Das >>> Gender Bulletin 28 (via archive.org) vom April 2005 des "Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien" an der Humboldt Universität in Berlin widmete sich dem Thema "Female Genital Cutting". Die >>> Einführung dazu (S. 8-21, PDF) stammt von der international renommierten Expertin und Buchautorin Fana Asefaw und der Historikerin Daniela Hrzán.

Die beiden Autorinnen halten darin eingangs fest:

Des Weiteren war es uns ein Anliegen, auch in diesem einführenden Text auf FGC-Praktiken in der „westlichen Welt“ hinzuweisen, wenngleich der afrikanische Kontext hier im Mittelpunkt unseres Interesses steht, schon allein deswegen, um auf Vorurteile und Fehleinschätzungen bezüglich FGC in Afrika eingehen zu können. (S. 8 = S. 1 innerhalb PDF)

Im weiteren findet sich eine Zusammenfassung der WHO-Klassifikationen von Female Genital Cutting. Unter Typ II fällt u.a. die auch bei Zwitter-Genitalverstümmelungen (und auch sonst aus der westlichen Gynäkologie) sattsam bekannte "Klitoridektomie" (chirurgische Entfernung der "Klitoris" – vor allem von "zu grossen").

Weiter halten Fana Asefaw und Daniela Hrzán explizit fest (S. 12 = S. 5 innerhalb PDF):

Typ IV beinhaltet auch alle anderen Formen von FGC, die unter die oben genannte Definition fallen, aber nicht konkret aufgelistet wurden. Dies bedeutet, dass auch FGC-Formen in Europa oder Nordamerika, wie bspw. die „korrigierenden“ Operationen an intersexuellen Kindern, unter Typ IV subsumiert werden können.

Weitere Ausführungen zur ganz oder teilweisen Entfernung der Klitoris von Zwitterkindern finden sich auf S. 13 (= S. 6 innerhalb PDF):

Zuvor soll jedoch ergänzt werden, dass „korrigierende“ Operationen an intersexuellen Kindern weithin üblich und medizinisch anerkannt sind. Cheryl Chase, Vorsitzende der Intersex Society of North America (ISNA), schätzt, dass jeden Tag in den USA fünf Kinder diesen Operationen zum Opfer fallen.(28) In etwa 90% der Fälle wird diesen Kindern die Klitoris teilweise oder ganz entfernt, um sie zu Mädchen zu machen.(29) Dies wird damit begründet, dass Operationen destruktive Prozesse sind. Gewebe kann entfernt und auch verpflanzt, aber nicht neu aufgebaut werden. Es ist also schwerer, einen „richtigen“ Penis aufzubauen, als „zu große“ weibliche Genitalien zu beschneiden. Mehr noch: es ist wohl einem Mann nicht zumutbar, mit einem zu kleinen Penis leben zu müssen, während die zumeist männlichen Ärzte annehmen, Frauen könnten offensichtlich ganz gut ohne ihre Klitoris leben. Hier zeigt sich einerseits die Abwertung weiblicher Sexualität und andererseits eine Abwertung weiblichen Schmerzes, denn die Behandlung ist mit der eigentlichen Operation nicht zu Ende. Sie wird in der Regel von jahrelangen Arztbesuchen gefolgt, in denen die Mädchen sich schmerzhaften Prozeduren unterziehen müssen.(30)

Damit wurde 2005 auch in einer deutschen akademischen Publikation von ExpertInnen bestätigt, was von KinderchirurgInnen verstümmelte deutschsprachige Zwitter schon seit 1996 unmissverständlich öffentlich anklagen.

Nur die verantwortlichen PolitikerInnen und der von ihnen bestellte Deutsche Ethikrat wollen dagegen auch 2010 weiterhin nichts bemerkt haben – während allein in deutschen Kinderkliniken weiterhin JEDEN TAG mindestens 1 wehrloses Kind irreversibel chirurgisch genitalverstümmelt wird, sowie in Österreich und in der Schweiz JEDE WOCHE zusätzlich JE 1 weiteres.

Wie lange noch?!

Siehe auch:
- Amnesty: Zwangsoperationen "fundamentaler Verstoß" gegen körperliche Unversehrtheit
- Genitalverstümmelungen an Zwittern gleich schädlich wie weibliche Genitalverstümmelung - Terre des Femmes, 2004
- Genitale Zwangsoperationen an Zwittern vergleichbar mit weiblicher Genitalverstümmelung (Hanny Lightfoot-Klein: "Der Beschneidungsskandal", 2003)
- Schweiz: Terre des Femmes, Amnesty und Grüne gegen Zwangsoperationen an Zwittern
- "Die Macht der Tabus" - Konstanze Plett über Genitalverstümmelung, amnesty journal 03/08
- Bundesregierung und Ethikrat: Genitalverstümmelungen an Zwitterkindern in Diskussion mit aufnehmen und handeln - Marion Böker
- "Ethik als Feigenblatt?" - Zwischengeschlecht.org zum "Forum Bioethik" 23.6.10
- Intersexuelle enttäuscht vom Ethikrat – "kein Handlungsbedarf" bei Genitalverstümmelung?!
- Weltweit größte Zwitter-Studie straft Bundesregierung Lügen!
- Bundestag: "Weibliche Genitalverstümmelung ahnden" - aber die Zwitter verstümmelt nur ruhig weiter ...