Schluss mit genitalen Zwangsoperationen!Bisher sieben mal hat sich meines Wissens nach "die Bundesregierung", gezwungen durch Anfragen und Anträge, mit dem Thema "Intersexualität" auseinandergesetzt (bzw. so getan als ob).

Dem Antrag 3 (PFD) entsprangen m.E. auch die Gelder für und damit das "Netzwerk" überhaupt. Ebenso liegt darin die Begründung für die Verpflichtung, das "Netzwerk" müsse mit den Betroffenen zusammenarbeiten (naja, zumindest theoretisch ... zur nur zu oft gängigen Praxis siehe hier eins / zwei / drei).

Dass es überhaupt zu irgendwelchen Anfragen kam, geht m.E. klar auf die Aktivitäten von Michel Reiter zurück (dessen Engagement für die Belange aller Zwischengeschlechtlichen m.E. leider bis heute nicht einmal durch die Betroffenen selbst entsprechend gewürdigt wird, da viele durch die Zwangsoperationen etc. zu sehr traumatisiert sind, um sich damit überhaupt auseinander zu setzen).

Die Antworten "der Bundesregierung" zu allen Anfragen sind derart beschämend und ignorant, dass es ein reichlich dickes Fell braucht, sie bis zum Schluss durchzulesen (was trotzdem bzw. gerade deshalb wichtig ist).

Einige Müsterchen:

Der Bundesregierung ist nicht bekannt, dass eine Vielzahl von Intersexuellen im Erwachsenenalter die an ihnen vorgenommenen Eingriffe kritisiert.  Antwort 2 (PFD)

Die Bundesregierung hat keine Kenntnisse von derartigen Schadensersatzforderungen. [...] Die Bundesregierung plant keine Entschädigung Intersexueller, da ein staatliches Handeln, das Anknüpfungspunkt für eine Entschädigung durch den Staat sein könnte, nicht gegeben ist.  Antwort 2 (PFD)

"Intersexualität" muss nach Auffassung der Bundesregierung als eine Abweichung von der Norm betrachtet werden, unter der die Betroffenen schon wegen ihres "Andersseins" leiden. [...] Bei Intersexualität, dem Fehlen dieser eindeutigen Unterscheidung, sei in der Regel eine normale Funktion in den Bereichen Sexualität und Fortpflanzung ausgeschlossen. Sie müsse somit als "krankhafte Störung" angesehen werden. Pressemitteilung 2b

In Deutschland leben etwa 8.000 bis 10.000 Intersexuelle - Menschen mit den körperlichen Merkmalen beider Geschlechter. Pressemitteilung 5b  [Anmerkung: "Die Bundesregierung" beschränkt sich hier aus leicht durchschaubaren Gründen auf "schwerwiegendere Abweichungen", vgl. Anfrage 5 (PDF). Tatsächlich beträgt die Zahl Zwischengeschlechtlicher in Deutschland das 10-fache, nämlich 100'000! Siehe z.B. hier, hier, hier und hier. Nachtrag: Siehe auch: Die grosse "Intersex"-Statistik-Lüge]

Erfahrungen hätten gezeigt, dass die Mehrzahl der betroffenen Menschen, bei denen in der Kindheit eine operative "Vereindeutigung ihres Genitalbefundes" stattgefunden hätte, dies für richtig befunden hätte. In Anbetracht der Tradition der Zweigeschlechtlichkeit sei es für Eltern eine schwierige Entscheidung, keine Geschlechtszuweisung ihres Kindes vorzunehmen und es in einem "Zwischenraum der Geschlechter" aufwachsen zu lassen. Pressemitteilung 5b [Anmerkung: Tasächlich ist die "Behandlungsunzufriedenheit [...] eklatant hoch", wie dies Betroffene seit Jahrzehnten klarstellen und es wie jüngst auch in der Fachzeitschrift Gynälologische Endokrinologie zu lesen war: Über zwei Drittel der Befragten leiden meist massiv unter den Zwangseingriffen! Dabei wäre noch zu berücksichtigen, dass lediglich "mehr als die Hälfte" der Befragten zur Gruppe der Zwangsoperierten gehören ... Nachtrag: Weltweit größte Zwitter-Studie straft Bundesregierung Lügen!]

Fazit: Manchmal kann mensch gar nicht so viel essen, wie mensch kotzen möchte ...

Wetten, wenn "die Bundesregierung" in dieser Angelegenheit öfters mal z.B. mit faulen Eiern beworfen worden wäre, würde sie wesentlich schneller kapieren?!

Obwohl, konkret wären ev. nicht mal faule Eier nötig, würde nur schon kontinuierliche Lobby- und Pressearbeit durch eine Organisation Zwischengeschlechtlicher wie z.B. der Verein Intersexuelle Menschen e.V. einiges ausrichten ...

Nachtrag: Das mit den faulen Eiern gilt auch für praktisch alle Bundestagsfraktionen – nach wie vor ist DIE LINKE die einzige Fraktion überhaupt, die bisher je konkrete Vorstösse zu Gunsten der Zwitter unternommen hat – obwohl inzwischen sämtliche Fraktionen wieder und wieder durch Zwischengeschlecht.org auf die Menschenrechtsverletzungen an Zwittern aufmerksam gemacht wurden ...

Gonade um Gonade, Lustorgan um Lustorgan!

Nachfolgend die Links zu den einzelnen Bundestags-Anfragen (PDF) und -Pressemitteilungen:

(Bei Anfragen sind jeweils die Antworten "der Bundesregierung" verlinkt, welche die Fragen mit enthalten. Die weiteren Links sind, soweit nicht anders vermerkt, Pressemitteilungen "der Bundesregierung".)

1) Kleine Anfrage von Christina Schenk und PDS vom 29.10.96: "Genitalanpassungen in der Bundesrepublik Deutschland" (Anfrage 13/5757, Antwort 13/5916)
http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/13/059/1305916.pdf
(Presseerklärung dazu von Michel Reiter: http://www.nadir.org/nadir/initiativ/kombo/k_34ispm.htm)

2) Kleine Anfrage von Christina Schenk und PDS vom 01.03.01: "Intersexualität im Spannungsfeld zwischen tatsächlicher Existenz und rechtlicher Unmöglichkeit" (Anfrage 14/5425, Antwort 14/5627)
http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/14/056/1405627.pdf
http://webarchiv.bundestag.de/archive/2005/1017/bic/hib/2001/2001_060/07.html
http://webarchiv.bundestag.de/archive/2006/0404/bic/hib/2001/2001_085/07.html 

3) Antrag von Christina Schenk, Dr. Ilja Seifert, Rosel Neuhäuser, Dr. Ruth Fuchs und PDS vom 12.06.01: "Forschungen zur Lebenssituation intersexueller Menschen" (Antrag 14/6259)
http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/14/062/1406259.pdf
http://webarchiv.bundestag.de/archive/2006/0706/bp/2001/bp0107/0107078b.html 
http://webarchiv.bundestag.de/archive/2007/0108/aktuell/hib/2001/2001_182/08.html

Dazwischen gabs 2004 einen Artikel von Oliver Tolmein in der Zeitschrift Das Parlament. Anlass war wohl die 2. instanzliche Weigerung, Michel Reiter den Geschlechtseintrag "zwittrig" zuzulassen:
http://www.bundestag.de/dasparlament/2004/46/thema/016.html

4) Kleine Anfrage von Dr. Barbara Höll, Karin Binder, Katja Kipping, Kersten Naumann, Petra Pau, Dr. Kirsten Tackmann und DIE LINKE vom 30.1.07: "Rechtliche Situation Intersexueller in Deutschland" (Anfrage 16/4147, Antwort 16/4322)
http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/16/043/1604322.pdf
http://www.bundestag.de/aktuell/hib/2007/2007_039/19.html
http://www.bundestag.de/aktuell/hib/2007/2007_052/05.html

5) Kleine Anfrage von Dr. Barbara Höll, Karin Binder, Katja Kipping,  Kersten Naumann, Dr. Kirsten Tackmann und DIE LINKE  vom 05.02.07: "Situation Intersexueller in Deutschland" (Anfrage 16/4287, Antwort 16/4786)
http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/16/047/1604786.pdf 
http://www.bundestag.de/aktuell/hib/2007/2007_044/09.html  
http://www.bundestag.de/presse/hib/2007_06/2007_168/09.html

Nachtrag: 2009 gab's bisher 2 neue Anfragen "Zur Situation intersexueller Menschen in der Bundesrepublik Deutschland", wiederum von der Fraktion DIE LINKE, die beide auf eine Zuarbeit von Zwischengeschlecht.org zurückgehen:

6) Rechtliche und statistische Aspekte (Anfrage 16/12769, Antwort 16/13269)

7) Medizinische Aspekte und die Förderung Betroffener (Anfrage 16/12770, Antwort 16/13270)


PS:

Einige Infos zu Christian Schenk (vormals Christina), der die ersten 3 Eingaben/Anfragen im Bundestag einreichte:
http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&dig=2007/03/03/a0002
http://www.christina-schenk.de/index.html

Z.B. Trans*menschen werden übrigens von "der Bundesregierung" auch nicht besser behandelt (und auch dort schreibt sie ebenso kritiklos die Plädoyers der Mediziner in eigener Sache ab):
http://genderbefreit.blogspot.com/2008/03/die-reform-des-tsg_07.html

Suche in Bundestagsdokumenten nach "Intersexualität":
http://suche.bundestag.de/searchAction.do?queryAll=&queryOne=intersexuell+intersexuelle+intersex+intersexualit%E4t