«A Gonad For A Gonad, A Lust Organ For A Lust Organ» - Garry L. Warne (left) at the main entrance of '3rd EuroDSD Symposium', Lübeck 20.5.11Serien-Genitalverstümmler Garry L. Warne (Mitte) am "3rd EuroDSD" Lübeck 20.5.11,
wo er denselben Vortrag hielt wie den im Buch abgedruckten

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Kann ein Zwitter Sünde sein?

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Nach der gelungenen Rezension von Heinz-Jürgen Voß auf querelles.net nun eine weitere >>> ebensolche von Anja Gregor auf socialnet.de, Danke!

Anja Gregor unterstreicht ihrerseits die Abwesenheit von kritischen Stimmen Betroffener im Buch (und verweist dazu auf entsprechende Kritik auf diesem Blog), und arbeitet unter "Fazit" gut heraus, wie auch dieses "Fachbuch" grossteils aus einem geschlossenen, selbstreferenziellen "Diskurs" einiger weniger MedizynerInnen besteht: "An 9 von 26 Beiträgen sind die Herausgeber_innen (allein, zu zweit oder im Autor_innenkollektiv) selbst beteiligt, zwei weitere sind von Personen aus ihrem unmittelbaren wissenschaftlichen Umfeld verfasst (dem Hamburger Klinikum oder gedankten Unterstützer_innen ihrer Projekte; vgl. S. 202)."

Was in den biografischen Angaben zu den AutorInnen am Ende des Buches NICHT erwähnt wurde, und Anja Gregor deshalb offenbar entging: Auch die einzige im Buch als (angeblich) eigentliche "Betroffene" gelistete Autorin, Eveline Kraus-Kinsky, gehört tatsächlich ebenfalls unmittelbar zu diesem geschlossenen Universum der GenitalabschneiderInnen. Kraus-Kinsky ist nämlich nicht nur irgendeine "AGS-Patientin und Fachärztin für Kinderheilkunde und Jugendmedizin" (lediglich dies ist abschliessend in der Bio im Buch erwähnt), sondern kaum zufällig auch Gründungsmitglied, jahrelange 1. Vorsitzende sowie öffentliches Aushängeschild der passend benannten "AGS Eltern- und Patienteninitiative", ins Leben gerufen von einschlägigen Serien-GenitalverstümmlerInnen, und praktisch deren verlängerter Arm in der Öffentlichkeit. Sowie eng verbandelt mit den Verstümmler-Vereinigungen "Netzwerk Intersexualität/DSD" (bei den auch Schweizer, Appelt & Co. prominent vertreten waren) inkl. Nachfolgeorganisationen "EuroDSD", "I-DSD" und "DSD Life", die ihrerseits bisher (und wohl auch künftig) stets zur Stelle eilen, wenn z.B. die Bundesregierung betreffend Intersex-Genitalverstümmelungen mal wieder einen "Persilschein in eigener Sache" benötigt.

Eine kleine Unaufmerksamkeit auch bei Beschreibung der 2 Beiträge betroffener Mütter, wenn Anja Gregor schreibt: "[E]s sei jedoch angemerkt, dass hier zwei Mütter zu Wort kommen, die sich gegen die Operation ihrer Kinder entschieden haben. Erhellend wären zudem Sichtweisen von Vätern ebenso wie die von Eltern gewesen, die sich für eine Operation ihres Kindes entschieden haben." Zumindest die eine (anonym bleibende) Mutter hat, wie sie deutlich beschreibt, für ihre knapp 6-jährige "Tochter" sehr wohl in eine kosmetische "Klitorisreduktion" eingewilligt, lediglich die von den MedizynerInnen zusätzlich vorgeschlagene Konstruktion einer "Neovagina" schlug sie aus. Zwar "rechtfertigt" die Mutter diesen Entscheid, es sei der eigene Wunsch der knapp Sechsjährigen gewesen nach "Hänseleien im Kindergarten" – als ob ein Mensch in diesem Alter eine informierte Zustimmung/Abwägung treffen könnte betreffend des bekanntlich erheblichen Risikos einer Verminderung oder Zerstörung der sexuellen Empfindungsfähigkeit!

Eine folgenschwere Entscheidung, welche die (aus Rücksicht auf ihr Kind anonym bleibende) Mutter bekanntlich laut sonstigen Äusserungen, und Trotz allem Herumlavieren auch im vorliegenden Text nachträglich nicht nur positiv sieht (um es "diplomatisch" auszudrücken):

"Dennoch habe ich heute das Gefühl, dass ich mich eindeutiger für [meine Tochter] entschieden hätte, wenn ich ihr im Kindergarten den Rücken gestärkt und dafür gesorgt hätte, dass sie sich gegen die Hänseleien wehren konnte, anstatt die Lösung in einer Operation zu suchen." (S. 156)

Eine Option, die ihr offensichtlich die MedizynerInnen (warum wohl?!) nicht nahelegten, noch fachkundige psychosoziale Unterstützung dazu anboten ...

(Einiges direktere rückblickende Äusserungen eines Vaters, der sich ebenfalls zu einer – noch frühzeitigeren – Operation an seinem Kind hatte breitschlagen lassen, finden sich übrigens im Film "Das verordnete Geschlecht".)

Ansonsten arbeitet Anja Gregor im Hauptteil hauptsächlich anhand des Beitrags von Kathrin Zehnder und Jürg Streuli sehr schön (und wie von ihr erwähnt zugespitzt und somit deutlicher, als im Buch selbst vorgesehen/enthalten) folgende Konfrontationslinien heraus: 

  1. eine Kluft zwischen medizinischem und feministischem/geschlechtertheoretischem Diskurs in der Art des Zugangs zum Thema,
  2. den Streit zwischen intergeschlechtlichen Menschen und Medizin um das Expert_innentum (Expert_innentum in eigener Sache vs. Pathologisierung/Normalisierung),
  3. den Streit um die Vertretungshoheit der Interessen (Konflikte und Unklarheiten innerhalb des vielgestaltigen Feldes des „Intersex-Aktivismus“ (S. 401) ebenso wie im Streit um die Vertretung/Entscheidung über minderjährige/r Betroffene/r);
  4. Unverständnis bei der Zielsetzung (Autonomie und Copingfähigkeit der Betroffenen vs. Handeln der Eltern und Medizin unter Berufung auf die Interessen der Betroffenen) und
  5. das Unverständnis bei Begrifflichkeiten (Selbstbezeichnung intergeschlechtlicher Menschen vs. medizinische/pathologisierende Begriffe).

Und unternimmt mit besonderer Berücksichtigung der Beiträge von Konstanze Plett, Oliver Tolmein, Angela Kolbe, Ilka Quindeau und Michael Groneberg die ihr hoch anzurechnende, "sicher kontrovers zu betrachtende" Anstrengung, "insbesondere jene Beiträge zu Wort kommen zu lassen, die sich kritisch zur hegemonialen Deutungsmacht und Praxis der Medizin über Intergeschlechtlichkeit äußern".

Als besonders konfrontativ-unverbesserlich der VerstümmlerInnen-Logik verhafteten Medizyner hebt Anja Gregor (wie auch Voß) den Beitrag des berüchtigten Serien-Genitalabschneiders Garry L. Warne (Royal Children's Hospital Melbourne) hervor. (Warne darf obendrein auch 2013 noch unverändert in einer Publikation unter Beteiligung von XY-Fauen/Intersexuelle Menschen e.V. medizinisch nicht notwendige Kastrationen plus alle sonstigen Genitalverstümmelungen an "AIS-Mädchen" unwidersprochen propagieren, vgl. hier unter "Operationen von Mädchen mit AIS" sowie Anmerkung in Quellenangabe.)

Ebenfalls positiv, wie Anja Gregor unter "Entstehungshintergrund" einleitend herausschält, dass die auch diesem Buch ursächlich zugrunde liegende "Diskussion um den medizinischen, juristischen und gesellschaftlichen Umgang mit Intergeschlechtlichkeit [...] letztlich auf die Initiative von intergeschlechtlichen Menschen seit den 1990er Jahren zurückgeht und [...] seit dem Erscheinen des CEDAW-Parallelberichts 2009 politisch erstmals andauernd auf Bundesebene geführt wird."

Als aktuellen Rückbezug verweist Anja Gregor auf die jüngste Änderung des § 22 (3) PStG: "Es ist nun möglich, bei der Geburt eines Kindes, dessen Geschlecht nicht eindeutig dem männlichen oder weiblichen zuzuordnen ist, den Eintrag des Geschlechts auszulassen. (Belegt werden kann dies bisher nur mit Bundestagsreden Abgeordneter; das PStG ist bisher online nur in der alten Form zugänglich.)" Dass sie dabei nicht erwähnt, dass der beschlossene Paragraph im Wortlaut sehr wohl längst bekannt ist (nicht zuletzt aus dem konkret gutgeheissenen offiziellen Gesetzesänderungsantrag) und im Gegensatz zu den Beteuerungen der PolitikerInnen keine neue "Möglichkeit", sondern vielmehr einen neuen Zwang enthält (der von allen Betroffenenorganisationen als kontraproduktiv kritisiert wurde), ist ein letzter Wermutstropfen dieser ansonsten (wie eingangs erwähnt) gelungenen Rezension eines trotz interessanter einzelner Beiträge als Ganzes letztlich bedeutend weniger gelungenen Buches.

>>> Besprechung zu "Intersexualität kontrovers" von Heinz-Jürgen Voß 

>>> Diskussionsbeiträge zu Richter Appelt aus 2010