«STOP Genitalverstümmelung im Kinderspital!» Zwischengeschlecht.org vor dem UKSH Audimax, Lückeck 20.5.11Friedlicher Protest vor dem "3rd EuroDSD Symposium", Lübeck 20.05.2011

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[ Deutsche Übersetzung des
Englischen Originalbriefes ]
 

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CH-8031 Zurich
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3rd Symposium on Disorders of Sex Development – From Gene to Gender
Universität zu Lübeck UKSH
Auditorium Maximum
Ratzeburger Allee 160
23538 Lübeck

Lübeck, 21. Mai 2011
 

Offener Brief


Sehr geehrter Herr Olaf Hiort
Sehr geehrter Herr Lutz Wünsch
Sehr geehrte Vortragende, Vorsitzende und TeilnehmerInnen des 3rd Symposium on Disorders of Sex Development

Seit mittlerweile 60 Jahren dauert die Praxis der kosmetischen Genitaloperationen an Kindern mit "atypischen" Genitalien an. In all diesen Jahren und Jahrzehnten zeigten die für diese Operationen verantwortlichen EndokrinologInnen, KinderchirurugrInnen und weiteren MedizinerInnen keine Lust, die angebliche Wirksamkeit dieser Operationen mit zufriedenstellender Evidenz zu belegen oder nur schon umfassende Nachfolgestudien ("follow-ups") zu betreiben oder Statistiken offenzulegen, sondern fahren damit fort, aufgrund blosser anekdotischer Evidenz weiterzuoperieren.

Seit mittlerweile 20 Jahren wehren sich Überlebende öffentlich gegen diese Operationen, und kritisieren sie beständig als "ungeheuer destruktiv für das sexuelle Empfinden und für das Gefühl der körperlichen Unversehrtheit". (Cheryl Chase: Letters from Readers. 1993, The Sciences, July/August, 3) Seit mittlerweile 20 Jahren weigern sich die Mediziner zuzuhören, geschweige denn diese schweren Bedenken anzuerkennen, schlimmer noch, "ihr Glaube an die Sicherheit und Wirksamkeit ihrer Operationen ist letztlich unzugänglich für konkrete Ergebnisse". (Cheryl Chase: What is the agenda of the intersex patient advocacy movement? 2003, The Endocrinologist, May/June, 3)

Als Mitglieder einer Menschenrechtsgruppe und Menschen, die diesen unmenschlichen Praktiken selbst zum Opfer fielen und/oder viele Betroffene persönlich kennen, sind wir sehr traurig und besorgt darüber, dass unserem Verständnis nach eine Mehrheit der Vortragenden und Vorsitzenden des 3rd Symposium on Disorders of Sex Development sich offenbar weigert, euren früheren PatientInnen zuzuhören und das fortdauernde Leid und die Kritik der Überlebenden an den nicht-eingewilligten kosmetischen Genitaloperationen während ihrer Kindheit einzugestehen, sondern im Gegenteil solche Eingriffe unverdrossen in wissenschaftlichen Publikationen und in der Öffentlichkeit anpreisen, z.B.:

Olaf Hiort: Arte 8.10.2010
Lutz Wünsch: Monatsschrift Kinderheilkunde, Volume 156, Number 3, 2008
Garry Warne: „Management of ambiguous genitalia at birth“, in: Adam H. Balen/Sarah M. Creighton/Melanie C. Davies/Jane MacDougall/Richard Stanhope (Ed.): „Paediatric and Adolescent Gynaecology. A Multidisciplinary Approach“, 2004
Wiebke Arlt: The Guardian, 20.8.2009
Pierre Mouriquand: Arte 8.10.2010
Laurence Baskin: San Francisco Human Rights Commission Report 2005
Peter Cuckow: BBC 11.12.2001
Ute Thyen: Der Spiegel 47/2007 
Heino F.L. Meyer-Bahlburg: Intersexualität bei Kindern (Ed. Höhne / Finke) 2008

(Viele weitere Beispiele finden sich auf unserer Homepage und auf dem Blog, wo wir solche Stellungnahmen weiter dokumentieren werden.)

In unserem Verständnis besonders entsetzlich sind wiederholte Stellungnahmen auch von Seiten der erwähnten Mediziner, die lustvoll von "chirurgischen Herausforderungen" schwärmen und stur ihre "Experimente" weiterführen in der Aussicht, "in 20 Jahren werden die Operationsmethoden viel besser sein", offensichtlich ohne Sorge, Erbarmen oder Mitgefühl für ihre unglücklichen früheren, gegenwärtigen und zukünftigen "Forschungsobjekte".

Dasselbe gilt auch für den andauenden Hohn und unerträglich paternalistische Herangehungsweisen von BehandlerInnen gegenüber erwachsenen Überlebenden, die ihre Stimme erheben, ihr Leid beklagen und die Beendigung nicht-eingewilligter kosmetischer Genitaloperationen an Kindern und Minderjährigen fordern, wobei die MedizinerInnen diese Überlebenden öffentlich verspotten und ihnen das Recht verwehren wollen, öffentlich ihre Erfahrungen und Meinungen zum Ausdruck zu bringen (z.B. Olaf Hiort: taz 6.11.2007, um nur ein Beispiel anzuführen). Dasselbe gilt auch für die Behauptungen von Medizinern, eigentlich seien sie diejenigen, die von Überlebenden und MenschenrechtsakteurInnen zu Opfern gemacht würden (z.B. Laurence Baskin: Stanford Medicine Spring 2011, um nur ein Beispiel anzuführen).

Während dieselben MedizinerInnen sich andrerseits gleichzeitig weigern, aufrichtige Antworten auf kritische Fragen zu geben, sondern stattdessen seit Jahrzehnten unverändert damit fortfahren, dieselben alten Lügen und Ausreden anzuführen, vgl. z.B.:

“Wir haben hier ein ernsthaftes ethisches Problem: riskante Operationen werden als Standardbehandlungen durchgeführt und es gibt keine adäquaten Nachfolgestudien. Intersexuelle sind es verständlicherweise Leid zu hören, 'Langzeitnachfolgestudien sind notwendig', während die Operationen gleichzeitig weiter durchgeführt werden. Dazu siehe besonders den Gastkommentar von David Sandberg, 'Ein Aufruf zu klinischer Forschung', Hermaphrodites with Attitude (Fall/Winter 1995-1996): 8-9, und die vielen Antworten von Intersexuellen darauf in derselben Ausgabe." (Alice Domurat Dreger: „Ambiguous Sex“ – or Ambivalent Medicine?, The Hastings Center Report May/June 1998)

Das 3rd Symposium on Disorders of Sex Development beansprucht für sich das Motto: “Was wir gelernt haben und was wir noch lernen müssen.” Wir möchten dazu respektvoll erneut und einmal mehr darauf hinweisen: Offensichtlich wären Ethik und Menschenrechte Kernthemen, bei denen sehr grosser Lernbedarf dringend notwendig erscheint.

Es gibt eine Vielzahl ausgezeichneter ExpertInnen im Themenbereich Ethik und DSD, z.B. Alice Dreger, Katrina Karkazis oder Ellen Feder. Unglücklicherweise wurden keine davon eingeladen. Unserer Meinung nach demonstriert das einen offensichtlichen Mangel an Willen, im Allgemeinen überhaupt in eine echte Debatte einzutreten sowie auf kritische Fragen im Speziellen.

Es gibt ebenso eine vielzahl von Berichten und Stellungnahmen von Menschenrechtsorgansiationen (z.B. Terre des Femmes 2004, CEDAW 2009, Amnesty Deutschland 2010) sowie Publikationen von ExpertInnen auf diesem Gebiet (z.B. Hanny Lightfoot-Klein 2003, Fana Asefaw 2005, Nancy Ehrenreich/Mark Barr 2005), die alle zum Ergebnis kommen, dass nicht-eingewilligte kosmetische Genitaloperationen an Kindern schwere Menschenrechtsverletzungen darstellen (speziell des Rechts auf körperliche Unversehrtheit) und welche die Gemeinsamkeiten und Parallelen dieser Operationen mit der Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung unterstreichen. Erneut demonstriert hier unserer Meinung nach das DSD Symposium einen offensichtlichen Mangel an Willen, im Allgemeinen überhaupt in eine echte Debatte einzutreten sowie auf kritische Fragen im Speziellen.

Offen gesagt hängt es uns zu den Ohren heraus, ständig angelogen und mit denselben alten Leugnungen, Ausreden und billigen Versprechungen abgespiesen zu werden.

Wir sind uns sicher, dass Ihnen bewusst ist, dass die Kontroverse um kosmetische Genitaloperationen an Kindern in der Öffentlichkeit jeden Monat bekannter wird, und ebenso die allgemeine Tendenz der Bevölkerung betreffend Genitalverstümmelung, unethische Menschenversuche und ungewollte chirurgische Eingriffe. Wir möchten deshalb in diesem Zusammenhang respektvoll an das berühmte Zitat von Abraham Lincoln erinnern: "Man kann alle Leute einige Zeit zum Narren halten und einige Leute allezeit; aber alle Leute allezeit zum Narren halten kann man nicht."

Wir setzen voraus, dass Sie in Ihrer Eigenschaft als praktizierende MedizinerInnen genügend PatientInnen haben mit echten medizinischen Bedürfnissen, die auf ihre professionelle Hilfe angewiesen sind.

Deshalb möchten wir respektvoll vorschlagen, dass sie Ihre Bemühungen darauf konzentrieren mögen, diesen PatientInnen zu helfen, von denen wir sicher sind, dass diese Ihnen zutieftst dankbar sind für ihre Leistungen. Aber dass sie andrerseits unethische Praktiken wie uneingewilligte kosmetische Genitaloperationen an Kindern aufgeben, wofür, wie Ihnen bestimmt bekannt ist, viele ihrer ehemaligen PatientInnen Sie aus tiefsten Grunde ihrer Herzen hassen und verabscheuen.

Und wir möchten höflich vorschlagen, dass Sie dies tun, solange Sie es noch von sich aus und zu Ihren eigenen Bedingungen tun können.

Danke für Ihre Erwägung.

Freundliche Grüsse

für Zwischengeschlecht.org


Daniela Truffer (Präsidentin)

Die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org fordert ein Verbot von kosmetischen Genitaloperationen an Kindern und Jugendlichen sowie "Menschenrechte auch für Zwitter!".

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>>> Erste Antwort eines Verantwortlichen auf den Offenen Brief 

«A Gonad For A Gonad, A Lust Organ For A Lust Organ» - Garry L. Warne (left) at the main entrance of '3rd EuroDSD Symposium', Lübeck 20.5.11Friedlicher Protest vor dem "3rd EuroDSD Symposium", Lübeck 20.05.2011
(Bildmitte: Garry L. Warne, Royal Children's Hospital Melbourne)

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>>> Das Medizynermärchen von den "früheren Behandlungsmaßstäben"
>>> "EuroDSD"-Chef Olaf Hiort: "Intersex nur Bruchteil aller Genitalkorrekturen"

>>> Zwangsoperierte über sich selbst und ihr Leben
>>> Genitalverstümmelungen in Kinderkliniken – eine Genealogie der Täter

>>> Friedlicher Protest & Offener Brief DGE 2011
>>> Friedlicher Protest & Offener Brief DGKJ-DGKCH 2010
>>> Friedlicher Protest & Offener Brief APE-AGPD 2010
>>> Friedlicher Protest & Offener Brief 11th EMBL/EMBO 2010
>>> Aktion & Offener Brief Ostschweizer Kinderspital St. Gallen 2011
>>> Aktion & Offener Brief Kinderspital Luzern 2010
>>> Aktion & Offener Brief Inselspital Bern 2009
>>> Aktion & Offener Brief Kinderspital Zürich 2008

Siehe auch:
- "Weder Evidenz noch medizinische Indikation" (Dr. med. Jörg Woweries)
- Kinderkliniken: € 8175,12 Reingewinn pro Genitalverstümmelung
- "Netzwerk DSD/Intersexualität": Ethik-Empfehlungen als Feigenblatt für Zwangsoperateure
- Amnesty Deutschland: "fundamentaler Verstoß gegen die Menschenrechte"
- Genitale Zwangsoperationen an Zwittern vergleichbar mit weiblicher Genitalverstümmelung
- Genitale Verstümmelung & Folgeschäden - AGGPG 1998
- Genitalverstümmler und Zwangsoperateure in Baden-Württemberg
- Lübeck: Klinikdirektor propagiert genitale Zwangsoperationen an Kindern
- Göttingen / Lübeck: Direktor Rolf-Hermann Ringert und Oberarzt Dominique Finas propagieren genitale Zwangsoperationen an Zwittern
- Alice Dreger über EthikerInnen als MittäterInnen
- Anliegen von Zwischengeschlecht.org an den Deutschen Ethikrat 2010 
- Zwangsoperationen an Zwittern: Bundesregierung beugt Grundgesetz Art. 2
- Chirurgische Genitalverstümmelungen: UNO mahnt Bundesregierung
- Schweiz: Terre des Femmes und Amnesty gegen Zwangsoperationen an Zwittern
- "Die Macht der Tabus" - Konstanze Plett über Genitalverstümmelung, amnesty journal 03/08
- Die grosse "Intersex"-Statistik-Lüge
- Wer sind die Täter? Was soll mit ihnen geschehen?