"Das war im Oktober 2005, ich war 46 Jahre alt. Das Wort "Intersexualität" hatte ich noch nie gehört. 46 Jahre hatte es gedauert, bis mir vage aufging, dass es vielleicht noch andere Menschen gab, die so "anders" waren wie ich. Es mussten zumindest genug sein, um eine Studie darüber zu machen."

(Christiane Völling: Ich war Mann und Frau. Mein Leben als Intersexuelle, S. 8)

"Auf einem kleinen Tisch im Vorzimmer ihres Büros lag schon der Fragebogen für mich bereit. An dem Papierstapel konnte man ablesen, dass es sich hier um mehr als "ein paar Fragen" handelte. B. verstärkte ihr Lächeln: "Die meisten brauchen so zwei Stunden. Wenn Sie Fragen haben sollten, ich sitze gleich hier drüben." Sie verschwand in ihrem Büro.

Die meisten Fragen waren zum Ankreuzen, ein paar hatten Zeilen. Die ersten gingen ganz gut:

Geboren: 1959

In welchem Geschlecht leben Sie zurzeit?: männlich

Größe: 1,56 cm

Gewicht: 55 kg

Stand: ledig

Geschwister, Schwangerschaft der Mutter, Ausbildung, Elternhaus, Hobbys und so weiter. Das erste Mal zögerte ich bei Frage Nummer 22: "Wie haben Sie Ihre Pubertät erlebt?"

Ich konzentrierte mich und rief mir die Zeit zwischen zwölf und 15 Jahren ins Gedächtnis, das war doch wohl das, was man als Pubertät bezeichnete. Ich erinnerte mich an keine körperlichen Veränderungen dieser Zeit. Ich verstand die Frage nicht. Ich nahm meinen Fragebogen und klopfte vorsichtig an die Bürotür von Frau B. Ich erzählte ihr von meinem Problem mit dieser Frage. Da bekam ihr Lächeln einen ersten Sprung.

"Ja, dann schreiben Sie das bitte so an den Rand", sagte sie unsicher.

Ich machte weiter bis Frage Nummer 56: "Welche Diagnose ist Ihnen mitgeteilt worden?" Das waren so viele gewesen, dass ich kaum noch alle wusste. Erleichtert nahm ich den klein gedruckten Zusatz unter den Kästchen wahr: Mehrfachnennung möglich". Ich kreuzte fast alle 37 Kästchen von AGS bis Zwitter an. Ich war ein weites Feld, wenn es um Diagnosen ging.

Frage 57: "Wer war dabei, als Ihnen die erste Diagnose zur Intersexualität mitgeteilt wurde?"

Als mögliche Antworten standen zur Auswahl: Vater, Mutter, Opa, Oma, Schwester, Bruder, Freundin, Ehefrau und so weiter. Die Antwort "Niemand" gab es nicht. Erst verschwommen, dann immer deutlicher drängte sich ein Bild in mein Bewusstsein, von dem ich vergessen hatte, dass es in meinem Kopf vergraben war: Ich sah mich mit 16 Jahren vor seinem Schreibtisch sitzen. Er hatte sich im weißen Kittel lässig auf die Tischkante gesetzt und grinste auf mich herab: "Du bist kein Mann. Du bist keine Frau. Du bist ein Zwitter, eine Kuriosität ... Da kann man nichts machen." Das Bild verschwand.

Ich schluckte trocken und malte ein Kästchen unter die anderen, schrieb "Niemand" dahinter und kreuzte es an. Das hatte ich damals allein durchgestanden.

Frage 84 brachte mich weiter aus der Fassung: "Zu welchen Personen haben Sie eine besonders enge Verbindung?"

Eltern, Geschwister, Freunde, Kollegen, Partner/in, Ehefrau/Ehemann? Auch Fehlanzeige. Ich malte wieder ein "Niemand"-Kästchen. Das vor mir zu sehen machte mich fertig. Ich blickte aus dem Fenster über die Dächer der umliegenden Gebäude. Es dämmerte schon. Ich sah auf die Uhr, schon nach fünf. Ich saß bereits seit drei Stunden vor dem Bogen, und während der gesamten Zeit war mein Unbehagen größer geworden. All diese persönlichen Fragen. Und jetzt das. Das Eingeständnis eines einsamen Lebens, schwarz auf weiß. Ich spürte das Ziehen in meinen Augen, bevor die ersten Tränen kamen.

Es folgten Fragen zum ersten Zungenkuss, zu sexuellen Praktiken - mir wurde es langsam zu viel. Ich fand das unverschämt. Außerdem hatte ich auf diesem Sektor nichts zu berichten. Ich machte wütende Striche durch die Antwortzeilen.

Frage 97: "Unter welchen Schmerzen leiden Sie häufig?"

Hier konnte ich wieder alles ankreuzen. Das war so bitter: keine Kontakte, dafür Schmerzen ohne Ende.

Frage 112: "Welche sexuelle Orientierung haben Sie?"

Gar keine. Ich kreuzte "Weiß nicht" an.

Das Weiße meiner Knöchel trat hervor, so verkrampft hielt ich den Kugelschreiber. Kreuzchen für Kreuzchen bahnte er sich seinen Weg und legte diese schrecklichen Wahrheiten frei. Mein T-Shirt klebte am Rücken.

Im Nebenzimmer räusperte sich B. geräuschvoll und erschien im Türrahmen. "Alles in Ordnung? Wollen Sie man eine Pause machen?"

"Alles in Ordnung. Bin gleich fertig." Meine Stimme hörte sich seltsam fremd an. Als käme sie aus einer anderen Ecke des Raumes.

"Möchten Sie ein Glas Wasser?" Ihr Lächeln war einer besorgten Miene gewichen. Meine Verwirrung war wohl offensichtlich. Ich schämte mich.

"Nein, danke. Ich beeil mich."

Frage 149: "Welche Operationen sind durchgeführt worden?"

Ich riss mich zusammen, biss mir auf die Unterlippe und versuchte in die richtige Reihenfolge zu bringen, was mir aus den wenigen Arztbriefen und Gesprächen in Erinnerung war: Eine Blinddarmoperation mit 16 Jahren. Kurz darauf folgte eine Leistenhodenoperation, bei der man aber keine Hoden fand, dafür Anteile einer inneren weiblichen Anatomie. Zwei Jahre später, 1977, die Entnahme der inneren Geschlechtsorgane - die Ärzte hatten mir gesagt, das Gewebe hätte sich bereits zum Tumor entwickelt. Der Arztbrief sprach von "Uterus- und Ovarexstirpation" - Entfernung von Gebärmutter und Eierstöcken -, von männlichen Anteilen sagte er nichts. Das war mir immer seltsam vorgekommen, und ich dachte an einen Irrtum. Jetzt schrieb ich es dennoch genauso auf den Fragebogen, wie ich es in Erinnerung hatte. Zwischen 1978 und 1980 gab es gleich mehrere Operationen, um meinen Penis zu begradigen und aufzurichten, sowie weitere zur Harnröhrenkonstruktion.

Frage 150: "Nehmen Sie Hormone ein? Wenn ja, welche?"

Testosteron. Hohe Dosis.

Mir war übel. Die Zeilen tanzten vor meinen Augen. Tränen traten mir wieder in die Augen. Dennoch sah ich in diesen Antworten plötzlich etwas vor mir, das mir früher, als ich noch ein Kind war, ganz klar gewesen war, aber das ich in den letzten 25 Jahren versucht hatte zu vergessen, zu verdrängen, zu ignorieren. All diese Operationen mit "weiblichen Anteilen" und das hoch dosierte Testosteron. Da stimmte etwas nicht. Ich hatte immer innere Zweifel am Jungen und später auch am Mann Thomas Völling gehabt - so große, dass ich beinah daran zerbrochen wäre. Als ich nun auf den Fragebogen blickte, erschienen mir diese Zweifel plötzlich in einem anderen Licht - sie schienen mir zum ersten Mal berechtigt. Mein ganzes Leben lag in 150 bitteren Antworten vor mir. Doch die Essenz war plötzlich ganz deutlich aus meiner OP-Geschichte ablesbar: Vielleicht war ich gar kein Mann mit AGS. Vielleicht hatten sie nur alle getan, um es danach aussehen zu lassen."

(Christiane Völling: Ich war Mann und Frau. Mein Leben als Intersexuelle, S. 12-15)

Siehe auch:
- Christiane Völlings Geschichte in ihren eigenen Worten
- "Tabu Intersexualität" - Dokfilm u.a. über Christiane, Arte 8.10.
- Buch von Christiane Völling: "Mein Leben als Intersexuelle"
- Alle Posts zu Christiane Völling auf Zwischengeschlecht.info
- 1. Pressemitteilung
- Demoaufruf 1. Prozesstag
- Bericht 1. Prozesstag
- Pressespiegel 1. Prozesstag
- Warum Christiane Völling zur Transsexuellen gemacht werden soll
- Wegen Zwitterprozess: Druck auf Ärzte wächst
- Bericht und Pressespiegel 2. Prozesstag
- Christiane Völling: Der Kampf geht weiter
- Bericht provisorischer Entscheid OLG
- Bericht definitiver Entscheid OLG
- Pressespiegel definitiver Sieg vor OLG
- Christiane Völling: Verurteilter Chirurg will nicht zahlen!  
- Merkel & Co: Einladung zum Zwitterprozess!
- Zwitterprozess: Verurteilter Chirurg als Gutachter für Behandlungsfehler   
- "Schmerzensgeld-Prozess" - Sat1 NRW 19.5.09
- 3. Prozesstag 20.5.09: "Netzwerk DSD" fällt Chirurgen in den Rücken
- Zwitterprozess: 100'000 Euro plus Zinsen Entschädigung für genitale Zwangsoperation
- Christiane Völling: Zwangsoperateur gibt sich geschlagen und zahlt! 
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