Ah, ein Zwitter! Da müssen wir gleich ein paar lebenserhaltende Massnahmen... öhm... - ABSCHNEIDEN!!!

Seit langem fordern offizielle Leitlinien eigentlich verbindlich, "Diagnostik und Langzeit-Behandlung von DSD/Intersex-Patienten" müsse von den berühmten sogenannten "erfahrenen multidisplinären Teams" durchgeführt werden, denen auch PsychologInnen und SozialpädagogInnen angehören (sog. psychosoziale Unterstützung).

(Statt dass "wie früher" ausgerechnet die EndokrinologInnen und KinderchirurgInnen allein und nach eigenem Gutdünken auf die oft überforderten Eltern losgelassen werden.)

Ebensolange ist es ein offenes Geheimnis, dass die behandelnden Medizyner vornehm gesagt auf ihre eigenen Leitlinien pfeifen: Noch 2009 war nicht mal in Deutschlands "grösstem multidisziplinären Behandlungszentrum" in Lübeck einE PsychologIn zur Betreuung fest angestellt, geschweige denn einE SozialpädagogIn. Wäre ja noch schöner! Hat's ja eh niemand gemerkt ...

Ab und zu gibt's zwar Ausnahmeerscheinungen, die unter den KollegInnen auch kritische Zwischentöne einbringen, indem sie Missstände offen ansprechen und auf die Einhaltung medizinischer Standards pochen. (Ja, auch das gibt es unter den Medizynern.) So auch betreffend dem Medizyner-Märchen der "erfahrenen multidisplinären Teams".

Leider reden diese Ausnahmen mit unschöner Regelmässigkeit in den Wind, stossen Apelle ehrlicher Mediziner unter Medizynern auf keinerlei Resonanz. (Ein weiterer Rufer in der endokrinologischen Wüste ist etwa Prof. Dr. med. Helmuth G. Dörr. Dass das Brechen von Standestabus mitunter drastische Folgen nach sich ziehen kann, beweist das an --> Dr. med. Hartmut Hanauske-Abel statuierte Exempel.)

Betreffend der eingangs erwähnten Nichteinhaltung der Leitlinien-Forderung nach "erfahrenen multidisziplinären Teams" kam etwa am Jahreskongress 2006 der Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Endokrinologie (APE) der Endokrinologe Dr. med. Eckhard Korsch vom Kinderkrankenhaus Amsterdamerstrasse in Köln, Co-Autor der aktuellen AWMF-Leitlinie, in einem >>> bemerkenswerten Vortrag "Überlegungen zur praktischen Umsetzung des DSD-Consensus-Statements" (PDF) auf den --> Folien 11-17 explizit auf diese Missachtung der Leitlinien zu sprechen und konstatierte auf --> Folie 14 trocken:

Realität sieht anders aus:
– Kliniken behalten Kinder aus ökonomischen Interessen
– Kaum ein Zentrum vermag ein Multidisziplinäres Team bereitzustellen
Vortrag APE 2006 --> Folie 14 (PDF)

Und zitiert auf Folie 16 interne "Umfragen" unter Standesorganisationen aus dem Jahre 2005, die zu folgenden Resultaten kommen:

  • Beratung der Eltern über das weitere Vorgehen durch EndokrinologInnen und KinderchirurgInnen 35-64% (O-Ton Umfrage: "interdisziplinäre[s] Team (Pädiatr. Endokrinologe + Operateur)" – wer merkt's?)

  • Beratung der Eltern über das weitere Vorgehen durch EndokrinologInnen: 36-55%

  • Beratung der Eltern über das weitere Vorgehen durch "Kinderpsychiater/-Psychologen/Sexologen": 0-10%

Auf gut Deutsch: Betreuung und Beratung der Eltern durch adäquat geschulte PsychologInnen = Null.

Eltern haben oft traumatische Momente zu bewältigen, sowie z.T. "heikle Situationen" mit Verwandten und Bekannten, manche können dabei von kundiger Unterstützung profitieren. (Kinderpsychiater, Kinderpsychologen und Sexologen sind dabei allerdings von Anfang an definitiv am falschen Platz ...)

Betreuung, Beratung und Unterstützung der Eltern durch SozialpädagogInnen = Null.

Später kann es zu den oft beschworenen "berühmten" Konflikten in Kindergarten und Schule kommen, bei denen sich nicht alle Eltern und Kinder allein durchsetzen können, weshalb in diesen Fällen kompetente Hilfe zur Verfügung stehen muss. (Ein Gebiet, auf dem KinderchirurgInnen und EndokrinologInnen fraglos Null Kompetenz mitbringen.)

(Unter "kompetenter Hilfe" wäre zudem auch Peer Support unerlässlich, d.h. Kontakt zu anderen Betroffenen und Eltern sowie deren Organisationen, doch davon wollen die Medizyner bzw. ihre Leitlinien bekanntlich nichts wissen.)

Stattdessen "Verstümmeln auf Teufel komm raus".

Offensichtlich pfeifen Spitäler und "multidisziplinären Behandlungszentren" gross und klein allesamt auf kompetente Betreuung und Beratung, und wollen stattdessen alle stets nur das eine:

Ihre OP-Sääle maximal auslasten mit medizinisch nicht notwendigen, "kosmetischen" "Genitalkorrekturen" und Kastrationen (was in der Regel  durch die anschliessenden "Hormonersatztherapien" auch der Endokrinologie gute Auslastung beschert).

Seit langem beklagen kritische Überlebende, dieses "Verstümmeln auf Teufel komm raus" statt adäquater Unterstützung geschehe nicht zuletzt auch aus handfesten finanziellen Motiven der davon profitierenden Medizynerfraktionen.

Auf Folie 13 (!) bricht Dr. Korsch ein langgehegtes Tabu und nennt eine konkrete Zahl aus der täglichen Praxis:

Die Realität sieht anders aus: – Kliniken behalten Kinder aus ökonomischen Interessen: Beispiel: AGS und „Plastische Rekonstruktion der Vulva“ ERLÖS € 8175,12Vortrag APE 2006 --> Folie 13 (PDF)

Kommentar: Dass die "Behandlung" auch in den grossen "multidisziplinären Behandlungszentren" in erster Linie darauf abzielt, mit möglichst vielen OPs "ökonomische Interessen" zu mehren, statt Eltern und Kinder adäquat zu unterstützen, belegen u.a.:

Genitalabschneider, wir kriegen euch! Zwangsoperateure, passt bloss auf!

Gonade um Gonade, Lustorgan um Lustorgan!

Siehe auch:
- "Ethik als Freifahrtschein, an die Eltern eine ohnehin schon feststehende Entscheidung abzudelegieren" - Claudia Wiesemann, Forum Bioethik 23.6.10
- "Weder Evidenz noch medizinische Indikation"  – Dr. med. Jörg Woweries
- Das Medizynermärchen von den "früheren Behandlungsmaßstäben"
- "Genitalkorrekturen in Deutschland in der Regel im ersten Lebensjahr" (DGKJ/APE/DGE)
- Genitalverstümmelungen in westlichen Kinderkliniken – eine Genealogie der TäterInnen
- Weiße Kittel mit braunen Kragen, reloaded
- Amnesty Deutschland: "fundamentaler Verstoß gegen die Menschenrechte"
- Genitale Zwangsoperationen an Zwittern vergleichbar mit weiblicher Genitalverstümmelung
- Genitalverstümmler und Zwangsoperateure in Baden-Württemberg
- Universitätsklinikum Heidelberg: Genitale Zwangsoperationen im Angebot 
- Lübeck: Klinikdirektor propagiert genitale Zwangsoperationen an Kindern
- Göttingen / Lübeck: Direktor Rolf-Hermann Ringert und Oberarzt Dominique Finas propagieren genitale Zwangsoperationen an Zwittern
- Deutsche Urologen fordern genitale Zwangsoperationen an Säuglingen! 
- AWMF-Leitlinie: Ethik-Empfehlungen als Feigenblatt für Genitalverstümmler
- Tagung RECHTE VON KINDERN IN MEDIZIN UND FORSCHUNG, Göttingen
- Alice Dreger über EthikerInnen als MittäterInnen
- Genitale Zwangsoperationen: Bundesregierung beugt Grundgesetz Art. 2 (Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit) 
- Weltweit größte Zwitter-Studie straft Bundesregierung Lügen!
- Genitalverstümmelung in Kinderklinik: Wer sind die Täter? Was soll mit ihnen geschehen?