Zum gestrigen Tag der Menschenrechte (10. Dezember):

Schluss mit genitalen Zwangsoperationen!

Seit dem Beginn der Zwitterbewegung in den 1990ern war einer ihrer wesentlichen Kritikpunkte, dass FeministInnen zwar gegen weibliche Genitalverstümmelung (hauptsächlich in fernen Kulturkreisen) protestieren und lobbyieren, aber gleichzeitig die Genitalverstümmelungen an Zwitterkindern vor der eigenen Haustüre (z.T. aus rassistischen Motiven heraus) mutwillig ausblenden
(>>> mehr) – obwohl, worauf Michel Reiter schon 1998 hinwies, die dadurch entstehenden Schäden durchaus vergleichbar sind und auch die weibliche Genitalverstümmelung z.T. damit begründet wird, Klitoris und Schamlippen seien "überflüssige" oder gar schädliche "männliche Anteile" und müssten deshalb bei Frauen entfernt werden, um sie zu "richtigen Frauen" zu machen (umgekehrte Argumentation wird z.T. auch als Begründung für männliche Beschneidung vorgebracht):

"[...] so glaubt man, daß jede Person mit einer maskulinen und einer femininen 'Seele' ausgestattet ist. Diese 'Seelen' enthüllen ihre jeweiligen physiologischen Merkmale in den und durch die Fortpflanzungsorgane. Auf diese Weise ist die weibliche 'Seele' eines Mannes, so wird behauptet, in der Vorhaut lokalisiert, während die männliche 'Seele' der Frau in der Klitoris sitzt. Dies bedeutet: Wenn der junge Mann heranwächst und schließlich in die männliche Gesellschaft aufgenommen wird, muß er sich seiner weiblichen Merkmale entledigen. (...) Dasselbe gilt für ein junges Mädchen (...), indem man ihre Klitoris oder Klitoris und Schamlippen entfernt. Nur so beschnitten kann das Mädchen behaupten, eine vollständige Frau zu sein, und ein entsprechendes Sexualleben führen." (Lightfoot-Klein: "Das grausame Ritual" (1992), S. 45, zitiert hier.)

In neuen Jahrtausend beginnt sich das nun ansatzweise zu ändern! 2009 äusserste sich in der Schweiz Terre des Femmes – meines Wissens nach gar zum allerersten Mal – in einer politischen Diskussion nachdrücklich auch gegen die genitalen Zwangsoperationen an Zwittern und kritisierte explizit, dass diese in einen Gesetzesentwurf zur Bekämpfung der weiblichen Genitalverstümmelung nicht aufgenommen wurden.

Einen wichtigen Beitrag zu diesem Wandel leistete wohl die "Beschneidungs-Expertin" Hanny Lightfoot-Klein, die sich seit den 1980ern intensiv mit Genitalverstümmelungen befasst und Öffentlichkeitsarbeit zu ihrer Beendigung leistet (>>> englische Homepage).

Im abschliessenden Band ihrer Buchtrilogie zum Thema, auf Deutsch 2003 erschienen unter dem Titel "Der Beschneidungsskandal", zog Hanny Lightfoot-Klein meines Wissens nach zum ersten Mal auch die genitalen Zwangsoperationen an Zwitterkindern umfassend mit ein. Damit kam sie einer Urforderung der Zwitterbewegung nach und leistete einen entscheidenden Beitrag zur Bekanntwerdung dieses Tabuthemas in feministischen Kreisen. Weiter setzt das Buch weibliche Genitalverstümmelungen und Zwangsoperationen an Zwittern in einen weiteren Zusammenhang mit den in westlichen Ländern bis in die Hälfte des 20. Jahrhunderts praktizierten Klitorektomien auch bei "normalen Frauen", sowie mit der (in den Folgen vergleichsweise harmloseren) männlichen Beschneidung. (>>> gelungene Zusammenfassung/Besprechung auf Akifra.org)

In "Der Beschneidungsskandal" redet Hanny Lightfoot-Klein von Anfang an Klartext über die Zwangsoperationen an Zwittern, so z.B. im Vorwort unter expliziter Erwähnung der "Intersex-Operationen" von der "Selbstverständlichkeit, dass jede Art von genitalen Schnitzereien ein alptraumartiges Ereignis für ein Kind darstellt, wobei der schlimmste Alptraum von der Realität übertroffen wird." (S. 9)

Und im 2. Kapitel in einem ersten Abschnitt "»Korrigierende« Genitalchirurgie an intersexuellen Kindern": "Leider konnte bis heute kein Beweis erbracht werden, dass durch diese Art der Intervention tatsächlich irgendwelche Probleme gelöst wurden." (S. 40)

Im 3. Kapitel, das auch persönliche Geschichten enthält von der ISNA-Begründerin Cheryl Chase a.k.a. Bo Laurent und von Howard Devore, hält Lightfoot-Klein explizit fest: "Willkürliche Eingriffe an den Genitalien von nicht einwilligungsfähigen Minderjährigen, die das Kind, an dem sie begangen werden, sowohl physisch als auch psychisch gefärden können und die aus rein »kosmetischen« Gründen durchgeführt werden, müssen endlich klar als unethisch definiert werden." (S. 49)

In Bezug auf "Intersexchirurgie" spricht Lightfoot-Klein in einem Abschnittstitel gar von der "»Heimatfront«" im Kampf gegen Genitalverstümmelung weltweit (S. 173).

Aufschlussreich auch, wie viele afrikanische AktivistInnen, die Lightfoot-Klein durchgehend zu Wort kommen lässt, immer wieder die Menschenrechtswidrigkeit der Genitalverstümmelungen betonen:

"Wir glauben, dass die genitale Verstümmelung von Mädchen in aller erster Linie einen Akt von Kindesmissbrauch sowie eine Menschenrechtsverletzung darstellt, und dies sollte von den internationalen Medien, den Menschenrechtsaktivisten und allen, die mit der Gesundheit von Frauen und KIndern befasst sind, bedacht werden." (Aus einem Rundschreiben von AktivistInnen aus Ghana, Nigeria, Somalia, Sudan und Senegal, S. 139)

"Genitalverstümmelung muss aufhören, damit Frauen ihre grundlegenden Menschenrechte geniessen können." (Rogaia M. Abusharaf, S. 142)

Klartext redet Lightfoot-Klein auch über den Preis für den Kampf gegen diese Menschenrechtsverletzungen: "Ich habe für mich festgestellt, dass niemand, der seine oder ihre Kraft und Energie in diese Sache steckt, ganz ungeschoren davonkommt. Jeder und jede von uns [...] zahlt einen persönlichen Preis, und für einige von uns war es ein hoher Preis. Auf die eine oder andere Art haben wir alle gelitten." (S. 140-41)

Auch die Übersetzerin von "Der Beschneidungsskandal", Dr. Sabine Müller redet in ihrem Vorwort Klartext: "Wie groß darf in einem westlichen Land eine Klitoris sein, bevor sie dem Kinderchirurgen anheimfällt? In Europa sind es Hebammen, Fachärzte und -ärztinnen, die einem Neugeborenen das Geschlecht zuweisen, und wehe da stimmt etwas nicht. Jedes Jahr werden in Deutschland 350 Intersex-Kinder geboren, und keines entgeht dem Messer." (S. 7)

In einem weiteren Zitat im Buchinnern nimmt Dr. Sabine Müller auch selbstkritisch Stellung zur schweigenden Komplizenschaft der gesamten Medizinerzunft, wenn angehende ÄrtInnen etwa in ihrer Ausbildung mit den menschenrechtswidrigen genitalen Zwangsoperationen konfrontiert werden: "Ich kann mich nicht erinnern, dass von uns Studierenden auch nur eine/r nachfragte, geschweige denn protestierte. Wir sassen mit offenen Mündern da und betrachteten die 'Horrorshow' der Diasammlung des Professors. Kürzlich erschien in Der Spiegel (45/2002) unter dem Titel 'Ihre Tochter ist ein Sohn' ein Artikel, der anschaulich schildert, dass dies noch immer die gängige Praxis ist." (S. 42) 

Werden die 2010er Jahre das Jahrzehnt, in dem sich das endlich grundlegend ändert, und sowohl die KämpferInnen gegen weibliche Genitalverstümmelung weltweit endlich umfassend die Konsequenzen ziehen, wie auch (angehende) MedizynerInnen?

Siehe auch:
- "Genitalverstümmelung ein afrikanisches Problem?" 
- Bundesärztekammer gegen genitale "Zwangsoperationen" – natürlich nur bei "Mädchen und Frauen" ... 
- Internationaler Tag gegen Mädchenbeschneidung (aber die Zwitter operiert nur ruhig weiter, sind ja keine Frauen, äh, Menschen ...)
- Schweiz: Terre des Femmes und Amnesty gegen Zwangsoperationen an Zwittern 
- Zwitter und Patriarchat aus feministischer Perspektive