Friedlicher Protest Ostschweizer Kinderspital, St. Gallen 6.2.11 (Bild: Seelenlos)

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PRESSEMITTEILUNG von Zwischengeschlecht.org vom 08.03.2011:

STOP Genitalverstümmelung im Kinderspital!Am kommenden Donnerstag, den 10. März 2011 bringt NZZ Format einen Beitrag über kosmetische Genitaloperationen an Kindern und Jugendlichen in der Schweiz (SF1, 23:20).

Darin behaupten verantwortliche Medizinerinnen und Mediziner einmal mehr rundheraus, solche Eingriffe würden in den hiesigen Kinderspitälern seit langem nicht mehr praktiziert (vgl. Sendungstranskript auf der NZZ Format-Homepage).

Diese und weitere Beschönigungen und Lippenbekenntnisse entsprechen leider, leider NICHT den Tatsachen: 

>>> Chirurgische "Genitalkorrekturen" an Kindern: Typische Diagnosen und Eingriffe
>>> Aufarbeitung tut not! Kosmetische "Genitalkorrekturen" im Uni-Kinderspital ZH 

  

Genitalverstümmelungen im Kinderspital: Fakten und Zahlen

INHALT:
1) 90% aller über 3-jährigen Betroffenen meist mehrfach verstümmelt
2) Unkontrollierte Menschenversuche ohne medizinische Notwendigkeit
3) "Gleich schädlich wie weibliche Genitalverstümmelung"
4) Verhängnisvoller Druck auf Eltern zu irreversiblen OPs
5) Breite Diskussion über gesetzliches Verbot notwendig
   

1) 90% aller über 3-jährigen Betroffenen meist mehrfach verstümmelt

Seit in der Öffentlichkeit vermehrt Kritik an den andauernden Genitalverstümmelungen in den Kinderspitälern laut wird, gehen die Mediziner gegen aussen in die Defensive. Hartnäckig weigern sie sich, Statistiken zu den Eingriffen offenzulegen, und geben je nach Bedarf höchst unterschiedliche Hochrechnungen bekannt. Genaue Zahlen, Abrechnungen usw. seien angeblich entweder nicht mehr vorhanden oder wurden vorgeblich gar nie erfasst. Auch gegen ein Register wenigstens der aktuellen Fälle wehren sich die Mediziner bis heute verbissen. Überhaupt werde heutzutage angeblich schon "seit 1991 nicht mehr zwangsoperiert" (Prof. Mullis, Inselspital). Die Wahrheit sieht leider anders aus:

58% aller Kinder von 0-3 Jahren sind zwangsoperiert. 87% aller Kinder von 4-12 Jahren sind zwangsoperiert. 91% aller Jugendlichen sind zwangsoperiert. 90% aller Erwachsenen sind zwangsoperiert. (BMBF-Studie mit 434 Proband_innen, 2009)
>>>
Präsentation zur "Lübecker Studie" im Bundestag, 2009

Die konkretesten bisher bekanntgewordenen Zahlen stammen aus der aktuell weltweit grössten Studie von 2008, erhoben durch die Verstümmler selbst (u.a. mit Beteiligung des Inselspitals Bern und des Ostschweizer Kinderspitals) –  und zeichnen ein erschreckendes Bild (vgl. obenstehende Illustration):

  • 58% aller Betroffenen von 0-3 Jahren wurden mindestens einmal kosmetisch genitaloperiert
  • 87% aller Betroffenen von 4-12 Jahren wurden mindestens einmal kosmetisch genitaloperiert
  • 91% aller betroffenen Jugendlichen wurden mindestens einmal kosmetisch genitaloperiert
  • 90% aller betroffenen Erwachsenen wurden mindestens einmal kosmetisch genitaloperiert

Fazit: Allein in der Schweiz wird etwa jede Woche in einem Kinderspital ein weiteres Kind irreversibel genitalverstümmelt!
  

2) Unkontrollierte Menschenversuche ohne medizinische Notwendigkeit

"Gott hat uns dieses Kind geschenkt, so wie es ist. Wir nehmen es dankbar an und lieben es. Es ist gesund und fröhlich und entwickelt sich prächtig." (Eine Mutter)

Irreversible kosmetische Genitaloperationen an Kindern mit "auffälligen" körperlichen Geschlechtsmerkmalen sind massive Menschenrechtsverletzungen. Sie medizinisch nicht notwendig, verstossen gegen die Bundesverfassung (Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit) und verletzen die höchstpersönlichen Rechte der Kinder. Eltern haben deshalb kein Recht, im Namen ihrer Kinder in eine kosmetische Genitaloperation einzuwilligen.

Obwohl diese Eingriffe seit 1950 systematisch praktiziert werden, wurde ihre Wirksamkeit nie klinisch getestet (sog. fehlende Evidenz), und die in der Medizin sonst üblichen Nachkontrollen (sog. Follow-Ups) unterbleiben; es handelt sich um uneingewilligte und unkontrollierte Menschenversuche.

Kommt dazu, dass die Komplikationsraten notorisch hoch sind (z.B. 42%-57% Komplikationen sowie "Nachbesserungs-OPs" bei 50% aller Fälle – laut Publikationen der Verstümmler selbst!).

Auch nach medizinethischen Grundsätzen und Richtlinien sind kosmetische Genitaloperationen an Kindern klar unzulässig. Jahrzehnte lange Klagen der Opfer über massive physische und psychische Schäden werden durch namhafte Studien bekräftigt.

2009 kritisierte erstmals der UN-Ausschuss CEDAW die Zwangsoperationen.

Auch Menschenrechtsorganisationen kommen zum Schluss:

"Wir erachten genitale Zwangsoperationen für ein schweres Verbrechen, das gegen die Menschenrechte auf körperliche Unversehrtheit, Selbstbestimmung und Würde verstösst. Genitale Zwangsoperationen sind schwere medizinische Eingriffe an Kindern mit gesunden, aber sogenannten nicht eindeutigen Geschlechtsmerkmalen, die ohne die Einwilligung der Betroffenen vorgenommen werden. Die Folgen von chirurgischen und medikamentösen Eingriffen werden von den Betroffenen oft als Verstümmelungen wahrgenommen."  (Motion von Amnesty Schweiz, 2010)

Ganz anders sehen dies alles bis heute einzig die verantwortlichen Mediziner selbst – so zum Beispiel Prof. Dr. med. Christian Kind, Präsident der Zentralen Ethikkommission (ZEK) der Schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften (SAMW) und gleichzeitig Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie (SGP) sowie Chefarzt Pädiatrie im Ostschweizer Kinderspital St. Gallen, der kürzlich gegenüber DRS2 in der Sendung "Kontext" vom 21.10.2010 ungerührt weder ethische Bedenken noch Handlungsbedarf erkennen konnte:

"Die zentrale Ethikkommission der schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften macht in der Tat Richtlinien zu ethischen Problemen, die, so wie wir das empfinden, für die Ärzteschaft von Wichtigkeit und von Belang sind, und richten uns dabei eigentlich nach dem, was wir für Signale aus der Ärzteschaft und aus der Öffentlichkeit bekommen. Und da muss ich Ihnen sagen, dass in unserer Wahrnehmung bis jetzt das Problem der Störung der Geschlechtsentwicklung nicht als so brennend und mit einem grossen Handlungsbedarf behaftet gesehen wird."  (Prof. Christian Kind, SAMW, 2010)

Noch im Februar 2011 verteidigte der höchste schweizer Padiater und SAMW-Ethiker im St. Galler Tagblatt erneut irreversible, medizinisch nicht notwendige Genitaloperationen – und doppelte unverdrossen nach:

«Lieber hier als im Osten»

[...] Christian Kind sieht das pragmatisch: «Es ist mir lieber, wir behandeln die Kinder hier, als dass die Eltern in den Osten fahren und die Operation dort vornehmen lassen.» (Prof. Christian Kind, SAMW, 2011)

Und niemand will etwas gemerkt haben ...
  

3) "Gleich schädlich wie weibliche Genitalverstümmelung"

Seit den 1990er Jahren klagen betroffene Erwachsene die kosmetischen Genitaloperationen öffentlich an und fordern ihre sofortige Beendigung. Stets beklagen sie dabei den am eigenen Leib erfahrenen "Verlust der sexuellen Empfindsamkeit" und die "Verletzung der körperlichen Unversehrtheit" (Cheryl Chase, 1993) und denunzieren die uneingewilligten Eingriffe als "westliche Form der Genitalverstümmelung" (u.a Michel Reiter, 1996). 

Seit vielen Jahren bestätigen auch namhafte internationale FGM-Expertinnen, JuristInnen und Menschenrechtsorganisationen die bedenklichen Parallelen zur weiblichen Genitalverstümmelung in Afrika.

2004 konstatierte etwa Terre des Femmes Deutschland explizit, die Verstümmelungen in den westlichen Kinderspitälern seien für die Opfer "[r]ein somatisch" gleich schädlich wie die weibliche Genitalverstümmelung, die psychischen Folgen sei bei den Verstümmelungen in den Kinderkliniken gar noch gravierender.

2009 kritisierten Terre des Femmes Schweiz und Amnesty Schweiz in der Vernehmlassung zur aktuellen parlamentarischen Initiative "Verbot von sexuellen Verstümmelungen" explizit, dass kosmetische Genitaloperationen an Kindern im Gesetzesentwurf zu Unrecht ausgelassen wurden.
  

4) Verhängnisvoller Druck auf Eltern zu irreversiblen OPs

Trotz gegenteiliger Lippenbekenntnisse wird von Ärzten in der Schweiz auf Eltern Druck gemacht zu einem möglichst raschen Entscheid - obwohl kein medizinischer Notfall vorliegt, die Operationen irreversibel sind und es für die betroffenen Kinder um eine existenzielle Frage geht.

"Wir Eltern wurden von den Ärzten massiv unter Druck gesetzt, das Kind geschlechtsbestimmend operieren zu lassen, obwohl es vollkommen gesund war und keine Beschwerden hatte. Nicht zu operieren, wäre für das Kind ein gesellschaftliches Desaster, lautete die Begründung. Die Rede war zuerst von einem Mädchen. 'Aber wir machen auch einen Bub, wenn Sie das lieber wollen', bot uns die Ärztin an." (Eine Mutter)

Viele Eltern, die sich von den Ärzten überrumpeln liessen, bereuen dies später und beklagen sich darüber, dass sie nicht umfassend informiert wurden, und dass ihnen keine oder wenig Unterstützung für alternative Überlegungen geboten wurden, insbesondere Hinweise auf Kontaktmöglichkeiten zu Betroffenen und Selbsthilfegruppen.

In der Aus- und Fortbildung von medizinischem Personal und Hebammen sind die Existenz zwischengeschlechtlicher Menschen und die ethischen Probleme mit der jetzigen Behandlung ebenfalls (noch) kein Thema.
  

5) Breite Diskussion über gesetzliches Verbot notwendig

Seit 20 Jahren klagen Betroffene den Ärzten und der Öffentlichkeit ihr Leid. Trotzdem operieren die Mediziner allem Schönreden zum Trotz stur weiter - sicher im Wissen, dass sie wegen der Verjährungsfristen und der Traumatisierung der Opfer juristisch kaum belangt werden können.

Während Genitalverstümmelungen in Afrika verurteilt und juristisch bekämpft werden, sind die Genitalverstümmelungen in Kinderspitälern vor der eigenen Haustüre in der Politik nach wie vor kein Thema.

Dies alles muss sich endlich grundsätzlich ändern!

Was 99% der uneingewilligt genitaloperierten Kinder erleben mussten, ist verwandt mit sexuellem Missbrauch, ist verwandt mit Folter, ist verwandt mit Mädchenbeschneidungen in Afrika, ist verwandt mit den medizinischen Experimenten, wie sie im 2. Weltkrieg in KZ's durchgeführt wurden.

Die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org fordert ein Verbot von kosmetischen Genitaloperationen an Kindern und Jugendlichen sowie "Menschenrechte auch für Zwitter!". Betroffene sollen später selber darüber entscheiden, ob sie Operationen wollen oder nicht, und wenn ja, welche.

  
Freundliche Grüsse

n e l l a
Daniela Truffer
Gründungsmitglied Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org
Gründungsmitglied Schweizerische Selbsthilfegruppe Intersex.ch
Mitglied Intersexuelle Menschen e.V.
Mitglied XY-Frauen
Mobile +41 (0) 76 398 06 50
presse_at_zwischengeschlecht.info

http://zwischengeschlecht.org
Regelmässige Updates: http://zwischengeschlecht.info

>>> Genitalverstümmelungen in Kinderkliniken – eine Genealogie 
>>>
150 Jahre Menschenversuche ohne Ethik und Gewissen

>>> Chirurgische "Genitalkorrekturen" an Kindern: Typische Diagnosen und Eingriffe
>>> Aufarbeitung tut not! Kosmetische "Genitalkorrekturen" im Uni-Kinderspital ZH 

>>> Protest Kispi St. Gallen 6.2.11   >>> Der Offene Brief   >>> Pressemitteilung 2.2.11
>>> SAMW-Ethikchef Prof. Kind: "Genitalverstümmelungen ethisch unbedenklich"
>>> Genitalverstümmelungen: "Lieber hier durchführen als im Osten"
>>> Bericht einer Mutter über das Ostschweizer Kinderspital

Siehe auch:
- Zwangsoperierte über sich selbst und ihr Leben
- Historischer überparteilicher Vorstoss gegen Genitalverstümmelung in Kinderkliniken
- Schweiz: Amnesty International und Terre des Femmes fordern Strafbarkeit von Genitalverstümmelung auch bei Zwittern
- Stiftung Kinderschutz Schweiz: "nicht notwendige operative Eingriffe dringend vermeiden"
- SAMW-Ethikchef Prof. Christian Kind: "Genitalverstümmelungen ethisch unbedenklich"
- Alice Dreger über EthikerInnen als MittäterInnen
- Zürcher Kinderspital propagiert Zwangskastrationen an Kindern 
- Genitalverstümmelung im Kinderspital Luzern
- Genitalverstümmelungen im Inselspital Bern 
- Genitalverstümmelungen: "Lieber hier durchführen als im Osten" (Prof. Dr. Christian Kind)
- Angeblich "keine Zwangsoperationen" gemäss Prof. Primus Mullis (Inselspital Bern)
- Rita Gobet, Kinderspital Zürich: Genitale Zwangsoperationen nur "ganz selten"
- Prof. Dr. Ricardo González (Kispi Zürich): "Noch etwas weiter experimentieren"
- Chefarzt Dr. Marcus Schwöbel: Genitalverstümmelungen der "normale Weg" 
- Kinderkliniken: € 8175,12 Reingewinn pro Genitalverstümmelung 
- "EuroDSD"-Chef Olaf Hiort: "Intersexuelle" nur ein Bruchteil aller Verstümmelungen
- "Neuere Operationstechniken beeinträchtigten die Orgasmus-Fähigkeit stärker als ältere"
- "Weder Evidenz noch medizinische Indikation" (Dr. med. Jörg Woweries)
- Schweiz: Bundesrat will weibliche Genitalverstümmelung verbieten – aber die Zwitter verstümmelt nur ruhig weiter ...
- Genitalverstümmelungen in westlichen Kinderkliniken – eine Genealogie der TäterInnen
- Kosmetische Genitaloperationen: 150 Jahre Menschenversuche ohne Ethik und Gewissen 
- Zwangsoperationen an Zwittern: Wer sind die Täter? Was soll mit ihnen geschehen?