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>>> 06.06.2012: Senat der JLU Gießen regt einstimmig historische Aufarbeitung an! 

Zwischengeschlecht.org «Körperliche Unversehrtheit auch für Zwitter!» (Bild: NZZ Format/SF1) Seit 60 Jahren werden mit "atypischen" oder "uneindeutigen" Genitalien geborene Kinder systematisch und möglichst früh medizinisch nicht notwendigen Genitaloperationen unterworfen – bis in die 1980er-Jahre wurde dabei eine "zu große Klitoris" rsp. ein "zu kurzer Penis" kurzerhand amputiert. Wie aktuelle offizielle Fallzahlen, Behandlungsangebote und wissenschaftliche Publikationen aus Gießen mehrfach belegen, werden solche kosmetischen "Genitalkorrekturen" an Kindern auch im Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) sowie im Lehrangebot der Justus-Liebig-Universität Gießen heute noch propagiert, angeboten und auch durchgeführt.

Aufgrund eines >>> studentischen Antrags (PDF) berät heute der Senat der JLU u.a. über eine Aufarbeitung dieser fragwürdigen Praxis, die Anfang Jahr auch der Deutsche Ethikrat in einer Stellungnahme deutlich kritisierte. >>> Sitzung 6. Juni, TOP 19 (PDF) 

Professoren leugnen "Genitalkorrekturen" - die sie persönlich publizierten

Offensichtlich ist den verantwortlichen Professoren wie auch der UKGM GmbH das erwachte öffentliche Interesse an den umstrittenen, medizinisch nicht notwendigen und irreversiblen chirurgischen Eingriffen an Kindergenitalien alles andere als genehm – erst recht, nachdem die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org in einem >>> Offenen Brief an UKGM und JLU (PDF, S. 2) offizielle OP-Zahlen aus dem UKGM-Qualitätsbericht sowie "Behandlungs"angebote und -zahlen auf der UKGM-Homepage publik machte.

So hatte sich etwa Prof. Stefan Wudy sich im "Gießener Anzeiger" vom 22.04.2008 öffentlich damit gebrüstet, im UKGM Gießen würden "über 100 Betreute, vorwiegend Kinder und Jugendliche" mit Diagnose Adrenogenitales Syndrom (AGS) behandelt, seit 2000 werde "diese[r] Schwerpunkt kontinuierlich ausgebaut" – als operative Therapie bei AGS empfiehlt die "Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Endokrinologie (APE)" in ihrer Leitlinie 027/047 bekanntlich unverändert eine chirurgisch-kosmetische "Klitorisreduktionsplastik [...] im ersten Lebensjahr" (Vorstandsmitglied der APE zur Zeit der Publikation: Prof. Stefan Wudy). Ebenso werden kosmetische Genitaloperationen an Kindern bis heute unverändert propagiert in der APE-Leitlinie 027/022 (Mitverfasser: Prof. Stefan Wudy).

Auch ein >>> Beiblatt Genitalstatus (PDF) aus dem UKGM illustriert, dass "Genitalmalformationen" in Gießen durchaus behandelt werden – wie jüngst eine BMBF-geförderte Studie zu Tage förderte, werden Menschen mit "auffälligen" Genitalien in Deutschland unverändert zu 90% im Kindesalter kosmetisch genitaloperiert.

Oder in der Fachzeitschrift "Hormones in Pediatrics" Vol. 74, No. 1, 2010 erschien ein Artikel "Difficulties in Diagnosis and Treatment of 5α-Reductase Type 2 Deficiency in a Newborn with 46,XY DSD", mitverfasst von Prof. Stefan Wudy, darin wird von einer "vermännlichenden" kosmetischen Genitaloperation an einem Kind berichtet ("masculinization operation"). Ein typisches Beispiel für "vermännlichende" Genitaloperationen sind so genannte "Hypospadiekorrekturen", in der offizielle OPS-Systematik "5-645 Plastische Rekonstruktion bei männlicher Hypospadie"genannt. Laut klinikeigenem obligatorischem Qualitätsbericht werden solche "Korrekturen" in Gießen 15 mal pro Jahr durchgeführt.

Doch statt in einen konstruktiven Dialog zu treten, wie dies an vielen anderen Kliniken problemlos möglich war, leugnen die verantwortlichen JLU-Professoren seit Wochen entgegen allen bekanntgewordenen Tatsachen (und ihren eigenen Publikationen!) die kosmetischen Genitaloperationen rundheraus. Und versuchen stattdessen Betroffene von solchen "Korrekturen" im Kindesalter, die eine Aufarbeitung fordern, schamlos zu verunglimpfen und zu diffamieren, so zum Beispiel in einer im April im Senat verlesenen, offiziellen >>> UKGM-Erklärung (PDF).

Aufarbeitung tut not!

Bereits in der Senatssitzung vom 25.04.2012 war das Thema "kosmetische Genitaloperationen im Universitätsklinikum Gießen / Marburg an Kindern und Jugendlichen" auf der Tagesordnung gestanden. Jedoch hatten die (ausser dem Dekan abwesenden) angesprochenen Medizin-Professoren der JLU versucht, mit der an der Sitzung vom Rektor mündlich verlesenen "UKGM-Erklärung" eine eigentliche Debatte zum Thema zu verhindern – wenn auch ohne Erfolg.

An der heutigen Sitzung vom 06.06.2012 stehen das Thema sowie ausdrücklich auch eine Debatte erneut auf der Tagesordnung. Zur Beratung steht dabei u.a. an, ob auch die JLU Gießen eine öffentlich zugänglich zu machende historische Aufarbeitung einschlägiger kosmetischer "Genitalkorrekturen" an Kindern bewirken will. Betroffene fordern schon lange, die bis in die 1980er-Jahre regelmäßig durchgeführten, medizinisch nicht notwendigen Klitorisamputationen an betroffenen Kindern aufzuarbeiten. Bereits im April hatte der Senat der Philipps-Universität Marburg eine solche Aufarbeitung beschlossen. Auch der Justus-Liebig Universität Gießen würde ein solcher Beschluss gut anstehen ...

Wir danken allen ganz herzlich, die sich vor Ort für die Rechte der von uneingewilligten, medizinisch nicht notwendigen Eingriffen bedrohten Kinder einsetzen, speziell dem Autonomen Schwulen-Trans*-Queer-Referat im AStA der JLU Gießen und dem Autonomen FrauenLesbenReferat im AStA der Universität Marburg!

>>> Nachtrag: Senat der JLU Gießen regt einstimmig historische Aufarbeitung an! 

>>> Marburg + Gießen: Proteste + Info + Senatstermine 15.04.-06.06.2012
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Chirurgische "Genitalkorrekturen" an Kindern: Typische Diagnosen und Eingriffe
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Offener Brief an JLU und UKGM Giessen, 22.04.2012