wenn ich bestimmte dinge nicht tue, dann passiert einem menschen, den ich liebe, etwas schlimmes. deshalb mache ich diese dinge immer wieder und es kommen immer wieder neue dazu. oft geht es darum, dass ich einen bösen gedanken habe, was jemanden passieren könnte oder was ich diesem jemanden antun könnte. wenn ich in so einem moment zum beispiel ein kleidungsstück meines freundes bügle und zusammenlege, dann muss ich dieses kleidungsstück wieder ausschütteln und mit zusammenlegen von vorne beginnen, manchmal mehrere male hintereinander, um das böse, diesen bösen gedanken herauszuschütteln, sonst bleibt er im kleidungsstück drin und es passiert etwas schlimmes. wenn ich das nicht mache, weil ich das kleidungsstück nicht nochmals zusammenlegen mag und weil ich diesen stress nicht mehr will, dann ist das egoistisch und böse, wenn ich dies nicht auf mich nehme, nämlich das kleidungsstück nochmals auszuschütteln und mit zusammenlegen von vorn zu beginnen, dann ist das böse, wenn ich durch diese kleine anstrengung doch das schlimme abwenden kann.

das ganze wird immer extremer, ich denke meistens gar nichts böses, habe keine zwangsgedanken in dem sinn, bin eigentlich entspannt, aber wenn ich anfange zu bügeln, dann kommen die gedanken einfach, es ist jetzt also meistens umgekehrt. zuerst war es der gedanke, den ich beim bügeln hatte, jetzt ist es so, dass der gedanke erst beim bügeln kommt, damit ich das alles machen muss. und meistens ist es nicht einmal ein gedanke, sondern ich fange an zu bügeln und dann: wenn du das jetzt nicht nochmals zusammenlegst, passiert etwas schlimmes. es wird immer paradoxer und macht sich immer selbständiger. es ist furchtbar anstrengend, es braucht enorm viel energie und zeit, ich bin jeweils total erschöpft.

etwas anderes ist der gedanke oder die vorstellung, ich schliesse einen bösen gedanken, oder jetzt ist es immer wieder jemanden, den ich liebe, irgendwo ein. wenn ich ein glas öffne, um teigwaren herauszunehmen, dann muss ich dieses immer wieder auf und zuschrauben, jetzt habe ich angefangen zweimal hintereinander viermal den deckel so draufzuknallen und dann darf ich das glas schliessen. dasselbe mit dem olivenöl oder mit dem essig. also manchmal ist es fast so, dass ich denke, der betreffende mensch ist in dem olivenöl gefangen oder in dem glas mit den leinsamen. dann kommt noch ein bild dazu aus einem film, wo ein mensch in einem kornsilo eben, ja, ich will es nicht aussprechen. auch mit den schränken, wenn ich eine pfanne versorge, muss ich die schiebetüre mehrmals hin- und herschieben, sonst schliesse ich irgendwas/irgendwen ein, ich weiss gar nicht mehr, was konkret. auch die pfanne oder einen teller muss ich zuerst auswischen, es könnte etwas drin sein. beim versorgen der pfannen oder teller muss ich eine bogenförmige bewegung vollführen, weil wenn ich sie einfach gerade in den schrank schiebe, bildet diese bewegung mit der leiste des schranks ein kreuz und das heisst, dass etwas schlimmes passiert.

wenn ich ein messer in die hand nehme oder einen hammer oder das gerät, um erde zu lockern in den töpfen, stelle ich mir vor, dass ich mit einem dieser geräte auf meinen hund einschlage, ihn ersteche und erschlage. dann muss ich neinnein murmeln ganz viele male und dazu den kopf ganz schnell schütteln und stossweise ein- und ausatmen, um diesen entsetzlichen gedanken zu büssen, zu tilgen, damit er durch mein leiden, meine mühe wenigstens getilgt ist. immer wenn ich den tiefkühler öffne, stelle ich mir vor, was da alles platz drin hätte, welche körperteile. auch da muss ich murmeln, kopfschütteln, ein- und ausatmen. oder die wassertonne auf der dachterrasse, es kommen einfach immer wieder neue sachen dazu. wenn ich den deckel auf die wassertonne lege und mir vorstelle, ich werfe den hund hinein und mache zu und so weiter, was für ein schrecklicher gedanke, muss ich das wie oben machen, manchmal fast eine minute lang. manchmal ist es so furchtbar, dieses murmeln, kopfschütteln, ein- und ausatmen und ich kann nicht mehr aufhören, bis ich etwas weinen muss oder fluchen.

beim abwaschen, auch dort, ist nicht mehr der gedanke schon da, er kommt erst, wenn ich abwasche. vor kurzem habe ich zum beispiel angefangen abzuwaschen und habe über etwas nachgedacht, plötzlich merkte ich, dass ich schon ein paar sachen ohne zwänge abgewaschen hatte. dann setzten die zwänge erst recht wieder ein, ich musste das doch wieder gutmachen, dass ich da so gedankenverloren abgewaschen hatte. ich muss also einen teller oder eine tasse mehrmals abwaschen und dazu den kopf schütteln, stossweise ein- und ausatmen und nein murren. wenn ich dann endlich fertig bin mit abwaschen, erschöpft und fast am hyperventilieren, dann kommt das mit dem abwaschtuch auswringen. das auswringen ist wie eine würgebewegung, ich erwürge jemanden, quetsche, zerdrücke, wenn ich da an jemanden denke oder einen schlechten gedanken habe, vielleicht einfach wütend bin auf jemanden, muss ich das tuch wieder ganz nass machen, immer wieder. aber eigentlich auch hier: der gedanke ist gar nicht mehr da, er kommt meistens nicht mehr, aber ich muss es jetzt trotzdem machen. jetzt habe ich eine strategie, ich mache das abwaschtuch nur noch leicht nass, um es wieder auszuwringen, das kann bis zu fünfmal hintereinander gehen. dazu immer dieses rasche kopfschütteln.

das ganze macht sich selbständig, ich habe oft gar keine schlechten gedanken, muss aber fast bei jeder bewegung/handlung stossweise ein- und ausatmen, zweimal ein und zweimal aus und dazu den kopf schütteln. zum beispiel vorhin, als ich das geschirrtuch an den haken gehängt habe.

auch wenn ich etwas lese, es gibt wörter, wie tod oder gemetzel oder verbrannt, was auch immer, muss ich das machen mit dem stossweise ein- und ausatmen, damit dieses wort, was in diesem wort drin ist, nicht übergreift auf mich oder auf meine lieben. auch bei todesanzeigen. ich habe jetzt zum beispiel auch mühe, diese wörter überhaupt zu schreiben.

das frotteetuch muss ich auch immer mehrmals ausschütteln und über die stange hängen, oder die wäsche, wenn ich sie aufhänge. jemanden aufhängen, über ein seil legen, baumeln lassen, solche gedanken kommen mir dann, ich muss also das hemd wieder abhängen und ausschütteln, mehrmals, bis es endlich stimmt. und da es eben eigentlich gar nie stimmen kann, muss ich es wenigstens mehrmals machen, etwas leiden, um alles zu tilgen. das heisst es gelingt mir ja nie, den gedanken wirklich wegzuschieben, ausser ich bewege meine augen ganz schnell, schaue ganz schnell verschiedene dinge an, um den gedanken zu vertreiben. aber meistens geht es ja nicht. wenn ich zum beispiel etwas bügle und dabei denke, ich verbrenne jemanden mit dem bügeleisen, dann schüttle ich das kleidungsstück aus und beginne von vorne. beim zweiten mal ist der gedanke ja dann nicht weg, deshalb muss ich es mehrmals machen, um zu tilgen, und dazu dieses kopfschütteln, stossweise atmen und neinnein murmeln.

wenn ich die haare föne und fertig bin damit, muss ich mich im spiegel anlächeln. das lächeln muss echt sein, sonst heisst es, dass ich nichts zum lachen habe, das heisst, dass etwas schlimmes passiert. oder eben auch wieder: wenn ich jetzt sage, schluss, das mache ich nicht mehr, ich schaue in den spiegel, wie ich mich gerade fühle, und stelle den fön ab, wann ich will, dann ist das wieder egoistisch, du forderst das schicksal heraus. einmal wollte ich das machen, dachte dann aber, nein, jetzt ist mein freund gerade aus dem haus, ich mache es lieber an einem tag, wenn er da ist. aber auch dann könnte ich es nicht machen. also lächle ich immer, bis es stimmt, was fast unmöglich ist, und stelle den fön dann ab. beim wegräumen darf der fön aber zum beispiel nicht auf den bademantel meines freundes zeigen, sonst muss ich ihn wieder anstellen und von vorne beginnen. das mit dem lächeln hat sich jetzt auch selbständig gemacht. im büro mache ich das, wenn ich auf die toilette gehe. ich kann nicht mehr einfach in den spiegel schauen, müde oder schlecht gelaunt oder einfach ernst, nein, ich muss das mit dem lächeln machen. neu dazu gekommen ist jetzt, dass wenn ich mich dabei zu stark auf die augen oder auf die nase oder den mund konzentriere, dann heisst das: böse gegen das auge, ich verliere das auge, oder nase ab oder so. nein, nein, gell nicht, das muss ich jetzt schreiben, weil sonst passiert das wirklich, habe ich das gefühl. völlige scheisse, es ist unglaublich, es wird immer schlimmer, ich halte es fast nicht mehr aus. jetzt zucke ich auch wieder mit den halsmuskeln wie früher.

als kind schlug ich mir immer mit dem knöchel des mittelfingers auf die stirn, wenn ich einen ‚bösen gedanken’ hatte. ich hämmerte immer öfter und immer stärker, sehr oft so lange, bis mir der kopf wehtat.


Nella, 14. Mai 2003

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