(Bild: lespress)

Die Zwitter Medien Offensive™ war schon da!

Auch ich war davon ausgegangen, "XXY" (2007) sei der wohl erste Spielfilm über Zwitter. Aufgrund von Hinweisen und Empfehlungen von Michel Reiter (--> 06.05.2009) musste ich mich aber eines Besseren belehren lassen: Diese Ehre gebürt "Both" (2005) der peruanisch-amerikanischen Filmemacherin Lisset Barcellos!

"Both" erzählt die Geschichte der Stuntfrau Rebecca Duarte und wie sie aus dem Netz aus Lügen ihrer Kindheit ausbricht und die Wahrheit über sich selbst herausfindet. 
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Rezi auf Filmsuche.de
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englische Zusammenfassung auf intersexinitiative.org
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englischer Thread auf "Bodies like ours" 

Lisset Barcellos ist selber zwischengeschlechtlich und engagiert. U.a. schrieb sie einen Beitrag zur Eingabe von ISNA an das kolumbianische Bundesgericht in jenem historischen Fall, der dazu führte, dass Kolumbien als erstes Land der Erde genitale Zwangsoperationen an Zwitterkindern zumindest einschränkte. In Ihrem Bericht beschrieb sie "vermindertes sexuelles Empfinden, chronische Reizungen und Blutungen und abnormales optisches Aussehen" ihres Genitales nach der Zwangsoperation im Alter von 12 Jahren.

In der >>> Novemberausgabe 2005 der Zeitschrift lespress (Downloadübersicht) findet sich ein Interview mit Lisset Barcellos, in dem sie Klartext redet über "Lügen" und genitale "Zwangsoperationen":

Die Erfahrungen, die man als Intersexuelle macht, hinterlassen viele Wunden. Wenn man entdeckt, was einem passiert ist, und man entdeckt, dass die Eltern einen angelogen haben, dass die Ärzte gelogen haben, dass man in einer Welt voller Schamgefühle und Geheimnisse aufgewachsen ist, einem Leben mit ungewollter Operation zur Geschlechtsangleichung, hormoneller und psychologischer Behandlung, ist man sehr wütend. Man ist enttäuscht von den Leuten, die einen eigentlich beschützen sollten. Wenn deine Eltern und deine Ärzte dich in der Kindheit nicht beschützen, wen hat man denn sonst, dem man vertrauen kann? Das ist eine Erfahrung, die viele Intersexuelle teilen und die nicht alle verwinden können. Ich kenne viele intersexuelle Menschen, die Selbstmord begangen haben oder mit schweren Depressionen leben. [...]

Meine Geschichte ist aber nicht die des Films. Ich hatte eine andere medizinische Indikationen und auch die Konsequenzen der Operation waren für mich nicht so gravierend wie bei der Filmfigur. Bei mir haben sie Teile meiner Geschlechtsorgane intakt gelassen und ich kann einen Orgasmus haben. Aber definitiv ist die Intensität der Gefühle verringert und sie haben die Form der Genitalien verändert, was total überflüssig war. [...]

Für mich ist es im Moment am Wichtigsten, dabei zu helfen, die erzwungenen Geschlechtsangleichungen zu stoppen. Mein Ziel ist es, Zwangsoperationen zu illegalisieren, zu verhindern, das Krankenkassen diese Operationen bezahlen und den Patienten das Recht zu geben, die Ärzte, die ohne ihre Einwilligung operieren, zu verklagen, was wir in Kolumbien gerade erreicht haben. In Kolumbien zählt es zu den Menschrechten, dass keine Zwangs-Geschlechtsangleichungen an Kindern mehr vorgenommen werden dürfen, es sei denn, ihr Leben wäre akut bedroht. Und das Aussehen der Genitalien zu ändern zählt nicht dazu, Leben zu retten.

>>> Das ganze Interwiew als PDF (S. 32-34)

>>> Die ganze lespress 11/2005 als PDF