Wie uns die Geschichte lehrt, waren einer der grössten Steine im Weg der Frauenbefreiung nicht nur die klassischen "konservativen Patriarchen", sondern auch "fortschrittliche RevolutionärInnen", welche sich schlicht weigerten, die Frauenunterdrückung als tatsächliches Problem anzuerkennen, sondern im Gegenteil "die Frauenfrage" regelmässig als blossen "Nebenwiderspruch" zum "Hauptwiderspruch der Klassenfrage" herabwürdigten. [1]

[1] Die Begriffe "Haupt- und Nebenwiderspruch" im heutigen Gebrauch stammen ursprünglich aus der marxistischen Terminologie und waren vor 1989 "im Osten" wie "im Westen" gleichermassen im Schwange (wie auch in der Kritik, und sind zum Teil auch heute noch Thema). Übrigens wehren sich auch Schwule seit längerem dagegen, innerhalb der Linken zum "Nebenwiderspruch" degradiert zu werden (eins / zwei).

Die über ein Jahrhundert gängige Reaktion dieser "progressiven PatriarchInnen", wann immer Frauen sich gegen ihnen angetanes Unrecht wehrten, lautete sinngemäss:

"Nun gehabt euch mal nicht so, Mädels, kämpft lieber mit uns für die Überwindung des Kapitalismus, nach der Revolution erledigt sich die Frauenfrage dann von selbst."

Was viele Frauen selbstredend alles andere als Klasse fanden.

Doch erst die sog. "Zweite Welle des Feminismus" [2] machte irgendwann nach 1968 diesen "progressiven PatriarchInnen" definitiv den Garaus. (Oder zumindest würde sich heute so ziemlich keiner von ihnen mehr getrauen, Frauen öffentlich mit Sprüchen à la dem obigen zu kommen – ansonsten er/sie wohl ziemlich schnell Deckung suchen müsste ...)

Leider war dies aber nicht das Ende der vereinnahmenden Praxis des "Zum-Nebenwiderspruch-Degradierens" an und für sich.

Seit Jahr und Tag müssen sich nämlich z.B. Zwitter und solidarische Nichtzwitter in ihrem Kampf gegen die Genitalverstümmelungen in Kinderkliniken von Seiten von Trans- und Gender"progressiven" sinngemäss genau den gleichen blöden Spruch anhören:

"Na Kinders, nun gehabt Euch mal nicht so, kämpft lieber mit uns für die Überwindung des Zweigeschlechtersystems / gegen den Personenstandseintrag / für die Dekonstruktion von Geschlecht, danach erledigen sich dann die Zwangsoperationen von selbst." [3]

Wieviele Zwitterkinder bis dahin noch verstümmelt werden, geht diesen selbsternannten "Progressiven" offensichtlich am Arsch vorbei (schliesslich geht's ja nicht um ihre eigenen Genitalien).

Und wie die "progressiven PatriarchInnen" vor ihnen, werden's auch wohl die heutigen leider freiwillig und von sich aus kaum je lernen ... [4]

[2] Tragischerweise waren es genau Exponentinnen der 2. Welle wie --> Kate Millet und Alice Schwarzer und ihre NachfolgerInnen, die John Money und seine Gendertheorie bis heute hypen, ohne je zu hinterfragen, dass das Blut ungezählter zwangsoperierter Zwitter daran klebt.

[3] Auch wenn der Spruch selten so konkret und platt ausgesprochen wird, ist er letztlich jedesmal drin, wo Zwitter im politischen oder wissenschaftlichen Diskurs als blosses Anhängsel zur "Lösung der Genderfrage" behandelt werden, ohne dass gleichzeitig eine konkrete Praxis gegen die Genitalverstümmelungen und sonstigen medizynischen Zwangsbehandlungen entwickelt wird. Aktuelle Beispiele, die gleichzeitig illustrieren, dass Zwitter und Organisationen ebenfalls nicht per se frei davon sind: Der "Genderkongress" "Das flexible Geschlecht" 28.-30.10.10 (--> "Forum 9: Zweisame Demokratie?"), aber auch die Stellungnahme von IVIM/OII zu Caster Semenya.

[4] Immerhin wird die Problematik von politikbewussten Zwittern mittlerweile namentlich kritisiert. So beginnt z.B. kwhals aktuelle Signatur im Hermaphroditforum: "Ich möchte nicht als Nebenwiderspruch von jemandes Theorie gesehen werden [...]"

Siehe auch:
- Von der Frauenbewegung lernen (1): Audre Lorde
- Warum Zwitterforderungen, worin zu oberst nicht die schnellstmögliche Beendigung der Zwangsoperationen steht, keine Zwitterforderungen sind, sondern Vereinnahmung
- "Transgenderfraktion" vs. "Menschenrechtsfraktion"
- Warum Nicht-Biozwitter allesamt privilegiert sind
- Warum nicht alle Bio-Zwitter gleich nicht-privilegiert sind 
- Zwitter-Vereinnahmung im Bundestag: Business as usual (II)
- Zwitter und progressive LGBTs gegen Vereinnahmung