Instrumentalisierung von Zwittern: Kritik aus 2002
By seelenlos on Thursday 24 January 2008, 23:58 - Forderungen - Permalink
Tatsache ist, dass unsere Kritik grosso modo alles andere als neu ist und im Verlauf der letzten 12 Jahre z.B. durch Michel Reiter europaweit landauf landab in Vorträgen und Publikationen immer und immer wieder bekräftigt wurde. Unpolemisch im Ton, präzis in den Fakten und Schlussfolgerungen. Nur hatten alle, die sagen, unsere Kritik sei zu schreierisch, zu hart, zu laut -- offensichtlich nie etwas davon gehört. Und wollen heute noch in Wahrheit nur allzu oft lieber einfach nicht hören. Was zu beweisen war.

Nachfolgend einige Zitate aus einem Vortrag von Georg Klauda, der am 31. Oktober 2002 im Berliner Haus der Demokratie und Menschenrechte gehalten wurde (Hervorhebungen und Aufzählung in Tabellenform im letzten Abschnitt durch mich), bei gigi's home ausserdem online seit Jahr und Tag. Ganzen Artikel lesen dringend empfohlen. Setzen, nachholen, nachdenken. Danke.
Und wetten? Wie stets in der Geschichte wird die faulste Ausrede auch diesmal die verbreitetste bleiben: Also das, davon haben wir nun wirklich nichts gewusst!
[...]
Was also die Aufmerksamkeit der Medien gefangen hält, ist nicht der Gewaltdiskurs von Intersex-AktivistInnen, sondern die Konkurrenz zweier äußerst primitiver Modelle, die beide die Stabilisierung unseres Wissens über männlich und weiblich zum Gegenstand haben: das Krankheitsmodell versus das Minderheitenmodell. Zur Inszenierung dieses Streits im Fernsehen werden auf der einen Seite Ärzte eingeladen, die versprechen, die Normabweichung durch medizinische Eingriffe zu heilen und den Leuten dadurch ein "normales" Leben zu ermöglichen. Dagegen tritt, jedenfalls in der von den Medien gewünschten Dramaturgie, eine Gruppe an, die gesellschaftlich ihr Recht auf Anderssein einfordert.Ich denke, dass Hermaphroditen sich in diesem Szenario nur entfernt wiederfinden, weil es ihnen nicht um ihre Selbstdefinition, sondern um das Ende einer invasiven Medizin geht. Oft sind es daher nicht sie selbst, sondern Transsexuelle sowie Lesben und Schwule, die auf der Bühne diese Rolle für sie übernehmen. Dass sich gerade sie dieses Themas annehmen, liegt an einem Überschuss von Projektion. Sie sehen nicht, dass ihre Problematik, d. h. die Problematik von Coming-out und gesellschaftlicher Anerkennung, nicht die von Hermaphroditen ist. Sie sehen nicht, dass die ungefragte Adoption von Hermaphroditen durch die Lesben-, Schwulen- und Transenbewegung einer Überrumpelung und Kolonialisierung gleichkommt und moralisch unzulässig ist, weil sie das eigentliche Anliegen von Menschen mit medizinischer Gewalterfahrung überdeckt.
[...]
Wir werden uns deshalb daran gewöhnen müssen, Hermaphroditen nicht als Angehörige einer Minderheit anzusprechen, sondern, ihrer eigenen Einschätzung gemäß, als medizinische Folteropfer. [...]
Ich sage das, weil es ein Phänomen gibt, Hermaphroditen unter solche neueren Zeichen wie Queer und Transgender zu subsumieren. Eine solche Entdifferenzierung kommt nur der Medizin entgegen, weil dadurch einerseits die je spezifische Problematik verdeckt wird und weil andererseits damit das von der Sexualmedizin begründete Konzept des Dritten Geschlechts aus der Anfangszeit des 20. Jahrhunderts neu aufgelegt wird. Gelingt es der Medizin, einen solchen dritten Geschlechtssektor zu okkupieren und unterschiedslos Transsexuelle, Homosexuelle und Hermaphroditen darunter zu fassen, haben auch Lesben und Schwule eine pathologische Medizin wieder am Hals. [...]Durch die Queer- und Transgender-Modelle entstehen darüber hinaus Kolonialisierungskaskaden: Lesben und Schwule kolonialisieren Transsexuelle, und diese wiederum kolonialisieren Hermaphroditen. [...]
[...]
Ich habe außerdem versucht darzustellen, dass die Medizin hierbei nicht eine bereits gängige Praxis von Ausgrenzung verlängert, sondern dass sie diese aktiv herbeigeführt hat. Es handelt sich um einen Belagerungszustand, der seit Ende des 19. Jahrhunderts andauert und sich über den bekannten deutschen Dreischritt: Identifizierung, Ausgrenzung und Vernichtung entwickelt hat. Erst muss festgelegt werden, wer und was Hermaphroditen sind, d. h. eine Definition des Gegenstandes. Dann wird die solcherart definierte Gruppe als krank, missgebildet und monströs dargestellt, um ihr die Unterstützung der Bevölkerung zu nehmen. Und schließlich wird ihre praktische Elimination ins Werk gesetzt.
Die Agenda der KritikerInnen dieser Praxis muss also heute lauten:
- Wie können wir diese Operationen beenden?
- Wie können wir die beteiligten MedizinerInnen zur Verantwortung ziehen?
- Welche Reparationen muss der Staat an die Überlebenden zahlen?
- Wie können wir erreichen, dass die Lehr- und Schulbücher, die Hermaphroditen pathologisieren und als missgebildete Monster darstellen, vom Markt genommen werden?
- Welche Konsequenzen müssen wir für das u.a. im Personenstandsrecht kodifizierte Wissen über Geschlecht ziehen, wenn die Annahme, dass es nur zwei Geschlechter gibt, nicht mehr haltbar ist?
- Wie kann die Praxis der Medizin wieder einer demokratischen Kontrolle unterworfen werden?
5 1/4 Jahre alt -- und immer noch brandaktuell! Ganzen Artikel lesen dringend
empfohlen. Auf
derselben Homepage von gigi hat's auch noch weitere relevante Texte, auch von
Michel Reiter. (Darunter auch einer, in dem er unter "Ziele organisierter
Intersexen" ebenfalls kollektive
"Opferentschädigungszahlungen" für alle Zwangsoperierten fordert.)
Danke.
Leiderleiderleider sind Michel Reiters Internetseiten seit einigen Monaten
allesamt offline, sowohl die der AGGPG als auch postgender.de.
Schadeschadeschade. archive.org sei Dank
sind aber doch noch einige Texte erhältlich (--> Link neu auch auf der
Blogroll):
http://web.archive.org/web/20011006230708/home.t-online.de/home/aggpg/chron.htm
Comments