1. Protestaktion draussen vor dem "Campus Virchow-Klinikum" der "Charité", Berlin 11.11.11

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STOP Genitalverstümmelung in Kinderkliniken!

Das diesjährige Genitalabschneidertreffen "JA-PED 2011" fand innerhalb des "Campus Virchow-Klinikum" der "Charité" statt und somit auf Privatgelände.

Deshalb fragten wir vorgängig bei der "Charité" um eine Genehmigung für zeitlich und von der Teilnehmer_innenzahl begrenzte, friedliche Mahnwachen auf dem Vorplatz des eigentlichen Tagungsgebäudes für die Zeiten, während denen drinnen die "Behandlung" von Menschen mit "atypischen Geschlechtsmerkmalen" auf der Tagesordnung stand, was uns die Charité freundlicherweise auch bewilligte.

Wer jedoch dachte, damit könnte die 1. friedliche Mahnwache ohne Weiteres ebenso über die Bühne gehen, sah sich durch hochrangige "Charité"-Medizyner bald einmal eines besseren belehrt ...

Nachfolgend ein Gedächtnisprotokoll von Nella über Geschehnisse während der 1. friedlichen Mahnwache vor der "JA-PED 2011":

Während vor dem Haupteingang der Charité Plakate aufgestellt und Flugblätter verteilt werden, steht am Nachmittag eine weitere Delegation von Zwischengeschlecht.org vor dem eigentlichen Tagungsort, dem Eingang zum Campus 3 und verteilt ihrerseits wie gewohnt Flyer und macht mit Plakaten und T-Shirts auf die Menschenrechtsverletzungen an Zwittern aufmerksam.

Wie üblich sind die Reaktionen gemischt: vom freundlichen Lächeln und aufmunternden Daumen hoch (Ich finde das gut, was Sie da machen!) bis zur säuerlichen Miene oder dem angestrengten Wegschauen ist alles vertreten. Einzelne schütteln gar den Kopf und lachen über unsere Botschaft. Vereinzelt kommen Gespräche zustande, natürlich immer wieder mal das obligate "Wir verstehen Sie, aber heute läuft das ganz anders!" Wie so oft ist dagegen den Nicht-Medizinern sofort klar, was wir meinen: "Die sollen doch selber entscheiden dürfen!" Soweit, so gewohnt.

1. friedliche Manhwache direkt vor dem Eingang zur "JA-PED", Berlin 11.11.11

Bald nach unserem Eintreffen kommt auch ein Herr von der Security und möchte wissen, was wir da tun und ob wir eine Genehmigung haben. Ich zeige ihm die Genehmigung und er wünscht uns einen schönen Nachmittag.

Etwa eine halbe Stunde später kommt ein sichtlich aufgeregter Heiko Krude gelaufen, stellvertretender Klinikdirektor am "Institut für Experimentelle Pädiatrische Endokrinologie" der "Charité": Was machen Sie hier, wer hat Ihnen die Erlaubnis erteilt, hier hinzustehen? Das tolerieren wir nicht.

Ich: Wir haben eine Genehmigung der Charité, die habe ich dem Herrn von der Security soeben gezeigt.

Heiko Krude: Wer hat Ihnen diese Genehmigung erteilt, das möchte ich genau wissen.

Ich: Das kann Ihnen der Herr von der Security sagen, dem habe ich die Genehmigung gezeigt.

Herr von der Security (kommt herbeigelaufen): Ja, die Genehmigung ist vorhanden.

Krude: Was ist das für eine Genehmigung, wer genau hat sie erteilt? Ich will diese Genehmigung sehen.

Ich gebe nach: OK, hier ist sie.

Heiko Krude liest und tippt die Telefonnummer ins Handy, die auf der Genehmigung steht. Spricht mit jemanden, beschwert sich: Da hat doch tatsächlich die Charité diese Bewilligung erteilt.
Anschliessend zu mir: Da haben Sie Glück gehabt, die wussten nicht Bescheid, wussten nicht, was hier läuft, wie das läuft. Ja, Sie haben jetzt eine Genehmigung, aber das tolerieren wir hier nicht. Sagt's und verschwindet durch den Eingang zur Tagung und ignoriert uns für den Rest des Tages.

Wir haben uns kaum erholt, da kommt der "JA-PED"-Tagungsleiter Dirk Schnabel, Oberarzt am "Institut für Experimentelle Pädiatrische Endokrinologie" der "Charité" und Vorstandsmitglied der "Arbeitsgemeinschaft und Sektion Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie (APE)" der "Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE)", dasselbe in Grün:

Wer uns erlaubt habe, hier zu stehen?

Ich: Sie sind nun schon der Dritte, dem ich die Bewilligung zeigen muss.

Auch Dirk Schnabel will unbedingt die Bewilligung sehen und beginnt seinerseits aufgeregt herumzutelefonieren, bevor er unvermittelt davonläuft, Handy immer noch am Ohr.

Später am Nachmittag kommt Dirk Schnabel wieder auf uns zu, diesmal sichtlich freundlicher, er sei sich nicht sicher, ob er eventuell eine Mail von uns verpasst habe. Er finde es schade, wir hätten ja auch mit den anderen Selbsthilfegruppen einen Infotisch drinnen aufstellen können.

Ich: Wir sind keine Selbsthilfegruppe, sondern eine Menschenrechtsgruppe und machen Öffentlichkeitsarbeit. Wir machen eine Mahnwache hier draussen und keinen Infotisch drinnen.

Dirk Schnabel: Ich wollte nur sicher sein, nichts verpasst zu haben.

Als es eindunkelt, stellen wir Grablichter in einer Reihe unter ein Plakat.

Zuerst kommt ein Herr der Security und weist uns darauf hin, dass wir die Kerzen nicht auf den Rasen stellen dürfen. (Es ist jedoch kein Rasen, sondern blanke Erde.)

Wir stellen die Kerzen also auf die Steinplatten, die an den Nicht-Rasen angrenzen. Wenig später kommt eine Dame der Security: Sie haben eine Genehmigung für diese Kundgebung?

Ich: Ja.

Dame der Security: Haben Sie auch eine Genehmigung, offene Feuerstellen aufzustellen?

Wir müssen in der Folge die Kerzen für unsere Mahnwache auslöschen, weil auf dem Klinikgelände offene Feuerstellen nicht erlaubt sind.

Was kommt wohl als nächstes, fragen wir uns, doch für heute waren keine weiteren Zwischenfälle zu verzeichnen. 20:00 Uhr ziehen wir pünktlich und halberfroren von dannen. Morgen früh um 08:30 Uhr werden wir zurück sein ...

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