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Trauma, Opferrolle, Befreiung

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Sunday 2 August 2009

Wie das Kaninchen vor der Schlange - Zwangsoperierte und (ehemalige) TäterInnen

Ausgeliefert!Wenn ich als Kind zum Arzt musste, wurde mir schon Stunden vorher übel, ich hatte kalte Hände, mein Körper versteifte sich. Dort angekommen war ich ganz starr vor Unbehagen und Angst, mein Herz klopfte laut, ich konnte nicht mehr denken und mich nicht mehr bewegen. Ich habe mich tot gestellt. Was für ein vernünftiges und folgsames Kind, dachten die wohl.

Heute, Jahrzehnte später, trete ich an die Öffentlichkeit, benenne das Unbenannte, setze mich für die Menschenrechte von Zwittern ein. Dabei komme ich immer wieder in Kontakt mit Medizinern und anderen, die von Berufswegen über Kinderschicksale entscheiden, sei es an Tagungen, in Gesprächen, Verhandlungen, Mails oder Telefonaten, überall dort, wo ich mich als (ehemaliges) Opfer 'zeige' und (ehemalige wie auch unverbesserliche) Täter mich 'anschauen'.

Dabei werde ich auch heute von den Gefühlen überwältigt, die ich als Kind hatte: Scham, Ekel, unterdrückte Wut, mein Körper reagiert ohne mein Zutun. Wenn ein Mediziner nur schon vor mir steht und mit mir redet, fühle ich mich körperlich in die Enge getrieben. Das zentrale Gefühl ist traurigerweise Selbstekel, als hätte ich das alles selber zu verschulden, was mir angetan wurde. Dieses verinnerlichte Gefühl, keine Grenzen zu haben, alle können mit mir machen, was sie wollen. Scham, Ekel, unterdrückte Wut.

Sogar bei einem ehemaligen Mediziner, der sich seiner Schuld bewusst ist und mich im Kampf gegen Zwangsoperationen unterstützen will, komme ich in diesen Zustand. In meinem Kopf laufen Bilder ab, die ich nur mit Mühe abschütteln kann. Ich bin zwar kein hilfloses Kind mehr, kann mich wehren, und dieser Mensch will mir nichts Böses, er bereut sogar und will helfen. Trotzdem möchte ich weglaufen, vor diesen Gefühlen, die wie ein Gift in meinem Magen rumoren, möchte aufhören mit all diesen Kontakten und mich dorthin verkriechen, wo es keine Blicke gibt. Aber dort wird sich nie etwas ändern, weder für mich noch für andere.

Es ist nicht einfach, von der eigenen Vergangenheit, dem eigenen Leiden zu abstrahieren. Wir müssen mit diesem Spannungsfeld leben, wenn wir uns mit Medizinern gemeinsam an einen Tisch setzen, um diese menschenunwürdige Situation zu verändern, sei es, um in Verhandlungen mit uneinsichtigen Medizinern Druck aufzubauen, um sie von Zwangsoperationen künftig möglichst abzuhalten, sei es, um mit den wenigen einsichtigen Medizinern zusammen zu arbeiten, die uns in unserem Kampf unterstützen wollen.

Weder wir noch diejenigen, bisher allzu seltenen, Mediziner, die uns unterstützen wollen, dürfen dabei ausser Acht lassen, dass die Vergangenheit ihren Schatten auf diesen Tisch wirft: das ehemalige Opfer wird sein Leben lang darunter leiden, was ihm angetan wurde. Die Jahrzehnte, in denen der ehemalige Täter dazu beitrug, diese Opfer zu schaffen, kann man nicht ungeschehen machen.

Ein Folteropfer wird ein Leben zusammenzucken, wenn es eine Uniform sieht. Ein Leben lang. So geht es auch Zwittern, die in diese gnadenlose Maschinerie geraten sind, wenn sie denen begegnen, die diese Maschinerie am Laufen halten oder einst hielten.

Trotzdem: Ohne die Auseinandersetzung mit (einsichtigen wie uneinsichtigen) Medizinern werden wir die Zwangsoperationen nicht abschaffen können.

Siehe auch:
- Rede 5. Treffen Netzwerk Intersexualität Kiel 6.9.2008 
- Alle Posts unter "Trauma, Opferrolle, Befreiung"

Sunday 7 September 2008

Rede 5. Treffen Netzwerk Intersexualität Kiel 6.9.2008


Fast hätte ich es nicht geschafft. Wie immer, wenn ich vor Ärzten reden oder vor einem Spital eine Presseerklärung abgeben muss, wurde ich schon drei Tage vorher langsam richtig unausstehlich, der Weltuntergang steht unmittelbar bevor und ich hoffe nur noch, dass er rechtzeitig stattfindet oder ich schwer krank werde, damit ich nicht hingehen muss. Damit es so richtig schlimm wird, fange ich dann jeweils noch einen Streit mit meinem Freund an, sage ihm, ich wolle ihn nie mehr sehen, verpasse deswegen meine Therapiestunde und werde gewalttätig gegen meinen Laptop, auf dem ich neben dieser blöden Pressemitteilung noch diese besch... Rede für das Netzwerktreffen schreiben soll.

Am nächsten Tag sehen wir beide ziemlich alt aus, sind immer noch unausstehlich und zu nichts zu gebrauchen. Irgendwie kriegen wir dann den Flug trotzdem noch und schaffen es tatsächlich nach Kiel, wo wir um elf todmüde in der Jugendherberge ankommen, das Bett beziehen und immer noch kaum zu etwas zu gebrauchen sind.

Am nächsten Morgen stehe ich um sieben auf. Mir ist schlecht, aber wenigstens haben wir immer noch keine Rede, also muss ich auch keine halten, weshalb es mir gleich ein bisschen besser geht. Als ich gerade meinen Mitzwittern eine SMS schicken will, dass meine Rede leider ausfällt und sie umdisponieren müssen, steht mein Freund auch auf und überredet mich, nach dem Frühstück zu versuchen, die Rede doch noch zu schreiben. Mir ist schon wieder schlecht, ich habe keinen Hunger mehr und will mein Müsli nicht essen. Aber er lässt nicht locker: "Ein Löffel für Hiort, ein Löffel für Schwöbel, ein Löffel für Krege, ..." Ich könnte ihm den Teller ins Gesicht schmeissen, aber irgendwie kriegen wir dann anschliessend in einer knappen Stunde doch noch sowas wie eine Rede hin und schaffen es noch knapp pünktlich zum Netzwerktreffen, das jedoch eine Stunde früher als auf meiner Traktandenliste vermerkt begonnen hatte. Da ich die Rede nirgends ausdrucken konnte, schreibe ich sie von Hand ab und halte sie dann tatsächlich und ohne dabei zu kotzen. Darauf bin ich am meisten stolz.

Und hier ist sie:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitzwitter

Ich danke Ihnen für die Gelegenheit, hier ein paar Worte sagen zu dürfen. Ich bin Daniela Truffer, 1. Vorsitzende von Intersexuelle Menschen e.V. Vielleicht nicht gerade der ideale Job für jemanden, der Mühe hat, sich vor Menschen hinzustellen wie jetzt.

Von klein an wurde ich gelehrt, nicht aufzufallen, am Besten gar nicht zu existieren. Von klein auf habe ich gelernt, dass es etwas Unangenehmes ist, im Mittelpunkt zu stehen und alle schauen mich komisch an und reden über mich. Wenn ich mich jetzt heute trotzdem hier hinstelle, so tue ich dies in der Hoffnung, dass Kinder wie ich es einmal besser haben sollen.

Ich werde oft gefragt, ob es mir nicht recht sei, dass ich zu einem Mädchen gemacht wurde, ob ich lieber ein Junge wäre. Dass ich vielleicht hätte so sein wollen, wie ich geboren wurde, steht dabei meistens gar nicht zur Debatte. Und am allerwenigsten, dass ich nie gefragt wurde, dass ich das hätte selber entscheiden wollen. Weil das ist es, was mir am meisten zu schaffen macht, sogar noch mehr als die Folgen der Operationen, dass ich nie gefragt wurde, dass von allem Anfang über mich hinweg entschieden wurde.

Damit stehe ich nicht allein. Praktisch alle zwischengeschlechtlichen Menschen, die ich kenne, leiden darunter, dass über sie bestimmt wurde und sie nicht selber entscheiden durften. Nicht umsonst steht in praktisch allen Forderungslisten von zwischengeschlechtlichen Menschen zuoberst die Frage der Einwilligung der Betroffenen. So auch in der Forderungsliste unseres Vereins. Über eine inhaltliche Stellungnahme des Netzwerks zu dieser würden wir uns nach wie vor freuen.

Leider ist Selbstbestimmung für Intersexuelle aber auch heute immer noch kein Thema. Zwar wurden in den letzten Jahrzehnten in der Behandlung vor allem technisch viele Fortschritte gemacht, dieser zentrale Punkt wurde jedoch nie grundsätzlich angegangen. Zwar gibt es heute Empfehlungen der Arbeitsgruppe Ethik des Netzwerks, die in die richtige Richtung zielen. Jedoch sind sie nach wie vor unverbindlich formuliert und haben bloss fakultativen Charakter. In den aktuellen Behandlungsrichtlinien und Artikeln der ausführenden Ärzte steht jedoch weiterhin praktisch ausnahmslos, operative Eingriffe seien am Besten in den ersten zwei Lebensjahren durchzuführen. Zu fragen seien lediglich die Eltern, das Einverständnis der zu operierenden Person sei nicht erforderlich.

Dem möchte ich als Betroffene einmal mehr entschieden widersprechen.

Glücklicherweise deuten die aktuellsten Entwicklungen darauf hin, dass die zivilrechtlichen, strafrechtlichen und menschenrechtlichen Implikationen solcher uneingewilligter Behandlungen in der Gesellschaft langsam zu einem Thema werden. Vor zwei Tagen gewann Christiane Völling auch in der 2. Instanz den Prozess gegen ihren ehemaligen Operateur. Mit ihrem Prozess löste sie eine bis dahin noch nie da gewesene Medienresonanz aus. Weitere Prozesse von ohne ihre Einwilligung operierten Intersexuellen sind in Vorbereitung.

Am 21. Juli 2008 reichte eine Delegation von Intersexuelle Menschen e.V. in New York vor dem UN-Kommittee CEDAW einen ersten Schattenbericht zu den Menschenrechtsverstössen an intersexuellen Menschen in Deutschland ein. Am kommenden Januar wird die Bundesregierung in Genf Rede und Antwort stehen müssen. Weitere Schattenberichte, unter anderem zur Kinderrechtskonvention, sind ebenfalls in Vorbereitung. Ebenso weitere politische Vorstösse und Aufklärung der Öffentlichkeit.

Im Namen der Betroffenen möchte ich Sie einmal mehr bitten, der zentralen Frage der Selbstbestimmung und informierten Einwilligung von zwischengeschlechtlichen Menschen endlich auch in der Praxis umfassend Rechnung zu tragen.

Solange noch die Möglichkeit besteht, dies von sich aus zu tun.

Ich danke Ihnen.

P.S.: Beim Mittagessen plauderten wir angeregt mit den Vertreterinnen der AGS-Selbsthilfegruppe und einem Professor. Als ich einmal mehr auf die Folgen von Zwangsoperationen hinwies, sagte dieser, wohl ohne es böse zu meinen: "Aber sie stehen ja noch hier." Wenn der wüsste ...

Ausführlicher Bericht über das Treffen:
5. Netzwerk-Treffen Kiel 6.9.08: Intersexualität ade - DSD ahoi!

Monday 2 June 2008

Stockholm under Water

Eine Geschichte geht mir nicht mehr aus dem Sinn. Es ist die Erzählung "Dog Party" von Don Bajema über einen Jungen, der Hunde liebte.

Hunde übten eine übermässige Anziehungskraft auf ihn aus. Niemand wusste, weshalb. Es war ein eigenartiger Junge, mit einem eigenartigen Lachen und mit von blutenden Bisswunden und Kratzern übersäten Armen. Er folgte allen Hunden im Quartier, lockte sie, wartete Stunden lang, bis er einen Hund erwischte. Die Hunde wussten, was er tun wollte, hatten Angst und versteckten sich. Irgendwann wurden sie aber unvorsichtig, liessen sich mit Futter ködern oder gaben sich schliesslich der Hoffnung hin, dass der Junge es nicht wirklich tun würde. Sie irrten sich.

Der Junge fing sie, streichelte die vor Angst zitternden Hunde, sprach sehr sanft zu ihnen, trug sie zu einer Wassertonne. Dann drückte er sie unter Wasser. Sie zappelten wie verrückt und kämpften verzweifelt um ihr Leben, endlos lang. Und in dem Augenblick, als sie schon auf der anderen Seite waren, als ihre Körper aufhörten zu kämpfen und nur noch zuckten, rettete der Junge sie. Er zog sie aus dem Wasser, hielt sie kopfüber, liess das Wasser aus Schnauze und Nase laufen. Ein kleines Licht schien sich hinter den Hundeaugen zu entzünden, als sie merkten, wo sie waren. Sie schauten in das lächelnde Gesicht des Jungen. Der Junge legte sie auf den Boden, sie waren zu schwach, um sich zu bewegen. Er legte sich zu ihnen, streichelte sie, legte seine Arme um sie.

Die Hunde dachten, dass der Junge sie gerettet habe, obwohl sie in Zukunft immer Angst vor dem grünen Wasserschlauch und der Wassertonne haben würden. Sie wollten daran glauben, dass der Junge sie gerettet hatte. Es war einfacher, als sich einzugestehen, was der Junge wirklich getan hatte. Sie liessen ihre Erinnerung beim lächelnden Gesicht des Jungen beginnen. Die Hunde liebten ihn. Wirklich. Sie folgten ihm überall hin.

Wir Menschen sind wie Hunde. Wenn etwas, was uns angetan wurde, zu schrecklich ist, verdrängen wir es. Was wir nicht ertragen, blenden wir aus. Opfer sein ist schrecklich, unerträglich. Deshalb sucht jedes Opfer in seinem Täter etwas Gutes, um weniger Opfer sein zu müssen. Deshalb kommen die meisten Täter ungeschoren davon. Und wenn doch ein Opfer einmal aufsteht und die unerträgliche Wahrheit heraus schreit und die Täter anklagt, dann sind die anderen Opfer die ersten, die es zum Schweigen bringen wollen. Denn die meisten wollen nicht wirklich gegen die Täter vorgehen, denn dann müssten sie sich die schreckliche Wahrheit eingestehen:

Die haben versucht, mich umzubringen, um mir das Leben retten zu können.

Nella

Wednesday 26 March 2008

Doch menschlich

vor einigen tagen überkam mich wieder einmal diese rasende wut, als müsste ich zerspringen, und plötzlich war da dieses bild, nein, mehr ein gefühl: sie halten mich fest, ich kann mich nicht bewegen, sie sind zu stark. ich habe keine chance, bin starr vor angst, wehre mich aber nicht. ich habe mich nie gewehrt.

mit zweieinhalb monaten haben sie mich kastriert und nahmen dabei in kauf, dass ich aufgrund meines lebensbedrohenden herzfehlers die narkose und die operation nicht überleben würde.

mit sieben haben sie meinen mikropenis auseinandergesäbelt und banden mir eine woche lang nacht für nacht die hände, damit ich nicht an meinem verletzten, mit hämatomen verzierten geschlecht rummache.

mit sechzehn standen sie zu dritt um mich herum, eine neovagina war in planung, und einer meinte mit entnervtem kopfschütteln: das geht nicht, das ist viel zu eng, das kann man nicht operieren! ich sehe seinen blick noch vor mir: kein funken mitgefühl. ich schämte mich so sehr, hätte beinahe gesagt: bitte entschuldigen sie die umstände!

mit siebzehn rammte mir der chirurg bei der voruntersuchung ohne ein wort seinen finger in meine nicht-vagina-harnröhren-öffnung, um zu testen, wie weit es reingeht. ich hab keinen ton von mir gegeben, war ganz starr. danach durfte ich vor eine gekachelte wand stehen.

mit achtzehn stakste ich mit einem plastikstöpsel in der blutenden neovagina in meinem elternhaus herum und schämte mich. diese zur schau getragene geschlechtlichkeit. niemand sagte etwas und ich sagte auch nichts.

ich hab mich nie gewehrt. hab nie geschrien, geweint, mich beschwert – nichts. ich habe starr alles über mich ergehen lassen. nur nicht noch mehr auffallen. lange habe ich mir das vorgeworfen, auch heute noch ist es nicht ganz weg: du bist schuld. meine strategie war der totale rückzug. um diese ohnmacht ertragen zu können, habe ich mir eine fantasiewelt konstruiert, in der ich allmächtig war: ich bin nicht schwach, ich fühle keinen schmerz, ich brauche keine liebe, ich stehe über allem. kalt und hart. ich habe nur verachtung für diejenigen übrig, die so schwach sind, so menschlich. ich bin nicht menschlich.

es war meine rettung. aber der preis war verdammt hoch. ich zahle heute noch. denn ich bin doch menschlich.

nella

Wednesday 12 March 2008

drachenschwanz I

wenige tage vor meinem auftritt in der schweizer rundschau brauchte ich dringend eine tonerkassette für den druck des demo-flugblattes. die firma x hatte das teil nicht an lager. der sachbearbeiter wollte jedoch nachfragen und mich umgehend zurück rufen. er liess mich dann aber hängen und war auch bei meinem erneuten anruf zwei stunden später noch nicht weiter, er hätte noch anderes zu tun. da die zeit drängte, rief ich also bei einer anderen firma an und wurde dort fündig. der typ von der firma x hatte inzwischen die tonerkassette erhalten und war ziemlich sauer. ich liess mich aber nicht verunsichern, denn es war nicht meine schuld, was er schliesslich einsah.

kaum hatte ich aufgehängt, fuhr es mir durch den kopf: der sieht dich am mittwoch in der rundschau und wird denken: dieser blöde abartige zwitter hat mich verarscht! und weiter: der typ findet heraus, wo ich wohne, kommt vorbei, beschimpft und bespuckt mich, ist wütend, weil er jetzt auf einer teuren tonerkassette sitzen bleibt, die niemand kaufen will. er schlägt mich zusammen oder vergewaltigt mich. kein wunder, wenn ich schon so schamlos im fernsehen über meine genitalien rede! ich fantasiere weiter: er erschlägt meinen hund, der mich verteidigen will, das arme tier. der film in meinem kopf ist noch nicht zu ende: mein freund kommt rein und will mir helfen und der typ schlägt ihn spitalreif, vor meinen augen, mein baby verletzt, alles nur wegen mir! tod und verderben! und ich bin schuld, ich bin schuld! das kommt davon, weil ich abartiger zwitter nichts besseres zu tun habe, als ans fernsehen zu gehen, über meine genitalien zu reden und leute bloss zu stellen. ich habe das schweigegelübde gebrochen und das hab ich nun davon!

oder vor ein paar monaten, als ein anonymer zettel an meiner wohnungstüre klebte, dass meine hunde in den trockenraum der waschküche scheissen und so weiter (es war katzenkacke). und was geht mir als erstes durch den kopf? die haben mich in der rundschau gesehen und ekeln mich jetzt raus, weil die keinen abartigen zwitter im haus wollen.

ich schäme mich dafür, aber ich habe sogar schon fantasiert, dass ich mein patenkind nicht mehr umarmen darf, nachdem dessen mutter, eine liebe freundin, meine geschichte erfahren hatte. soweit haben die mich gebracht.

in solchen augenblicken wird mir bewusst, wie tief diese angst trotz all der befreiung der letzten jahre immer noch sitzt und dass sie immer ein teil von mir sein wird. die angst, die sie mir eingepflanzt haben, die ich selber genährt habe, die grösser und grösser geworden ist: die angst, sich zu zeigen. die angst vor dem eigenen körper. dieser dicke, obszöne drachenschwanz, den niemand sehen darf.

es macht mich unendlich traurig, wenn ich daran denke, dass diese angst mein ganzes bisheriges leben bestimmt hat: ich habe mich geduckt, versteckt, versucht, so unauffällig wie möglich zu sein. ich habe mich verleugnet, immer und immer wieder. aber ich habe daran geglaubt, wie ein kind halt daran glaubt, dass unter dem bett ein monster ist. und es tut weh, wenn man eines tages heraus findet, dass diese angst irrational ist, dass nichts so schreckliches geschieht. denn das schreckliche ist schon lange geschehen.

die meisten von uns sind gefangene dieser angst. sie lähmt uns, macht uns schwach und einsam. auch wenn die 'haftbedingungen' nicht mehr so schlimm sind und man sich austauschen kann: in seiner zelle sitzt jeder allein.

man kann aus diesem gefängnis heraus treten. ein gefängnis – so schlimm es auch ist – bedeutet jedoch auch schutz ...

nella

Thursday 15 November 2007

Zwangsgedanken und Zwangshandlungen - verdrängte Gefühle verschwinden nicht

wenn ich bestimmte dinge nicht tue, dann passiert einem menschen, den ich liebe, etwas schlimmes. deshalb mache ich diese dinge immer wieder und es kommen immer wieder neue dazu. oft geht es darum, dass ich einen bösen gedanken habe, was jemanden passieren könnte oder was ich diesem jemanden antun könnte. wenn ich in so einem moment zum beispiel ein kleidungsstück meines freundes bügle und zusammenlege, dann muss ich dieses kleidungsstück wieder ausschütteln und mit zusammenlegen von vorne beginnen, manchmal mehrere male hintereinander, um das böse, diesen bösen gedanken herauszuschütteln, sonst bleibt er im kleidungsstück drin und es passiert etwas schlimmes. wenn ich das nicht mache, weil ich das kleidungsstück nicht nochmals zusammenlegen muss und weil ich diesen stress nicht mehr will, dann ist das egoistisch und böse, wenn ich dies nicht auf mich nehme, nämlich das kleidungsstück nochmals auszuschütteln und mit zusammenlegen von vorn zu beginnen, dann ist das böse, wenn ich durch diese kleine anstrengung doch das schlimme abwenden kann.

das ganze wird immer extremer, ich denke meistens gar nichts böses, habe keine zwangsgedanken in dem sinn, bin eigentlich entspannt, aber wenn ich anfange zu bügeln, dann kommen die gedanken einfach, es ist jetzt also meistens umgekehrt. zuerst war es der gedanke, den ich beim bügeln hatte, jetzt ist es so, dass der gedanke erst beim bügeln kommt, damit ich das alles machen muss. und meistens ist es nicht einmal ein gedanke, sondern ich fange an zu bügeln und dann: wenn du das jetzt nicht nochmals zusammenlegst, passiert etwas schlimmes. es wird immer paradoxer und macht sich immer selbständiger. es ist furchtbar anstrengend, es braucht enorm viel energie und zeit, ich bin jeweils total erschöpft.

etwas anderes ist der gedanke oder die vorstellung, ich schliesse einen bösen gedanken, oder jetzt ist es immer wieder jemanden, den ich liebe, irgendwo ein. wenn ich ein glas öffne, um teigwaren herauszunehmen, dann muss ich dieses immer wieder auf und zuschrauben, jetzt habe ich angefangen zweimal hintereinander viermal den deckel so draufzuknallen und dann darf ich das glas schliessen. dasselbe mit dem olivenöl oder mit dem essig. also manchmal ist es fast so, dass ich denke, der betreffende mensch ist in dem olivenöl gefangen oder in dem glas mit den leinsamen. dann kommt noch ein bild dazu aus einem film, wo ein mensch in einem kornsilo eben, ja, ich will es nicht aussprechen. auch mit den schränken, wenn ich eine pfanne versorge, muss ich die schiebetüre mehrmals hin- und herschieben, sonst schliesse ich irgendwas/irgendwen ein, ich weiss gar nicht mehr, was konkret. auch die pfanne oder einen teller muss ich zuerst auswischen, es könnte etwas drin sein. beim versorgen der pfannen oder teller muss ich eine bogenförmige bewegung vollführen, weil wenn ich sie einfach gerade in den schrank schiebe, bildet diese bewegung mit der leiste des schranks ein kreuz und das heisst, dass etwas schlimmes passiert.

wenn ich ein messer in die hand nehme oder einen hammer oder das gerät, um erde zu lockern in den töpfen, stelle ich mir vor, dass ich mit einem dieser geräte auf meinen hund einschlage, ihn ersteche und erschlage. dann muss ich neinnein murmeln ganz viele male und dazu den kopf ganz schnell schütteln und stossweise ein- und ausatmen, um diesen entsetzlichen gedanken zu büssen, zu tilgen, damit er durch mein leiden, meine mühe wenigstens getilgt ist. immer wenn ich den tiefkühler öffne, stelle ich mir vor, was da alles platz drin hätte, welche körperteile. auch da muss ich murmeln, kopfschütteln, ein- und ausatmen. oder die wassertonne auf der dachterrasse, es kommen einfach immer wieder neue sachen dazu. wenn ich den deckel auf die wassertonne lege und mir vorstelle, ich werfe den hund hinein und mache zu und so weiter, was für ein schrecklicher gedanke, muss ich das wie oben machen, manchmal fast eine minute lang. manchmal ist es so furchtbar, dieses murmeln, kopfschütteln, ein- und ausatmen und ich kann nicht mehr aufhören, bis ich etwas weinen muss oder fluchen.

beim abwaschen, auch dort, ist nicht mehr der gedanke schon da, er kommt erst, wenn ich abwasche. vor kurzem habe ich zum beispiel angefangen abzuwaschen und habe über etwas nachgedacht, plötzlich merkte ich, dass ich schon ein paar sachen ohne zwänge abgewaschen hatte. dann setzten die zwänge erst recht wieder ein, ich musste das doch wieder gutmachen, dass ich da so gedankenverloren abgewaschen hatte. ich muss also einen teller oder eine tasse mehrmals abwaschen und dazu den kopf schütteln, stossweise ein- und ausatmen und nein murren. wenn ich dann endlich fertig bin mit abwaschen, erschöpft und fast am hyperventilieren, dann kommt das mit dem abwaschtuch auswringen. das auswringen ist wie eine würgebewegung, ich erwürge jemanden, quetsche, zerdrücke, wenn ich da an jemanden denke oder einen schlechten gedanken habe, vielleicht einfach wütend bin auf jemanden, muss ich das tuch wieder ganz nass machen, immer wieder. aber eigentlich auch hier: der gedanke ist gar nicht mehr da, er kommt meistens nicht mehr, aber ich muss es jetzt trotzdem machen. jetzt habe ich eine strategie, ich mache das abwaschtuch nur noch leicht nass, um es wieder auswringen, das kann bis zu fünfmal hintereinander gehen. dazu immer dieses rasche kopfschütteln.

das ganze macht sich selbständig, ich habe oft gar keine schlechten gedanken, muss aber fast bei jeder bewegung/handlung stossweise ein- und ausatmen, zweimal ein und zweimal aus und dazu den kopf schütteln. zum beispiel vorhin, als ich das geschirrtuch an den haken gehängt habe.

auch wenn ich etwas lese, es gibt wörter, wie tod oder gemetzel oder verbrannt, was auch immer, muss ich das machen mit dem stossweise ein- und ausatmen, damit dieses wort, was in diesem wort drin ist, nicht übergreift auf mich oder auf meine lieben. auch bei todesanzeigen. ich habe jetzt zum beispiel auch mühe, diese wörter überhaupt zu schreiben.

das frotteetuch muss ich auch immer mehrmals ausschütteln und über die stange hängen, oder die wäsche, wenn ich sie aufhänge. jemanden aufhängen, über ein seil legen, baumeln lassen, solche gedanken kommen mir dann, ich muss also das hemd wieder abhängen und ausschütteln, mehrmals, bis es endlich stimmt. und da es eben eigentlich gar nie stimmen kann, muss ich es wenigstens mehrmals machen, etwas leiden, um alles zu tilgen. das heisst es gelingt mir ja nie, den gedanken wirklich wegzuschieben, ausser ich bewege meine augen ganz schnell, schaue ganz schnell verschiedene dinge an, um den gedanken zu vertreiben. aber meistens geht es ja nicht. wenn ich zum beispiel etwas bügle und dabei denke, ich verbrenne jemanden mit dem bügeleisen, dann schüttle ich das kleidungsstück aus und beginne von vorne. beim zweiten mal ist der gedanke ja dann nicht weg, deshalb muss ich es mehrmals machen, um zu tilgen, und dazu dieses kopfschütteln, stossweise atmen und neinnein murmeln.

wenn ich die haare föne und fertig bin damit, muss ich mich im spiegel anlächeln. das lächeln muss echt sein, sonst heisst es, dass ich nichts zum lachen habe, das heisst, dass etwas schlimmes passiert. oder eben auch wieder: wenn ich jetzt sage, schluss, das mache ich nicht mehr, ich schaue in den spiegel, wie ich mich gerade fühle, und stelle den fön ab, wann ich will, dann ist das wieder egoistisch, du forderst das schicksal heraus. einmal wollte ich das machen, dachte dann aber, nein, jetzt ist mein freund gerade aus dem haus, ich mache es lieber an einem tag, wenn er da ist. aber auch dann könnte ich es nicht machen. also lächle ich immer, bis es stimmt, was fast unmöglich ist, und stelle den fön dann ab. beim wegräumen darf der fön aber zum beispiel nicht auf den bademantel meines freundes zeigen, sonst muss ich ihn wieder anstellen und von vorne beginnen. das mit dem lächeln hat sich jetzt auch selbständig gemacht. im büro mache ich das, wenn ich auf die toilette gehe. ich kann nicht mehr einfach in den spiegel schauen, müde oder schlecht gelaunt oder einfach ernst, nein, ich muss das mit dem lächeln machen. neu dazu gekommen ist jetzt, dass wenn ich mich dabei zu stark auf die augen oder auf die nase oder den mund konzentriere, dann heisst das: böse gegen das auge, ich verliere das auge, oder nase ab oder so. nein, nein, gell nicht, das muss ich jetzt schreiben, weil sonst passiert das wirklich, habe ich das gefühl. völlige scheisse, es ist unglaublich, es wird immer schlimmer, ich halte es fast nicht mehr aus. jetzt zucke ich auch wieder mit den halsmuskeln wie früher.

als kind schlug ich mir immer mit dem knöchel des mittelfingers auf die stirn, wenn ich einen ‚bösen gedanken’ hatte. ich hämmerte immer öfter und immer stärker, sehr oft so lange, bis mir der kopf wehtat.


Nella, 14. Mai 2003

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