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PRESSEMITTEILUNG von Zwischengeschlecht.org vom 22.6.2010:

Schluss mit genitalen Zwangsoperationen!Gemäss einer aktuellen Recherche bieten allein in Baden-Württemberg mindestens 9 Kliniken öffentlich kosmetische Genitaloperationen an für Kinder mit "zu grosser Klitoris" oder anderweitig "auffälligen" inneren und/oder äusseren "Geschlechtsorganen".

Die Mediziner reden von "korrigierenden und angleichenden Eingriffen". Die Überlebenden nennen es Genitalverstümmelung, genitale Zwangsoperation, Zwangskastration und medizinische Folter.

Das kosmetisch-chirurgische Angebot umfasst "Klitorisverkleinerungen", "Peniskorrekturen", "Anlegen einer Neovagina", Kastrationen, Gebärmutterentfernungen, usw. usf.

Solche verstümmelnden Eingriffe werden weltweit aggressiv vermarktet unter Dutzenden von verschiedenen "Diagnosen" wie etwa "Hypospadie", "Epispadie", "AGS/CAH", "AIS", "Pseudohermaphroditismus", "Intersexualität", "Disorders of Sex Development (DSD)", "Swyer", "Turner", etc.

Die Eingriffe erfolgen seit Jahrzehnten als unkontrollierte Menschenexperimente ohne ethische Überwachung. Die behauptete Wirksamkeit wurde bisher nie klinisch bewiesen. Die einschlägigen AMWF-Leitlinien stehen seit  Beginn der Erfassung der Entwicklungsstufen unverändert auf der niedrigsten Evidenzstufe.

Seit 14 Jahren klagen zwangsoperierte Zwitter die Genitalverstümmelungen öffentlich an und fordern die Medizyner zum Aufhören und die Politik zum Handeln auf – vergeblich. Die Bundesregierung gab zu Protokoll, von unzufriedenen Zwangsoperierten nichts zu wissen, und sieht bis zum heutigen Tag keinen Handlungsbedarf.  

Nebst von den Überlebenden werden die Zwangseingriffe seit 1997 auch von namhaften KulturwissenschafterInnen, BioethikerInnen und JuristInnen öffentlich angeprangert. Seit 2004 prangern Frauen- und Menschenrechtsorganisationen wie Terre des Femmes und Amnesty International die Eingriffe an als schwere Menschenrechtsverletzung und ziehen Parallelen zwischen den Genitalverstümmelungen in westlichen Kinderkliniken und den weiblichen Genitaverstümmelungen in Afrika.

Ähnlich wie bei Überlebenden von sexualisierter Gewalt ("Kindesmissbrauch") ist der Rechtsweg für überlebende Zwitter ein Alptraum und eine Farce. Da die Verstümmelungen  in der Regel vor dem 2. Lebensjahr erfolgen sowie wegen der damit verbundenen, schweren Traumatisierungen haben Überlebende in der Regel keine Chance, vor Ablauf der Verjährung gegen ihre Peiniger zu klagen. Erst 2007 gelang dies Christiane Völling als erster und bisher immer noch einziger. 2008 sah das OLG Köln das "Selbstbestimmungsrecht [...] in ganz erheblichem Maße verletzt" (5 U 51/08). 2009 rügte das UN-Komitee CEDAW die Bundesregierung wegen mangelnden "wirksamen Massnahmen zum Schutz ihrer Menschenrechte" (CEDAW/C/DEU/CO/6).

Allein in Deutschland wird weiterhin JEDEN TAG mindestens ein Kind einem solchen medizinisch nicht notwendigen, irreversiblen Zwangseingriff unterzogen.

In Amerika wurde letzte Woche der Seriengenitalverstümmler Prof. Dr. Dix P. Poppas von der Weill Cornell Universitätsklinik in New York City von zwei couragierten Ethikerinnen öffentlich geoutet. Anfang Jahr startete eine Aufsehen erregende Kampagne gegen pränatale Zwangshormontherapien "auf blossen Verdacht hin". Dutzende von BioethikerInnen meldeten ihre Bedenken an und forderten öffentlich eine Überprüfung prominenter ZwangsbehandlerInnen. Die US-Arzneimittelbehörde und die US-Überwachungsstelle für medizinische Experimente mit Menschen leiteten mittlerweile Untersuchungen ein.

In Deutschland will derweil der bundesfinanzierte Deutsche Ethikrat am kommenden Mittwoch, den 23. Juni 2010 in Berlin erst noch einmal diskutieren, ob diese Verstümmelungen eventuell möglicherweise gegen das Grund- und Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit verstossen, oder vielleicht auch doch nicht ...

Kosmetische Genitaloperationen an Kindern sind ein schwerer Verstoss gegen das Grund- und Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung (GG Art. 2 Abs. 2). Durch die hohe Zahl der Opfer, das systematische Vorgehen, die Schwere und das Ausmass der körperlichen und seelischen Schäden sowie durch die Jahrzehnte lange Dauer sind die genitalen Zwangsoperationen an Zwittern die wohl gravierendste Menschenrechtsverletzung in den westlichen Demokratien seit dem 2. Weltkrieg.

Der Ethikrat ist gefordert.
Zwischengeschlecht.org würde sich sehr freuen, wenn der Ethikrat innert nützlicher Frist zu einem konkreten Ergebnis käme – und anschliessend auch entsprechend handeln würde ...

Die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org fordert ein Verbot von kosmetischen Genitaloperationen an Kindern und "Menschenrechte auch für Zwitter!".


Freundliche Grüsse

n e l l a
Daniela Truffer
Gründungsmitglied Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org
Gründungsmitglied Schweizerische Selbsthilfegruppe Intersex.ch
Mitglied Intersexuelle Menschen e.V.
Mitglied XY-Frauen
Mobile +41 (0) 76 398 06 50
presse_at_zwischengeschlecht.info

http://zwischengeschlecht.org
Regelmässige Updates: http://zwischengeschlecht.info

>>> Anliegen von Zwischengeschlecht.org an den Deutschen Ethikrat 23.6.10
>>> Pressemitteilung von Zwischengeschlecht.org vom 22.6.10

>>> "Ethik als Feigenblatt?" - Zwischengeschlecht.org am "Forum Bioethik" 23.6.10
>>> "Ethik als Freifahrtschein, an die Eltern eine ohnehin schon feststehende Entscheidung abzudelegieren" - Claudia Wiesemann, Forum Bioethik 23.6.10
>>> Pressemitteilung des Deutschen Ethikrates vom 25.6.10
>>> Veranstaltung des Ethikrates in Berlin 23.6.10
--> Bayerischer Rundfunk   --> Tagesspiegel   --> Deutschlandradio   --> e-politik

Siehe auch:
- Zwangsoperationen an Zwittern: Bundesregierung beugt Grundgesetz Art. 2 (Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit) 
- Aufforderung um Unterstützung an Deutschen Ethikrat
- Erneute Anfrage um Unterstützung an Deutschen Ethikrat 
- Weitere Aufforderung um Unterstützung an den Deutschen Ethikrat
- Alice Dreger über EthikerInnen als MittäterInnen
- "EuroDSD"-Chef Olaf Hiort: "Intersexuelle" nur ein Bruchteil aller chirurgischen Genitalverstümmelungen in deutschen Kinderkliniken
- USA: Seriengenitalverstümmler Prof. Dr. Dix Phillip Poppas von Ethikerinnen geoutet
- Genitalverstümmler und Zwangsoperateure in Baden-Württemberg  
- Weltweit größte Zwitter-Studie straft Bundesregierung Lügen!
- Kosmetische Genitaloperationen an Kindern: Gesetzgeber gefordert
- Milton Diamond fordert gesetzliches Verbot von kosmetischen Genitaloperationen an Kindern
- Genitale Zwangsoperationen an Zwittern vergleichbar mit weiblicher Genitalverstümmelung (Lightfoot-Klein: "Der Beschneidungsskandal")
- Zwangskastrationen an Zwittern: "Keine Mutanten züchten"
- "Ethische Grundsätze und Empfehlungen bei DSD": Zwangsoperationen klar unzulässig
- "Netzwerk DSD"/"Euro DSD": Ethik-Empfehlungen als Feigenblatt für Zwangsoperateure 
- Weltweit größte Zwitter-Studie straft Bundesregierung Lügen
- Wie das "Netzwerk DSD" die "Lübecker Studie" frisiert
- "Verunsicherung und Ängste": Reaktionen und Kommentare zur Kritik am "Netzwerk Intersexualität"/"Euro-DSD"
- Faule Eier für "die Bundesregierung"!
- 2009: Erste Antwort auf die kleinen Anfragen – Bundesregierung deckt ZwangsOPs wie üblich ... (16/13269)
- Antwort der Bundesregierung zur 2. Kleinen Anfrage – Leugnen, Wegschauen, Schweigen wie gehabt ... (16/13270)
- Genf: UNO mahnt Bundesregierung
- Amnesty Deutschland: Zwangsoperationen "fundamentaler Verstoß gege die Menschenrechte"
- "Medizinische Intervention als Folter" - Michel Reiter 30.6.2000