Seit 1 1/4 Jahr versuchen wir auf Zwischengeschlecht.info, mit Pressemitteilungen, Demos, Eingaben usw. das in Öffentlichkeit und Politik herrschende Tabu der genitalen Zwangsoperationen an wehrlosen kleinen Zwitterkindern zu brechen. In dieser Zeit haben wir meiner unbescheidenen Meinung nach einiges erreicht:

Noch in keinem Jahr zuvor gab es so viele Medienberichte über Zwitter, waren die an ihnen begangenen medizinischen Verbrechen so oft und weitverbreitet öffentliches Thema. FernsehsprecherInnen redeten teils zur besten Sendezeit unverblümt von "Zwangskastrationen" und genitalen "Zwangsoperationen" an Zwittern. Eine friedliche Aktion vor dem Kinderspital Zürich erreichte via Medien über zwei Drittel (!) der Deutschschweizer Bevölkerung.

Die Ehrung Milton Diamonds im kurzerhand geenterten "2. Interdisziplinären Forum zur Intersexualität" durch Intersexuelle Menschen e.V. wurde zum bewegenden Höhepunkt der gesamten Veranstaltung. Der Wikipedia-Eintrag konnte nach mehreren Anläufen zumindest deutlich verbessert werden. Christianes Siege vor Gericht wurden bundesweit mit Empathie aufgenommen und etablierten das Wort "Zwitter" als positive Bezeichnung im Nachrichtenmainstream. Durch den Film "XXY" konnte die Thematik weiter vertieft werden. Nach einer geharnischten Kritik auf Zwischengeschlecht.info erklärte die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) ihre Zwangsbehandlungs-Leitlinie plötzlich für veraltet.

Der CEDAW-Schattenbericht von Intersexuelle Menschen e.V. brachte die Zwitter erstmals vor die UNO. Mit im Gepäck hatte die Delegation eine detaillierte Forderungsliste, die tags zuvor nebst den Medien auch allen Mitgliedern des Bundestags zugegangen war.

Und dies war nur der Anfang.

  1. Demo Landgericht Köln 12.12.07

Eine ganze Menge verschiedener Menschen wurden (nicht zuletzt dank der Zwitter Medien Offensive) 2008 zum ersten Mal überhaupt auf die systematischen Menschenrechtsverletzungen an Zwittern aufmerksam. Langjährige Beobachter vermeldeten nicht zuletzt auf unseren Blog zurückgehende "ausführliche Berichterstattung" durch "ungewöhnlich viele" Mainstreammedien sowie "zunehmend selbstbewussteres Auftreten von Zwittern". Noch nie waren soviele Zwischengeschlechtliche so aktiv. Ein messbarer Erfolg der Vorarbeiten engagierter Einzelner seit Mitte der 90er, sowie weiterer Personen und Organisationen auf verschiedenen Schauplätzen.

Natürlich gab es auch Rückschläge, z.B. im Bundestag: Dort herrscht nach wie vor das Schweigen der MittäterInnen. DIE LINKE steht bezüglich einer vorformulierten Kleinen Anfrage seit 3 Monaten auf dem Schlauch – als wäre es ihre erklärte Absicht, sie ja erst nach der CEDAW-Session vom Ende Januar 2009 einzureichen, wenn die politische Sprengkraft auf ein Minimum verraucht ist. Die Grünen vereinnahmten die Zwitter zwar gern für ihren Yogyakarta-Vorstoss – waren für konkrete Zwitter-Anliegen aber das ganze Jahr eisern kein einziges Mal zu sprechen. Dafür gab es in Hamburg als Reaktion auf die Anfrage der Bundesregierung betreffend des CEDAW-Schattenberichts allein seit Mitte Oktober von der SPD nicht weniger als 3 kleine Anfragen – auf den 28.4.2009 ist inzwischen eine Expertenanhörung zu "Intersexualität" anberaumt ...

Die Bilanz ist positiv. Das Zwitter-Tabu wankt. Zwangsoperateure werden auch nächstes Jahr wenig zu lachen haben. Wohl muss der Druck zuerst noch um einiges weiter erhöht werden, doch früher oder später wird ihm auch die nach wie vor zu 150% ignorante Bundesregierung Rechnung tragen müssen. Proteste liegen in der Luft, und eine wirklich "schlagkräftige Zwitterlobby" scheint plötzlich kein blosser Wunschtraum mehr ...

--> Teil 2: Folgt ...
--> Teil 3: "Transgenderfraktion" vs. "Menschenrechtsfraktion"