Kann ein Zwitter Sünde sein?"Auch wenn [sie] die besten Absichten hegen, untergraben fehlendes Bewusstsein für und die fehlende Beachtung der Realitäten von Intersexuellen die adäquate Darstellung des Themas. Dabei werden unbeabsichtigt die Nicht-Sichtbarkeit und die Objektivierung der Intersexuellen perpetuiert." (Emi Koyama / Lisa Weasel)

Zum Beispiel:

In der Printausgabe des Tages-Anzeigers vom Montag nach der Aktion vor dem Inselspital prangte auf Seite 2 ein grosses Portrait von Nella: "Zwitter wie sie sollten nicht «zurecht gestutzt» werden"  (>>> Onlineversion)

Darüber auf der gleichen Seite ein längerer Artikel "Was Kinder alles beherrschen sollten", über den Widerstand des Dachverbandes der Schweizerischen Lehrerinnen und Lehrer gegen die Aufnahme einer Reihe zusätzlicher Pflichtstoffe in den neuen Einheitslehrplan aller deutschschweizer Kantone – darunter, so der Tages-Anzeiger süffisant im Lead, >>> "«Geschlechterkompetenz», Sexualkunde und 10-Finger-System".

Laut dem Artikel fordern "einige" progressive Kantonsbehörden, sekundiert von der Schweizerischen Schwulen- und der Schweizerischen Lesbenorganisation, u.a. Aufnahme von "Genderkompetenz", "Genderbewusstsein", "unterschiedliche Lebensformen und -entwürfe sowie Fragen der sexuellen Orientierung" und "sexuelle Orientierung und Identität" in den neuen Lehrplan.

Der Lehrerdachverband sei demgegenüber "eher skeptisch" eingestellt und verwahre sich dagegen, "bei den überfachlichen Kompetenzen sämtliche gesellschaftlichen Missions- und Nacherziehungs-Anliegen zu deponieren".

In der Printausgabe vom übernächsten Tag (19.8.09, S. 15) gab es unter dem Titel "Braucht es im neuen Lehrplan ein Fach «Geschlechterfragen»?" drei LeserInnenbriefe zu diesem Artikel. Einer davon griff beide Artikel zusammen auf: 

Nicht missionarisch. Das Thematisieren von Sexualitäten gehört in den Lehrplan. In einer Zeit, in der Intersexuelle noch immer «zurechtgestutzt» werden und «schwul» auf dem Pausenplatz oder im Ausgang als Schimpfwort für angeblich verweichlichte Jugendliche benutzt und diesen mit Gewalt gedroht wird, ist dies eines der dringlichsten Anliegen. Insbesondere sind auch Jugendliche, deren Eltern aus patriarchalischen Kulturen stammen, über die hiesigen Gepflogenheiten in Genderfragen aufzuklären. [...]


Kommentar:

Auch wenn es vermutlich als nette Geste gedacht war: Diesen Leserbrief kann wohl nur ein Mensch geschrieben haben, der sich in seinem ganzen Leben noch nie Gedanken um die (mangelnde) Unversehrtheit seiner Geschlechtsteile machen musste:

  • Die "dringlichsten Anliegen" der Zwangsoperierten betreffen die Beendigung der Genitalverstümmelungen, und NICHT das "Thematisieren von Sexualitäten".

  • Solange die Genitalverstümmelungen nach wie vor andauern und täglich neue Opfer zu beklagen sind, werden junge Zwangsoperierte herzlich wenig davon profitieren, wenigstens anschliessend in der Schule "über die hiesigen Gepflogenheiten in Genderfragen [aufgeklärt]" zu werden. 

Fazit, lobbyieren für Massnahmen gegen Schwulenfeindlichkeit und gegen "christlich-konservative Weltanschauung im Hintergrund" im Namen der Schwulen und Lesben ist gut und unterstützenswert.

Den Kampf der Zwitter solidarisch unterstützen auch.

Dagegen, kurz mit dem Leid der Zwangsoperierten winken, um dann stracks für den Rest des Sermons auf die eigene Kampagne umzuschwenken: Nein, nicht gut, tut weh, bitte nicht.

Nicht, so lange noch täglich Zwitterkinder genital zwangsoperiert werden.

Auch wenn es noch so gut gemeint war: Aua, aua, aua. 

Bitte nicht mehr. Danke.

>>> Zwitter und progressive LGBTs gegen Vereinnahmung  

PS: Auch andere Gruppierungen wie z.B. Opfer von sexuellem Kindesmissbrauch wehren sich gegen die "Bagatellisierung" ihrer Leiden und Anliegen, wo diese etwa unter "Sexualität" bzw. "Verletzungen des sexuellen Selbstbestimmungsrechts" 'entsorgt' werden.