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Intersex-Genitalverstümmelungen: UNO-Ohrfeige für Deutschland!

Was lange gährt, wird endlich Wut: Zwischengeschlecht.org forderte schon bei der letzten CEDAW-Staatenprüfung, dass Zwangseingriffe an Intersex-Kindern in Deutschland als Genitalverstümmelung anerkannt und TäterInnen zur Rechenschaft gezogen werden. CEDAW43, Genf 02.02.2009.

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Zwischengeschlecht.org on FacebookPressemitteilung von Zwischengeschlecht.org vom 07.03.2017:

Der UN-Ausschuss für die Beseitigung der Diskriminierung der Frau (CEDAW) hatte an seiner 66. Session Intersex-Genitalverstümmelungen (IGM) in Deutschland und Irland untersucht – und während der mündlichen Staatenprüfung in Genf insbesondere die Bundesrepublik durch sachkundige und hartnäckige Fragen als willfährige Helfershelferin der GenitalbschneiderInnen überführt.

Zwischengeschlecht.org begrüßt aufs Herzlichste die nun veröffentlichten, verbindlichen "Abschließenden Bemerkungen" für beide Länder, die Intersex-Genitalverstümmelungen unmissverständlich als “schädliche kulturelle Praxis” rügen (wie FGM), und u.a. ein explizites gesetzliches Verbot sowie angemessene Entschädigung für Überlebende fordern:

>>> Deutschland: CEDAW/C/DEU/CO/7-8, zu Intersex: Abs. 23-24 (PDF, englisch)
>>> Irland:
CEDAW/C/IRL/CO/6-7, zu Intersex: Abs. 24-25 (PDF, englisch)

Diese schallende Ohrfeige an die Bundesregierung ist die verdiente Quittung dafür, wie Deutschland u.a. menschenrechtswidrige IGM-Praktiken einschließlich Klitoris-Teilamputationen, Kastrationen und “Harnröhrenverlegungen” an jährlich über 1700 Intersex-Kindern unbeirrt als angebliche “Heilbehandlungen” ausgibt und durch die öffentlichen Krankenkassen finanziert, während gleichzeitig traumatisierte IGM-Überlebende in der Bundesrepublik systematisch ignoriert und vom Rechtszugang ferngehalten werden.

Unter anderem verpflichtet die CEDAW-Rüge Deutschland verbindlich,

  • “klare Gesetzesvorschriften zu erlassen”, die IGM-Praktiken “explizit verbieten”
  • für IGM-Überlebende “wirksamen Rechtszugang zu gewährleisten, einschließlich durch Anpassung der Verjährungsfristen”
  • “Familien mit Intersex-Kindern angemessene Beratung und Unterstützung anzubieten”
  • “einen staatlichen Entschädigungsfonds einzurichten”

Dies sind seit 10 Jahren die Hauptforderungen der internationalen Intersex-NGO Zwischengeschlecht.org, die wir als einzige Betroffenenorganisation in Deutschland konsequent bei den Verantwortlichen in Medizin und Politik unermüdlich einfordern:

“Wir Betroffene fordern ein gesetzliches Verbot von kosmetischen Genitaloperationen [...] und kosmetischen Hormonbehandlungen an Kindern und Jugendlichen in Verbindung mit einer Aufhebung, Aussetzung oder Verlängerung der Verjährung, wie diese auch bei weiblicher Genitalverstümmelung und sexualisierter Gewalt gefordert wird.”

Bis heute werden wir und andere Überlebende dafür von der Bundesregierung einschließlich der “Interministeriellen Arbeitsgruppe (IMAG)” ausgegrenzt, und wird das himmelschreiende Leid genitalverstümmelter Intersex-Kinder stattdessen mutwillig für Gender- und Personenstandspolitik dritter Interessengruppen vereinnahmt und missbraucht.

Die jüngsten CEDAW-Rügen sind daher eine willkommene Erinnerung an alle (Mit-)TäterInnen in Medizin, Politik und in den Medien, dass die berechtigten Anliegen der Betroffenen sich nicht mehr länger unter den Tisch wischen lassen (vgl. Gemeinsame NGO-Erklärung an CEDAW, 20.02.2017):

“Seit über 20 Jahren tut die Regierung nichts außer reden und reden. Als Intersex-Menschen und IGM-Überlebende wollen wir jetzt endlich Taten sehen, einschließlich eines strafrechtlichen Verbotes, Zugang zu Wiedergutmachung und Justiz und Aufhebung der Verjährungsfristen.” 

Nebst Zwischengeschlecht.org hatten auch Intersexuelle Menschen e.V. und OII Germany (IVIM) den UN-Frauenrechtsausschuss CEDAW aufgefordert, zu den unverändert andauernden Intersex-Genitalverstümmelungen in Deutschland Stellung zu beziehen.

Weitere UN-Rügen an Deutschland wegen IGM sind bereits vorprogrammiert: Der UN-Ausschuss gegen Folter (CAT/C/DEU/CO/5), sekundiert vom Behindertenrechtsausschuss (CRPD/C/DEU/CO/1), hatten bereits 2011 bzw. 2015 IGM als “unmenschliche Behandlung” eingestuft, die gegen das Folterverbot verstößt, und Deutschland verbindlich empfohlen, u.a.

"Vorfälle, in denen intersexuelle Menschen ohne wirksame Einverständniserklärung chirurgisch oder anderweitig medizinisch behandelt wurden, zu untersuchen, und Rechtsvorschriften zu erlassen, die den Opfern solcher Behandlungen Rechtsschutzmöglichkeiten, einschließlich angemessener Entschädigungen, gewähren".

Seit über einem Jahr ist der Nachfolgebericht an den Folterausschuss überfällig, in welchem der IGM-TäterInnenstaat Deutschland über die (Nicht-)Umsetzung der verbindlichen CAT- und CRPD-Empfehlungen Rechenschaft ablegen muss. Fortsetzung folgt ...

Die internationale Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org fordert ein Verbot von kosmetischen Genitaloperationen an Kindern und Jugendlichen mit "atypischen" körperlichen Geschlechtsmerkmalen sowie "Menschenrechte auch für Zwitter!".

Betroffene sollen später selber darüber entscheiden, ob sie Operationen wollen oder nicht, und wenn ja, welche.

Freundliche Grüße

Daniela "Nella" Truffer, Markus Bauer
Gründungsmitglieder Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org

Mobile +41 (0)76 398 06 50, +41 (0)78 829 12 60
presse_at_zwischengeschlecht.info

http://zwischengeschlecht.org
Regelmässige Updates: http://zwischengeschlecht.info

>>> VIDEO + TRANSCRIPT: UN-CEDAW Questions Germany over IGM Practices
>>> UN Press Release 20.02.2017: "Intersex Genital Mutilation in Germany"
>>> "Germany: The Practice of Intersex Genital Mutilation" - UN Press Release 21.02.2017

2016-CEDAW-Swiss-Intersex-IGM

IGM Practices in Germany: StopIGM.org 2017 CEDAW Report
Human Rights Violations Of Children With Variations Of Sex Anatomy
IGM in Germany  Complicity of the State  Harmful Practice
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>> Download as PDF (519 kb)

>>> Intersex-Genitalverstümmelungen: Typische Diagnosen und Eingriffe
>>> Zwangsoperierte Zwitter über sich selbst und ihr Leben
>>> IGM – eine Genealogie der TäterInnen

Siehe auch:
- UNO zum Intersex Awareness Day: "Schädliche medizinische Praktiken beenden"
"Schädliche Praxis" und "Gewalt": UN-Kinderrechtsausschuss (CRC) verurteilt IGM
- "Unmenschliche Behandlung": UN-Ausschuss gegen Folter (CAT) verurteilt IGM
- UN-Menschenrechtsausschuss (HRCttee) untersucht IGM-Praktiken
- "Nur die Angst vor dem Richter wird meine Kollegen dazu bringen, ihre Praxis zu ändern" 
- UN-Behindertenrechtsausschuss (CRPD) kritisiert IGM-Straflosigkeit in Deutschland
- CAT 2011: Deutschland soll IGM-Praktiken untersuchen und Überlebende entschädigen

Input von Daniela Truffer zum "Fachtag Intersex"
  • IGM Überlebende – Danielas Geschichte
  • Historischer Überblick:
     "Zwitter gab es schon immer – IGM nicht!"
  • Was ist Intersex?  • Was sind IGM-Praktiken?
  • IGM in Hannover  • Kritik von Betroffenen  • u.a.m.
>>> PDF-Download (5.53 MB)

Comments

1. On Wednesday 8 March 2017, 10:39 by ETEKAR

"Willkommen im Vierten Reich", titelte bereits vor Jahren eine englische Zeitung in Bezug auf die deutsche Regierungspolitik, allerdings zu einer anderen Thematik.

Es ist und bleibt erschreckend, dass sich die Lebensrealität von IGM-Überlebenden aus Deutschland, die als Kinder verstümmelt worden sind, nicht wesentlich von den Qualen des Auschwitz-Überlebenden Hugo Adolf Höllenreiner, der als Kind von Josef Mengele im KZ-Auschwitz für Forschungsverbrechen missbraucht worden ist, unterscheidet.
Grauenvolle Verstümmelungen im Genital- und Unterbauchbereich, einschließlich dem Verlust von Organen. IGM-Überlebende der BRD, die als Kinder Opfer des bundesrepublikanischen Medizynbetriebes wurden, erfahren genauso wie Hugo Adolf Höllenreiner bis zu seinem Tod nicht, was die verantwortlichen Medizyner an und mit ihnen gemacht haben, weil die bundesrepublikanischen Kinderkliniken die Herausgabe der medizinischen Interventionsakten verweigern, allen voran das UKE in der Freien- und Hansestadt Hamburg. Den IGM-Überlebenden wird - entsprechend wie Hugo Adolf Höllenreiner - zusätzlich zu den medizynisch zugefügten Qualen noch der tägliche Überlebenskampf mit Jobcentern und anderen Institutionen auferlegt.

Der Beitrag auf Spiegel Online: "Auge in Auge mit Todesengel Mengele", indem Hugo Adolf Höllenreiner sich zu den von Mengele in Auschwitz praktizierten Geschlechtsumwandlungen äußert, sollte Plfichtlektüre eines jeden Regierungsmitgliedes der Bundesrepubik Deutschland sein, denn in den medizynischen Dissertationen zur Chirurgie von AGS ist nachzulesen, dass die von den verantwortlichen Medizynern als sog. "Genitalkorrekturen" bezeichenten Genitalverstümmelungen bei einer Praderstufe V einer Geschlechtsumwandlung gleichkommen. Die entsprechende Dissertation ist den verantwortlichen Bundestagsausschüssen bekannt. Für Interessierte würde ich diese Angabe an dieser Stelle auch noch einmal nachliefern.

ETEKAR