In einem früheren Post haben wir über den Spielfilm "XXY" berichtet, der von einem jungen intersexuellen Menschen erzählt. Wir haben darauf hingewiesen, dass der Titel des Films höchst problematisch, da missverständlich und irreführend ist, weil XXY auf das Klinefelter-Syndrom hinweist, die Protagonistin im Film jedoch das Adrenogenitale Syndrom (AGS) hat. Wir haben diesbezüglich unter anderem mit dem Schweizer Verleiher Xenix Kontakt aufgenommen.

In der Zwischenzeit hat sich der Schweizer Verleiher wieder bei mir gemeldet und mir angeboten, für die Pressemappe zum Film ein kleines Glossar zu verfassen, das auf die Folgen einer Verwechslung der beiden Symptome hinweisen soll.

Untenstehend das nun der Pressemappe beigefügte Glossar, das ich in Koordination mit der Klinefelter-Selbsthilfe Schweiz und Deutschland verfasst habe:


"XXY": Medizinisch problematischer Filmtitel

Die Protagonistin im Film XXY wurde mit dem Adrenogenitalen Syndrom (AGS) geboren und nicht, wie der Filmtitel fälschlicherweise suggeriert, mit dem Klinefelter Syndrom.

Klinefelter Syndrom (XXY)
Bei Klinefelter kommt unter anderem der Chromosomensatz XXY vor. Kinder mit Klinefelter werden als Knaben geboren, sind jedoch aufgrund einer reduzierten Testosteronproduktion nicht zeugungsfähig. In der Pubertät wird der bestehende Hormonmangel durch die Gabe von Hormonpräparaten ausgeglichen. Bei Menschen mit Klinefelter liegen normale männliche Genitalien vor. Es werden somit keine genitalen Zwangsoperationen durchgeführt.

Adrenogenitales Syndrom (AGS)
Menschen mit AGS haben einen weiblichen Chromosomensatz (XX), Eierstöcke und Gebärmutter. Das äussere Genital vermännlicht jedoch bereits im Mutterleib aufgrund einer Überproduktion von Testosteron in der Nebennierenrinde. Kinder mit AGS werden in der Regel leider immer noch massiv an ihrem Genital zwangsoperiert, was auch im Film "XXY" thematisiert wird.

Diese beiden real existierenden Diagnosen unterscheiden sich also gravierend. Bei Klinefelter kann definitionsgemäss nicht einmal von Intersexualität gesprochen werden. Eine Verwechslung kann sich für Betroffene fatal auswirken: werdende Eltern eines 'XXY'-Kindes könnten den Eindruck gewinnen, dass ihr Kind die im Film dargestellten Syndrome entwickeln wird, was zu Verunsicherung und schwerwiegenden Fehlentscheidungen führen könnte.

Weitere Informationen:
http://zwischengeschlecht.info
http://klinefelter.ch
Daniela Truffer (kontakt_at_intersex.ch)

Betroffene und ihre Organisationen appellieren an die Medien, ihre Verantwortung wahrzunehmen und auf obige Fakten hinzuweisen.


Und – wie schon im ursprünglichen Post nachgetragen: Auf der Xenix-Homepage steht nun erfreulicherweise auch nicht mehr der fragwürdige Satz:

Alex ist fünfzehn – und aufgrund des seltenen Chromosomensatzes XXY ist sie beides: Junge und Mädchen.

Dieser wurde abgeändert zu:

Alex ist fünfzehn – und trägt ein grosses Geheimnis in sich.
Aufgrund einer seltenen Laune der Natur ist sie beides: Junge und Mädchen.

Ein herzliches Dankeschön dem Schweizer Verleih Xenix!

Bleibt zu hoffen, dass der auch angeschriebene Deutsche Verleih ebenfalls einsichtig reagiert ...

Nachtrag: Kool Film hat inzwischen ebenfalls den geänderte Werbetext übernommen, und sogar noch einen Link auf die Selbsthilfegruppe zwischengeschlecht.org. Dazu gibt es eine weitere Seite "Background", welche die Unterschiede zwischen AGS und dem Klinefelter Syndrom erklärt, inkl. Links auf (mehrheitlich) "intersexuelle" Selbsthilfegruppen.

Dafür ebenfalls schon mal herzlichen Dank an den Deutschen Verleiher Kool Film!


XXY auf zwischengeschlecht.info:      

XXY - Ein menschlicher Film über Zwitter

XXY - argentinischer Spielfilm über jungen zwischengeschlechtlichen Menschen

Berichte zum Deutschlandstart von "XXY"

Schwullesbisches Filmfestival "Pink Apple" missbraucht Zwittersymbol

Einmal mehr: Kölner Frauenfilmfestival setzt "intersexuell" = transsexuell