Prof. Claire Nihoul-Fékété

- über unzufriedene Zwangsoperierte:

"Diese Debatte [von Unzufriedenen mit den Zwangsoperationen] ist völlig einseitig und ist im Begriff zu erlöschen", bestätigt Doktor Claire Fékété, Abteilungsleiterin für viszerale pädiatrische Chirurgie am Necker Spital für kranke Kinder (Paris) und Spezialistin für diese Missbildungen. "Sie wurde durch 30-40-jährige Erwachsene begonnen, selber von DSD betroffen, die während einer Zeit behandelt und operiert wurden, in der man nicht über die aktuellen therapeutischen Mittel verfügte, und die berechtigterweise forderten, dass man lieber nichts mache als das. Jedoch waren die Fortschritte seither beachtlich, sei es in der Diagnostik wie auch in der Prognostik. Die Ursache einer DSD kann heute in 85% der Fälle bestimmt werden. Und meistens kann man also ziemlich ausdrücklich abschätzen, wie der Erwachsene sich nach der Pubertät verhalten wird."

Soll man dennoch operieren?  "Wir erklären den Eltern, dass wir die Möglichkeit haben, mittels eines chirurgischen Eingriffs die Optik und die Organe ihres Kindes in dem ihnen passenden Augenblick mit dem vorgeschlagenen Erziehungsgeschlecht in Übereinstimmung bringen können", fährt sie fort. "Und ich kann Ihnen sagen, dass in den meisten Fällen die Eltern einen vorzeitigen Eingriff wünschen. Manchmal beginnen sie damit, ein bisschen warten zu wollen, aber sie kommen drei Monate später zurück." Zu schmerzhaft, einer Kinderkrippe, einer Tagesmutter ein Kind mit nicht konformen Genitalien anvertrauen zu müssen. Zu schwierig, die Geschlechtsunklarheit zu akzeptieren.

Quelle: Le Monde, 08.08.2009 (französisch).

(Bezeichnenderweise ist in diesem Zeitungsartikel durchgehend u.a. von "Schwulen, Lesben und Transsexuellen", "Problemen mit der sexuellen Identität", von "Gender" und der "Ikone Judith Butler" die Rede, die Stichworte "Menschenrechte", "Ethik" oder "körperliche Unversehrtheit" werden jedoch nicht einmal erwähnt, und von den eigentlich "Betroffenen", den Zwittern nämlich kommt kein einziger zu Wort. Die einzigen konkreten und kritischen Worte zu den Zwangsoperationen stammen vom Genfer Psychologen François Ansermet.)


- über die unbedingte Notwendigkeit von genitalen Zwangsoperationen:

Beeinflusst chirurgische Genitalplastik die Geschlechtsidentität bei intersexuellen Kindern?

Nihoul-Fékété C.

Chirurgie Pédiatrique, Hôpital des Enfants Malades, Paris, France. claire.fekete@nck.ap-hop-paris.fr

[...] Wir glauben, dass die chirurgische Schaffung eines mit dem Erziehungsgeschlecht übereinstimmenden Phänotyps für die Eltern eines intersexuellen Kindes überaus hilfreich ist. Unserer Ansicht nach stellt die 'neutrale' Erzeihung eines Kindes mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen keine praktikable Option dar, erstens wegen der Belastung der Eltern, die sie davon abhält, ihr Kind normal zu erziehen, und zweitens, weil weltweit in den meisten Kulturen Gender Variationen nicht als gleichberechtigt behandelt werden. Eine neutrale Erziehung kann psychosoziale Konsequenzen nach sich ziehen, die schädlicher sind als eine sorgfältig gewählte Geschlechtszuweisung beim Neugeborenen mit entsprechender chirurgischer Genitalplastik .[...]

Quelle: Horm Res. 2005;64 Suppl 2:23-6 (englisch)

CN Fékété präsentiert neueste Verstümmelungstechniken,
Kongress Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie DGE,
Magdeburg, 7. März 2001
(Quelle: "Das verordnete Geschlecht")

- über chirurgische "Reparaturen" und 10-fache Zwitterrate dank Pestiziden:

Geschlecht: die Anomalien reparieren

[...] Die Medizin hat heute Lösungen, man kann eine Scheide, ein Jungfernhäutchen, eine Klitoris operieren und rekonstruieren, aber auch einen Penis aufrichten, ihn dicker machen.

Martine Allain-Regnault und Laurent Broomhead empfangen drei Spezialisten dieser technisch heiklen und menschlich schwierig zu überwindenden Probleme, um uns zu erklären, wie es möglich ist zu intervenieren, um all diesen Patienten die Möglichkeit zu geben, eine normale Sexualität zu haben.

Die Experten im Studio

Professor Claire Fékété, viszerale Chirurgin am Krankenhaus Necker enfants malades.
Professor Charles Sultan, Abteilungsleiter der pädiatrischen Endokrinologie am CHU Montpellier.
Doktor Pierre Foldès, urologischer Chirurg

Die Reportagen

Sexuelle Missbildungen und Pestizide
Im 2002 wurden alle Neugeborenen einer Frauenklinik in Montpellier untersucht. Ergebnis: von 1000 Geburten bei den Jungen litten 24 Säuglinge an sexuellen Missbildungen, 10 Mal mehr als die normale Quote! [...]

Quelle: France 2, Sa 31. Mai 2003, 13:50 Uhr (französisch)

- über "ziemliche Gewissheiten" und "polemische" Ausländer:

Wie verändert man das Geschlecht eines Menschen? Wenn bei einem sehr kleinen Kind eine Störung der geschlechtlichen Differenzierung diagnostiziert wird, wird in Europa sehr früh operiert.  "In 85% der Fälle kann man mit ziemlicher Gewissheit sagen, in welche Richtung das Kind sich entwickeln wird (ein Mädchen oder ein Junge werden wird)", bemerkt Dr. Claire Fékété. Das Geschlecht wird mit dem Einverständnis der Familie gewählt und die Eltern erziehen das Kind in diesem Sinn. Fehler können katastrophale Folgen haben. Es gibt aktuell eine Polemik in den Vereinigten Staaten. Mehrere Erwachsene, die während der Kindheit solche Eingriffe erlitten haben finden, dass sie es vorgezogen hätten, mit einem unbestimmten Geschlecht zu leben. 

Quelle: Le Figaro, 21.8.2009 (französisch)

Prof. Claire Nihoul-Fékété und Dr. Stephen Lortat-Jacob:

- über "70% gute Resultate" und "'normales' Sexualleben":

Chirurgische Behandlung von uneindeutigem Genitale beim Kind

CN Fékété, S Lortat-Jacob & H Lottmann

Pädiatrische Chirurgie – Hospital “Enfants Malades”, Paris, France.

Unsere Erfahrung von post-pubertären Resultaten basiert auf unserer 2001 durchgeführten survey von 270 Genitalplastiken; kommen zur Schlussfolgerung, dass frühe EINZEITIGE Genitalplastik in 70% aller Fälle zu einem guten Resultat führt. In dieser Serie gab es keine genaue Übereinstimmung von anatomischem Resultat und dem Erreichen eines "normalen" Sexuallebens.

Quelle: Endocrine Abstracts (2006) 11  S79 (englisch)
 

Dr. Stephen Lortat-Jacob:

- über "möglichst rasche Operationen" und 'fast richtige' Zuweisungen:

Stephen Lortat-Jacob, pädiatrischer Chirurg am Krankenhaus Necker enfants malades in Paris:

"Es gibt nicht immer die richtige Wahl, aber es hat oft eine weniger schlimme. Persönlich versuche ich, so rasch als möglich zu operieren, um das Alter von 2 Jahren herum, sagt Stephen Lortat-Jacob. Ein Kind ohne bestimmtes Geschlecht aufzuziehen, indem man ein uneindeutiges Organ belässt, wäre ideal, aber sozial ist es extrem schwierig."

Quelle: Largeur.com, 06.01.2010 (französisch)
 

"Kampf für die Menschenrechte Intersexueller" in Frankreich

Menschenrechte auch für Zwitter!Im Film "L′ordre des mots" von Cynthia und Mélissa Arra aus dem Jahre 2007 ist Vincent Guillot der einzige "intersexuelle" Protagonist. Laut der Ankündigung auf lescomplices.ch (zu unterst) geht es darin hauptsächlich um die "Strategien der Gruppe GAT (Groupe Activiste Trans)". Im Trailer zum Film (französisch mit englichen Untertiteln) werden "Intersexualität" oder gar genitale Zwangsoperationen an Zwittern gar nicht erst angesprochen.

Soweit, so symptomatisch.

Vincent Guillot war ursprünglich Trans-Aktivist und gründete "auf Anfrage des OII-Gründers" 2005 die "Europäische Sektion" von Organisation Intersex International (OII) und war lange Jahre OII-Sprecher für Europa und Frankreich. (Selbst bezeichnet er sich vollmundig als "Gründer der Intersexbewegung in Europa" – ein Prädikat, das meines Wissens nach wohl eher Heike Bödeker und Michel Reiter bzw. der AGGPG zustehen würde.)

In einem Beitrag in "Nouvelles Questions Feministes" Vol. 27  No. 1 / 2008 (>>> Nellas Bericht zur Veranstaltung dazu + Teilrezension) beschrieb Vincent Guillot S. 144-151 "die Entstehung und die Aktivitäten" von OII Europa. Dabei dominieren die üblichen Tiraden gegen ISNA im allgemeinen und Chase/Dreger im Besonderen. Herculine Barbin wird kurz erwähnt, hauptsächlich geht es dann um Hijaras, Gender, Queer, Transsexuelle und LGBT. Immerhin, auf S. 148 finden sich zwischendurch einige Zeilen zu konkreten Aktivitäten (namentlich Austausch mit Soziologen und Athropologen über "Genderfragen", "Auftritte an anzahlreichen Radiosendungen und in Artikeln der LGBT-Presse sowie allgemeinen Medien", "theoretisieren über die Frage der Intersexualität", sowie ein Treffen von "Intersexuellen"), gefolgt von 2 weiteren Seiten ISNA-Bashing. Menschenrechte, politsche Aktionen oder nur schon konkrete Kritik an ZwangsoperateurInnen wie z.B. Madame Nihoul-Fékété sucht Mensch vergebens.

Dafür listet die aktuelle französischsprachige Europapage von OII seit 2006 zualleroberst unter "unsere Ziele" prominent an erster Stelle: "Kampf um Menschenrechte für Intersexuelle". Konkrete Aktivitäten zu diesem löblichen Vorsatz sind auf der betreffenden Seite allerdings nach wie vor keine vermerkt.

Immerhin: Unter "Aktualitäten" hat's oben rechts zwar die eine oder andre Aktion verlinkt, z.B. diese aus Belgien von Genres Pluriels (Video), wo "Intersexuelle" immerhin auf dem Transparent miterwähnt sind (auch wenn sie ansonsten ebenso wie z.B. Kampf gegen Zwangsoperationen oder für Menschenrechte auch für Zwitter konkret dann ebenfalls lediglich durch Abwesenheit auffallen). Und zuoberst gar hat's einen Link auf eine "Intersex Demo" (französisch) – keine andre als die von Zwischengeschlecht.org organisierte vor der UNO in Genf vom 26.1.09. (Auf dem englischsprachigen OII-Blog gab's seinerzeit eine Übersetzung dazu, der Einfachheit halber gleich unter dem Titel "OII demonstrates before the UN in Genva, Switzerland" – ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Dito auch zu dieser Page vom 22.2.10 (französisch), wo's um "RepräsentantInnen der Organisation Intersex International (OII)" geht, und dann im nächsten Satz als Beispiel – ausgerechnet – die "sexuelle Identität" einer gewissen "Daniela [Nella] Truffer" abgehandelt wird.)

Unterdessen hat allem Anschein nach bei OII Frankreich der Verein Orfeo (französisch) das Szepter übernommen. Dort wird unter Aktuelles (fr) eine Eingabe von Orfeo an den französischen Senat (fr) vermeldet, auf die gleich 2 Antworten kamen, eine vom Büro des Präsidenten Sarkozy (fr), und eine weitere vom Kabinettchef des Justizministeriums (fr). Und zum 20. Jubiläum der Kinderrechtskonvention kam es am 20.11.09 zu einem ausführlichen Gespräch mit der staatlichen Verteidigerin der Kinderrechte (fr).

Soweit, umso besser.

Und last but not least: In einem kanadischen Fernsehfilm "The third Sex" (englisch) von 2009 kreuzte Vincent Guillot schliesslich doch indirekt die Klingen mit der darin ebenfalls interviewten infamen Prof. Claire Nihoul-Fékété, und bezeichnet die an ihm selbst verbrochene genitale Zwangsoperation unmissverständlich als "Verstümmelung". Und zum oben auszugsweise übersetzten Le Monde Artikel vom 8.8.09 (französisch) verfasste er einen am 11.8.09 in einem Forum publizierten kritischen Leserbrief (französisch). Chapeau! 

(Danke an Nella für die Übersetzungen aus dem Französischen)

Nachtrag zur Veranstaltung im "Les Complices*" vom 4.4.10:

(Obiger Post erschien zur als Einstimmung zur Veranstaltung im "Les Complices" in Zürich am Ostersonntag 4.4.10 mit einen Film über "sechs transsexuelle, intersexuelle und genderqueere Menschen in Frankreich" mit anschliessender "Diskussion über inter- und transsexuelle Politiken in Frankreich und der Schweiz" >>> Ankündigung)

Der Film "L'ordre des Mots" war gelungen und interessant. Zwar war Vincent Guillot der einzige Zwitter, der darin zu Wort kam (als Letzter), so dass er einerseits bisschen wie ein Fremdkörper wirkte, andrerseits kam es so auch nicht zu den sonst allzu oft üblichen, peinlichen und politisch schädlichen Vereinnahmungen und Vermischungen. Vincent redete Klartext über seine Geschichte, es gab auch Ausschnitte aus Vorträgen von ihm. Er kritisierte zudem auch Madame Fékété einmal namentlich und einmal umschrieben als "die Hohepriesterin der Zwangsoperationen". Die den Film anschliessende Sequenz über Aktionen der Groupe Activiste Trans (GAT) war grosse Klasse – davon könnten sich noch manche Zwitterbewegungen mehr als nur eine Scheibe abschneiden!

In der anschliessenden Diskussion redete Vincent Guillot wiederum Klartext über seine Geschichte (siehe auch das Interview mit ihm in der WoZ vom 13.5.10), er wusste zudem viele interessante Details über die Geschichte der Zwtterbewegung in Frankreich sowie über den Behandlungsstandard in Kanada (wo nicht mehr die Chirurgen und Endokrinologen mit den Eltern "verhandeln", sondern Psychologen und Sozialarbeiter, was ja auch eine Forderung von Zwischengeschlecht.org ist – so würden zwar weniger Eltern ihr Kind genitalverstümmeln lassen, aber immer noch die Mehrzahl, was enmal mehr verdeutlicht, weshalb es ein gesetzliches Verbot braucht).

Auch aus dem Publikum gab's spannende Wortmeldungen z.B. zum Behnadlungsstandard in Lausanne (wo scheints keine Kleinkinder mehr operiert werden – dafür werde aber neuerdings grosser Druck ausgeübt, das dann einfach etwas später "nachzuholen", etwa, wenn die Kinder 7 Jahre alt sind – was ebenfalls die Notwendigkeit konkreter gesetzgeberischer Massnahmen unterstreicht).

Zwar "genderte" es trotzdem da und dort etwas in der Diskussion, jedoch zum Glück ohne wirklich überhand zu nehmen. Alles in allem ein interessanter und spannender Abend. Danke!

>>> Interview mit Vincent Guillot in der WoZ von Bettina Dyttrich