1.  Chirurgische "Genitalkorrekturen" an Kindern: Ethisch und menschenrechtlich unhaltbar

Seit 20 Jahren kritisieren Betroffene diese Eingriffe als menschenrechtswidrigen Verstoss gegen ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit und als "westliche Genitalverstümmelung" – Vorwürfe, die seit einigen Jahren u.a. von Terre des Femmes, Amnesty Schweiz und dem UN-Komitee gegen Folter (CAT) bekräftigt werden.

Aktuell befasst sich die Nationale Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin (NEK-CNE) im Auftrag des Bundesrates mit dem Thema. Ab Herbst 2012 wird der UN-Menschenrechtsrat im Rahmen des Zweiten UPR-Verfahren zur Schweiz erstmals über kosmetische Genitaloperationen an Kindern beraten.
 

2.  "Amputation der vergrößerten Clitoris": Historische Verstrickungen von Universität und Kinderspital Zürich

An der Universität Zürich und dem Kinderspital Zürich als Universitäts-Kinderklinik tut eine umfassende öffentliche Aufklärung über ihre Verstrickung in die Praxis der systematischen kosmetischen Genitaloperationen an Kindern dringendst not:

• Neben dem Johns Hopkins University Hospital in Baltimore (USA) war Zürich das weltweit zweitwichtigste Zentrum zur globalen Durchsetzung medizinisch nicht notwendiger "Genitalkorrekturen" an Kleinkindern.

• Prof. Dr. Andrea Prader (1919-2001), Kispi-Direktor, Inhaber des Lehrstuhls für Pädiatrie an der Uni Zürich, Präsident Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie, Präsident European Society of Pediatric Endocrinology und "Vater der schweizerischen pädiatrischen Endokrinologie", war zeitlebens eine weltweit gefragte Koryphäe zum Thema "Intersex". Erfinder und Namensgeber der weltweit etablierten "Praderstufen", die heute noch u.a. verwendet werden, um bei Kleinkindern eine Klitoris als "zu gross" und damit "korrekturwürdig" einzustufen.

• Prof. Dr. Max Grob (1901-1976), Chefarzt der Chirurgischen Klinik des Kispi, erster Schweizer Lehrstuhlinhaber für Kinderchirurgie und "Begründer der Schweizer Kinderchirurgie", studierte schon 1936 "Genitakorrekturen" bei Ombrédanne in Paris. Grobs weltweit rezipiertes und in sechs Sprachen übersetztes "Lehrbuch der Kinderchirurgie" (1957) behandelt das gesamte Spektrum an chirurgischen "Genitalkorrekturen" – inkl. der bis in die 1980er-Jahre üblichen "Amputation", "Exstirpation" bzw. "Entfernung der vergrößerten Clitoris", welche "sicher gerechtfertigt" sei (S. 587), und unter Bezugnahme auf die erwähnten "Praderstufen" (Abb. 673, S. 583).

Allerdings sind diese Schattenseiten der Pionierrolle von Universität und Kinderspital Zürich bis heute unaufgearbeitet …


3.  Zürich: Internationaler Kongress "ESPU 2012" propagiert "Genitalkorrekturen" und feiert "Schweizer Errungenschaften" - Ethik und Menschenrechte bleiben ausgeklammert

Nächste Woche findet im Zürcher Kongresshaus auf Einladung des Kinderspitals Zürich vom Mittwoch 9. bis Samstag 12. Mai die 23. Europäische Kinderurologentagung "ESPU 2012" statt. Dabei referieren nicht nur Schweizer und internationale Experten über praktisch alle von Betroffenen kritisierten chirurgischen "Genitalkorrekturen" – von "Harnröhrenverlegungen" bei "Hypospadie" über "Klitorisverkleinerungen" bei "Störungen der Geschlechtsentwicklung DSD" bis zu "Hodenverlagerungen" bei "Kryptorchismus". Sondern fordern solche unbeirrbar ausdrücklich – für Kleinkinder!

Symptomatisch für die – von Betroffenen seit Jahren wieder und wieder beklagte – fehlende Einsichtsfähigkeit der Behandler:

Als angeblich fortschrittliche "Änderung der umstrittenen Leitlinien" reklamiert etwa ein Beitrag, dass z.B. medizinisch nicht notwendige "Klitorisreduktionen" statt wie früher "im 6. Lebensmonat" heuer schliesslich "erst zwischen 6 und 12 Monaten empfohlen werden" (S19-1, Eröffnungspräsentation zum "DSD"-Themenblock am Samstag).

In einer speziellen "History Session" am Eröffnungstag werden zudem von einem Kispi-Referenten "Zürcher Beiträge zur Kinderchirurgie" hervorgehoben. (Selbst-)kritische Untertöne oder gar angemessene ethische und menschenrechtliche Erwägungen sind dabei leider kaum zu erwarten ...


4.  Marburg, April 2012: Uni beschliesst Aufarbeitung

Dass es auch anders ginge, beweist ein aktuelles Beispiel aus dem nördlichen Nachbarland: Im Anschluss an eine Stellungnahme des Deutschen Ethikrates vom 23. Februar 2012, die das Leid der Betroffenen ausdrücklich anerkannte und u.a. Entschädigungen und Aussetzung der Verjährung empfahl, beschloss am 25. April 2012 die Philipps-Universität Marburg als erste akademische Institution, medizinisch nicht notwendige Genitaloperationen an Kindern und Jugendlichen in ihrem Geltungsbereich öffentlich aufzuarbeiten. Der Senat der benachbarten Justus-Liebig-Universität Giessen berät am 6. Juni über einen ähnlichen Antrag. An weiteren deutschen Universitäten ist entsprechendes in Diskussion.


5.  Infoveranstaltung + Offene Briefe + friedliche Proteste, Zürich 9.-12.5.

Eine kritische öffentliche Aufarbeitung kosmetischer "Genitalkorrekturen" an Kindern tut erst recht in Zürich dringendst not!

Die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org wird deshalb am Abend der Eröffnung der "ESPU 2012" über die Geschichte und heutige Praxis kosmetischer "Genitalkorrekturen" an wehrlosen Kleinkindern informieren – unter besonderer Berücksichtigung der "Pionierrolle" von Universität und Kinderspital Zürich und der aktuellen Vorträge im Kongresshaus:

    INFORMATIONSVERANSTALTUNG
    Mittwoch, 9. Mai 2012, 19:00 Uhr
    Zentrum Karl der Grosse, Kirchgasse 14, 8001 Zürich
    Weisses Zimmer, 3. Stock

Und tags darauf mit einer friedlichen Mahnwache und Überreichung eines Offenen Briefes Uni und Kispi ZH zur Aufarbeitung der fragwürdigen Praxis kosmetischer "Genitalkorrekturen" an Minderjährigen auffordern:

    FRIEDLICHE MAHNWACHE + OFFENER BRIEF UNIVERSITÄT ZÜRICH
    Donnerstag, 10. Mai 2012, 11:00-14:00 Uhr

    Universität Zürich, Rämistrasse 71, 8006 Zürich, vor Haupteingang
    (Bewilligung eingereicht)

Sowie während des gesamten Kongresses jedes Mal, wenn drinnen "Genitakorrekturen" gefordert werden, draussen vor dem Kongresshaus friedlich dagegen protestieren. Und die KongressteilnehmerInnen in einem Offenen Brief ermahnen, die langjährigen Proteste erwachsener Betroffener von kosmetischen Genitaloperationen sowie die Bedenken von EthikerInnen und Menschenrechtsorganisationen endlich ernst zu nehmen:

    4 FRIEDLICHE MAHNWACHEN + OFFENER BRIEF "ESPU 2012"
    • Mittwoch, 09.05.2012, 13:00-18:30 Uhr

    Kongresshaus, Claridenstrasse 5, 8002 Zürich, vor Haupteingang
    • Donnerstag, 10.05.2012, 14:30-17:00 Uhr
    Kongresshaus, Claridenstrasse 5, 8002 Zürich, vor Haupteingang
    • Freitag, 11.05.2012, 08:00-14:00 Uhr
    Kongresshaus, Claridenstrasse 5, 8002 Zürich, vor Haupteingang
    • Samstag, 12.05.2012, 07:30-15:30
    07:30-10:00 Uhr Kongresshaus, Claridenstrasse 5, 8002 Zürich, vor Haupteingang
    10:00-14:00 Uhr General-Guisan-Quai, Seeseite, Höhe Claridenstrasse, 8002 Zürich
    14:00-15:30 Uhr Kongresshaus, Claridenstrasse 5, 8002 Zürich, vor Haupteingang
    (Bewilligung eingereicht)


Die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org fordert ein Verbot von kosmetischen Genitaloperationen an Kindern und Jugendlichen sowie "Menschenrechte auch für Zwitter!".

Betroffene sollen später selber darüber entscheiden, ob sie Operationen wollen oder nicht, und wenn ja, welche.

Freundliche Grüße

n e l l a
Daniela Truffer
Gründungsmitglied Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org

Mobile +41 (0) 76 398 06 50
presse_at_zwischengeschlecht.info

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