Menschenrechtskommissar des Europarates verurteilt Intersex-Genitalverstümmelungen (IGM)

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Zwischengeschlecht.org on FacebookIn einer aktuellen Stellungnahme (englisch | französisch) verurteilt der Menschenrechtskommissar des Europarates, Nils Muižnieks explizit "Korrekturoperationen und -Behandlungen ohne Einwilligung an Intersex-Babies und -Kleinkindern", "die kosmetisch sind statt medizinisch notwendig" und "gewöhnlich traumatisierend und erniedrigend", "oft mit Komplikationen" verbunden sowie mit "Langzeitfolgen für die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden der Betroffenen", und die einen "Verstoß gegen das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung der Betroffenen" darstellen. Weiter kritisiert die Stellungnahme u.a. "mangelnde Transparenz bezüglich Statistiken über Operationen an Intersex-Kindern", und fordert Zugang zu Peer-Support für Eltern und Betroffene.

Zur Untermauerung seiner Kritik bezieht sich der Menschenrechtskommissar wiederholt prominent auf mit Input von Zwischengeschlecht.org entstandene Dokumente, darunter die explorative Studie über tendenziöse Elternberatung von Streuli, Cavicchia-Balmer et al. (englisch | deutsch), die Stellungnahme der Nationalen Ethikkommission (NEK-CNE) und den Report des UN-Sonderberichterstatters über Folter (UN-SRT), auf welche Zwischengeschlecht.org Berater des Kommissars fortlaufend persönlich aufmerksam machte. 

Meine 2 Cent: Leider erwähnt der Menschenrechtskommissar mit keinem eigenen Wort, dass es sich bei den kritisierten Eingriffen meist um kosmetische Genitaloperationen an Kindern handelt, noch überhaupt, dass eine der häufigsten Klagen über Komplikationen und Langzeitfolgen Verminderung oder Verlust der sexuellen Empfindungsfähigkeit betrifft; ebensowenig werden kosmetische Kastrationen und dadurch entstehende, lebenslange Abhängigkeit von künstlichen Hormonen irgendwo angesprochen. Zwar erwähnt die Stellungnahme wiederholt Gesetzgebungen und gesetzgeberische Maßnahmen, jedoch kein einziges Mal konkret in Verbindung mit der Beendigung der andauernden Intersex-Genitalverstümmelungen, sondern – Überraschung! – einmal mehr hauptsächlich im Zusammenhang mit "Diskriminierung" und "Personenstand". Damit bleibt der Menschenrechtskommissar leider deutlich hinter der (in der Stellungnahme erwähnten) Resolution 1952 (2013) des Europarates zurück, ebenso hinter NEK-CNE und UN-SRT.

Weiter kolportiert Muižnieks unhinterfragt das Märchen von angeblichen "neuen Option zum Offenlassen des Geschlechtseintrags in Deutschland". Zwar hält Muižnieks dazu immerhin fest, "die praktischen Konsequenzen dieser Gesetzesänderung müssen sich erst noch zeigen", doch angesichts der dieses Frühjahr vom Bundesrat dazu beschlossenen Verwaltungsvorschrift, welche ausdrücklich MedizynerInnen als einzige "ExpertInnen" festschreibt (und gleichzeitig einen Alternativantrag (Ziff 7 | PDF S. 7-8), der die Befürchtung Betroffener ernst nahm und ihr Selbstbestimmungsrecht stärken wollte, ablehnte, vgl. Protokoll PDF --> S. 53 (C)), stellt sich die Frage, wie lange der Menschenrechtskommissar da noch kritiklos zuwarten will, während Bundestag, Bundesrat, Bundesregierung & Co. gemeinsam mit den MedizynerInnen weiterhin die Menschenrechte von Zwitterkindern mit Füßen treten.

Diese bedauernswerten Mängel werden dadurch noch verstärkt, dass der Menschenrechtskommissar als Aufhänger für seine Stellungnahme ausgerechnet den "International Day against Homophobia and Transphobia" wählte, bei dem Zwitter (außer in Leipzig!) einmal mehr bloss "mitgemeint" sind, und der (im Gegensatz zur Europarat-Resolution 1952) weder Genitalverstümmelungen noch körperliche Unversehrtheit oder Kinderrechte ins Zentrum stellt.

Trotzdem stellt die aktuelle Stellungnahme des COE-Menschenrechtskommissars Nils Muižnieks unter dem Strich einen begrüßenswerten Fortschitt dar, insbesondere im Vergleich zu Verlautbarungen seines Vorgängers, der Zwitter noch ausschließlich als "irgend eine Unterform von Transsexuellen" zu verstehen schien. Dafür an Nils Muižnieks sowie an die zuarbeitenden OII und ILGA ein herzliches Dankeschön!

Intersex Genital Mutilations
Human Rights Violations Of Children With Variations Of Sex Anatomy

2014 NGO Report to the UN Committee on the Rights of the Child (CRC)
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>>> Intersex-Genitalverstümmelungen (IGMs): Typische Diagnosen und Eingriffe
>>> IGMs – eine Genealogie der TäterInnen