Zwischengeschlecht.info

To content | To menu | To search

D > Neue Statistik-Studie: Intersex-Genitalverstümmelungen nehmen zu, nicht ab!

Bild: Intersex-Protest vs. die verstümmlerfreundliche Ethikrat-Stellungnahme, 23.02.2012

FrançaisEnglishVerein Zwischengeschlecht.orgSpendenMitglied werdenAktivitäten

2016 erschien in Deutschland erstmals eine wissenschaftliche Studie mit offiziellen Statistiken zu nicht-eingewilligten, aufschiebbaren Genitaloperationen und sterilisierenden Eingriffen and Intersex-Kindern (a.k.a. IGM-Praktiken), welche die üblichen leeren Behauptungen der GenitalabschneiderInnen ("früher war es vielleicht schlimm, aber heute wird nicht mehr operiert") mit offiziellen Zahlen Lügen strafte: für den Zeitraum 2005-2014 blieb nämlich die Anzahl relevanter Eingriffe an Kindern auf hohem Niveau konstant, nämlich im Durchschnitt bei über 1700 IGM-OPs pro Jahr!

Trotz dieser eindeutigen Sachlage wurde die Studie prompt von den IGM-TäterInnen und -KomplizInnen bald nach Erscheinen als als angeblich "veraltet" zurückgewiesen: mit der (unverbindlichen) neuen AWMF-D$D-Leitlinie 174/001 von 2016 wären Intersex-Genitalverstümmelungen nun diesmal aber endgültig Geschichte ...

Die heute veröffentlichte, neue >>> Follow-up-Studie 2019 (von Josch Hoenes, Eugen Januschke und Ulrike Klöppel) | PDF-Download | Artikel im "Tagesspiegel" (04.02.) | "Buzfeed News" (04.02.) | "Focus" (06.02.) | "Berliner Morgenpost" (13.02.) | "Westfälische Rundschau" (13.02.) | dts Nachrichtenagentur (13.02) | queer.de (13.02.) straft die VerstümmlerInnen erneut Lügen:

Auch 2015 und 2016 nahmen IGM-OPs nicht ab, sondern im Fall von IGM2 "verweiblichende Genitalkorrekturen" und IGM1 "vermännlichende Genitalkorrekturen" gar nochmals zu, auf insgesamt 2079 OPs im Jahr 2016! (Die Follow-up-Studie nennt leider keine Zahlen mehr bezüglich IGM3 sterilisierende Eingriffe; allerdings wird in der "Einführung" auf S. 7 (= S. 9 im PDF) angemerkt, dass auch IGM3 in ähnlichem Umfang weiterhin praktiziert wird wie in der 2016er-Erststudie dokumentiert. Weiterhin enthält auch die 2019er-Follow-up-Studie erneut keinerlei Angaben zur geographischen Verteilung der Eingriffe, d.h. nach Bundesländern und Kliniken, was den betroffenen GenitalabschneiderInnen und KomplizInnen das Weiterverstümmeln bestimmt unnötig erleichtert.)

Erfreulicherweise findet die Herausgeberin Katja Sabisch in ihrem Vorwort deutliche Worte zu diesen Erkenntnissen:

"[...] Die Zahlen der feminisierenden und maskulinisierenden Operationen an intergeschlechtlichen Kindern sind nicht rückläufig; ein Umdenken hat nicht stattgefunden – trotz intensiver Diskussionen mit und unter Mediziner*innen, trotz eines öffentlichen Diskurses über geschlechtliche Vielfalt und trotz fehlender Evidenz, dass diese Operationen einen positiven Effekt haben.

Dass Operationen an den Genitalien von nicht‐einwilligungsfähigen intergeschlechtlichen Kindern Menschenrechtsverletzungen darstellen, müsste mittlerweile völlig unstrittig sein. Denn es handelt sich dabei um eine höchst invasive und folgenschwere Verletzung der Persönlichkeitsrechte. Allerdings zeigt die von Josch Hoenes, Eugen Januschke und Ulrike Klöppel durchgeführte Studie eindrücklich, dass sich nichts geändert hat – trotz Diskurs, Gutachten und Stellungnahmen. Es wird weiter operiert, ganz gleich, wie viele Runde Tische und Anhörungen es auch geben mag.

Auf die Frage, wie die Mensch[en]rechtsverletzungen zu stoppen sind, gibt es daher nur eine Antwort: durch ein Verbot von kosmetischen Operationen am Genitale, und zwar unabhängig von Diagnosen und medizinischer Deutungsmacht. Durch die Studie „Intersexualität in NRW“ wurde deutlich, dass ein solches Verbot einen mehrfach positiven Effekt haben kann. Denn es werden nicht nur Menschen‐ und Kinderechte gewahrt; ein Verbot befreit auch Mediziner*innen und Eltern von einem Zwang zur Entscheidung.

Folglich schafft ein Verbot Klarheit. Also wird es höchste Zeit, dass durch ein klares Verbot von kosmetischen Operationen an Kindern in nicht‐einwilligungsfähigem Alter der Schutz der Menschenrechte sichergestellt wird."

Dafür an alle Beteiligten von diesem Blog ein ganz herzliches Dankeschön!

>>> Intersex-Genitalverstümmelungen: Typische Diagnosen und Eingriffe
>>> Zwangsoperierte Zwitter über sich selbst und ihr Leben
>>> IGM – eine Genealogie der TäterInnen

Siehe auch:
- "Nur die Angst vor dem Richter wird meine Kollegen dazu bringen, ihre Praxis zu ändern" 
- "Schädliche medizinische Praxis": UNO, COE, ACHPR, IACHR verurteilen IGM 
- 38 UN Rügen für Intersex-Genitalverstümmelungen
"Schädliche Praxis" und "Gewalt": UN-Kinderrechtsausschuss (CRC) verurteilt IGM
- "Unmenschliche Behandlung": UN-Ausschuss gegen Folter (CAT) verurteilt IGM
- "Schädliche Praxis" zum Zweiten: UN-Frauenrechtsausschuss (CEDAW) verurteilt IGM
- UN-Menschenrechtsausschuss (HRCttee/CCPR) verurteilt IGM-Praktiken
- UN-Behindertenrechtsausschuss (CRPD) verurteilt IGM-Straflosigkeit in Deutschland

Input von Daniela Truffer zum "Fachtag Intersex"
  • IGM Überlebende – Danielas Geschichte
  • Historischer Überblick:
     "Zwitter gab es schon immer – IGM nicht!"
  • Was ist Intersex?  • Was sind IGM-Praktiken?
  • IGM in Hannover  • Kritik von Betroffenen  • u.a.m.
>>> PDF-Download (5.53 MB)