"Intersex"-Genitalverstümmelungen in der Charité - Offener Brief an das Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin, 4.9.12

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Genitalverstümmelungen stoppen!  Zwischengeschlecht.org
  Menschenrechte auch für Zwitter!
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"Gott hat uns dieses Kind geschenkt, so wie es ist.
Wir nehmen es dankbar an und lieben es. Es ist gesund
und fröhlich und entwickelt sich prächtig." - Eine Mutter [1]
 

Offener Brief von Zwischengeschlecht.org an das Rogate-Kloster Berlin

 
Sehr geehrtes Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin

Als Menschenrechtsgruppe, die sich seit fünf Jahren für das Recht auf körperliche Unversehrtheit für Menschen mit "atypischen" körperlichen Geschlechtsmerkmalen einsetzt sowie für "Menschenrechte auch für Zwitter!" freuen wir uns, dass Sie dem Thema "Intersexualität" einen Abend widmen. Gleichzeitig erfüllen uns gewisse Begleitumstände mit tiefer Sorge, der wir nachfolgend Ausdruck verleihen möchten:

• In Ihrer Ankündigung [2] sprechen Sie ausschließlich "den Umgang mit intersexuellen Menschen in der Vergangenheit" an. Tatsache ist, dass laut Erhebungen der Mediziner selbst heute noch 90% aller Betroffenen im Kindesalter medizinisch nicht notwendigen, kosmetischen "Genitalkorrekturen" unterworfen werden. [3] Gerade in der Charité wurde im letzten Jahr das Angebot für kosmetische Genitaloperationen an Kindern massiv ausgebaut. [4] [5] [6] Gleichzeitig leugnen sowohl der Berliner Senat [7] wie auch die Charité selbst [8] bis heute jegliche Kenntnis dieser Praxis.

• Für die meisten Betroffenen sind aufgrund der als verstümmelnd empfundenen Eingriffe das Unrecht und die verheerenden Folgen der kosmetischen Genitaloperationen im Kindesalter und deren schnellstmögliche Beendigung das Hauptanliegen. Für andere stehen dagegen Fragen der Geschlechtsidentität und – oft mit Unterstützung Dritter – die lautstarke Forderung nach einem 3. Geschlechtseintrag im Zentrum. Oft werden dadurch im öffentlichen und politischen Diskurs die Anliegen der Überlebenden von kosmetischen Genitaloperationen im Kindesalter ausgeblendet oder lediglich bei Forderungskatalogen Dritter als hinterstes Anhängsel "mitgemeint" ("LSBTI", "LGBTTI" o.ä.). [9] [10] Obwohl die meisten Betroffenen sich gegen eine solche Subsumierung wehren, auch weil sie ihre spezifischen Anliegen als Menschen mit medizinischer Gewalterfahrung überdeckt. [11] [12]

• Auch an der heutigen Veranstaltung ist der Aufhänger einmal mehr "Selbstbestimmung im Identitätsgeschlecht", sind Überlebende von kosmetischen Genitaloperationen NICHT vertreten, liegt die Betonung auf Diskriminierung und Personenstandspolitik, und in der Ankündigung auf Mechthild Rawerts Homepage [13] ist die Hauptforderung nach körperlicher Unversehrtheit nicht einmal erwähnt.

• Bis heute verweigert Mechthild Rawert den Dialog mit Überlebenden von kosmetischen Genitaloperationen im Kindesalter. [14]

In der Hoffnung, dass der Schrei der Überlebenden von kosmetischen Genitaloperationen im Kindesalter nach Gerechtigkeit und um konkrete Taten für die Unversehrtheit der noch Ungeborenen heute Abend im Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin nicht ungehört verhallen wird,

grüße ich Sie freundlich

Im Namen der Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org

Daniela Truffer
Gründungsmitglied Zwischengeschlecht.org
Gründungsmitglied Selbsthilfegruppe Intersex.ch
Mitglied XY-Frauen
Mitglied Intersexuelle Menschen e.V.

Mobile +41 (0) 76 398 06 50
presse_at_zwischengeschlecht.info

http://zwischengeschlecht.org
Regelmäßige Updates: http://zwischengeschlecht.info

Die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org fordert ein Verbot von kosmetischen Genitaloperationen an Kindern und Jugendlichen sowie "Menschenrechte auch für Zwitter!".

Betroffene sollen später selber darüber entscheiden, ob sie Operationen wollen oder nicht, und wenn ja, welche.

Fußnoten (alle Links Stand 04.09.2012)

[1] Sonntag + Leben & Glauben, Nr. 36/2010, http://zwischengeschlecht.org/public/SLG_36-2010_Intersexualitaet.pdf

[2] http://rogatekloster.wordpress.com/2012/09/02/rogate-abend-intersexualitat-als-herausforderung-fur-politik-kirche

[3]  Martina Jürgensen: "Klinische Evaluationsstudie im Netzwerk DSD/Intersexualität: Zentrale Ergebnisse", Vortrag 27.05.2009, Folie 6, http://blog.zwischengeschlecht.info/public/Kleinemeier-OP-Stats_x.gif

[4] Charité: "Flyer Kinderurologie", http://urologie.charite.de/fileadmin/user_upload/microsites/m_cc08/urologie/Texte/Flyer/Kinderurologie_2011.pdf

"Die Charité etabliert in der Klinik für Urologie ein Zentrum für Kinderurologie und plastisch-rekonstruktive Urologie, um überregional die Behandlung komplexer kinderurologischer Erkrankungen auf höchstem Niveau sicherzustellen."

Unter "Leistungsspektrum" angebotene kosmetische Genitaloperationen a.k.a. "Korrekturen angeborener Fehlbildungen":

"am männlichen Genitale
  » Korrektur von Maldescensus testis [...]
  » Korrektur aller Penisanomalien wie Hypospadie, Epispadie,
     Penisschaftverkrümmung, Penistorsionen und -Deviationen […]"

 am weiblichen Genitale
  » Behandlung der Labiensynechie, der Scheideneingangs-
     strikturen und der Scheidenaplasie.
  » Anomalien des Sinus urogenitalis"

 am intersexuellen Genitale, Störungen der
sexuellen Differenzierungen
  » Morphologische Abklärung und, entsprechend der
     Geschlechtszuweisung, die adäquate [sic!] Feminisierungs- oder
     Maskulinisierungsoperationen.
  » Scheidenaufbau und Erweiterung"

[5] Offener Brief von Zwischengeschlecht.org an die Charité Universitätsmedizin, 13.11.2011, http://zwischengeschlecht.org/public/Offener_Brief_Charite_2011.pdf

Auf den Seiten 1-2 eine Auswahl von Zitaten von Charité-MitarbeiterInnen, die kosmetische Genitaloperationen an Kindern propagieren, darunter:

PD Dr. med. Heiko Krude: "Es ist schon eher so, dass man den Eltern sagt, das ist von der Anatomie des äusseren Genitals her möglich es zum Beispiel durch Operation in Richtung Mädchen zu verändern. Und dann würde man dazu neigen, die männlichen Gonaden, die in der Pubertät männliches Hormon bilden würden, zu entfernen und dann die weibliche Pubertät durch die Zufuhr von weiblichen Hormonen zu fördern. Es ist auch vorstellbar in die andere Richtung." (S. 1)

“Wenn Sie eine Patientin nicht operieren […], das wäre eine Art von Gewalt […].” (S. 2)

Dr. med. Birgit Köhler: "Sind Hoden und ein ausreichend großer Phallus […] vorhanden, sollte primär zugunsten […] einer frühen Maskulinisierungsoperation entschieden werden." (S. 2)

Prof. Dr. med. Martin Westenfelder: "Medizinische und psychologische Gründe fordern eine Behandlung. Eltern wollen im Normalfall entweder einen Jungen oder ein Mädchen […]. Die Gesellschaft hat Schwierigkeiten mit intersexuellen Individuen und intersexuelle Individuen ohne Therapie mit ihr." (S. 2)

[6] Betr. personelle Wechsel 2012 bei gleichbleibender Zielsetzung vgl. Zwischengeschlecht.info: "Intersex"-Genitalverstümmelungen in der Charité a.k.a. "Genitale Rekonstruktionsoperationen zum Schutz der sexuellen Integrität", http://blog.zwischengeschlecht.info/post/2012/08/16/Genitalverstuemmelungen-Charite-Birgit-Koehler

[7] Abgeordnetenhaus Berlin, Drucksache 16/14436, http://www.parlament-berlin.de:8080/starweb/adis/citat/VT/16/KlAnfr/ka16-14436.pdf

"Dem Senat liegen keine Erkenntnisse über konkrete Fälle mit derartigen Eingriffen oder Therapien vor. Eine rechtliche Beurteilung ist somit nicht möglich." (S. 2)

"Auch gibt es keine Erkenntnisse darüber, ob und welche Krankenhäuser in Berlin solche Behandlungen an Kindern vorgenommen haben." (S. 1)

[8] Antwort der Charite vom 30.12.2011 auf den Offenen Brief von Zwischengeschlecht.org vom 13.11.2011, http://blog.zwischengeschlecht.info/public/Charite_Antwort_OB_web.jpg

Die im Offenen Brief belegten Angebote und entsprechenden Zitate von MitarbeiterInnen betreffend kosmetischen Genitaloperationen an Kindern (vgl. oben [4] und [5]) wies die Charité in ihrer Antwort mit folgenden Worten abschließend zurück: "Ihr unhaltbarer pauschaler Vorwurf […] ist einem sachlichen Diskurs leider nicht zuträglich."

Sowie als einzige weitere Stellungnahme zu den angesprochenen Eingriffen an Kleinkindern: "Wir möchten Ihnen versichern, dass der Dialog im Sinne einer Behandlungspartnerschaft mit informierten und autonomen Patienten Anspruch der Charité ist."

[9] "Intersexualität war auch ein großes Thema auf meinem Sommerfrühstück mit VertreterInnen der LGBBTI-Community."
Mechthild Rawert, „Blitzlichter“ aus der letzten Sitzungswoche, http://www.mechthild-rawert.de/inhalt/2012-07-03/blitzlichter_aus_der_letzten_sitzungswoche

[10] Mechthild Rawert, MdB: Gleichstellungspolitik für Lesben und Schwule. Anträge und Initiativen der SPD-Bundestagsfraktion, http://www.asf-berlin.de/w/files/asf/praesentation-mechthild-rawert-asf-25-04-2012-.pdf

"ein gleichberechtigtes und selbstbestimmtes Leben für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender und Intersexuelle […] Aufnahme des Diskriminierungsmerkmales der sexuellen Identität" (Folie 8)

"des gesellschaftlichen Klimas gegenüber Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgendern, transsexuellen und intersexuellen Menschen" (Folie10)

"Homosexualität im Sport" (Folien 13-14)

"Transsexuellengesetz (TSG) und Intersexualität" (Folie 21)

--> Kosmetische Genitaloperationen an Kindern mit "atypischen" körperlichen Geschlechtsmerkmalen werden dagegen in der ganzen Präsentation nirgends erwähnt, ebenso wenig Menschenrechtsverletzungen gegenüber (angeblich) "intersexuellen" Sportlerinnen (z.B. Santhi Soundarajan, Sarah Gronert, Caster Semenya)!

[11] Emi Koyama / Lisa Weasel: "Von der sozialen Konstruktion zu sozialer Gerechtigkeit. Wie wir unsere Lehre zu Intersex verändern." (2002) In: Die Philosophin. Forum für feministische Theorie und Philosophie. 14. Jahrgang, Heft 28, Dezember 2003: "Intersex und Geschlechterstudien". Tübingen: Edition Diskord, 2003, S. 79-89.

"Auch wenn es nicht ungewöhnlich ist, Themen der Intersexualität mit Transsexual- und Transgender-Themen in Verbindung zu bringen, handelt es sich dennoch um ein Missverständnis. Es wird dabei nämlich übersehen, auf welche Weise die Selbstbestimmungsrechte von Intersexuellen unter dem Vorwand der Notwendigkeit einer medizinischen Behandlung massiv beschnitten werden." (S. 82)

"[D]ie Aufnahme der Intersexualität in die LGBT-Agenda [führt] dazu, dass spezifische und dringende Themen der Intersexuellen nicht zur Kenntnis genommen werden." (S. 83)

"Nehmen Sie zur Kenntnis, dass es nicht in den Verantwortungsbereich der Intersexuellen fällt, das binäre Sex-Gender-System auseinanderzunehmen und dass Intersexuelle keine Meerschweinchen sind, an denen die aktuellsten Gender-Theorien getestet werden." (S. 87)

[12] Georg Klauda: "Über die Verstümmelung von Hermaphroditen" a.k.a. "Fürsorgliche Belagerung", Vortrag gehalten am 31. Oktober 2002 im Berliner Haus der Demokratie und Menschenrechte im Rahmen der "Republikanischen Vesper" der Humanistischen Union, der Internationalen Liga für Menschenrechte und der Redaktion Ossietzky im Berliner Haus der Demokratie und Menschenrechte, http://web.archive.org/web/20080214070642/http://www.lobby-fuer-menschenrechte.de/anthologie/georgklauda.html

"Dass sich gerade [Transsexuelle sowie Lesben und Schwule] dieses Themas annehmen, liegt an einem Überschuss von Projektion. Sie sehen nicht, dass ihre Problematik, d. h. die Problematik von Coming-out und gesellschaftlicher Anerkennung, nicht die von Hermaphroditen ist. Sie sehen nicht, dass die ungefragte Adoption von Hermaphroditen durch die Lesben-, Schwulen- und Trans[sexuell]enbewegung einer Überrumpelung und Kolonialisierung gleichkommt und moralisch unzulässig ist, weil sie das eigentliche Anliegen von Menschen mit medizinischer Gewalterfahrung überdeckt."

[13] http://www.mechthild-rawert.de/termine/2012-08-10/intersexuelle_menschen_anerkennen_selbstbestimmung_im_identit_ts

[14] Vgl. http://blog.zwischengeschlecht.info/pages/Kosmetische-Genitalkorrekturen-Mail-an-Mechthild-Rawert

>>> Chirurgische "Genitalkorrekturen" an Kindern: Typische Diagnosen und Eingriffe
>>> Zitty 14/2013: Heute noch Intersex-Genitalverstümmelungen in der "Charité"  
>>>
"Aufarbeitung tut not!" Unis, Klitorisamputationen u. a. "Genitalkorrekturen"
>>> Verflucht sollt ihr alle sein, denn an euren Händen klebt Kinderblut!