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"Genitalverstümmelungen auch in der ersten Welt" - AGGPG & GMSSN (1997)

[ Dokumentation von: http://home.t-online.de/home/aggpg/1_welt.htm ]

"Genitalverstümmelungen auch in der ersten Welt"
wurde in Zusammenarbeit erstellt mit der STSSN

Genitalverstümmelungen auch in der ersten Welt

von Birgit Reiter und Heike Spreitzer

Ausgeliefert! Etwa 5% der Gesamtbevölkerung (Statistiken wurden bedauerlicherweise nie repräsentativ erhoben, sondern sind grobe Schätzungen) sind von genitalen Miß- und Fehlbildungen betroffen, die lediglich mit klischeehaften "ästhetischen" Vorstellungen konfligieren, wie z.B. Hypertrophien der Labiae Minorae (sog. Hottentottenschürze), Hymenalatresien, Vaginalaplasien (Rokitansky-Syndrom), Kryptogonadismus, Hypospadien, Micropenis und Klitorishypertrophien (sofern nicht Folge von Hermaphroditismus oder Pseudohermaphroditismus bzw. hormonproduzierenden Tumoren - "unspezifische" Klitorishypertrophien sind oft Folge von Progesterongaben an Schwangere zu Verhinderung von Fehlgeburten). Es ist hierbei zu betonen, daß solche Genitalien uneingeschränkt funktional sind. "Korrigierende" Eingriffe dienen also lediglich einer vermeintlichen Verbesserung der Optik, die realiter aber mit einer deutlichen Verminderung der sexuellen Erlebnisfähigkeit einhergeht, insofern zum einen auch bei modernen mikrochirurgischen Methoden Nervenbahnen in signifikanter Anzahl irreversibel geschädigt werden, zum anderen bei Kindern Verstümmelungstraumata verursacht werden. Bei Hypospadie-Korrekturen muß zusätzlich mit einerseits Vernarbung in größerem Umfang gerechnet werden (was bei Erektionen zu erheblichen Schmerzen statt zu Lustgefühlen führen wird), sowie andererseits mit einem hohen Infektionsrisiko der künstlich durch den Penis gelegten Harnröhre.

Ähnlich verhält es sich bei weiteren ca. 4% der Gesamtbevölkerung, bei denen Intersexualität vorliegt, die in der Regel genetische und/oder hormonelle Ursachen hat. Die Übergänge zu genitalen Miß- und Fehlbildungen sind jedoch fließend: etwa korrelieren Turner- und Noonan-Syndrom (Karyotyp 45,X resp. 45,X/46,XX) in der Regel mit "normalen" ausgeprägten "weiblichen" äußeren Genitalien, während die Ovarien hypoplastisch (sog. Streifengonaden) sind. Es kann aber auch ein "normal" ausgeprägtes "männliches" Genital bei einer Person mit Karyotyp 45,X vorliegen. In diesem Fall würde wahrscheinlich zunächst lediglich Kryptogonadismus diagnostiziert. Ähnliche Fächerungen ergeben sich bei Gemischter Gonadendysgenesie (Karyotyp 45,X/46,XY), Hermaphroditimus Verus (Bildung von Ovotestes oder einem Ovar und einem Hoden, was mit den Karyotypen 46,XX, 46,XY oder 46,XX/46,XY korrelieren kann), Androgeninsuffizienzsyndrom (partiell oder komplett insensitive Androgenrezeptoren) und Adrenogenitalem Syndrom (Oberbegriff für eine Anzahl von Enzymdefekten, die zu vermehrter Produktion von Testosteron führen), hier eingeteilt nach Prader in ein Fünf-Stufen-System, das ein Kontinuum von "normaler" weiblicher bis zu "normaler" männlicher Morphologie annimmt. Dabei wird allerdings übersehen, daß Prader I-III durchaus im Variationsbereich dessen liegt, was bei weiblichen Personen ohne diesen Enzymdefekt anzutreffen ist. Ob man aus kosmetischen Gründen verstümmelt wird, ist also oft eher Frage des Zufalls.

Die genitale Bandbreite zwischen „eindeutig“ weiblich bis hin zu „eindeutig“ männlich ist realiter fließend und wird von Kinderchirurgen nach einer jeweils geltenden „Machbarkeit“ „ korrigiert“ - zumeist beginnend im Alter von 6 Wochen bis 15 Monaten. Je nach Ausprägung existiert „nur“ eine genitale Fehl- und Mißbildung oder es wird von einem intersexuellen Genitale gesprochen.

Die derzeitig gültige Machbarkeit orientiert sich nach der Aussage „it’s easier to make a hole than to build a pole“. Demzufolge wird in 90% der „Fälle“ eine weibliche Zuweisung entschieden.

Zunehmend geht man auch dazu über, eine pränatale Medikamention über die Schwangere mit hohen Dosierungen Dexamethason (ein hochdosiertes Cortison) vorzunehmen, um intrauterin einer Virilisierung vorzubeugen. Hier ist angeblich ein Erfolg von etwa 66% nachweisbar, alle anderen Betroffenen werden dennoch zugewiesen. In keinem uns bekannten Fall wird eine Intersexualität über die Pubertät hinaugehend zugelassen, insofern existieren keine Erhebungen bezüglich der Befindlichkeit Nicht-Operierter. Dennoch wird von uns erwartet, daß wir mit intersexuellen Genitalien weit bedeutendere Probleme hätten als dies nach „Korrekturen“ der Fall wäre.

Dahingehende Aussagen erscheinen uns mehr als zynisch, implizieren Korrekturen in der noch heute ausgeführten Art und Weise extrem traumatisierende Erlebnisse: So wird Betroffenen ohne Vagina eine solche „gesetzt“, um sie z.T. auch heute noch zu bougieren (Penetration durch Metallstab durch Arzt in Narkose oder durch Eltern), eine vergrößerte Klitoris / Phalloklit wird reduziert oder wie bis nach 1980 geschehen amputiert, wir werden verwogen, gemessen, in dutzenden gynäkologischen Untersuchungen - sofern möglich - in diesem Rahmen penetriert, es werden Bildaufnahmen ohne Einwilligung erstellt (diese sind in diverser Fachliteratur veröffentlicht) etc. Um eine geschlechtliche Eindeutigkeit zu gewährleisten, werden wir zudem mit extrem hohen Hormondosierungen behandelt.

Doch u.E. sind nicht die Behandlungsmethoden das ausschließliche Traumatakriterium, hinzu kommt vor allem die diesen Zwangsgeschlechtszuweisungen zugrundeliegende Elementarzerstörung: Die Eliminierung einer eigenständigen Identität, wie sie grundlegender in keinem anderen Bereich sein kann: So werden wir zunächst zwangszugewiesen, danach auf dieses für uns künstliche Geschlecht aufbauend massiv sozialisiert. Die tatsächliche Dimension der „Korrekturen“ läßt oft selbst Betroffene davor zurückschrecken, sich der Bedeutung ihres falschen (wenn auch kulturell anerkannten) Geschlechtes bewußt zu werden, so daß selbst in „unseren eigenen Reihen“ die geschlechtliche Realexistenz des Zwitters weitestgehend negiert wird.

Von behandelnden Ärzten wird dieser Bereich noch nicht einmal angedacht und Intersexuelle somit ohne weitere Reflexion direkt in eine genitalverstümmelnde „Behandlungsform“ übergeführt. Weiterhin findet sich der auch von Bode/Schüßler „geprüfte Mädchen - ganze Frauen“,1992, kritisierte Machbarkeitswahn und „Lolita-Fixierung“ in diesem weitestgehend unkontrolliert tätigen medizinischen „Spezialgebiet“ Kinder- und Jugendgynäkologie - bestehend aus diversen Berufsgruppen wie Pädiater, Endokrinologen, Chirurgen - wieder.

Wir kennen eine Vielzahl an Behandlungsfolgen: Etwa 20% erfolgreicher Suizid, 80% Suizidversuche gesamt, geschlechtliche Revisionsbegehren, Depressionen, Angstzustände enormen Ausmaßes, die Unmöglichkeit, genitale Lust zu empfinden (nicht zuletzt eine physische Folgeerscheinung der meist kastrophalen OP-Ergebnisse), existenzielle Vereinsamung (erst ab etwa 1990 wird ein Austausch unter Betroffenen - in pathologischem Kontext gehalten - von Ärzten befürwortet, zuvor erfolgten massive Tabuisierungsanweisungen) etc.

Eine medizinische Notwendigkeit eines Eingriffs kann nur für den bisweilen mit AGS einhergehenden Salzverlust, sowie für gonadale Tumore angenommen werden, wie sie häufig sind bei Swyer-Syndrom ("XY-Gonadendysgenesie"), Gemischter Gonadendysgenesie und AIS. Alle weiteren Behandlungen, seien es "Genitalkorrekturen", Verabreichungen von Hormonen (gleich ob zur "Geschlechtsumwandlung" oder zur "Vermeidung" von Wachstumsstörungen) oder gesichtschirurgische Eingriffe zur Beseitigung von sog. Turner-Stigmata, haben keine andere Rechtfertigung als die Eliminierung von Gegenevidenzen zum gesellschaftlichen Dogma der Zweigeschlechtlichkeit "des" Menschen (obgleich in einer Mehrheit von Kulturen - auch wenn diese bezeichnenderweise zu den bevorzugten Opfern des Kolonialismus gehören - entweder ein System von zwei Geschlechtern mehr Variation erlaubt, oder aber zwischen drei und fünf soziale Geschlechter anerkannt werden).

Unerwünschte Kinder - Traumatisierte Erwachsene

Eine Korrektur hat sich für keine einzige von uns als "kleineres Übel" im Sinne eines social compliance Effektes erwiesen. Der Deal "Erlebnisfähigkeit gegen soziale Akzeptanz" ist ohnehin fragwürdig, ja zutiefst unethisch. Aber ganz im Gegenteil haben wir nicht nur als Kinder die Korrektur selbst als Traumatisierung erlebt, sondern diese wurde auch immer wieder durch Nachuntersuchungen, und Folgebehandlungen bestätigt, die z.T extrem schmerzhaft sein können. Hinzukam eine soziale Stigmatisierung alleine aufgrund der Tatsache, daß wir schon nur deswegen "anders" waren, weil keines der anderen Kinder in unserer Umgebung so häufig zum Arzt geschleppt wurde, geschweige denn dort ständig die Hose herunterlassen mußte, um sich von diesem befummeln zu lassen - oder auch Untersuchungen und Nachbehandlungen seitens der eigenen Eltern ertragen mußte.

Ferner war Bestandteil der "Therapie", daß wir, um den Komplott nicht auffliegen zu lassen, dazu angehalten wurden, mit niemandem darüber zu reden, was "wirklich" mit uns los war. Dies wurde durch so perfide Strategien unterstützt, wie daß wir Angst, Scham und Schuldgefühle eingeimpft bekamen, oder auch, daß wir über unseren Zustand nicht einmal vollständig aufgeklärt wurden. Auf diese Art und Weise wurde uns auch eine eigene Identität vorenthalten - und auch eine eigene Würde, denn mit einer solchen als "Intersexe" ließe sich selbst auch Spott über "Zwitter" besser ertragen, als wenn man ängstlich um eine Wahrung der brüchigen Fassade als Frau oder Mann sich selbst (und nicht nur Eltern & Ärzte, die dies gleichsam per Verinnerlichung an uns delegieren) sorgen würde.Sofern uns allen gemeinsame chronische Depressionen nicht zu (erfolgreichen) Selbstmordversuchen führen, kommen die meisten von uns zwischen 25 und 40 in eine existenzielle Krise, in der die aufgezwungene Sozialisierung zusammenbricht. Die einzige Alternative, die diese Gesellschaft bereitstellt, ist jedoch ein NICHTS. Also müssen wir selbst unter den Bedingungen einer extremer Schädigung durch vorgebliche Helfer in der Kindheit als Erwachsene nicht nur über diese Schäden hinwegkommen, sondern auch noch Alternativen finden, die zu erdenken unsere Umwelt zu träge (und unmotiviert) war.

Natürlich können wir weggenommene Körperteile nicht wiedererlangen, aber wir können daran arbeiten, daß Genitalverstümmelungen aufhören, um wenigstens nachfolgenden Generationen ein derartiges Schicksal zu ersparen. Und von der Entwicklung geeigneterer Lebensformen können wir auch selbst noch profitieren.

© AGGPG & GMSSN - 1997
 

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Kann ein Zwitter Sünde sein?

Published on Friday 5 August 2011 by nella