Offener Brief zu AWMF-Intersex/DSD-Leitlinien
von Betroffenen, Partnern, Familien, Freunden, Unterstützer_innen

>>> Liste aller 95 AdressatInnen im Originaldokument (PDF)

Leipzig, 8. November 2014

Sehr geehrte AWMF-Leitlinienverantwortliche
Sehr geehrte an AWMF-Leitlinien beteiligte Fachgesellschaften

Als Überlebende von nicht-eingewilligten, medizinisch nicht notwendigen Genitaloperationen, Hormongaben und anderen Eingriffen, als Betroffene, die dankbar sind, solchen Eingriffen
entgangen zu sein, als Partner, Familienmitglieder und Freunde von Betroffenen, und als Unterstützer_innen sind wir sehr besorgt über angemeldete, bestehende sowie zur
Überarbeitung anstehende AWMF-Leitlinienvorhaben [1], die weiterhin nicht-eingewilligte, medizinisch nicht notwendige, irreversible, kosmetische Genitaloperationen an Kindern mit Varianten der Geschlechtsanatomie propagieren sowie sterilisierende Eingriffe und Aufzwingung von Hormonen, während gleichzeitig Betroffene und ihre Organisationen wenn überhaupt, dann höchstens punktuell konsultiert werden.

Friedlicher Protest #1 – drinnen tagte die "AG D$D" der DGKED, Leipzig 07.11.2014

Wir möchten Sie deshalb respektvoll erneut [2] darauf aufmerksam machen, dass nicht-eingewilligte, medizinisch nicht notwendige, irreversible kosmetische Genitaloperationen, hormonelle und weitere Eingriffe an Intersex-Kindern

  • gegen Grundgesetz und Menschenrechte verstoßen (siehe nachfolgend)
  • gegen Strafrecht, Zivilrecht und internationales Recht verstoßen [3]
  • gegen ethische Prinzipien und Vorschriften verstoßen [4]
  • von Überlebenden seit mehr als 20 Jahren als schädlich und verstümmelnd kritisiert werden.

Das Ordnungsamt kommt für einen Augenschein vor Ort aufgrund einer einsamen
Reklamation wegen unserer "IGM-Wanderausstellung" ...

... sieht jedoch keinen Grund zum Einschreiten, sondern gratuliert uns, dass wir auf die
Menschenrechtsverletzungen an Intersex-Kindern aufmerksam machen, Leipzig 07.11.2014

Wir möchten Sie besonders auf folgende Auflistung von staatlichen und internationalen Menschenrechtsgremien hinweisen, die alle nicht-eingewilligte Intersex-Behandlungen explizit kritisieren. Bitte beachten Sie, dass allein im vergangenen Jahr zusätzlich drei weitere nationale Stellen und nicht weniger als neun weitere internationale Gremien neu nichteingewilligte Intersex-Behandlungen explizit kritisieren und alle strafrechtliche Verschärfungen und/oder Entschädigungen diskutieren:

  • 24. Konferenz der Gleichstellungs- und Frauenministerinnen und -minister, -senatorinnen und -senatoren der Länder (GFMK), S. 52-54, 1.-2.10.2014
  • Interministerielle Arbeitsgruppe Intersexualität/Transsexualität (BMFSFJ, BMG, BMI, BMJV, BMBF) beschließt Prüfung “gesetzliche[r] Regelungsmöglichkeiten für ein Verbot von geschlechtszuweisenden und -anpassenden OPs an minderjährigen Intersexuellen ohne deren ausdrückliche Einwilligung (Ausnahmen bei Lebensgefahr bzw. Vorliegen einer medizinischen Indikation)”, 24.9.2014
  • WHO, UNICEF, OHCHR, UN Women, UNAIDS, UNDP, UNFPA Interagency Statement “Eliminating forced, coercive and otherwise involuntary sterilization”, Mai 2014
  • Commissioner for Human Rights of the Council of Europe, Human Rights Comment “A boy or a girl or a person – intersex people lack recognition in Europe”, 09.05.2014
  • UN Committee on the Rights of Persons with Disabilities, CRPD/C/DEU/Q/1, paras 12–13, 17.04.2014
  • Australian Senate, Community Affairs References Committee, Second Report: Involuntary or coerced sterilisation of intersex people in Australia, 25.10.2013
  • Parliamentary Assembly of the Council of Europe, Resolution 1952 (2013) “Children’s right to physical integrity”, paras 2, 6, 7, 01.10.2013
  • UN Special Rapporteur on Torture, A/HRC/22/53, paras 77, 76, 88, 01.02.2013
  • Nationale Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin (NEK-CNE), Stellungnahme 20/2012 “Zum Umgang mit Varianten der Geschlechtsentwicklung. Ethische Fragen zur “Intersexualität””, 09.11.2012
  • Deutscher Ethikrat, Stellungnahme “Intersexualität”, 23.02.2012
  • UN Committee against Torture, CAT/C/DEU/CO/5, para 20, 12.12.2011
  • UN High Commissioner for Human Rights, A/HRC/19/41, para 57, 17.11.2011
  • Special Rapporteur on the right of everyone to the enjoyment of the highest attainable standard of physical and mental health, A/64/272, para 49, 10.08.2009
  • UN Committee on the Elimination of Discrimination against Women, CEDAW/C/DEU/CO/6, para 61–62, 10.02.2009
  • San Francisco Human Rights Commission, A Human Rights Investigation into the “Normalization” of Intersex People, 28.04.2005

Friedlicher Protests #2 zur offiziellen "Ja-Ped 2014" Eröffnung, Leipzig 07.11.2014

Friedlicher Protest #2 zur "Ja-Ped 2014" Eröffnung, Leipzig 07.11.2014

Wir möchten deshalb aus gegebenem Anlass unsere Bitten wiederholen, künftig in
Leitlinienvorhaben sowie in Ihrer täglichen Praxis

  • Empfehlungen für nicht-eingewilligte kosmetische Behandlungen an Kindern und Jugendlichen mit Varianten der Geschlechtsanatomie (einschließlich Hypospadie und AGS) freundlicherweise noch einmal zu überdenken
  • die stigmatisierende Nomenklatur “Störungen der Geschlechtsentwicklung” freundlicherweise noch einmal zu überdenken
  • dabei Betroffene und ihre Organisationen angemessen zu konsultieren
  • den Schaden und das Leid öffentlich anzuerkennen, das durch nicht-eingewilligte kosmetische Behandlungen an Kindern und Jugendlichen mit Varianten der Geschlechtsanatomie (einschließlich Hypospadie und AGS) unbeabsichtigt verursacht wurde
  • einen Prozess der Aufarbeitung und Wiedergutmachung zu initiieren als notwendigen ersten Schritt für eine Aussöhnung.

Friedlicher Protest #3 während des 2. Tages der "Ja-Ped 2014", Leipzig 08.11.2014

Wir denken, einer verantwortungsvollen Medizin und ihren Fachgesellschaften würde in einem solchen Prozess eine aktive Rolle gut anstehen, und möchten respektvoll zu bedenken geben, dass es wohl im besten Interesse aller Beteiligten wäre, einen solchen Prozess einzuleiten, bevor schließlich der Gesetzgeber sich einschaltet.

Wir danken Ihnen für eine wohlwollende Prüfung.

Freundliche Grüße

Daniela Truffer, Markus Bauer (korrespondierende Autoren)
Gründungsmitglieder Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org
Postfach 2122, CH-8031 Zürich
info_at_zwischengeschlecht.org

>>> Liste aller 227 Unterzeichnenden im Originaldokument (PDF)

Die Offenen Briefe für die "Ja-Ped 2014" und für die Post (Kiste rechts), Leipzig 08.11.2014

[1] Einschließlich:
• 174/001 “Störungen der Geschlechtsentwicklung”
• 027/019 “Leitlinie zur pränatalen Therapie des Adrenogenitalen Syndroms mit 21-Hydroxylase-Defekt”
• 027/022 “Störungen der Geschlechtsentwicklung”
• 027/047 “Adrenogenitales Syndrom”
• 015/052 “Weibliche genitale Fehlbildungen”
• 006/026 “Hypospadie”
[2] Vgl. bisherige Offene Briefe u.a. an: ESPE 19.09.2014, WOFAPS 14.10.2013, ESPE, PES, APEG, APPES, ASPAE,
JSPE, SLEP, SIEDP, 19.09.2013, I-DSD 07.06.2013, DGU 28.09.2012, ESPE 21.09.2012, DGKJ, DGKCH
15.09.2012, ESPU 11.05.2012, DGE 09.03.2012, JA-PED 13.11.2011, ESFFU-ESGURS, EAU 06.10.2011, ISHID
18.09.2011, Euro-DSD 21.05.2011, DGE, CAEK 01.04.2011, JA-PED 05.11.2010, DGKJ, DGKCH 18.09.2010
[3] Am 03.09.2008 wurde in Köln ein Chirurg zur Zahlung von € 100’000 Schadenersatz verurteilt (Oberlandesgericht
Köln, 5 U 51/08). 2014 ist in Nürnberg/Fürth ein weiteres Verfahren hängig gegen einen Chirurg sowie die
Universitätsklinik Erlangen. In einem derzeit hängigen Verfahren auf Staats- sowie Bundesverfassungsebene in
South Carolina (USA) sind sämtliche BehandlerInnen sowie die Universitätsklinik und zuständige Fürsorgestellen
und MitarbeiterInnen angeklagt. 2014 wurden Anträge, die Verfahren gegen nicht-chirurgisch tätige Angeklagte
einzustellen, auf allen Ebenen von den zuständigen Gerichten abgelehnt.
Zur strafrechtlichen Ahndung von nicht-eingewilligten Intersex-Eingriffen und eventuelle Verschärfungen vgl.
weiter Antwort der Bundesregierung an den UN-Behindertenrechtsausschuss vom 29.08.2014
(CRPD/C/DEU/Q/1/Add.1, S. 16, 17).
[4] Nachweise vgl. bisherige Offene Briefe (oben Fußnote 2)

Friedlicher Protest #4 und Offene Briefe, Universitätsklinikum Jena-Lobeda 09.11.2014

Antwort AWMF-DSD-Leitlinienverantwortliche 
Rückantwort Zwischengeschlecht.org
OFFENER BRIEF an AWMF-Intersex/DSD-Leitlinienverantwortliche 2014 (PDF, 152 kb)

>>> Interview mit Markus Bauer @ Radio Corax, 08.11. + online | @ rdl 11.11.  Danke!
>>> Artikel auf de.indymedia.org (07.11.2014)    >>>
Flyer Leipzig 2014 (PDF, 264 kb)

Leipzig, Ort von Intersex-Genitalverstümmelungen:
- Offener Brief an Universitätskinderklinik Leipzig
- "Einfach eine Spielart der Natur" - Kreuzer
- "Eine Frage des Geschlechts?" - Radio Mephisto 97.6
- "Das dritte Geschlecht" - Leipziger Volkszeitung
- "Junge oder Mädchen – wenn Eltern und Ärzte entscheiden" - SWR
- IDAHIT* Leipzig 2013 fordert Verbot von IGMs
- CSD Leipzig 2013 verurteilt IGMs  
- Abmahnungen statt Aufarbeitung: UK will Kritik an Intersex-Verstümmelungen verbieten

Jena, Ort von Intersex-Genitalverstümmelungen:
- Intersex-Klitorisamputation? "Klare Sache, sollte möglichst früh operiert werden"
- Unoperiert "keine Beschwerden" - Therapie: "Chirurgische Genitalkorrektur 12.-14. Monat" 

Intersex Genital Mutilations
Human Rights Violations Of Children With Variations Of Sex Anatomy

2014 NGO Report an das UN-Kinderrechtekomitee (CRC) (englisch)
Belegt 17 gebräuchliche IGM-Formen und NS-Verbrechen in CH, D, A
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Table of Contents

>>> Intersex-Genitalverstümmelungen (IGMs): Typische Diagnosen und Eingriffe
>>> IGM – eine Genealogie der TäterInnen 
>>> Zwangsoperierte Zwitter über sich selbst und ihr Leben