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David Reimer: Klage gegen John Money – erfolglos wegen Verjährung

Zwischengeschlechtliche ehren Milton Diamond, Hamburg 30.1.08

Schluss mit genitalen Zwangsoperationen!In einem Interview mit Milton Diamond von Hertha Richter-Appelt anlässlich des "2. Interdisziplinären Forum zur Intersexualität" vom 30.1.08 (publiziert in Zeitschrift für Sexualforschung 2008; 21; 369 – 376) erzählt Diamond, wie David Reimer 1997 seinen Peiniger John Money verklagen wollte – mit demselben Ergebnis, das es auch viele zwangsoperierten Zwittern verunmöglicht, auf gerichtlichem Wege Gerechtigkeit zu erfahren:

Da die Medizyner ihre Verbrechen mit Vorliebe an Kleinkindern begehen, sind diese längst verjährt, wenn die Opfer endlich im Stande wären, juristisch gegen die Täter vorzugehen ...

Auch sonst bietet das Interview interessante Einblicke, nachfolgend einige Auszüge:

1979 plante die BBC eine Sendung, in der der Psychiater von David interviewt wurde. Und der sagte, David, der damals 13 oder 14 Jahre alt war, verhalte sich keineswegs wie ein Mädchen. Auch Money hatte ein Interview zugesagt, sagte aber wieder ab, nachdem man ihn mit der Entwicklung von David konfrontierte. Also rief die BBC mich an, schließlich musste die Sendezeit gefüllt werden. [...]

Später versuchte ich, jemanden zu finden, der [David Reimer] kannte oder etwas über ihn wusste. Und tatsächlich fand ich seinen Endokrinologen, David bekam ja die ganze Zeit Östrogene. Mit ihm nahm ich Kontakt auf und er sagte mir: „Stopp, suchen sie nicht weiter. Reden Sie mit niemandem über diesen Fall und lassen Sie die ganze Geschichte auf sich beruhen.“ Ich wollte aber mehr wissen und stieß schließlich auf Davids Psychiater. Als ich ihn anrief, war sein erster Satz: „Ich war gespannt, wie lange Sie brauchen würden, um mich ausfindig zu machen.“

[...] Wir unterhielten uns lange und wurden später gute Freunde. Aber er hatte Angst um seinen guten Ruf und seinen Job, weil er anderer Meinung war als Money. [...] Erst Jahre später fragte der Psychiater dann David, ob er mich treffen wolle – und er hat zugesagt. Zunächst versuchte ich noch, Money zu kontaktieren, aber der nahm mich nicht ernst und so reiste ich 1995 nach Kanada, um David zu treffen. Unser Gespräch war sehr gut und David war erstaunt darüber, wie berühmt er war. Er hatte nie erfahren, dass jemand über ihn schreibt.

[...] Zu diesem Zeit punkt muss [David Reimer] 30 Jahre alt gewesen sein, schon seit seinem 14. Lebensjahr lebte er aber wieder als Mann. Er hatte damals seinen Eltern mit Suizid gedroht, falls man ihm das nicht gestatten würde. Als ich ihm die Hintergründe seiner Geschichte erzählte, wurde er sehr böse. Aber er wollte auch nicht aus der Anonymität heraustreten, um seine adoptierten Kinder nicht zu belasten.

1997 schrieben wir dann einen Aufsatz (11), der auf riesiges Interesse stieß: Viele Zeitungen und Zeitschriften berichteten darüber. Und natürlich wollte man auch Money interviewen, aber der weigerte sich. David wollte Money damals verklagen, aber sein Fall war in den USA bereits verjährt. [...] Nach der Veröffentlichung unseres Aufsatzes 1997 beschloss ich dann, mich auch all den anderen Fällen zu widmen, die ich über die Jahre zusammengetragen hatte, und einen Aufsatz über die Behandlung von Menschen mit Intersexualität zu publizieren. (12)

[...] David habe ich noch einige Male getroffen. Aber er lebte ja in Kanada und ich in Hawaii, sodass wir meist auf anderem Wege kommunizierten. [...]

(11) Diamond M, Sigmundson HK. Sex reassignment at birth: a long term review and clinical implications. Arch Pediatr Adolesc Med 1997; 151: 298 – 304

(12) Diamond M, Sigmundson HK. Management of intersexuality. Guidelines for dealing with persons with ambiguous genitalia. Arch Pediatr Adolesc Med 1997; 151: 1046 – 1050; vgl. auch Diamond M. Intersexuality: Recommendations for management. Arch Sex Behav 1998; 27: 634 – 641

Siehe auch:
- Genitalverstümmelung & Gendertheorie: Hirschfeld-Money-Butler
- Milton Diamond fordert gesetzliches Verbot von kosmetischen Genitaloperationen an Kindern
- "Who killed David Reimer?" 
- Zwischengeschlechtliche ehrten Milton Diamond - 30.1.08

Comments

1. On Monday 6 September 2010, 14:43 by claudia

Immer wieder: Bei Aussagen von „Experten” darf man nur sehr oberflächlich lesen, um vorbehaltlos zustimmen zu können...

Interessant finde ich, dass Diamond David Reimer just dann kontaktierte, als die Verjährungsfrist abgelaufen war.

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>>...und stieß schließlich auf Davids Psychiater. [...] Aber er hatte Angst um seinen guten Ruf und seinen Job, weil er anderer Meinung war als Money.<<
Das ist nicht besonders glaubhaft. Paul McHugh hatte keine Angst um seinen „guten Ruf". Und er war nicht niemand, sondern seit 1975 Vorgesetzter von Money in der Klinik. Es war McHugh, der 1979 die „gender identity clinic” schloss.
Nicht, dass der fundmentalistische Abtreibungsgegner und Homosexuellenfresser McHugh jemand gewesen wäre, mit dem man gerne die Säue hüten würde. Aber seine Aktion zeigte, dass Money anders die Legende sagt, weder göttliche noch teuflische Macht besass...

>>1979 plante die BBC eine Sendung, in der der Psychiater von David interviewt wurde. Und der sagte, David, der damals 13 oder 14 Jahre alt war, verhalte sich keineswegs wie ein Mädchen. Auch Money hatte ein Interview zugesagt, sagte aber wieder ab, nachdem man ihn mit der Entwicklung von David konfrontierte. Also rief die BBC mich an, schließlich musste die Sendezeit gefüllt werden.<<
Wenn damals jemand Angst hatte, dann doch offenbar Money, der eine Konfrontation mit kritischen Aussagen über „Joan” im Fernsehen fürchtete.

Nachdem die Interviews gemacht waren, musste Diamond doch nicht lange nach dem Psychiater suchen? BBC hatte 1979 offenbar genügend Informationen, um die Sendung planen zu können. Und Diamond war ja selber in der gleichen Sache interviewt worden.

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Das Material für eine Klage konnte von dem Zeitpunkt an ausgearbeitet werden und es gab keinen Grund, zu warten, bis die Sache verjährt war. David selbst wusste ja zu Beginn seiner Volljährigkeit genug über seine Geschichte, um als Kläger aufzutreten. Falls ihm seine angeblichen Unterstützer rechtzeitig Beistand angeboten hätten.
Aber das sollte wohl nicht sein:
>>Unser Gespräch war sehr gut und David war erstaunt darüber, wie berühmt er war. Er hatte nie erfahren, dass jemand über ihn schreibt.<<
Immer wieder über ihn, aber nicht mit ihm. Bzw. mit ihm erst dann, nachdem er schon wieder zum beschriebenen Objekt geworden war und man ihm erst mal ohne seine Beteiligung die Rolle als „Kronzeuge für die pränatale Geschlechtsidentität” aufs Auge gedrückt hatte.

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Primärtäter war die Klinik, in der David Reimer aufgrund einer durchaus strafwürdigen Fahrlässigkeit irreversibel verletzt wurde. Dass die verzweifelten Eltern bei der Suche nach einer Lösung für ihr verstümmeltes Kind schliesslich auf Money stiessen, war eine Folge der schweren Körperverletzung. (Die primäre Verletzung wird immer wieder bagatellisiert, und zwar von beiden Kampfparteien.)
Rechtlich wird es wohl auch in den USA nicht möglich sein, Folgetaten von der Primärtat abzutrennen, um die Folgetat als Primärtat darstellen zu können. Das heisst, in einem Gerichtsverfahren hätte die Geschichte nicht mit Money beginnen können, sondern es wäre von der ursprünglichen, schweren und irreversiblen Körperverletzung ausgegangen worden. Das Gericht hätte sich bei einer Klage gegen Money mit der Frage beschäftigen müssen, ob Moneys Empfehlung das Problem der zu diesem Zeitpunkt schon vorhandenen schweren Körperverletzung lösen konnte oder nicht. Ob die Folgeprobleme vorhersehbar waren. Ob es besser gewesen wäre, unter psychotherapeutischer Unterstützung für Eltern und Kind mit weiteren körperlichen Massnahmen abzuwarten. Keine leichte Entscheidung, aber man hätte es gerichtlich durchaus versuchen können.

. Moneys Gegner wollten aber, dass dass er als Primärtäter gesehen würde. Das stand möglicherweise einer rechtzeitigen Unterstützung von David Reimer als Opfer entgegen. Als selbst nicht beteiligter „Kronzeuge” für den Theorieenstreit war er „wertvoller”.
Aus einer rechtlichen Aufarbeitung des Falles würde man keine „Geschlechtertheorie” ableiten können. Weder die Eine noch die Andere.
Das dürfte allen Akteuren bewusst gewesen sein.

Wenn ich das so sage, entschuldigt das den Psychologen Money nicht, denn er hätte sich darüber klar sein müssen, dass ein so schwer traumatisiertes Kind nicht dadurch „normal” aufwächst, dass es als „normales Mädchen” deklariert wird und einer aussergewöhnlich strengen „Geschlechtserziehung” unterzogen wird..
Er hätte auch erkennen müssen, dass ein Kind, das durch „OP-Unfall”, Zweit-OP und Nachuntersuchungen traumatisert ist, keine Erklärungen erhält und in Schweigen eingemauert wird, keine unbeschwerte Kindheit erlebt. Und kein unbeschwertes „Geschlecht", wenn dieses seit frühester Kindheit mit Krankenhaus, Arztpraxen und Schmerz verbunden ist, ohne jemals eine plausible Erklärung zu bekommen.
Schon gar nicht, weil das Schweigen nicht lebenslang aufrechterhalten werden kann.
Als Psychologe hat er in dieser Sache totalversagt. Aber mit ihm alle, die Bescheid wussten, und dann den „grossen Dikator” vorschoben, dem man ja nicht widersprechen konnte.

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Natürlich wird, wer sich einen kritischen Blick auf den Gesamtvorgang erlaubt, sofort als „Money-Verteidiger” diffamiert.
Aber ich halte es trotzdem für richtig, sich über die ideologischen Grabenkämpfe zu stellen. Wir haben keinen Grund, einer der beiden Seiten, die David Reimer als Kanonenfutter benützen, als Legionäre zu dienen.

Wir sollten versuchen darüber zu stehen und eigene Standpunkte zu entwickeln. Und Mitgefühl für das tragische Schicksal des Menschen.

Ich möchte in dem Zusammenhang noch mal auf einen älteren Kommentar verweisen:
>>Meine Kritiken richten sich stets sowohl auf Strömungen, die sich an Money anschließen (hier wegen der Zwangsoperationen, aber auch wegen durchaus wie Diamond auf Hormonen aufbauenden biologischen Determinismusses), als auch auf solche die sich an Diamond bzgl. biologischen Determinismusses anschließen.<<
http://blog.zwischengeschlecht.info...

Das war wohl ein Rufer in der Wüste...