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Tuesday 1 July 2008

Lügen, Zwangseingriffe, Schweigegebote: ein Leben aus der Krankenakte (Teil II)

Teil I

Lügen und Halbwahrheiten


Die Mediziner haben meine Eltern angelogen und in der Folge angewiesen, wie sie mich zu erziehen hätten:

"Das Kind ist ein Mädchen und wird es bleiben, die ganze Erziehung hat sich danach zu richten. Mit niemandem ausser den Eltern u. dem Arzt (...) soll über die Geschlechtfrage weiter diskutiert werden."

Meinen Eltern wurde verschwiegen, dass ich chromosomal männlich bin und dass man meine Hoden entfernt hatte. Natürlich wurde ihnen auch verschwiegen, dass man einen Fehler gemacht hatte. Meine Eltern wurden also in der Folge systematisch belogen:

"Die Eltern fragten dann natürlich ob das Mädchen Kinder haben könne, und es wurde gesagt, dass dies fraglich sei."

oder mit absurden Halbwahrheiten abgespiesen:

"Beide Eltern sind übrigens gut orientiert über die Situation. Sie wissen, dass Daniela ein Mädchen ist, und dass es ein Mädchen bleiben wird. Sie wissen, dass man die missgebildeten Ovarien entfernen musste, da sonst die Gefahr einer Virilisierung bestanden hätte; (...)." (3.2.72)

Erstens hatte ich nie Eierstöcke und zweitens kann man mit Eierstöcken nicht vermännlichen!
Auch ich wurde permanent belogen und mit unsinnigen Aussagen 'ruhig gestellt':

"21.8.79 Daniela ist beunruhigt wegen ausbleibender Menses, ob dies nicht schaden könne.
Erklärt, dass Gebärmutter so klein sei, dass keine Menses zu erwarten seien. Es schade nichts, wenn Frauen keine Menses hätten."

Genitalkorrektur statt Herzoperation

Ich wurde dann doch älter als vorgesehen. Ich war sieben Jahre alt, als die Mediziner sich dazu entschlossen, die komplizierte Herzoperation durchzuführen, obwohl die Prognose nicht sehr gut war:

"Die Operation des Endokardkissendefektes ist an sich sehr schwierig und zeigt eine hohe Operationsmortalität von rund 50 % bei der kompletten Form. In diesem Fall besteht zusätzlich eine Hypoplasie der linken Seite mit wahrscheinlicher Mitralstenose, was die Operationschancen noch weiter verschlechtert. (...) Die Gesamtprognose zusammen mit dem Pseudohermaphroditismus und dem schweren Vitium schauen wir als nicht sehr gut an. Allerdings kann erfahrungsgemäss keine Dauer angegeben werden. Trotzdem glauben wir nicht, dass das Mädchen das Erwachsenenalter erreichen wird."

Wegen Voruntersuchungen zur Herzoperation war ich im Februar 1972 im Krankenhaus. Aufgrund einer Infektion konnten diese Voruntersuchungen jedoch nicht durchgeführt werden. Und da ich schon mal dort war, wurde kurzerhand mein Genital korrigiert, wie folgender Auszug aus meiner Krankenakte dokumentiert:

"Da die Kardiologen wegen eines interkurrenten Streptococceninfektes den geplanten Herzkatheterismus hinausschieben mussten, haben wir die Gelegenheit benutzt, die schon 1965 geplante Genitalkorrektur vorzunehmen."

Aus dem Bericht nach der Operation vom 10.2.1972:

"Wichtig für den Wochenenddienstarzt: Falls die Eltern Auskunft über die Kleine wünschen, ist es wichtig zu wissen, was den Eltern über das Mädchen von der 'Med. Klinik ' gesagt wurde. Es steht in den vorangehenden Seiten unter 'Besprechung mit den Eltern'.
Post. Op.: Kind zeigt die Zeichen des Schocks. Nachblut. Es wird PPL Lsg infundiert. Zudem erbricht das Kind viel. Die starke Bronchitis, die sie seit Tagen hat, lässt leicht nach.
Starke Hämatome bds. der Clit()oris. Rechts bläulich-schwärzliche Verfärbung. Beginn einer Nekrose?"

14.2.72. Die Hämatome bds. der Clit()oris sind fluktuierend. Ueber Nacht hat die Kleine wieder nachgeblut()et, tiefer Quick?
Das Kind hustet nach wie vor stark. Links basal sind einige trockene RG zu hören. kein Fieber."

Schwester "Annemarie" war dann für die Wundversorgung und das „nachts beide Hände anbinden“ zuständig.

Neun Tage später ging es schon weiter:

"Heute (19.2.72) wurde Daniela wieder in die Kindermedizin zurückverlegt in der Hoffnung, dass im Laufe der nächsten Woche der Herzkatheterismus durchgeführt werden kann. Wenn die Operationswunde wie bisher weiter komplikationslos abheilt, dürfte für diesen Eingriff, bei dem Inguinal eingegangen werden muss, nichts im Wege stehen."

Fazit: Zum zweiten Mal wurde ich trotz meines lebensbedrohenden Herzfehlers aufgrund meines uneindeutigen Geschlechts operiert! Keine Rede von Infektionsgefahr mehr! Die Mediziner stellten ihre Definitionsmacht über mein Leben!

Thursday 12 June 2008

Lügen, Zwangseingriffe, Schweigegebote: ein Leben aus der Krankenakte (Teil I)

Von Anfang an keine Chance

Ich bin 1965 mit einem schweren Herzfehler und uneindeutigem Genitale geboren. Aufgrund des Herzfehlers wurde ich ein paar Tage nach meiner Geburt notgetauft, da die Mediziner davon ausgingen, dass ich nicht lange überleben würde. Sie behielten mich in der Folge im Krankenhaus, meine Eltern durften mich nicht nach Hause nehmen. Mein Vater musste arbeiten, meine Mutter reiste so oft wie möglich aus dem weit entfernten Bergdorf in die Stadt, durfte mich jedoch nur durch eine Glasscheibe anschauen.

Als meine Eltern mich nach drei Monaten endlich nach Hause nehmen durften, war ich gezeichnet von den Folgen eines Hospitalismus(1). Ich hätte so schlimm ausgesehen, dass sie sich geschämt habe, mit mir im Dorf spazieren zu gehen, erzählte mir meine Mutter.

Die Mediziner begründeten diese Maßnahme mit der Infektionsgefahr aufgrund des Herzfehlers. Während diesen drei Monaten wurden gemäß Krankenakte auch verschiedene Untersuchungen aufgrund meines uneindeutigen Genitales durchgeführt, wobei festgestellt wurde, dass sich im Bauchraum Hoden befanden und ich über einen männlichen Chromosomensatz verfüge.

Der Befund meines äußeren Genitales:

„Prima vista aussehend wie bei AGS. Der Penis ist 2 cm lang, das Scrotum nicht ausgebildet, sondern in Form von zwei Labia majora vorhanden. Kein Sinus urogenitalis, beim Perineum befindet sich die Mündung der Urethra. Diese ist nicht stenosiert, sie weist dorsalseits eine reizlose Narbe auf."

Trotz meines lebensbedrohenden Herzfehlers wurde ich Anfang September 1965 im Alter von 2 1/2 Monaten kastriert, was aus zwei Sichtweisen unverständlich ist: Diese Operation barg einerseits aufgrund meines Herzfehlers ein großes Risiko. Andererseits machte sie aufgrund der angenommenen geringen Lebenserwartung keinen Sinn. Es liegt also nahe, dass die Ärzte in Kauf genommen haben, dass ich an den Folgen der Narkose und des Eingriffs sterbe, dass ihnen das 'Experiment' wichtiger war.

Die durchgeführte Kastration wurde ohne Einwilligung meiner Eltern vorgenommen und sollte ihnen in der Folge verschwiegen werden. Die Ärzte entschieden sich dann doch anders:

"Entgegen dem früheren Entschluss, den Eltern nichts über die genitale Situation zu sagen, kamen wir nach reiflicher Überlegung überein, den wahren Sachverhalt trotzdem mit den Eltern zu besprechen, insbesondere da eine gesteuerte Nachkontrolle über die nächsten 20 Jahre nicht gesichert ist.
(...)
2. Ihr Kind sei ein Mädchen und dieses Geschlecht sei ein für allemal festgesetzt.
3. Bei der Operation hatte sich folgender Befund gezeigt: es sei kein Uterus vorhanden gewesen, die Keimdrüsen seien missgebildet gewesen und hätten entfernt werden müssen. Die Vagina sei kurz.
4. Während der Pubertät, d.h. mit etwa 10 – 11 Jahren, müsse das Kind unbedingt strengestens überwacht werden, und es müsse zur rechten Zeit mit einer hormonellen Behandlung eingesetzt werden.
5. Nach der Pubertät müsse eine weitere korrektive Operation (gemeint Vaginalplastik, die Details wurden selbstverständlich nicht mit den Eltern besprochen) durchgeführt werden."
(17. September 1965)

An anderer Stelle heißt es (und natürlich ist wie üblich von 'Eierstöcken' und nicht von 'Hoden' die Rede):

"Besprechung mit Eltern: Entgegen dem früheren Entschluss kamen wir überein, dass man den Eltern doch sagen muss, dass das Kindlein kastriert werden musste und in der Pubertät streng überwacht werden müsste, da die Nachkontrolle eben nicht gesichert ist und die Mutter eine [...] ist und ev. zu einem späteren Zeitpunkt nach [...] verschwinden kann."

Die Kastration wurde später als Fehler beurteilt:

"7. Weiteres Procedere: Ich habe den Fall unmittelbar nach der Cystoskopie nochmals mit Herrn Prof. (...) besprochen. Es liegt seiner Ansicht nach ein männliches Geschlecht mit Hypospadie vor. Obwohl er selbst bei der früheren Beurteilung und vor der Castratio anwesend war, glaubt er retrospektiv doch, dass ein Fehler begangen wurde. Die Situation ist nun jedoch so, dass auf diesem Wege fortgefahren werden muss und aus  dem kleinen Patienten ein Mädchen gemacht werden muss. Zur Frage der Vaginalplastik äussert er sich so, dass diese sobald wie möglich durchgeführt werden sollte und nicht erst dann, wenn sich das Kind darüber im Klaren wird.“

Fazit: Ich wurde im Alter von nur 2 1/2 Monaten trotz eines lebensbedrohenden Herzfehlers ohne die Einwilligung meiner Eltern kastriert und die Kastration stellte sich später als Fehler heraus!
(1) "Unter Hospitalismus (ursächlich auch Deprivationssyndrom genannt) versteht man alle negativen körperlichen und seelischen Begleitfolgen eines längeren Krankenhaus- oder Heimaufenthalts. Dies beinhaltet auch mangelnde Umsorgung und lieblose Behandlung von Babys und Kindern, in der Psychiatrie Symptome infolge von Heimaufenthalt, oder durch Folter oder Isolationshaft. Der Ausdruck Deprivationssyndrom stammt vom Begriff Deprivation, lateinisch deprivare - berauben in Bezug auf Reize und Zuwendung." (http://de.wikipedia.org/wiki/Hospitalismus)
Vgl. auch Deprivationssyndrom: "Als Deprivation (auch Deprivationssyndrom, anaklitische Depression) bezeichnet man in der Pädiatrie (Kinderheilkunde) die mangelnde Umsorgung und fehlende Nestwärme bzw. Vernachlässigung von Babys und Kleinkindern. Hospitalismus tritt häufig in Krankenhäusern, Säuglingsstationen und Heimen auf. Dauert die Deprivation länger an, kommt es zu psychischem Hospitalismus und zur Unfähigkeit, soziale Kontakte aufzubauen, dem Autismus ähnelndem Verhalten oder zu Sprachstörungen. " (http://de.wikipedia.org/wiki/Deprivation)

Fortsetzung ...

Tuesday 18 March 2008

Jesus loves me!


ich kann mich noch gut an dieses gefühl erinnern, als ich mit weissem kleid, blumenkranz, schleier und kerze zur ersten kommunion gehen, den leib christi zu mir nehmen durfte. ich fühlte mich angenommen, beseelt, auch ich war es wert, jesus hatte mich lieb. ich war ganz aufgeregt und glücklich und stolz. es war wie eine bestätigung, dass ich doch auch dazu gehöre. obwohl ich abartig und nicht richtig war. das war wie eine absolution. dass ich nicht richtig war, hatte man mir ein jahr vorher unmissverständlich gezeigt, als man trotz lebensbedrohendem herzfehler meinen zwittriges genital zurecht stutzte. der liebe gott nahm mich im gegensatz zu den menschen an, zumindest glaubte ich daran. ich war als kind sehr gläubig und dachte eine zeitlang sogar darüber nach, wie es wäre, nonne zu werden, in der abgeschiedenheit und im schutz der katholischen kirche zu leben. hab offenbar schon früh damit begonnen, meine optionen abzuwägen.

Sunday 20 January 2008

"Aufklären, aufklären, aufklären!" (una cara amica)


Guten Abend


Ich absolviere die 2. FMS in Liestal und schreibe eine Arbeit über Intersexualität. Darum habe ich ein paar Fragen an Sie, und ich wäre sehr froh, wenn Sie mir diese möglichst schnell (...) beantworten können.

1. Als Sie noch ein Kind waren, hatten Sie das Gefühl anders zu sein, oder sich zu unterscheiden zu Mädchen/Jungen?
ich wusste immer, dass etwas anders war. kein wunder, man ist immer wieder beim arzt, der schaut einem zwischen die beine, niemand redet mit einem. die mutter ist einmal verzweifelt, dann wieder peinlich berührt, die ärzte schauen drein, als müsste man gleich sterben. ich habe schon als kleines kind gemerkt: die wissen die antworten nicht, also frage ich nicht, weil sonst gibt's so unangenehme gefühle dabei.
das wurde immer alles verheimlicht, das habe ich dann auch übernommen, dieses verheimlichen. das ging soweit, dass ich meinen körper verdrängt habe und die gedanken einfach unbetrachtet und unverarbeitet vorbeiziehen liess. ich war irgendwie leer und dumpf und gar nicht da. ich war oft gar nicht da, vor allem wenn ich beim arzt war.
es ist schlimm, immer dieses vage gefühl, dass man etwas verbergen muss, sonst findet das jemand heraus und dann wird's ganz schlimm, die leute spucken dich an, lachen dich aus, man ist das monster. immer diese angst, dass jemand es sieht, dass die menschen doch noch einen rest dessen sehen, was man mir weggeschnitten, wegradiert, weggenommen hat. ich war immer allein, seit ich denken kann.

2. Wie und wann haben Sie erfahren, dass Sie intersexuell sind und wie haben Sie reagiert?
ich wusste immer, dass etwas anders ist, wusste aber nie genau was. es hatte etwas mit meinen genitalien zu tun, das wusste ich, und schämte mich. ich war irgendwie grusig, so fühlte ich mich.
danach habe ich schritt für schritt etwas mehr rausgefunden, irgend eine bemerkung eines arztes, ein bericht in der zeitung, ein medizinisches wörterbuch. am schluss in der selbsthilfegruppe habe ich dann die 'einfache' antwort erfahren: ich hätte ein bub werden sollen, aber mein körper ist teilweise resistent auf die männlichen hormone, deshalb habe ich mich nicht ganz zum mann entwickelt, bin irgendwie in der mitte stehen geblieben.

3. Waren Sie gut in ihre Schulklasse integriert, oder wollten sie keinen Kontakt mit anderen aufbauen?
ich war eher ein einzelgänger, aber glaub noch ne lustige zwischendurch, irgendwie habe ich in erinnerung, dass man mich mochte, akzeptierte, in ruhe liess. ich war ein einzelgänger mit gruppenanschluss, irgendwie so. in der primarschule war ich ne wilde, die sich mit den knaben prügelte und den mädchen mit langbeinigen spinnen angst machte, und das total lustig fand. ich glaub ich war irgendwie beliebt, habe mich nicht als armes kind in erinnerung, das ständig aufs dach kriegt (das kriegte ich ja sonst schon genug).
dann kippte es: in der sekundarschule war ich mit meiner schwester in der klasse, weil ich ein jahr älter und zuerst ein jahr real und dann in die sek. das war glaub die zeit, wo ich angefangen habe, weibliche hormone zu nehmen. in der sek war ich immer total ruhig, verschlossen, allein (obwohl mit meiner schwester zusammen, aber wir waren sehr verschieden und sie hatte auch ihre sorgen).

4. Wusste der Bekanntenkreis, dass Sie intersexuell sind?
nein, das wusste niemand ausser meine eltern und eine cousine meines vaters, die mich mal hüten musste, weil meine eltern wo hin mussten.

5. War es schwierig für Sie, mit dieser Situation als Intersexueller umzugehen?
es ist schwierig mit dem gefühl umzugehen, dass es einen eigentlich gar nicht geben darf. man hat mich operiert und psychisch unter druck gesetzt, damit ich jemand anders werde. die logische schlussfolgerung: so, wie ich war, war ich nicht richtig. deshalb mussten sie mich ja verändern. dieses gefühl bestimmt das ganze leben, macht vieles kaputt. für immer. auch wenn man es schafft, zum beispiel wie ich in jahre langer psychotherapie, die lebensqualität zu steigern, weniger angst zu haben, mehr freude zu empfinden, einfach zu leben, sicher zu sein, ein gutes körpergefühl zu entwickeln, sich gerne zu haben.

6. Wie war es, als Sie in die Pubertät kamen?
da war gar nichts ausser einer grossen scham. da ich schon als baby kastriert worden bin (hoden raus: hormonproduktion futsch), kam ich gar nie richtig in die pubertät. ich musste ab zwölf jahren weibliche hormone nehmen, damit mein busen wachse und meine hüften sich runden.

Mit freundlichen Grüssen und vielen Dank im Voraus

Sandra Kirchhofer

Siehe auch Ich bin etwas anders und dennoch ziemlich gleich

Tuesday 2 October 2007

Unbeschwerte Kindheit

durch die geheimhaltung, die offensichtlichen lügen oder halbwahrheiten gerätst du in einen zustand der permanenten verunsicherung. du weiss nie, woran du bist. weil es nicht fassbar ist, wird es umso bedrohlicher. du bist immer unter einem gewissen druck, irgendwas stimmt nicht, aber niemand redet klartext mit dir. sie schauen sorgenvoll und gehen zugleich auf abstand. als würden sie eines tages mit dir in den wald spazieren, um dir eine kugel in den kopf zu jagen.

Bruchstücke

in der primarschule, ich weiss es noch genau, weil es auf dem grossen pausenplatz war, und dieser gehörte zur primarschule, stand ich, ich kann mich noch gut erinnern, verliebt in martin und dachte: das geht nicht, das ist nicht möglich für mich. sonst weiss ich nicht mehr viel über das, was ich als kind dachte.

meine mutter meinte immer wieder, die ärzte hätten an mir herumgepfuscht, es wäre nicht nötig gewesen, meine eierstöcke rauszunehmen, die hätten an mir herumexperimentiert. als ich wieder einmal bei unserem hausarzt war, ich war etwa vierzehn, habe ich mein sprüchlein aufgesagt, das meine mutter mir aufgetragen hat, von wegen, dass es nicht nötig gewesen wäre, meine eierstöcke zu entfernen. unser hausarzt reagierte gereizt, stand auf, verwarf die hände und rief aus: das waren doch gar keine eierstöcke, das waren hoden. ich blieb sitzen, erschlagen, verletzt, beschämt, aus verschiedenen gründen: dass ich dummerchen da aufsage, was meine mutter mir aufgetragen, unfähig, selbständig zu handeln und zu fragen, ich unwissende und naive; die reaktion des arztes, wie eine ohrfeige, einerseits wie er es sagte, ach, diese dummen arbeiterleute begreifen doch auch gar nichts, andererseits was er sagte: hoden. und statt mir dann endlich zu erklären, warum denn hoden, liess er mich allein im sprechzimmer zurück.

so dumm und so klein und nichtig bin ich aber nicht, ich dachte, oha, jetzt oder nie, wenn er schon nichts sagt, muss ich wohl selber zu meinen infos kommen, und warf einen raschen blick in meine krankenakte: zuoberst stand 'pseudohermaphroditismus masculinus'. was? pseudo heisst pseudo, also nicht wirklich etwas, hermaphroditismus kommt von hermaphrodit, das ist doch so ein komisches fabelwesen, halb mann, halb frau, und masculinus ... als tochter einer italienischen mutter und daselbst sehr sprachgewandte person war auch das ziemlich klar. war ich geschockt? schon, aber so wie immer, eher gelähmt, aber nichts anmerken lassen, so tun, als wäre alles in ordnung. war wieder mal eine seelische ohrfeige mehr, war wieder mal ein konsterniertes, reaktionsloses sitzenbleiben und abwarten, im kopf lief’s aber rund. aber eigentlich war es klar, war ich nicht wirklich überrascht. das elend war, dass ich auf diesem wege rausfand, was mir vorenthalten wurde. ich hatte nun einen vorsprung, von dem weder mein arzt noch meine eltern wussten. aber ich war allein damit. dann kam der arzt zurück, ich weiss nicht mehr, was wir besprochen haben, aber sicher nichts mehr über hoden. er hat so getan, als wäre das vorhin gar nicht geschehen.

irgendwann mit sechzehn oder so habe ich begonnen, mich selbst zu befriedigen, ich schloss mich dafür im badezimmer ein. ich schämte mich nicht und hatte keine schuldgefühle, ich kann mich noch gut erinnern, dass ich irgendwie ein triumphgefühl hatte, ha, was für gefühle ich da entfesseln kann, was für starke gefühle ich da habe. als hätte ich angenommen, dass das nicht möglich sei oder so. das konnten sie mir nicht wegnehmen! und es war ganz allein meines und die anderen wussten nicht, dass es da war. die hatten ja mit allen mitteln versucht, mir meine sexualität auszutreiben, aber sie war trotzdem da! das war mein triumphgefühl. es sah etwas anders aus da unten, das habe ich wohl schon früh gemerkt, meine klitoris war grösser als normal, nach der operation blieb so ein schrumpeliges ding zurück, wahrscheinlich die vorhaut meines mikropenisses, und meine scheide so ein vernarbtes gewebe. obwohl es nicht so schön aussah und wohl auch nicht normal war oder sogar ziemlich abartig, weil ja die ärzte immer wieder hinschauten und darüber redeten und mich so behutsam, als wäre ich ganz eine arme sau, behandelten, und meine mutter so komisch schaute und auswich mit von einem nervösen lächeln begleiteten erklärungen, trotzdem kann ich solche gefühle haben, wenn ich meinen fantasien freien lauf lassen. wie diese aussahen, weiss ich nicht mehr, aber im fernsehen gab es manchmal so sexszenen.

als ich nach der vaginaloperation zu hause tag und nacht diese plastikprothese tragen musste, es schmerzte und manchmal blutete es, stakste ich vor meinem vater, meiner mutter und meinen schwestern in der wohnung herum und schämte mich so sehr. es wussten ja alle, warum ich so komisch herumlaufe, aber es wurde nicht darüber geredet. diese zur schau gestellte geschlechtlichkeit oder konstruierte geschlechtlichkeit. in dieser zeit hatte ich immer so eine art turnschuhe an aus mausgrauem stoff, ich freute mich so sehr über diese schuhe, hatte sie gekauft, obwohl sie etwas schräg aussahen, vielleicht etwas vom ersten, was ich selbständig, ohne von meiner mutter sekundiert zu werden, kaufte. es war die zeit der engen hosen und depeche mode. ich konzentrierte mich auf diese schuhe, lief oder eben stakste mit ihnen herum, trug sie immer, nannte sie mausschuhe. meine mutter neckte mich und lachte, die mit ihren mausschuhen, und ich schaute die schuhe immer an, wenn ich herumlief. diese schuhe waren irgendwie wie freiheit für mich, ich klammerte mich an dieses bild. trotz dieser erniedrigenden situation, dieser wunde zwischen den beinen und dann noch so ein plastikstöpsel habe ich coole schuhe an. schade, dass ich sie nicht mehr habe, sie waren am schluss regelrecht zerschlissen und wurden wohl weggeworfen.

ich kann mich noch genau an den abschiedsbesuch bei meinem arzt erinnern. wir standen am fenster und schauten ins grüne hinaus. mein arzt stand links von mir. er sah mich von der seite an und sagte dann mit seiner ruhigen und sanften art: weißt du, nella, du hast eben xy-chromosomen, aber es ist besser, wenn du es deinem freund nicht sagst, der würde das nicht verstehen. ich schaute weiter aus dem fenster, er auch, ich konnte nicht mehr denken. xy? ich sagte nichts dazu, er auch nicht viel mehr, es gab keine erklärungen oder erläuterungen. ich glaube, ich habe dann gefragt, ob es noch andere wie mich gibt oder so. dann haben wir uns bald einmal voneinander verabschiedet, ich ging allein mit diesem xy im kopf in mein leben zurück. weiss nicht mehr, wie lange ich es mit mir herumtrug, bevor ich es meinem freund sagte. er hat's verstanden.

Saturday 15 September 2007

Ich bin etwas anders und dennoch ziemlich gleich.

Schon praktisch, wenn die eigene Lebensgeschichte als Artikel in einer Zeitschrift veröffentlicht wurde. Man kann dann darauf verweisen und muss nicht lange überlegen, was man jetzt erzählen will und wo man beginnen soll:

ARTIKEL ANNABELLE 9/06 (pdf-download)

Ansonsten:

Die ersten Beiträge in meinem Blog sind selbstredend. Es geht nicht um mich, sondern um die Sache. Aber ich werde auch manchmal etwas von mir erzählen.