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[Ernst Bilke]

ERNST BILKE

Steht als Betroffener von „maskulinisierenden Korrekturoperationen“ wegen „Hypospadie“ für eine Gruppe, die im Ethikrat-Diskurs bisher schmählich unterschlagen wurde, obwohl sie heute zahlenmäßig wohl längst die größte Untergruppe aller von kosmetischen Genitaloperationen im Kleinkindesalter Bedrohten stellt. Zudem sind bei „Hypospadiekorrekturen“ obendrein die Komplikationsraten und „Nachbesserungsoperationen“ – entgegen der Versprechungen der Mediziner gegenüber den Eltern – wohl am häufigsten von allen „Genitalkorrekturen“. Auch Ernst Bilke schildert eine „unendliche OP-Geschichte“, die typischerweise erst aufhörte, als er alt genug war, sich weiteren „Nachbesserungen“ erfolgreich zu verweigern. Ebenfalls eindrücklich schildert Bilke die – ebenfalls entgegen ärztlichen Beteuerungen – traumatischen Folgen der frühkindlichen Operationen, vor denen die Opfer auch nach jahrelanger Therapiearbeit kaum je ganz frei werden. Außerdem unterstreicht eine Anekdote über Bilkes Mutter, was der Ethikrat offensichtlich große Mühe hat zu akzeptieren, dass nämlich Verbindungen zwischen aufgezwungenen kosmetischen Genitaloperationen an Kindern einerseits und dem „Dritten Reich“ mit seinen Gräueltaten andrerseits für viele Betroffene und auch ihr familiäres Umfeld durchaus nahe liegen.

»Schwierigkeiten, meinen Platz zu finden.«
Ernst, 45, Journalist, und Bettina Bilke, 41, Altenpflegerin, Baden-Württemberg
In: Ulla Fröhling: Leben zwischen den Geschlechtern. Intersexualität – Erfahrungen in einem Tabubereich, Berlin 2003, S. 90-105.

„Ernst Bilke wurde 1958 mit Hypospadie geboren, einem ungewöhnlichen Verlauf der Harnröhre.“ (90)

„Man kann davon ausgehen, daß in Berlin pro Jahr 50 Babys mit Hypospadie geboren werden, und in der Bundesrepublik etwa 100 000 Männer damit leben. Ernst Bilke wünscht sich Kontakt mit anderen Betroffenen. Wissen und Erfahrungen weiterzugeben, Einsamkeit aufzuheben, das ist sein Ziel. Er hofft, dem einen oder anderen unnötige Schmerzen, Demütigungen oder auch Operationen zu ersparen. In Baden-Württemberg, wo Ernst Bilke lebt, kommen jährlich schätzungsweise 170 Babys mit Hypospadie zur Welt. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichte Ernst sein Angebot. Bisher meldeten sich nur wenige.

[...] Einen großen Teil seines Wissens über den Umgang mit und den Wandel der Einstellungen zu Hypospadie hat Ernst Bilke aus einem Ordner, den er im Nachlaß seiner Mutter fand. »Meine Mutter hat alles gesammelt«, sagt er und holt den Ordner (…).“ (91 f.)

„»Diesen Ordner habe ich erst 1998 in die Finger gekriegt«, sagt er dann und blättert auf, [...]. 1961, mit drei Jahren, wurde Ernst Bilke zum ersten Mal operiert – in Basel, weil deutsche Chirurgen die erforderlichen Techniken nicht beherrschten. Begutachtungen, Einschätzungen, Prüfungen durch Kinderärzte, Amtsärzte, das Gesundheitsamt und sogar durch den Regierungspräsidenten Freiburgs [...]. Die deutschen Ärzte hatten vorgeschlagen, operativ ein Mädchen herzustellen. Es war für sie das technisch Machbare. [...] In knappen Worten, fast reserviert referiert Ernst Bilke, wie über sein Geschlecht verhandelt wurde: [...] Über seine Gefühle dazu, wehrt er ab, könne er sich nicht äußern, sie seien ihm nicht zugänglich.“ (92 f.)

„In einem Alter, wo Kinder Schamgefühle entwickeln und ihre Intimität schützen möchten, war Ernst gezwungen, immer wieder die Hose runterzulassen vor unbekannten Ärzten. »Unangenehm und beschämend« fand er das. Und es hatte Folgen. Ernst: »Es kam zu einer starken Entfremdung vom eigenen Körper. Das wurde von außen verwaltet. Das war gar nicht mein Teil.« [...] In einer Psychoanalyse hat er die Folgen der Entfremdung bearbeitet und sich dabei seinen verwalteten Körper zurückerobert.“ (93 f.)

„An die erste Serie von Operationen, als das Problem des Urinierens einigermaßen gelöst wurde, erinnert Ernst sich kaum. Aber er ist überzeugt, daß damals seine Fragen begannen: »Wenn man mich erst operieren muß, damit ich ein Bub werde, was bin ich dann? Bin ich kein richtiger Junge?«“ (94)

„Die zweite Serie von Operationen begann 1969. Ernst war elf, an diese Phase erinnert er sich besser.“ (95)

„Details erfuhr er erst nach dem Tode seiner Mutter. [...] Eine weitere Behandlungsreihe in Basel war umstritten, es sei ohnehin besser, die bisherige Entwicklung rückgängig zu machen, hieß es im Gutachten. Die nachträgliche »Korrektur« zum Mädchen sei billiger und mit weniger Operationen zu bewerkstelligen. So mußte Ernsts Mutter die Auslandsbehandlung selbst finanzieren.“ (96)

Die Wut ist gut versteckt
Ernst erfuhr, daß es darum ging, normal pinkeln zu können. Aber warum so viele Operationen, das funktionierte doch schon? Daß auch Geschlechtsverkehr ermöglicht werden sollte, sagte man ihm nicht. Irgendwann wehrte er sich, wollte keine weitere Operation. Zum Bedauern seines Arztes, der »das Ergebnis gerne vervollkommnet« hätte. Fremdbestimmt. So empfand sich Ernst.“ (97)

„Als junges Mädchen war Ernst Bilkes Mutter BDM-Führerin und Flakhelferin [...]. Bei Kriegsende war sie 21. Über diesen Teil ihres Lebens konnte sie mit ihm reden. Doch immer wenn Ernst als Erwachsener versuchte, mit ihr über seine Operationen zu sprechen, landete sie beim Thema Drittes Reich. Einen sehr engen Zusammenhang muß es für sie zwischen beiden gegeben haben.“ (98 f.)

„1985 beginnt er eine Analyse, bleibt zehn Jahre dabei. Die erste Zeit war nicht einfach, sagt er. Die Erinnerungen. Die Alpträume. Immer wiederkehrende Bilder. Auch von OP-Erlebnissen. Szenen, die er nicht einordnen kann. Er nimmt Kontakt auf mit dem Krankenhaus in Basel. Vom Oberarzt kommt eine Einladung zum Tag der offenen Tür.
Soll ich wirklich dahin gehen, fragt er sich lange. Er geht. Da steht er nun, in dem Krankenhaus, wo er in Kindertagen operiert wurde. Er erkennt es wieder. Es sieht wirklich aus wie in seiner Erinnerung. [...]
Ernst Bilke: »Plötzlich konnte ich manche Erinnerungen einordnen. Wenn ich früher hingekommen wäre, hätte ich das nicht so mühsam aufarbeiten müssen.« [...]
Wenn er die Wahrheit früher gewußt hätte, glaubt Ernst Bilke, dann hätte er ein stabiles Selbstbewußtsein ausbilden können.“ (101 f.)

[ Quelle: http://diskurs.ethikrat.org/2011/06/eine-erste-einschatzung/#comment-791 ]

>>> Ernst Bilke: "Immer noch wird so früh wie möglich operiert"

>>> Berichte von weiteren Betroffenen zu "Hypospadiekorrekturen"
        • Tiger Howard Devore: "Aufwachsen im chirurgischen Mahlstrom"
        • Erfahrungsberichte: "Sehr taube Eichel nach Op" vs. "unbehandelt gut leben"

 

>>> Zwangsoperierte Zwitter über sich selbst und ihr Leben
>>> Intersex-Genitalverstümmelungen: Typische Diagnosen und Eingriffe
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Input von Daniela Truffer zum Intersex-Fachtag H
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NGO Report an das UN-Kinderrechtskomitee
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Intersex Genital Mutilations
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>>> Download PDF (3.65 MB)     >>> Table of Contents

Intersex-Genitalverstümmelungen (IGM)
in Baden-Württemberg 2014
 
• häufigste IGM-Formen  • NS-Verbrechen an Zwittern
• 60 Jahre systematische OPs an Kleinkindern
• Nachweis von IGM-Kliniken in BW
• Analyse "Aktionsplan Akzeptanz & gleiche Rechte"

>>> Dokumentation (PDF, 4.9 MB)