"Wie so oft wird um den heissen Brei herumgeredet" - Daniela "Nella" Truffer zum Ethikrat-"Diskurs"
By seelenlos on Monday 8 August 2011, 06:36 - Forderungen - Permalink
UPDATE! >>> Liste aller Kommentare auf dem Ethikrat-"Diskurs" + Statistik
Nella fletscht die Zähne und sagt
den "ExpertInnen" wie's ist –
am Ende des "Diskurses" leider so aktuell wie zu Beginn ...
(zum abspielen reinklicken)
>>>
Statement Forum 1: "Medizinische Behandlung – Indikation – Einwilligung"
>>>
Statement Forum 2: "Lebensqualität Betroffener und
Perspektiven"
>>>
Ein bisschen Zensur auf dem Ethikrat-Online-Diskurs "Intersexualität"
(I)
Transkript Videobeitrag:
Wie so oft wird um den heissen Brei herumgeredet oder - etwas, was für uns
absolut selbstverständlich ist, das niemand das Recht hat, für Menschen mit -
also für Zwitter, die so geboren werden, solche Entscheidungen zu treffen. Das
wird dann immer mit irgendwelchen Sachen versucht abzuwiegeln, also, zum
Beispiel geht es oft dann auch darum, dass die Eltern haben doch auch noch ein
Recht, und für das Kindswohl muss man dieses und jenes. Aber im Prinzip der
betroffene Mensch steht nie wirklich so im Zentrum.
Seit 1950 [1] propagieren und praktizieren Endokrinologen, Kinderchirurgen und
weitere Mediziner kosmetische Genitaloperationen und andere medizinisch nicht
notwendige Eingriffe an Kleinkindern mit atypischen Genitalien – weil sie die
Erfahrung machten, dass es dann einfacher ist, die Eltern zu beeinflussen [2]
und die Kinder sowieso, die können ja gar nicht mitreden. 1955 lieferte dann
ein Sexologe, nämlich John Money, nachträglich eine angeblich wissenschaftliche
Begründung nach [3]. Die angebliche Wirksamkeit dieser Eingriffe konnte bis
heute nie mit zufriedenstellender Evidenz belegt werden. [4]
Seit bald 20 Jahren klagen Überlebende die verheerenden Folgen dieser Praktiken
öffentlich an [5], darunter Verlust der sexuellen Empfindungsfähigkeit,
schmerzende Narben im Genitalbereich, gesundheitliche Schäden infolge der
Kastrationen, Traumatisierung durch aufgezwungene Behandlungen, und fordern
ihre Beendigung. Seit 13 Jahren fordern auch kritische Mediziner und
EthikerInnen, dass solche Eingriffe nur noch im Rahmen kontrollierter Studien
durchgeführt werden sollen, solange weiterhin keine Evidenz über die
Wirksamkeit dieser Behandlungen besteht [6]. Die Antwort der verantwortlichen
Behandler darauf bis heute: Ablenkungsmanöver, Ausreden, Spott und Hohn [7] –
sicher im Wissen, dass sie wegen der Verjährungsfrist juristisch nicht oder
kaum je belangt werden können [8].
Wir Betroffene fordern ein gesetzliches Verbot von kosmetischen
Genitaloperationen an Kindern und Jugendlichen und von kosmetischen
Hormonbehandlungen an Kindern und Jugendlichen in Verbindung mit einer
Aufhebung, Aussetzung oder Verlängerung der Verjährung, wie diese auch bei
weiblicher Genitalverstümmelung und sexualisierter Gewalt gefordert wird.
Aus unserer Sicht haben Eltern kein Recht, für ihre Kinder kosmetischen
Genitaloperationen und kosmetischen Hormonbehandlungen zuzustimmen. Solche
Eingriffe verletzen das Recht auf körperliche Unversehrtheit und
Selbstbestimmung der Kinder und berühren ihre höchstpersönlichen Rechte.
Bisher werden Eltern zu 90% [9] ausschließlich von Endokrinologen und
Kinderchirurgen betreut in Anführungs- und Schlusszeichen, und das Problem ist,
dass zum Beispiel Psychologen und Sonderpädagogen (gemeint: Sozialpädagogen) da
nur am Rande vorkommen. Wir fordern, dass stattdessen wie gesagt spezialisierte
Psychologen und Spezial- und Sozialpädagogen Ansprech- und Kontaktpersonen für
die Eltern sein sollen. Mediziner sollen nur dann auftreten, in Erscheinung
treten, wenn es wirklich um medizinisch notwendige Behandlungen geht. Für den
berühmten "psychosozialen Notfall" sind nicht die Mediziner zuständig, sondern
wie gesagt Psychologen oder Sozialarbeiter.
Seit dem letzten Forum, also seit dem Forum Bioethik zu Intersexualität des
Deutschen Ethikrats vom letzten Jahr wurden allein in deutschen Kinderkliniken
mindestens oder weit über 300 weitere Kinder genitalverstümmelt. Zahllose
Betroffene setzen seit langem große Hoffnung in den Ethikrat. Möge die heutige
Anhörung dazu führen, dass endlich entscheidende Schritte unternommen werden
für ein Leben in Unversehrtheit und Würde auch für Menschen mit atypischen
körperlichen Geschlechtsmerkmalen.
Quellen:
[1] Lawson Wilkins: The Diagnosis and Treatment of Endocrine Disorders
in Childhood and Adolescence. Springfield/Illinois, 1950, S. 274.
Zwischengeschlecht.info: "Genitalverstümmelungen
in Kinderkliniken – eine Genealogie."
[2] Elizabeth Reis: Bodies in Doubt: An American History of Intersex. Baltimore, 2009, S. 113.
[3] Als "Beweis" präsentierte Money ein angeblich gelungenes
Zwillingsexperiment, das in
Wahrheit aber tragisch endete – ein Umstand, den Money zeitlebens
unterschlug. John Colapinto: Der Junge, der als Mädchen aufwuchs. Düsseldorf,
2000.
[4] Heute noch stehen die einschlägigen AWMF-Leitlinien 006/026,
027/047,
027/022, 015/052 auf der niedrigsten Evidenzstufe S1.
[5] Vgl. Cheryl Chase: Letter, Sciences, July/August
1993, S. 3.
[6] Kenneth Kipnis, Milton Diamond:
"Pediatric Ethics and the Surgical Assignment of Sex", The Journal of
Clinical Ethics, Vol. 9 No. 4, 1998, S. 398-410.
[7] Eine beliebte Ausflucht besteht darin, gebetsmühlenartig das Fehlen von
Langzeitstudien zu beklagen und gleichzeitig unkontrolliert weiter zu
operieren, vgl. Howard Devore: "Endless Calls for 'More Research' as Harmful
Interventions Continue", Hermaphrodites With
Attitude, Fall/Winter 1996 [PDF], S. 3. Von Behandlern wird u.a.
behauptet, Überlebende wären nur aufgrund von Einbildungen unglücklich (Susanne
Krege, Vortrag UK Aachen 30.05.2011), erwachsene Zwangsoperierte hätten kein
Recht für heutige Betroffene zu sprechen (Olaf Hiort,
taz 06.11.2007), oder kritische Betroffene und Menschenrechtskommissionen
werden als potentielle Gewalttäter dargestellt (Laurence Baskin, Referent am
diesjährigen "3rd
EuroDSD Symposium" in Lübeck, Stanford
Medicine, Vol. 28 No. 1, 2011, S. 26 [PDF]).
[8]
Christiane Völling, die bisher einzige Betroffene, die überhaupt einen
Behandler wenigstens noch zivilrechtlich belangen konnte, wohlbemerkt in
letzter Minute, war beim fraglichen Eingriff schon 18 Jahre alt, alle früheren
Eingriffe waren auch bei ihr schon verjährt. Alle anderen Versuche von
Betroffenen, Behandler juristisch zu belangen, scheiterten bisher stets an der
Verjährung, vgl. auch Zwischengeschlecht.info: "Genitalverstümmelung:
'Unrecht der Medizinversuche anerkennen' (Oliver Tolmein 2009)".
[9] Eckhard Korsch:
"Überlegungen zur praktischen Umsetzung des DSD-Consensus-Statements"
[PDF], Vortrag APE 2006, Folie 16.
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Statement Forum 1: "Medizinische Behandlung – Indikation – Einwilligung"
>>>
Statement Forum 2: "Lebensqualität Betroffener und
Perspektiven"
>>>
Ein bisschen Zensur auf dem Ethikrat-Online-Diskurs "Intersexualität"
(I)
>>>
Genitalverstümmelungen in Kinderkliniken – eine Genealogie der
Täter
>>> 150 Jahre
Menschenversuche ohne Ethik und Gewissen
>>>
Genitalverstümmelungen in Kinderkliniken: Fakten und Zahlen
>>> Übersichtsseite zur laufenden Ethikrat-Anhörung 2011
Unzensierte
Version: Draufklicken (PDF, 3.3 MB)
>>> Flugblatt zur
Anhörung (PDF, 3.3 MB)
WARNUNG: 2.
Seite enthält Operationsfotos!
>>>
Aufforderung um Unterstützung an den Deutschen Ethikrat Dezember 2008
>>>
Erneute Anfrage um Unterstützung an den Deutschen Ethikrat Mai
2009
>>>
Forum Bioethik des Deutschen Ethikrates zu "Intersexualität"
23.6.2010
>>> Anliegen
von Zwischengeschlecht.org an den Deutschen Ethikrat
Siehe auch:
-
Zwangsoperierte über sich selbst und ihr Leben
-
Alice Dreger über EthikerInnen als MittäterInnen
- Offener
Brief an das "3rd EuroDSD Symposium", Lübeck 21.5.2011
-
9. Menschenrechtsbericht: Bundesregierung deckt medizinische
Verbrechen
-
Zwitter-Genitalverstümmelungen: Ethikrat gefordert
-
"Ethik als Freifahrtschein für operieren auf Teufel komm raus" - Claudia
Wiesemann
-
Weltweit größte Zwitter-Studie straft Bundesregierung Lügen!
-
Zwangsoperationen an Zwittern: Bundesregierung beugt Grundgesetz Art.
2
-
Zwitter-Vereinnahmung im Bundestag (I)
-
Zwitter-Vereinnahmung im Bundestag: Business as usual (II)
- Genitalverstümmelung
in Kinderklinik: Wer sind die Täter? Was soll mit ihnen geschehen?







