gesetzliches Verbot von kosmetischen Genitaloperationen an Kindern hinarbeitet und dazu dabei Öffentlichkeitsarbeit, Realpolitik und gewaltfreie Aktionen zusammenbringt. Es gab allerdings Vorläufer, zum Beispiel die »Intersex Society of North America (ISNA)« oder die »Arbeitsgruppe gegen Gewalt in der Pädiatrie und Gynäkologie (AGGPG)«. Auch die US-Lobbyorganisation »Advocates for Informed Choice (AIC)« geht zum Teil in eine ähnliche Richtung. Außerdem stehen wir international in Kontakt mit Selbsthilfegruppen, allgemeinen Menschenrechtsgruppen, Kinder- und Frauenrechtsorganisationen sowie Gruppierungen, die sich für die genitale Unversehrtheit einsetzen.
Arbeiten Sie auch mit anderen politischen Gruppierungen zusammen, die sich nicht ausschließlich speziell mit LGBTI-Themen der Sexualität beschäftigen?
Truffer: Um die schnellstmögliche Beendigung der Genitalverstümmelungen durchsetzen zu können, braucht es politische Mehrheiten. Realpolitik hat deshalb in unserer Arbeit einen großen Stellenwert, und wir suchen die Zusammenarbeit mit allenvielen politischen Kräften ebenso wie mit solidarischen LGBT-Gruppierungen. Leider benutzen jedoch viele politische LGBT- dieser Gruppierungen Zwitteranliegen immer noch hauptsächlich in vereinnahmender Weise, zum Beispiel zur Abschaffung des behördlichen Geschlechtseintrags, während die konkrete Beendigung der Verstümmelungen für sie kein Thema ist. Hier besteht nach wie vor großer Handlungsbedarf Diskussionsbedarf. Immerhin kommen aber zu praktisch allen unseren Aktionen solidarische Mitglieder von LGBT-Gruppen.
Wie sind eigentlich die öffentlichen Reaktionen auf ihr Engagement?
Bauer: Von den Menschen auf der Straße bekommen wir in der Regel positive Reaktionen. Den meisten ist sofort klar, was wir meinen: »Die sollen doch selber entscheiden dürfen.« Auch manche Mediziner stehen unseren Forderungen aufgeschlossen bis positiv gegenüber. Der harte Kern der Täter wirft uns dagegen vor, wir seien es, die ihre Menschenrechte verletzen würden, und droht uns zunehmend mit rechtlichen Schritten. In der Öffentlichkeit ist die Sensibilisierung sicher vorangeschritten, und auch einige Selbsthilfegruppen treten den Ärzten gegenüber entschiedener auf.
Welche konkreten Projekte verfolgen Sie zur Zeit und wie können diese konkret unterstützt werden?
Truffer: Wir werden weiter die Öffentlichkeit über die menschenrechtswidrigen Praktiken in den Kinderkliniken im Allgemeinen und konkret über einzelne Verstümmlerkliniken sowie -standesorganisationen und ihre Aktivitäten informieren, und Politik und Justiz zum Handeln auffordern. Und nicht zuletzt durch gewaltfreie Aktionen die Täter vor Ort wieder und wieder daran erinnern, dass wehrlose kleine Kinder zu verstümmeln nicht okay ist. Dazu Nach wie vor benötigen wir aber tatkräftige Unterstützung, zum Beispiel durch sachdienliche Hinweise und Recherchen zu lokalen Genitalabschneidern Genitalverstümmlern, durch Mithilfe und Unterstützung vor Ort bei Aktionen, oder durch finanzielle Unterstützung Hilfe. Die Mitgliedschaft im Verein bei »Zwischengeschlecht.org« steht allen offen, die unsere Ziele der schnellstmöglichen Beendigung der Verstümmelungen teilen und etwas dazu beitragen möchten, diese zu erreichen.
http://zwischengeschlecht.org
Regelmäßige Updates: http://zwischengeschlecht.info
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